Stiftung

Editorial


©Jens Meyer, FSU Jena

Liebe Leser:innen,Sie halten Heft 6 unseres Geschichtsmagazins Reflexionen in den Händen. Es informiert über aktuelle geschichtskulturelle Debatten und natürlich auch über die Arbeit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und ihrer drei Häuser – eine Arbeit, die angesichts der innen- und außenpolitischen Begleitumstände in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden ist. Das betrifft nicht nur die Bedrohung der Gedenkstättenarbeit durch Rechtsextreme, sondern auch (geschichts)politische Debatten um die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die auch an den Gedenkstätten nicht spurlos vorbeigehen. Insbesondere das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der ihm folgende Krieg im Gaza-Streifen hatten und haben emotional geführte politische Debatten zur Folge, die kaum noch sachlich ausgetragen werden können. Zwei Beiträge im vorliegenden Heft (S. 46 und 64) sind diesem Thema gewidmet.

Inhaltlicher Schwerpunkt des Heftes ist diesmal das Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus, ein Thema, das im laufenden Jahr auch die Arbeit in den drei Häusern unserer Stiftung prägen wird, etwa bei den Gedenkveranstaltungen zum 81. Jahrestag der Lagerbefreiungen in den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora oder auch mittels einer Audio-Intervention im öffentlichen Raum zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten in Thüringen, ein Projekt, das federführend vom Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus zusammen mit Kolleg:innen aus den beiden Gedenkstätten realisiert wird.

Die Geschichte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus ist bedauerlicherweise seit den 1990er Jahren in der Geschichtswissenschaft und auch in der öffentlichen Aufmerksamkeit zu einem Randthema geworden. Bis in die 1980er-Jahre sah das noch ganz anders aus. In Westdeutschland entwickelte man – dem gesellschaftspolitischen Aufbruch von 1968 folgend – einen breiteren Blick auf Formen und Akteur:innen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus als zuvor. In der DDR wiederum stand bis zum Ende der antifaschistische Widerstandskampf im Zentrum der Geschichtserzählung über den Nationalsozialismus.

Das änderte sich nach der deutschen Vereinigung. Im Zuge einer zunehmenden Erinnerung an die verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus trat der vorherige Fokus auf Akteur:innen des Widerstands als Opfer in den Hintergrund. Dazu trugen auch die stärkere Hinwendung zur Täterforschung und die Interpretation des Nationalsozialismus als Konsensdiktatur im Zuge der Debatte um den NS-Begriff der „Volksgemeinschaft“ bei. Schließlich führten auch die intensiven und wichtigen Auseinandersetzungen um die politische und historische Bewertung des „Antifaschismus“ in der DDR-Geschichtspolitik dazu, dass in Teilen der Gesellschaft und bis in die Wissenschaft und in Gedenkstätten hinein der Widerstand in toto diskreditiert wurde.

Erst in den letzten Jahren gab es wieder Ansätze, sich dem Widerstand neu und aus unterschiedlichen Perspek tiven zu nähern, etwa im Rahmen von Forschungen zu Frauen im Widerstand oder durch den Zusammen schluss von Nachkommen von Verfolgten unter dem Namen „Kinder des Widerstands“. Diese neuen Perspek tiven sind auch bedeutsam, um Umdeutungen und Entkontextualisierungen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in der Gesellschaft entgegenzutreten, wie sie sich etwa während der Corona-Pandemie mit ahistorischen Gleichsetzungen der Schutzmaßnahmen mit der NS-Diktatur zeigten (man denke etwa an gelbe Sterne mit der Aufschrift „ungeimpft“ oder an „Jana aus Kassel“, die bei einer Demonstration von Pandemie leugner:innen in Hannover rief, sie befinde sich wie Sophie Scholl im Widerstand).

Die Beiträge im vorliegenden Heft sollen neue Facetten der Widerstandsforschung vorstellen. Ganz bewusst haben wir eine große Bandbreite gewählt. So widmet sich etwa der Beitrag von Isabelle Beck den Leipziger Meuten und damit dem widerständigen Verhalten von Jugendlichen im Nationalsozialismus. Ronald Hirte schreibt über die Solidarität unter jüdischen Überlebenden im DP-Camp Buchenwald und Sandra Binnert untersucht Briefe aus dem frühen Konzentrationslager Heuberg. Andere Aufsätze nehmen den Widerstand bzw. Nachkriegsplanungen von Häftlingen des KZ Buchenwald in den Blick. Dabei wird auch die moralische Ambivalenz der Selbstjustiz in den Lagern thematisiert. Den vielen Menschen in ganz Europa, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten, ist es neben den alliierten Armeen zu verdanken, dass der Nationalsozialismus besiegt wurde und wir heute in einer freien und demokratischen Gesellschaft leben. Doch die liberalen westlichen Demokratien wie auch die kritischen Erinnerungskulturen stehen weltweit unter Druck.

Von einer Welt des Friedens und der Freiheit und von der Achtung der unteilbaren Menschenrechte, die sich die Überlebenden des NS-Terrors 1945 wünschten, ist in einer Zeit, in der rechtsautoritäre Bewegungen und Ideologien weltweit auf dem Vormarsch sind, nicht mehr viel zu sehen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns diesen Strömungen geschichtsbewusst entgegenstellen und uns – wissenschaftlich basiert, quellengestützt und mit einem klaren ethischen Kompass versehen – dafür einsetzen, dass wir in einer humanen, solidarischen und freien Gesellschaftsordnung leben, in der, wie es Artikel 1 des Grundgesetzes fordert, die Würde des Menschen unantastbar ist. Das wünschte nicht zuletzt auch der Widerstandskämpfer, Buchenwald-Überlebende und zeitweilige Thüringer Ministerpräsident Hermann Brill, der einer von elf Delegierten war, die 1948 auf Herrenchiemsee einen ersten Entwurf für das Grundgesetz schrieben. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde stand – etwas anders formuliert – auch hier bereits obenan.

Jens-Christian Wagner ist der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

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