„Katastrophen beginnen nicht mit Schreien, sie beginnen mit Verschiebungen, mit Worten, die man durchgehen lässt.“

Begrüßung zur Gedenkfeier zum 81. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald

Liebe Freundinnen und Freunde,

Es ist mir eine besondere Ehre, Sie anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung und Selbstbefreiung des KZ Buchenwald zum ersten Mal als Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald Dora und Kommandos ansprechen zu dürfen.

 

Dieser Augenblick ist auch deshalb so bewegend für mich, weil meine Familiengeschichte innigst mit der Verfolgung, Verschleppung und Internierung politischer Gegner*innen und mit der Vernichtung von jüdischen Menschen verbunden ist. Vor nunmehr 81 Jahren, am 11. April 1945, erlebte mein Großvater, Emil Carlebach, jüdischer und kommunistischer Widerstandskämpfer, die schwer erkämpfte Befreiung in Buchenwald.

Die Herrschaft der Nazis hat ihn elf Jahre seines Lebens in verschiedenen Zuchthäusern und Konzentrationslagern gekostet.

Hier, auf diesem Gelände, musste er vor 81 Jahren, im Schlamm unter den Bodenbretten vom Block 56 mehrere Tage und Nächte versteckt bleiben, um auch im letzten Moment der Hinrichtung durch die SS zu entkommen.

Nur, weil er sich auf die Solidarität seiner Kameraden verlassen konnte, nur deshalb, meine Damen und Herren, kann ich als seine Enkelin heute hier stehen.

Wir stehen hier an einem Ort, der einen Tiefpunkt der Menschheit symbolisiert. Hier wurden Menschen zu Nummern, sie wurden misshandelt, sie wurden gequält und ausgelöscht, ihre Zukunft sollte vernichtet, ihre Stimmen zum Schweigen gebracht werden.

Wir aber dürfen nicht schweigen.

Wir sind heute hier, nicht nur, weil dieses Grauen existierte, sondern weil selbst hier etwas vom Menschlichen widerstanden hat. Denn selbst hier, in einer faschistischen Welt, in der mit aller Gewalt versucht wurde, jegliche Solidarität unter den Menschen zu verhindern – selbst hier waren Menschen solidarisch, haben sich zusammengetan und Widerstand geleistet.

Ich denke bei diesen Worten auch an den jüdischen Gefangenen Claude Asser, der durch seinen Blockältesten zusätzliches Essen bekam und so die 16 Monate, die er Zwangsarbeit im Steinbruch leisten musste, besser überstehen konnte.

Ich denke an Elie Buzyn, einen polnischen Jugendlichen jüdischer Herkunft, der im Zuge der Räumung von Auschwitz in Buchenwald ankam und seinem Mithäftling Arman Bulwa seinen Gürtel gab, damit dessen Hose nicht rutschte.

Ich denke an Lily Ebert, die Zwangsarbeit in einem Außenlager bei Altenburg verrichten musste, und beim Überprüfen der Munition „fehlerhafte“ in die Kiste der funktionierenden einsortierte.

Ich denke an Anna Peczenik, die im Außenlager Magdeburg-Polte 1944 verbotenerweise ermutigende Worte an ihre Mithäftlinge richtete.

Sie alle wussten sicher, dass ihr Widerstand das SS-System im Lager vielleicht nicht stürzen würde, aber sie wussten auch: sich nicht zu widersetzen hieße bereits, verloren zu haben. 

Dieser Mut, ihr Mut und ihr Widerstand verpflichtet uns.

Die Menschen, die Buchenwald erleiden mussten, sind mittlerweile kaum noch unter uns. Wir haben das große Glück, noch einige wenige ehemalige Häftlinge, damals Kinder, unter uns zu wissen.

Diese Kinder von damals wissen, dass sie in einer gnadenlosen Welt Solidarität, Mitmenschlichkeit und dem Widerstand ihr Leben zu verdanken haben.

Und wir?

Was haben wir aus dem Erbe des Widerstandes gemacht?

Was bedeutet Widerstand für uns heute?

Die Familie Carlebach war eine Rabbinerfamilie, und in der jüdischen Tradition gibt es ein Gebot: Zakhor – „Erinnere Dich“.

Erinnern heißt nicht, die Vergangenheit wie ein Archiv zu bewahren. Gerade wir, von denen die meisten sich altersgemäß gar nicht erinnern können, da sie Zeit des deutschen Faschismus nicht miterlebt haben, müssen andere Wege des Gedenkens finden. Erinnern heißt nicht, nur zu sprechen und zu mahnen. Erinnern muss für uns heute bedeuten, uns, ohne jede Scham, ohne jede Angst, mit den Verbrechen des NS auseinander zu setzen. Zu verstehen, wie Menschen zu Tätern werden konnten. Zu verstehen, wie Menschen zu Verfolgten gemacht wurden.

Und, meine Damen und Herren, Erinnern heißt auch, sich dieser Vergangenheit durch Handeln würdig zu erweisen.

Wir beobachten in Deutschland und in ganz Europa, aber auch weltweit, Diskurse, die zur Ausgrenzung aufrufen.

Wir sehen stark zunehmenden Antisemitismus. Er verschwindet nicht, er verwandelt sich, er passt sich an, spricht neue Sprachen. Aber er erfüllt immer die gleiche Funktion: der Welt einfache Lösungen für komplexe Herausforderungen bieten, indem man einen Schuldigen benennt. Wir sehen Rassismus, Antiziganismus und andere menschenverachtende Sichtweisen, die stetig zunehmen. Wir sehen, wie Demokratien weltweit in ihrer Vielfalt bedroht werden, wie zivilgesellschaftliches Engagement zunehmend unter Druck gerät.

Wir sehen, dass eine Angst herrscht und verbreitet wird.

Und wir sehen politische Kräfte in demokratischen Ländern, wie die in weiten Teilen rechtsextreme AfD in Deutschland, sowie zahlreiche weitere Bewegungen und Parteien in Europa, den Trumpismus in den USA, die aus dieser Angst Kapital schlagen.

Wir beobachten auch subtilere Verschiebungen: Wenn Kultur unter Verdacht gerät, wenn Denken selektiert wird, was wir heute auch in Deutschland erleben – und

ich sage das mit großem Respekt für Sie und Ihre Funktion, Herr Kulturstaatsminister, -

wenn Buchhandlungen ohne weitere Erklärungen diskreditiert werden,

dann gerät etwas ins Wanken.

Die Geschichte hat uns gelehrt: Katastrophen beginnen nicht mit Schreien, sie beginnen mit Verschiebungen, mit Worten, die man durchgehen lässt, mit Annäherungen, die man hinnimmt, mit Schweigen, das man rechtfertigt.

Was also tun?

 Zunächst, denke ich, zunächst sollte man verstehen, sich dafür interessieren, wer diese Widerstandskämpfer*innen waren.

Zu Beginn waren es deutsche Antifaschist*innen, später Menschen aus ganz Europa, die sich organisiert haben, die geschützt, geholfen und andere gerettet haben und ihr eigenes Leben dabei aufs Spiel setzten, es viel zu oft auch verloren haben.

Sie waren keine abstrakten Helden. Sie waren erschöpfte, verfolgte, bedrohte Menschen, die Menschen bleiben wollten, und zur Solidarität fähig waren.

Sie, Menschen wie

Willy Schmidt

Erich Loch

Hermann Kerkeling

Éva Fahidi-Pusztai

Jacqueline Fleury

Petru Muresan

Pierre Durand

Marcel Paul

Antonin Kalina

und viele mehr,

Sie alle haben bewiesen,

dass selbst unter extremen Bedingungen eine vereinte Art zu handeln möglich bleibt.

Das bedeutet auch: für uns gibt es keine Entschuldigung.

Wir leben nicht im Lager, wir haben in unseren demokratischen Gesellschaften Rechte, Institutionen, Worte.

Fragen wir uns also: Was heißt das Wort „Widerstand“ heute?

 

Vielleicht heißt es:

sich der Vereinfachung zu verweigern,

keine Feindbilder zu akzeptieren, auch wenn sie beruhigen.

Die Würde jedes Menschen zu verteidigen,

Orte der Kultur, des Wissens, der Erinnerung zu beschützen,

sich äußern und gegen Ausgrenzung, Geschichtsverfälschung positionieren, auch wenn es unbequem ist.

Hier auf diesem Gelände, wo Tausende ausgegrenzte Menschen gequält wurden, hier müssen wir uns heute Einen, damit so etwas nie mehr passiert.

Mit Mut, mit Verweigerung, mit Solidarität, denn das sind die Werkzeuge einer menschlichen Gesellschaft.

Die Widerstandskämpfer*innen von Buchenwald und seinen Kommandos haben nicht nur ums Überleben gekämpft. Sie haben bis zuletzt auch eine Vorstellung vom Menschen verteidigt.

Es liegt an uns, ob diese Vorstellung Erinnerung bleibt, oder Verpflichtung wird.

Vielleicht können wir hier zum Schwur von Buchenwald von den Häftlingen ein Versprechen von uns formulieren:

„Wir werden eures Widerstandes würdig sein“.

Ihre zahlreiche Anwesenheit hier ist ein Teil von dem Versprechen.

Ich danke Ihnen.

 

var _paq = window._paq = window._paq || []; /* tracker methods like "setCustomDimension" should be called before "trackPageView" */ _paq.push(['trackPageView']); _paq.push(['enableLinkTracking']); (function() { var u="https://matomo.buchenwald.de/"; _paq.push(['setTrackerUrl', u+'matomo.php']); _paq.push(['setSiteId', '21']); var d=document, g=d.createElement('script'), s=d.getElementsByTagName('script')[0]; g.async=true; g.src=u+'matomo.js'; s.parentNode.insertBefore(g,s); })();