„Was vor Jahren demokratischer Konsens war, steht zunehmend unter Druck“

Begrüßung zur Gedenkfeier zum 81. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitmenschen,

ich begrüße Sie sehr herzlich zur Gedenkveranstaltung zum 81. Jahrestag der Befreiung in der Gedenkstätte Buchenwald. Ich danke Ihnen, dass Sie alle hier sind, um mit den Überlebenden und Angehörigen gemeinsam an das Geschehen vor 81 Jahren zu erinnern und die Menschen zu würdigen, die das KZ Buchenwald nicht überlebten: 56.000 Männer, Frauen und Kinder, politische Häftlinge aus allen Teilen Europas, Jüdinnen und Juden, Sinti:zze und Rom:nja, sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter:innen, als Homosexuelle, „Asoziale“ oder „Berufsverbrecher“ nach Buchenwald Verschleppte oder auch Zeugen Jehovas. Ihnen allen gilt unser ehrendes Gedenken.

Sehr geehrte Damen und Herren, unsere Gedenkveranstaltung findet leider in keinem guten politischen Kontext statt. Was vor Jahren zu befürchten war, zeigt sich nun sehr deutlich: Je weniger Überlebende des NS-Terrors es gibt, die sich wehren könnten, desto mehr werden die Gedenkstätten und die Erinnerungskultur zur Bühne aktueller politischer Auseinandersetzungen mit partikularen Zielsetzungen und Selbstdarstellungsversuchen missbraucht. Insbesondere in Buchenwald mit seinem hohen politischen Symbolwert erleben wir das mit Nachdruck.

Was vor Jahren demokratischer Konsens war, steht zunehmend unter Druck: Rechtsextreme greifen die Erinnerungskultur an, diffamieren sie als „Schuld­kult“ und werden trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb von bis zu 40 Prozent der Menschen in Thüringen gewählt. Rückenwind bekommen sie von Politikern wir Trump oder Putin, die das liberale Europa gemeinsam in die Zange nehmen. 

Zugleich lässt auch in der Mitte der Gesellschaft das Bewusstsein dafür nach, welche Bedeutung die kritische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen für unsere demokratische Selbstverständigung hat. Hemmungslos wird auch aus demokratischen Parteien gegen Zugewanderte gehetzt, werden Themen wie das Gendern, der Kampf gegen den Klimawandel oder das Engagement für queere Lebensentwürfe als links-woke verteufelt. Wir erleben einen Kulturkampf gegen den Geist der Aufklärung und ein erinnerungskulturelles Rollback, ganz im Sinne neurechter Metapolitik.

Auch aus anderen Richtungen steht die Gedenkstättenarbeit, steht die kritische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen unter Beschuss. Bereits im letzten Jahr erlebten wir, dass die Konflikte im Nahen Osten die Gedenkveranstaltungen zum 80. Jahrestag überschatteten. In diesem Jahr gingen im Vorfeld der Gedenkveranstaltungen Versammlungsanmel­dungen linksautoritärer und teils auch antisemitischer Gruppierungen ein, die das heutige Gedenken für aktuelle politische Zwecke kapern wollen.

Ich habe lange überlegt, ob ich darauf näher eingehen sollte. Die Antwort heißt nein. Lassen wir nicht zu, dass diese Gruppen den heutigen Gedenktag überschatten. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass der Gedenktag in aller Würde begangen werden kann, ein Gedenktag, bei dem diejenigen im Mittelpunkt stehen sollen, die heute unsere Ehrengäste sind: die Überleben­den und, nicht zu vergessen, die Angehörigen ehemaliger Häftlinge.

Sehr treffend hat es, wie ich finde, der ehemalige Präsident des IKBD und Überlebende des KZ Buchenwald Naftali Fürst ausgedrückt, der uns zu der ganzen Diskussion gestern folgendes schrieb: „Buchenwald ist ein grundsätzlich politisch-historischer Ort, aber keine politische Bühne.“

 

Alle Anwesenden möchte ich deshalb mit Nachdruck bitten, unsere Gedenk­veranstaltung nicht zu stören. Respektieren Sie die Regel, auf das Zeigen von Transparenten oder Nationalfahnen zu verzichten, helfen Sie uns, eine würdige Gedenkveranstaltung zu organisieren, bei der die Überlebenden und die Angehörigen im Mittelpunkt stehen!

Stellvertretend für die Angehörigen begrüße ich ganz herzlich Hape Kerke­ling. Er wird uns die Geschichte seines Großvaters erzählen, der das KZ Buchenwald als Kommunist – und als Katholik – überlebte. Lieber Herr Kerkeling, es ist uns eine ganz besondere Ehre, dass Sie heute die Hauptrede halten. Dafür vorab ganz herzlichen Dank!

Liebe Gäste, wegen der iranischen Raketenangriffe auf Israel konnten in diesem Jahr bedauerlicherweise keine Überlebenden aus Israel anreisen, weil die Flüge storniert wurden. Wir denken heute aber ganz besonders an Naftali Fürst, Lazlo Mandel, Zeev Borger und Michael Urich, die sich eigent­lich als Gäste angemeldet hatten. Wollen wir hoffen, dass sie im kommen­den Jahr anrei­sen können. Auf diesem Wege senden wir ihnen und ihren Familien alles erdenklich Gute!  

Anwesend sind unsere Freunde Andrei Moiseenko aus Belarus und Alojzy Maciak aus Polen. Seien Sie sehr herzlich willkommen!

Erlauben Sie, dass ich unsere beiden Gäste kurz vorstelle:

Andrej Iwanowitsch Moiseenko wurde 1926 im Oblast Tsсhernihiw in der heutigen Ukraine geboren und lebt seit vielen Jahren in Minsk in Belarus.

Andrej Iwanowitsch wuchs in einer Dorfkolchose auf. Früh verlor er seine Mutter. Sein Vater fiel 1941 im ersten Kriegsjahr nach dem deutschen Über­fall. Bald darauf besetzte die Wehrmacht die Ukraine. Auf der Suche nach Nahrung für seine sieben Geschwister wurde er von deutschen Soldaten aufgegriffen und als Zwangsarbeiter in das Deutsche Reich verschleppt, nach Leipzig.

Dort musste er für die Firma HASAG arbeiten. Im Februar 1944 verhaftete ihn die Gestapo unter dem Vorwurf, Mitglied einer Widerstandsgruppe zu sein. Am 6. April 1944 brachte ihn die Gestapo in das KZ Buchenwald, wo er Schwerstarbeit im Steinbruch leisten musste. Anschließend kam er in das Außenlager Wansleben – bis zur Befreiung am 14. April 1945 durch die amerikanische Armee.

Im Juli 1945 wurde Andrej Iwanowitsch Moiseenko als Soldat in die Rote Armee eingezogen und leistete seinen Militärdienst in Babrujsk (Belarus) und Minsk ab. Neben der Arbeit in einem Baukombinat und einem Konstruk­tionsbüro holte er seine Schulbildung nach und studierte. Heute ist Andrej Iwanowitsch Moiseenko in der Geschichtswerkstatt Minsk aktiv. Zudem ist er Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos für Belarus. Seit etlichen Jahren ist er im April Gast unserer Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Befreiung – und am 1. Mai wird er im Deutschen Nationaltheater hier in Weimar zusammen mit uns und vielen Gästen seinen 100. Geburtstag feiern.

Alojzy Maciak wurde 1928 im polnischen Pacyna geboren. Er wuchs in einer Familie mit drei Kindern in Warschau auf. Sein Bruder Riszard wurde 1941 von der SS auf der Straße festgehalten, verhaftet und nach Deutschland deportiert. Seine Schwester ebenfalls 1942. Während des Warschauer Aufstandes ab dem 1. August 1944 ging sein Vater in den Untergrund, seine Mutter wurde verhaftet und nach Ravensbrück verschleppt. Auch Alojzy Maciak wurde von den Deutschen festgenommen; er war zu diesem Zeitpunkt erst 16 Jahre alt. Brutal verhört und geschlagen wurde er Ende August 1944 über Auschwitz nach Buchenwald gebracht.

Nach der Quarantäne im Kleinen Lager wurde er zum Außenkommando von Leau überstellt. In den Salzstollen von Peissen und Plömnitz musste er schwerste Zwangsarbeit für die Junkers-Werke leisten. Am 11. April 1945 trieb die SS die Häftlinge auf einen Todesmarsch, der für Alojzy Maciak bei Dessau ein Ende fand, als er von den amerikanischen Soldaten befreit wurde.

Nach der Befreiung kehrte Alojzy nach Warschau zurück. Er studierte, gründete eine Familie und arbeitete als Vermessungsingenieur. Alojzy Maciak ist Vizepräsident des IKBD für Polen und setzt sich seit vielen Jahren unermüdlich für die Erinnerung an seine in Buchenwald ermordeten Mithäft­linge ein.

Zwei Gäste vermissen wir schmerzlich: Unser Freund Raymond Renaud, der seit vielen Jahren jedes Jahr im April aus Frankreich nach Weimar und Buchenwald kam, starb Mitte Januar im stolzen Alter von 102 Jahren. Nur wenige Tage später mussten wir Abschied von Gilberto Salmoni nehmen. Er war italienischer Vizepräsident des IKBD und Mitglied des Beirates ehemali­ger Häftlinge des KZ Buchenwald und starb am 1. Februar im Alter von 97 Jahren.

Sehr geehrte Gäste, ich bitte Sie um eine kurze Schweigeminute für Raymond Renaud und Gilberto Simoni sowie alle anderen ehemaligen Häftlinge, die im vergangenen Jahr von uns gegangen sind.

Vielen Dank!

Sehr geehrte Damen und Herren, am 11. April 1945, gestern vor 81 Jahren, kam für 21.000 Häftlinge im KZ Buchenwald die Befreiung. Es war eine Befreiung von außen und von innen. Nachdem die ersten amerikanischen Panzer das Gelände passiert und die meisten SS-Angehörigen die Flucht ergriffen hatten, bemächtigten sich mutige Angehörige des Lagerwiderstan­des, vorwiegend Kommunisten, des Lagertors und der Wachtürme. Um 15:15 erscholl aus den Lagerlaut­sprechern der Satz: „Kameraden, wir sind frei!“

Lassen Sie uns am Jahrestag der Befreiung nicht vergessen, dass es neben den alliierten Armeen der europaweite Widerstand war, der dafür sorgte, dass der Nationalsozialismus besiegt wurde und wir heute in einer freien und demokratischen Gesellschaft leben.

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist in diesem Jahr unser Schwerpunktthema, nicht nur am heutigen Jahrestag, sondern das ganze Jahr. So werden wir am 8. Mai, dem Jahrestag des Kriegsendes in Europa, an vielen Orten exemplarische Hörgeschichten aus Thüringen zum Widerstand veröffentlichen.

Leider ist die Geschichte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus seit den 1990er Jahren in der öffentlichen Aufmerksamkeit überwiegend zu einem Randthema geworden. Bis in die 1980er Jahre sah das noch ganz anders aus. In West­deutschland entwickelte man – dem gesellschaftspoliti­schen Aufbruch von 1968 folgend – einen breiteren Blick auf Formen und Akteur:innen des Widerstands gegen den National­sozialismus als zuvor. In der DDR wiederum stand bis zum Ende das Narrativ des antifaschistischen Wider­standskampfes im Zentrum der Geschichtserzählung über den Natio­nalsozialismus. Andere Verfolgte standen dabei im Hintergrund.

Das änderte sich nach der deutschen Vereinigung. Der Fokus verschob sich von Akteur:innen des Widerstands zu verschiedenen anderen Opfergruppen des Nationalsozialismus, die lange Zeit marginalisiert gewesen waren. Hinzu kam die stärkere Hinwendung zur Täterforschung und die Interpretation des Nationalsozialismus als Konsens­diktatur im Zuge der Debatte um den NS-Begriff der „Volksgemeinschaft“. Schließlich führten auch die intensiven und wichtigen Auseinandersetzungen um die politische und historische Bewertung des „Antifaschismus“ in der DDR-Geschichtspolitik dazu, dass in Teilen der Gesellschaft und bis in die Wissen­schaft und in Gedenkstätten hinein der Widerstand in toto diskreditiert wurde.

Erst in den letzten Jahren gab es wieder Ansätze, sich dem Widerstand neu und aus unter­schiedlichen Perspektiven zu nähern, etwa im Rahmen von Forschungen zu Frauen im Widerstand. Diese neuen Perspektiven sind auch bedeutsam, um Umdeutungen und Entkontextualisierungen des Wider­stands gegen den Nationalsozialismus in der Gesellschaft entgegenzutreten, wie sie sich etwa während der Corona-Pandemie mit ahistorischen Gleich­setzungen der Schutzmaßnahmen mit der NS-Diktatur zeigten.

Man denke etwa an gelbe Sterne mit der Aufschrift „ungeimpft“ oder an „Jana aus Kassel“, die bei einer Demonstration von Pandemieleugner:innen in Hannover rief, sie befinde sich wie Sophie Scholl im Widerstand. Auch hier zeigte sich schon der eingangs erwähnte zunehmende Missbrauch der Erin­nerung an die NS-Verbrechen.

Sehr geehrte Damen und Herren, am 19. April 1945, nur eine gute Woche nach der Befreiung, schworen die Überlebenden des KZ Buchenwald hier auf dem ehemaligen Appellplatz, sich für eine Welt des Friedens und der Freiheit einzusetzen.

Angesichts der weltweiten Kriege und des Vormarsches autoritärer und nationalistischer Strömungen und Regime mag vielen heute dieser Wunsch und die Forderung nach der Achtung der unteilbaren Menschenrechte als Illusion erscheinen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns diesen Strömungen geschichtsbewusst entgegenstellen und uns – wissenschaftlich basiert, quellengestützt und mit einem klaren ethischen Kompass versehen – mit Nachdruck dafür einsetzen, dass wir in einer humanen, solidarischen und freien Gesellschaftsordnung leben, in der, wie es Artikel 1 des Grundgeset­zes fordert, die Würde des Menschen unantastbar ist – die Würde des Menschen, nicht nur des Deutschen.

Das wünschte nicht zuletzt auch der sozialdemokratische Widerstands­kämpfer, Buchenwald-Überlebende und zeitweilige Thüringer Ministerpräsi­dent Hermann Brill, der einer von elf Delegierten war, die 1948 auf Herren­chiemsee einen ersten Entwurf für das Grundgesetz schrieben. Die Unan­tastbarkeit der Menschenwürde stand – etwas anders formuliert – auch hier bereits obenan.

Hermann Brill und den vielen anderen Männern und Frauen, die in Buchen­wald und seinen Außenlagern Widerstand gegen die Nationalsozialisten leisteten, sind wir dafür zu großem Dank verpflichtet. Lassen Sie uns ihr Andenken hoch halten.

Ich darf nun das Wort an die Präsidentin des IKBD Lena Sarah Carlebach weitergeben. Anschließend hören wir Grußworte von Landtagspräsident Thadäus König und Kulturstaatsminister Weimer, gefolgt von der Ansprache von Hape Kerkeling, auf die wir uns alle sehr freuen.

Ihnen allen nochmals ganz herzlichen Dank, dass Sie hier sind. Seien Sie herzlich willkommen.

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