Mittelbau-Dora

Namen bewahren, Biografien vermitteln: Das neue Online-Gedenkbuch zum Massaker von Gardelegen

Seit dem 80. Jahrestag des Massakers von Gardelegen im April 2025 informiert ein neues Online-Gedenkbuch über Namen und Biografien von Häftlingen aus den KZ-Komplexen Mittelbau und Neuengamme, die auf Räumungstransporten und Todesmärschen in die Altmark getrieben und in der Isenschnibber Feldscheune kurz vor Kriegsende ermordet wurden. Ein niedrigschwelliges Bildungsangebot, das individuelle Recherchen nach Überlebenden und Ermordeten ermöglicht und die Grablagen der Ermordeten auf dem Ehrenfriedhof in Gardelegen nun auch digital erschließt.

Eine Gruppe von Männern trägt auf einer Trage einen leblosen Körper über einen schlammigen Weg. Im Hintergrund steht ein großes, fensterloses Gebäude. Die Szene wirkt düster und verweist auf Gewalt oder eine Katastrophe.
Nach dem Massaker von Gardelegen: Auf US-Anordnung bergen lokale Anwohner die ermordeten KZ-Häftlinge aus der Isenschnibber Feldscheune und tragen sie zur Beisetzung auf einen neu angelegten Ehrenfriedhof.

©Donald Bradlor, National Archives, Washington, D.C.

Kurz vor Kriegsende verschleppten KZ-Wachmannschaften von SS und Wehrmacht mehrere tausend Häftlinge aus neun geräumten Außenlagern des KZ Mittelbau-Dora sowie aus dem Außenlager Hannover-Stöcken des KZ Neuengamme in insgesamt drei Transportzügen in die Altmark. Nachdem diese Züge in den Ortschaften Mieste und Letzlingen ungeplant zum Stehen gekommen waren und von dort aus wegen zerstörter Bahninfrastruktur ihre Fahrt nicht fortsetzen konnten, trieb das Wachpersonal die Häftlinge zusammen mit lokalen Volkssturmmännern, Mitgliedern des Reichsarbeitsdienstes und der Hitlerjugend unter Mitbeteiligung lokaler Zivilisten in mehreren Teilgruppen auf Todesmärschen in unterschiedliche Himmelsrichtungen weiter: mehr als 1.000 in die nahegelegene Garnisonsstadt Gardelegen.1

Dort wurden die Häftlinge zunächst in der Reithalle einer Kaserne der Wehrmacht – der Remonteschule – zusammengepfercht. Am Abend des 13. April 1945, nur 24 Stunden vor dem Eintreffen von US-amerikanischen Truppen in Gardelegen, zwangen bewaffnete Männer lokaler NS-Organisationen sie auf einen Fußmarsch an den Stadtrand, um sie in der dort gelegenen Feldscheune des Gutes Isenschnibbe einzusperren und zu ermorden.2 Von außen warfen sie Brandsätze und Granaten ins Innere des umstellten Gebäudes und schossen zudem in die dort eingepferchte Menge. Am darauffolgenden Tag kehrten einige Volkssturmmänner zusammen mit Angehörigen der städtischen Feuerwehr und der Technischen Nothilfe an den Tatort zurück, um letzte Überlebende dieses Massenverbrechens vor Ort zu ermorden und die Toten in einer Grube neben der Scheune anonym zu verscharren.

Doch die versuchte Verwischung der Spuren dieses Massenverbrechens gelang ihnen nicht vollständig: Als die US-Truppen am nächsten Tag den verlassenen Tatort erreichten, fanden sie die dort ausgehobene Grube noch unverdeckt und im Inneren der zerstörten Scheune einen Großteil der leblosen Körper vor. Nach ihrem Eintreffen und ihrer Aufdeckung dieses Todesmarschverbrechens kümmerten sich die Soldaten der 102. US-amerikanischen Infanteriedivision zunächst um die wenigen überlebenden KZ-Häftlinge und um eine würdige Beisetzung der Ermordeten.3

Zu den Praktiken der US-amerikanischen Re-education policy, die der deutschen Zivilbevölkerung eine Abkehr vom Nationalsozialismus ermöglichen und ihr demokratische Grundwerte vermitteln sollten, zählte insbesondere die Konfrontation mit vorgefundenen Tatorten und Spuren nationalsozialistischer Verbrechen. So auch in Gardelegen: US-Soldaten zwangen in den Tagen nach ihrer Entdeckung des Tatorts die lokale Bevölkerung zu dessen Besichtigung, danach zur Errichtung eines Friedhofes mit Grablagen für die mehr als 1.000 beim Massaker ermordeten KZ-Häftlinge. Bei dessen feierlicher Einweihung am 25. April 1945, an der die lokale Bevölkerung zwangsweise teilnehmen musste, verkündete Colonel George Lynch in seiner Ansprache den Einwohner:innen der Stadt Gardelegen die Pflicht zur dauerhaften Pflege der Grablagen und zur Bewahrung des Andenkens an die Ermordeten.

Sie ging auf einen militärischen Befehl von US-General Frank A. Keating zurück, dem Oberbefehlshaber der 102. US-Infanteriedivision. Diese Anordnung verewigten die US-Truppen zusätzlich auf einer Hinweistafel an der Zuwegung zum Ehrenfriedhof: Ihre Aufschrift würdigte alle beigesetzten KZ-Häftlinge als „alliierte Kriegsgefangene“ („allied prisoners“), um dem Friedhof den Status eines militärischen Ehrenfriedhofs zu verleihen und den Anspruch auf seinen dauerhaften Erhalt offiziell zu bekräftigen.

Soldaten stehen vor einem großen Gräberfeld mit zahlreichen einfachen Holzkreuzen. Im Vordergrund findet eine Zeremonie oder Beisetzung statt, während sich im Hintergrund viele Menschen versammelt haben.
Der Ehrenfriedhof für die Ermordeten des Massakers von Gardelegen bei seiner feierlichen Einweihung am 25. April 1945.
©Donald Bradlor, National Archives, Washington, D.C.

Bereits in den ersten Tagen nach der Entdeckung des Tatorts und der dort vorgefundenen 1.016 ermordeten KZ-Häftlinge bemühten sich die US-amerikanischen Truppen außerdem um eine Ermittlung ihrer namentlichen Identitäten sowie des ereignisgeschichtlichen Tathergangs dieses nationalsozialistischen Endphaseverbrechens. Erkenntnisse zu den Namen der ermordeten und auf dem Ehrenfriedhof beigesetzten KZ-Häftlinge fasste die US-amerikanische Militärverwaltung unter Federführung durch Lt. Col. Edward E. Cruise in einem offiziellen Ermittlungsbericht vom 23. Mai 1945 zusammen.4 Dieses Dokument, das im Frühsommer 1945 auch Gegenstand einer parlamentarischen Debatte im US-Kongress wurde, stützte sich vor allem auf Befragungen der wenigen Überlebenden des Massakers sowie auf Verhöre mutmaßlicher Tatbeteiligter und lokaler Zeug:innen.

Den 1.016 in der Scheune ermordeten KZ-Häftlingen konnte der Bericht allerdings nur 305 Namen zuordnen, da viele Häftlingsnummern auf den Kleidungsstücken der Ermordeten nicht mehr zu entziffern waren. Somit blieben mehr als zwei Drittel der auf dem Ehrenfriedhof Beigesetzten unbekannt. An diesem Befund änderten auch die Ermittlungen offizieller Kommissionen der französischen und belgischen Verteidigungsministerien in den darauffolgenden Jahren wenig, die ebenfalls namentliche Recherchen zum Gardelegener Ehrenfriedhof betrieben, um Grablagen ermordeter Häftlinge aus beiden Ländern zu ermitteln und die dort Beigesetzten in ihre Heimatorte umzubetten.

Mit der Errichtung von Mahn- und Gedenkstätten in der DDR setzte ab Ende der 1950er-Jahre in Gardelegen ein neues Interesse an dem Tatort ein. Die Ermordeten wurden nun kollektiv als „antifaschistische Widerstandskämpfer“ geehrt.

Das nivellierte einerseits den Blick auf unterschiedliche Häftlingsgruppen, begünstigte jedoch andererseits die Bestrebungen, Kontakte zu Überlebenden des Massakers zu festigen und den Grablagen auf dem Ehrenfriedhof weitere Namen zuordnen zu können. Mitarbeitende des lokalen Stadtmuseums, dem die am historischen Tat- und Begräbnisort ab den 1950er-Jahren errichtete Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibbe als eine Außenstelle institutionell zugeordnet wurde, fertigten ab den 1960er-Jahren auf Grundlage ihrer Recherchen zum Tathergang namentliche Gräberlisten und Grabbelegungspläne an.5

Außerdem korrespondierten sie mit Mitarbeitenden anderer Mahn- und Gedenkstätten, insbesondere mit der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, und nahmen auch Kontakt zu Überlebenden des Massakers auf, um Informationen zur namentlichen Zuordnung von Häftlingsnummern zu erhalten. Dabei unterliefen ihnen bisweilen Zuordnungsfehler: So wurden in einigen Fällen Häftlingsnummern, die innerhalb eines KZ-Komplexes im zeitlichen Verlauf nacheinander wiederholt vergeben worden waren, mit den Namen von Häftlingen aus früheren Jahren verknüpft. In anderen Fällen wurden zeitgleich vergebene identische Häftlingsnummern aus den beiden KZ-Komplexen Mittelbau und Neuengamme miteinander vertauscht: So kam es ebenfalls zu fehlerhaften namentlichen Zuschreibungen einzelner Grablagen.

Ein Schild kennzeichnet den Militärfriedhof von Gardelegen. Dahinter erstreckt sich ein großes Feld mit vielen gleichförmigen weißen Kreuzen als Grabzeichen.
Originalgetreue Kopie der US-amerikanischen Hinweistafel vom April 1945, errichtet im September 1990 am militärischen Ehrenfriedhof. Die originale Tafel von 1945 befindet sich nun in der Dauerausstellung im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte.
©Andreas Froese

Und auch bezüglich des ereignisgeschichtlichen Verlaufs der Lagerräumungen entstanden Fehlüberlieferungen. Irrtümlich setzten einige Mitarbeitende des Gardelegener Stadtmuseums das Neuengammer KZ-Außenlager Hannover-Stöcken mit dem KZ-Hauptlager Neuengamme gleich und legten Recherchedokumente mit Namen von Häftlingen zu einem vermeintlichen Häftlingstransport aus dem Hauptlager des KZ-Komplexes Neuengamme nach Gardelegen an, den es tatsächlich nicht gab. Durch derartige Fehlschlüsse und ihre fortlaufende Reproduktion sammelten sich in den nachfolgenden Jahrzehnten Quellenüberlieferungen zu insgesamt bis zu fünf Transportzügen in die Gegend von Gardelegen an, die bisweilen noch in den Jahren nach der Wiedervereinigung zitiert wurden.

Eine große Gedenktafel erinnert an die Ermordung von 1016 Häftlingen am 13. April 1945 bei Gardelegen und mahnt zum Erinnern und zum Einsatz für Frieden.
DDR-zeitliche Hinweistafel von 1965. Im Gegensatz zur US-amerikanischen Hinweistafel, die damals abgebaut worden war, benennt ihre Aufschrift die 1.016 ermordeten KZ-Häftlinge nicht mehr als „alliierte Kriegsgefangene“. Die US-amerikanischen Truppen und ihr Befehl zur Errichtung des Ehrenfriedhofs werden ebenfalls verschwiegen.
©Stadtarchiv Gardelegen

Ab den 1990er- und 2000er-Jahren begünstigten allerdings neue Forschungserkenntnisse zur Geschichte der Konzentrationslager und der Todesmärsche, eine zunehmende Zusammenarbeit zwischen professionellen Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Initiativen wie der ehrenamtlichen Arbeitsgemeinschaft KZ Stöcken in Hannover sowie neue technische Möglichkeiten zur Erschließung archivalischer Quellenbestände eine verbesserte quellenkritische Einordnung der überlieferten Informationen zu den namentlichen Identitäten der beim Massaker Ermordeten.

Auch die neu entstandenen Dauerausstellungen in den KZ-Gedenkstätten Neuengamme und Mittelbau-Dora und die für ihre Erarbeitung durchgeführten Recherchen widmeten sich dem Massaker von Gardelegen. Die Erkenntnisse der Forschungen zu den KZ-Komplexen Neuengamme und Mittelbau-Dora flossen ab 2007 in die Empfehlungen eines Fachbeirats zur Neugestaltung der damals noch in städtischer Trägerschaft befindlichen Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen ein. Notwendig wurde dieses Gremium auch infolge von geschichtsrevisionistischen Bestrebungen des damaligen Leiters des Stadtmuseums: Er weigerte sich, die am Massaker beteiligten Täter zu benennen, wenn sie nicht juristisch verurteilt waren, und bezichtigte Überlebende des Massakers, als Funktionshäftlinge angeblich ihre Mithäftlinge ermordet zu haben und somit selbst die Verantwortung für dieses Todesmarschverbrechen zu tragen.6

Ausdrücklich regte das begleitende Fachgremium die Erstellung eines Gedenkbuches für die auf dem Ehrenfriedhof beigesetzten KZ-Häftlinge an: einerseits, um sie namentlich und biografisch zu würdigen, andererseits, um ihre kollektive Zusammenfassung zu „antifaschistischen Widerstandskämpfern“ aus DDR-Zeiten individuell differenzierend aufzubrechen. Zum 66. Jahrestag des Massakers im April 2011 weihten die Stadt Gardelegen und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge vor Ort auf dem Ehrenfriedhof ein solches physisches, aus Metall gestaltetes Gedenkbuch ein. Es listet die bis dahin recherchierten Namen und biografischen Lebensdaten der auf dem Ehrenfriedhof Beigesetzten alphabetisch auf und lässt auch Platz für nachträgliche Ergänzungen, enthält jedoch keinen orientierenden Hinweis auf die konkreten Einzelgrablagen. Zudem regte das Begleitgremium an, die auf dem Ehrenfriedhof beigesetzten KZ-Häftlinge bei Gedenkveranstaltungen namentlich zu nennen und ihre individuellen Biografien in der Bildungsarbeit zu thematisieren.7

Im Jahr 2015 wechselte die vormals kommunale Trägerschaft der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen zum Land Sachsen-Anhalt.7 Ihre Aufnahme in die landeseigene Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt und die vom Land beschlossene Finanzierung einer grundlegenden Neukonzeption der Gedenk- und Erinnerungsarbeit am historischen Tat- und Begräbnisort ermöglichten den Bau eines Dokumentationszentrums, die Erarbeitung einer Dauerausstellung sowie professionell begleitete Bildungsformate und Forschungsrecherchen.9

Ein weites Gräberfeld mit vielen gleichförmigen Grabstellen und weißen Kreuzen. Im Vordergrund steht ein Informationspult für Besucher:innen.
Blick auf das physische Gedenkbuch für die Ermordeten des Massakers am Ehrenfriedhof, errichtet im April 2011.
©Andreas Froese

Unter diesen neuen Rahmenbedingungen einer professionalisierten Gedenkstätte vor Ort entwickelten die Mitarbeitenden der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen nach Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Jahr 2020 das Projektvorhaben eines digitalen Gedenkbuches.10 Es sollte das vorhandene physische Gedenkbuch um neue Forschungserkenntnisse online erweitern und die dort enthaltenen Namen und Biografien ermordeter Häftlinge nach ihrer erneuten quellenkritischen Überprüfung aktualisieren. Eine neue Datenbank mit biografischen Daten zu möglichst vielen KZ-Häftlingen sollte technisch mit einer Webseite verknüpft und grafisch ansprechend gestaltet werden, um eine ortsunabhängige digitale Zugänglichkeit für individuelle namentliche Recherchen zu ermöglichen. Dabei sollten nicht nur die auf dem Ehrenfriedhof Beigesetzten berücksichtigt, sondern auch Informationen zu Überlebenden des Massakers online verfügbar werden, um auch sie in diesem Gedenkbuch namentlich und biografisch zu würdigen. Zum 80. Jahrestag des Massakers im April 2025 wurde es der Öffentlichkeit präsentiert.11

Die zu diesem Anlass fertiggestellte Fassung umfasst nach aktuellem Stand zu Beginn des Jahres 2026 von den insgesamt 1.023 auf dem Ehrenfriedhof in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen beigesetzten KZ-Häftlinge nur 268 gesichert nachgewiesene Namen mit biografischen Angaben und eindeutig bestimmbaren Grablagen.12

Titelbild zum digitalen Gedenkbuch Gardelegen 1945, mit Blick auf ein Gräberfeld und ein Kreuz mit der Aufschrift „Unbekannt“.
Screenshot der Startseite des digitalen Gedenkbuchs

Einige der noch im US-amerikanischen Ermittlungsbericht vom April 1945 genannten 305 Namen ließen sich nach vergleichender quellenkritischer Auswertung nicht bestätigen: Dieser Befund reduziert die Zahl der insgesamt namentlich zuweisbaren Einzelgräber auf weniger als ein Viertel. Die Recherche ist im digitalen Gedenkbuch auf Deutsch und Englisch nach mehreren Kriterien möglich: Neben einer Suche nach einzelnen Personen und Namen erlaubt die Webseite auch gruppenbezogene Anfragen nach Kategorien, etwa nach Herkunftsorten und -ländern, Altersgruppen, Berufen und Haftorten. Neu geschaffen ist nun die Möglichkeit, auf dem Gelände des Ehrenfriedhofes konkret nach bestimmten Grablagen zu suchen: Teil der Online-Erweiterung des Gedenkbuches ist ein fortlaufend aktualisierter Grabbelegungsplan, der einen öffentlichen Gesamtüberblick zu den namentlich ermittelten Grablagen sowie zu den Einzelgräbern für unbekannte KZ-Häftlinge bietet.

Ein QR-Code am physischen Gedenkbuch vor Ort auf dem Ehrenfriedhof und eine zusätzliche Medienstation in der Dauerausstellung im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Gardelegen, die auch dort einen Zugang zum digitalen Gedenkbuch ermöglicht, verbinden die physisch vorhandenen Orte mit dem neuen digitalen Informationsangebot. Inhaltlich basiert die digitale Erweiterung auf einem aktualisierten biografischen Forschungsstand. Zudem ist sie grafisch gestaltet und animiert: Namen und biografische Informationen zu einzelnen Personen werden mit Text- und Bildquellen verknüpft, Deportationswege auf Übersichtskarten veranschaulicht, Verhältnisse zwischen verschiedenen Alters- oder Herkunftsgruppen ausgewählter Häftlingsgruppen in Diagrammen abgebildet.

Ein Eintrag aus dem digitalen Gedenkbuch zeigt die persönlichen Daten von Władysław Śliwiński sowie Informationen zu Haft, Todesumständen und Grabstelle im Gräberfeld.
Biografischen Ergebnisseite, hier am Beispiel des polnischen KZ-Häftlings Władysław Śliwiński. Neben allen zu ihm bekannten Lebensdaten zeigt sie auch die Position seiner Grablage auf dem Ehrenfriedhof.
Eine schematische Übersicht des Gräberfelds, in der einzelne Grabstellen als Punkte markiert sind; hervorgehobene Punkte kennzeichnen ausgewählte oder bekannte Gräber.
Aktueller Grabbelegungsplan: Die orange markierten Einzelgräber lassen sich namentlich zuordnen, die Biografien der dort Beigesetzten digital anklicken und abrufen.
Eine Karte zeigt die Geburtsorte der Opfer in Europa; markierte Punkte geben die Anzahl der Personen pro Ort an und machen die internationale Herkunft sichtbar.
Karte der Geburtsorte der ermordeten KZ-Häftlinge, die auf dem Ehrenfriedhof in Gardelegen beigesetzt und namentlich bekannt sind.
Ein Balkendiagramm zeigt das Alter der Opfer im April 1945 und verdeutlicht die Verteilung nach Altersgruppen.
Grafische Veranschaulichung des Alters der beim Massaker ermordeten KZ-Häftlinge (Ausschnitt).
Eine Karte zeigt den Weg eines Häftlings zwischen verschiedenen Lagerorten, mit markierten Stationen und Verbindungen; hervorgehoben ist das KZ-Außenlager Rottleberode.
Grafische Veranschaulichung eines biografischen Deportationswegs, hier am Beispiel des polnischen KZ-Häftlings Zbigniew Walc. Er wurde aus Polen über Neubrandenburg, Berlin, die KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora in das KZ-Außenlager Rottleberode verschleppt, von dort im April 1945 nach Gardelegen getrieben und beim Massaker ermordet.

Eine zentrale Aufgabe bleibt die fortlaufende Pflege und Aktualisierung des neuen digitalen Gedenkbuches. Sie erfolgt fachlich professionell direkt vor Ort in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen. Zugleich ist sie partizipativ angelegt: Die interessierte Öffentlichkeit wird auf der neuen Webseite um sachdienliche Unterstützung und Mitteilung ergänzender biografischer Informationen an die Gedenkstätte gebeten, die dann von ihren Mitarbeitenden vor Ort in die Datenbank eingepflegt werden. Insgesamt bleibt zu wünschen, dass dieses neue Informationsangebot nun viele Interessierte sowohl bei ihren biografischen Forschungsrecherchen als auch in der biografiebezogenen Vermittlungsarbeit unterstützt. Insbesondere den Familien ehemaliger KZ-Häftlinge möge es die Suche nach Informationen zu ihren oft bis heute vermissten Angehörigen erleichtern. Online zu finden ist es auf Deutsch und Englisch unter der Domain-Adresse https://gedenkbuch-gardelegen.de

Der Historiker Andreas Froese ist Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Zuvor war er Leiter der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen und verantwortete als Projektleiter zusammen mit Lukkas Busche die Konzeption und Realisierung des digitalen Gedenkbuchs.

1 Entlang der Wegstrecken in der Umgebung von Gardelegen wurden mehrere hundert Häftlinge ermordet. Sie sind heute auf rund 20 lokalen Ortsfriedhöfen beigesetzt. Überblicke zu den Todesmärschen nach Gardelegen geben Diana Gring: Die Todesmärsche und das Massaker von Gardelegen. NS-Verbrechen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, Gardelegen 1993; Joachim Neander: Gardelegen 1945. Das Ende der Häftlingstransporte aus dem KZ Mittelbau, Magdeburg/Gardelegen 1998; Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords, Reinbek bei Hamburg 2011; Lukkas Busche/Andreas Froese (Hg.): Gardelegen 1945. Das Massaker und seine Nachwirkungen, Gardelegen/Leipzig/Magdeburg 2022.

2 Dem Gardelegener NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele wird der Befehl zum Massaker zugeschrieben. Damit verbunden oft auch die Haupttäterschaft und -verantwortung für dieses Verbrechen, obwohl ein solcher Befehl schriftlich nicht überliefert ist. Eine solche befehlszentrierte Perspektive dient nicht selten als Entlastungsnarrativ gegenüber den tatsächlich an der Durchführung des Massakers beteiligten Tätergruppen, da sie deren individuelle Entscheidungs- und Handlungsräume ignoriert. Blatman bezeichnet sie als „kriminelle Gemeinschaften“, vgl. Blatman, Todesmärsche, S. 403.

3 In Quellen und Forschungsarbeiten werden unterschiedliche Zahlen zu Überlebenden des Massakers genannt. Sie schwanken zwischen sieben KZ-Häftlingen, die das Massaker im Inneren der Feldscheune überlebten, und bis zu 33 unter Hinzurechnung derjenigen, die sich zuvor in der Remonteschule verstecken oder auf dem Todesmarsch zur Scheune fliehen konnten.

4 Report of Investigation for Supreme Headquarters, Allied Expeditionary Forces, Court of Inquiry, 23. Mai 1945, NIOD Instituut voor Oorlogs-, Holocaust- en Genocidestudies, Archief 250k: Concentrationscampen buiten Nederland, Inv. No. 1050.

5 Stadtarchiv Gardelegen, Bestand Stadtmuseum – MGS, Sign. S 1299, AZ 416–418.

6 „Irgendwie schlimm. Die Stadt Gardelegen schafft es seit Jahren nicht, an eines der schlimmsten NS-Verbrechen zu erinnern“, in: DIE ZEIT, 19. Juli 2007. Die vom damaligen Museumsleiter, in Personalunion auch Gedenkstättenleiter, in den 2000er-Jahren gestellten Strafanzeigen gegen Überlebende des Massakers wurden alle ergebnislos eingestellt; er selbst wurde infolge der Schließung des Stadtmuseums im Jahr 2011 entlassen.

7 Die wesentlichen Empfehlungen des Fachbeirats mit Blick auf die Namen der ermordeten KZ-Häftlinge skizziert Thomas Irmer: Neue Quellen zur Geschichte des Massakers von Gardelegen, in: Gedenkstättenrundbrief Nr. 156 (2010), S. 14–19.

8 Da die Stadtverwaltung Gardelegen ihre Zuständigkeit für die Pflege des Ehrenfriedhofes behalten wollte, wechselte nur die Trägerschaft der Gedenkstätte zum Land Sachsen-Anhalt. Das Außengelände befindet sich weiterhin in kommunalem Eigentum.

9 Andreas Froese: Gardelegen – eine Gedenkstätte im Entstehen, in: Erinnern! Aufgabe, Chance, Herausforderung (2016/1), S. 67–74; ders.: „Gedenken gestalten“. Das neue Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen, in: Gedenkstättenrundbrief Nr. 183 (2016), S. 35–43; Lukkas Busche/ders.: Am historischen Ort. Die neue Dauerausstellung „Gardelegen 1945. Das Massaker und seine Nachwirkungen“ im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte, in: Erinnern! Aufgabe, Chance, Herausforderung (2021/1), S. 95–111.

10 Für die gemeinsame Konzeption und inhaltliche Erarbeitung des digitalen Gedenkbuches durch die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt danke ich Lukkas Busche und Thomas Irmer, der Gestaltungsagentur KOCMOC Exhibitions für dessen digitale Gestaltung und technische Umsetzung sowie dem Land Sachsen-Anhalt für dessen finanzielle Ermöglichung durch eine Projektförderung aus Lotteriezweckerträgen.

11 Digitales Gedenkbuch: Gedenken an das Massaker von Isenschnibbe vor 80 Jahren, in: DIE ZEIT, 6. April 2025, https://www.zeit.de/news/2025-04/06/gedenken-an-das-massaker-von-isenschnibbe-vor-80-jahren, 10. Januar 2026.

12 Neben den 1.016 von US-Soldaten am historischen Tatort in der Isenschnibber Feldscheune vorgefundenen Ermordeten wurden sieben weitere KZ-Häftlinge auf dem militärischen Ehrenfriedhof beigesetzt. Einige von ihnen waren bereits in den Tagen vor dem Massaker anderenorts ermordet worden. Andere starben nach ihrer Befreiung und wurden auf dem Friedhof neben ihren Kameraden bestattet.

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