Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus

Nicht nur eine Begleiterscheinung.

Das FORUM „In Gesellschaft.“ hinterfragt den Umgang mit der Geschichte der NS-Zwangsarbeit – multiperspektivisch, interdisziplinär, gesamtgesellschaftlich. Im Pop-Up-Format begleitete es die Entstehung des Museums Zwangsarbeit in Weimar. Nun zieht es mit ein und schafft im Museum neue Denkräume.

Gespräch vor dem Bauhaus-Museum: Henry Bernhard, Ulrike Lorenz, Jens-Christian Wagner und Publikum
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Henry Bernhard im Gespräch mit Ulrike Lorenz und Jens-Christian Wagner. Foto: Anke Heelemann
Gruppenbild des FORUM #2
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FORUM #2 und das Museumsteam im Bauhaus-Museum, 30. September 2021. V.l.n.r.: Karoline Wirth, Michael Venus, Christine Glauning, Dorothee Schlüter, Sharon Dodua Otoo, Henry Bernhard, Daniel Logemann, Jens-Christian Wagner. Foto: Christian Rothe

„Zwangsarbeit ist sicherlich das Massenverbrechen des Nationalsozialismus, das den Leuten am wenigsten als solches bewusst ist“, hielt der Historiker Janosch Steuwer in FORUM #5 der Reihe „In Gesellschaft.“ treffend fest. Denn Fakt ist: 20 Millionen Menschen wurden während des Zweiten Weltkrieges dazu gezwungen, für das nationalsozialistische Deutschland zu arbeiten. Dazu zählten Kriegsgefangene, in Konzentrationslagern inhaftierte Menschen und eine große Anzahl Zivilist:innen. Sie kamen aus fast allen Ländern Europas und wurden unter widrigsten und nicht selten lebensbedrohlichen Bedingungen ausgebeutet, um die Kriegswirtschaft und den Lebensstandard der Deutschen aufrechtzuerhalten. Bereits Mitte der 1930er-Jahre bestand Arbeitskräftemangel in Deutschland, dem die NS-Regierung zunächst u. a. mit Anwerbeverfahren von Arbeitskräften aus benachbarten Staaten begegnete. Mit Beginn und weiterem Verlauf des Krieges radikalisierten sich Maßnahmen, Vorgehen und Einsatzformen: Die Menschen im eroberten Europa wurden als Kriegsbeute betrachtet und bald millionenhaft als billige Arbeitskräfte ins Deutsche Reich verschleppt. Überall und reichsweit wurden Zwangsarbeiter:innen eingesetzt, in jeder Branche und in jeder Kommune, von der Großindustrie bis zum Privathaushalt. Zwangsarbeit fand nicht nur vor den Augen aller Deutschen statt, sondern es gab auch unzählige Profiteur:innen und Mittäter:innen. Und alles wurde erechtfertigt, geregelt und geprägt durch den nationalsozialistischen Rassismus: Selbsternannte „Herrenmenschen“ verfügten ohne Maß und Menschlichkeit über vermeintlich minderwertige „Arbeitsvölker“.

Fakt ist auch: Dieses rassistische, öffentliche und kollektive Massenverbrechen der Deutschen während des Nationalsozialismus ist heute kaum bekannt und weiterhin ungenügend aufgearbeitet. Das Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus wird sich gezielt mit der problematischen Beziehungsgeschichte zwischen Deutschen und Zwangsarbeiter:innen auseinandersetzten, es wird unterschiedliche Einstellungen aufzeigen und Handlungsspielräume von Beteiligten beleuchten. Die Veranstaltungsreihe „In Gesellschaft.“ begegnet der Leerstelle im öffentlichen Bewusstsein bereits jetzt – multiperspektivisch, interdisziplinär, gesamtgesellschaftlich.

Diesen Impulsfragen folgt das FORUM „In Gesellschaft.“. Unter verschiedenen thematischen Schlaglichtern trägt es die Geschichte der NS-Zwangsarbeit bewusst in den öffentlichen Raum und lädt zu kritischen wie anregenden Reflexionen über historische und gesliche Fragestellungen ein. Mit dem Blick auf das entstehende Museum Zwangsarbeit – also konkret auf dem öffentlichen Stéphane-Hessel-Platz am Museumsstandort oder (aus Gründen der Witterung) im benachbarten Bauhaus-Museum – ist so an bereits fünf Terminen ein offenes und für jede:n zugängliches FORUM geschaffen worden. Was bisher ganz bewusst vis-à-vis dem ehemaligen NS-Gauforum stattgefunden hat, wird nach dem Einzug des Museums im einst für die NS-Eliten geplanten Gebäude Verstetigung finden. Im Zentrum jeder Ausgabe steht das Gespräch mit sorgfältig kuratierten Gäst:innen aus Kultur, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Moderiert vom Dlf-Korrespondenten Henry Bernhard treffen unterschiedliche Expertisen aufeinander, um historische Dimensionen zu beleuchten, Kontinuitäten zu hinterfragen und Gegenwartsrelevanzen zu diskutieren. Dank professioneller Mitschnitte werden alle Ausgaben von „In Gesellschaft.“ außerdem als Videoreihe auf der Website des Museums Zwangsarbeit zugänglich sein.

Beispielsweise sprachen unter dem Titel „Rassismus & Judenhass“ in FORUM #3 Dennis Forster, Lisa Hauff und Leon Kahane über den in der deutschen Gesellschaft tiefverwurzelten Antisemitismus, diskutierten das komplexe Verhältnis von NS-Zwangsarbeit und der Shoah und votierten für eine Stärkung der Stimmen junger Menschen, besonders derjenigen mit internationaler Geschichte, in unserem Erinnerungsdiskurs. Forster ist Politologe und Leiter des Projektes „ReMember – deine Geschichte zählt“, einer Kooperation der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg mit MIND prevention, die sich zwischen politisch-historischer Bildung und Radikalisierungsprävention, zwischen Erinnerungskultur und Streetwork bewegt. Die Historikerin Lisa Hauff ist u. a. Autorin im Editionsprojekt „Judenverfolgung 1933–1945“ und kuratierte die Ausstellung „Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht“. Leon Kahane hat mit Kunstinstallationen und Videoarbeiten unter anderem auf Industrieunternehmen verwiesen, die vom Zwangsarbeiter:inneneinsatz nachhaltig profitierten, sich aber jedweder ehrlichen Aufarbeitung bis heute entgegensetzen. Kahane ist außerdem verantwortlich für das Forum demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst bei der Amadeu Antonio Stiftung.

Bei dem zu Anfang angesprochenen FORUM #5 mit Janosch Steuwer ging es um Rassismus und die Macht und Wirkung von Sprache. Der Historiker, der seit langem zur Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus sowie zur Geschichte des Umgangs mit der extremen Rechten in Europa seit den 1960er-Jahren forscht, trat dabei in den Austausch mit der mehrfach ausgezeichneten Autorin, Poetin, Übersetzerin und Performerin (Kollektive „Kanak Attak Leipzig“ und „Ministerium für Mitgefühl“) Özlem Özgül Dündar sowie dem Philosophen Hemut Heit, der bei der Klassik Stiftung Weimar das Stabsreferat Forschung und das Kolleg Friedrich Nietzsche leitet.

FORUM #1 am 15. Juli 2021 auf dem Stéphane-Hessel-Platz in Weimar
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FORUM #1 am 15. Juli 2021 auf dem Stéphane-Hessel-Platz in Weimar.
Foto: Anke Heelemann
Vogelperspektive: Gesprächsrunde FORUM #1
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FORUM #1 am 15. Juli 2021 auf dem Stéphane-Hessel-Platz in Weimar.
Foto: NIVRE Film und Studio

Als ein letztes Beispiel sei FORUM #2 vorgestellt. Hier traf die Historikerin Christine Glauning, Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide und herausragende Expertin für die Geschichte der Zwangsarbeit, auf die Autorin und politische Aktivistin Sharon Dodua Otoo sowie den Weimarer Filmregisseur Michael Venus. In Otoos Romandebüt „Adas Raum“ geht es um die Erfahrungen von vier Frauen, die alle den Namen Ada tragen und durch die Jahrhunderte miteinander verbunden sind. Er spielt im 15. Jahrhundert in Ghana, im 19. Jahrhundert in London, im Berlin der Gegenwart und – chronologisch dazwischen, aber in diesem Zusammenhang hervorzuheben: 1945 im KZ Mittelbau-Dora. Hier wird die junge Ada zur Arbeit als Prostituierte im Häftlingsbordell des Lagers gezwungen. Unweit von Mittelbau-Dora, im Harz, drehte Venus seinen ersten Langspielfilm „Schlaf“, der 2023 mit dem Grimme-Preis der Studierendenjury ausgezeichnet wurde. Ein Heimat-Horrorfilm, der ebenfalls von Frauen verschiedener Generationen handelt, die miteinander verbunden sind. Es geht um schwarze Flecken in der Vergangenheit, um Träume und Schuld, um die Wiederkehr von Erinnerung – und, mit all dem verwoben: das Schicksal polnischer Zwangsarbeiterinnen. In diesem FORUM wurde durch ein Zusammenspiel außergewöhnlicher, auch sehr persönlicher Perspektiven nachvollziehbar, wie vielschichtig, multiperspektivisch und multidimensional die NS-Zwangsarbeit als öffentliches und rassistisches Gesellschaftsverbrechen war und welche nachwährenden Auswirkungen und Fragestellungen ihre Geschichte mit sich bringt.

Das Verbrechen Zwangsarbeit war nicht nur eine Begleiterscheinung des Krieges. Die Geschichte der Zwangsarbeit, wie sie das Museum vermitteln wird, führt in die Mitte der deutschen Gesellschaft. Auch deshalb wird das FORUM „In Gesellschaft.“ fester Bestandteil des Museums werden und den Raum öffnen für Austausch und Reflexionen.

Gestaltung des Formats "In Gesellschaft": blaue Bänke und Aufsteller
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Das Gestaltungskonzept von „In Gesellschaft.“ hat die Weimarer Künstlerin und Gestalterin Anke Heelemann eigens für das Veranstaltungsformat entwickelt. Es orientiert sich am Erscheinungsbild der Wanderausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“, das in den öffentlichen Raum speziell am Museumsstandort übertragen wird.
Informationsmaterial für "In Gesellschaft"
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Veranstaltungshinweise für „In Gesellschaft.“ 2022.
Gestaltung: Anke Heelemann
Gesprächskreis: Leon Kahane, Lisa Hauff, Dennis Forster und Henry Bernhard
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FORUM #3 auf dem Stéphane-Hessel-Platz in Weimar, v.l.n.r.:
Leon Kahane, Lisa Hauff, Dennis Forster und Henry Bernhard, 19. Mai 2022.
Foto: NIVRE Film und Studio

Dr. Dorothee Schlüter ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus.


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