Die Shoah, die systematische Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, wurde vor allem in den deutschen Vernichtungslagern sowie an Erschießungsgräben begangen. Doch auch die Konzentrationslager waren Kulminationspunkte antisemitischer Gewalt. Ob Gedenkstätten an ihren Orten geeignete Lernorte sind, um für Antisemitismus zu sensibilisieren, ist dennoch umstritten. Der Besuch allein reicht keineswegs, um gegenwartsbezogene Empathie und Sensibilität hervorzurufen. Zudem können gerade an Gedenkstätten antisemitische Haltungen offen zutage treten.
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Auf den 7. Oktober folgte eine Welle des Antisemitismus, deren Träger keineswegs nur die extreme Rechte ist. Für viele, oft junge Menschen bildeten die Orte israelfeindlicher Mobilisierungen, digital wie analog, wesentliche Orte der Politisierung. Antizionismus, Relativierungen der Shoah und Wissenslücken greifen ineinander – und haben Konsequenzen für die historisch-politische Bildung in den KZ-Gedenkstätten.
Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der nachfolgende Krieg samt seiner Nebenfronten haben international zu Kontroversen und emotional geführten politischen Diskussionen geführt, die auch an den Gedenkstätten nicht vorbeigehen. Dass in der aufgeladenen Stimmung eine sachliche Auseinandersetzung kaum noch möglich ist, zeigen nicht zuletzt die Ereignisse um den 80. Jahrestag der Lagerbefreiung in der Gedenkstätte Buchenwald (siehe S. 46). Aufgabe der Gedenkstätten muss es sein, einen sachlichen und wissenschaftlich begründeten Diskurs zu fördern. Der nachfolgende Beitrag zur antisemitismuskritischen Bildungsarbeit versteht sich als Anstoß dazu.
Der Umgang muss daher kontinuierlich reflektiert werden. Keine angemessene Antwort wäre es, das Thema zu umgehen, die Bedeutung des Antisemitismus für den Nationalsozialismus zu relativieren oder die Verfolgung von Jüdinnen und Juden unter andere Verfolgungsideologien und -praxen zu subsumieren, auch wenn sie selbstverständlich mit den anderen NS-Verbrechen in Bezug gesetzt werden muss. Das gilt auch für den historischen Ort Buchenwald. Der Anteil an Jüdinnen, Juden und als jüdisch Kategorisierten war hier mit 75.000 Häftlingen sehr hoch. Mit Bezug auf Adorno schreibt der Historiker Harry Stein zudem, dass sie auch hier der SS „nicht als irgendeine Gruppe oder Minderheit” galten, sondern als „‚die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches’, das es bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu bekämpfen galt.”1
Wenn man Auseinandersetzung mit Geschichte als ein gegenwartsbezogenes Fragen und Streben nach Orientierung versteht, in deren Zentrum die Lernenden stehen, dann sollte die Gegenwart des Antisemitismus auch am historischen Ort thematisiert werden, sollten Brüche und Kontinuitäten erkennbar und nachvollziehbar werden. Beispiele liefern die Teilnehmenden meist selbst, entweder, weil ihnen antisemitische Bilder bekannt sind oder weil sie diese, teilweise unbemerkt, reproduzieren.
Suchen sie nach Antworten auf die Frage, warum Jüdinnen und Juden verfolgt wurden, dann transportieren die Antworten oft selbst antisemitische Erzählungen und tiefsitzende Abneigungen. Der Verfolgungsgrund wird vermeintlichen Eigenschaften der Opfer zugeschrieben, nicht der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft – und das in so regelmäßiger Weise, dass massive Defizite in der Bearbeitung des Antisemitismus konstatiert werden müssen. Gleichzeitig gibt es kaum Bewusstsein dafür, dass Antisemitismus als Produkt bestimmter gesellschaftlicher Konstellationen an allen gesellschaftlichen Orten existent ist oder warum er in Krisenzeiten verschärft in Erscheinung tritt. Die Verschwörungserzählungen im Zuge der Corona-Pandemie oder die insbesondere in der extremen Rechten verbreitete Verschwörungserzählung über einen angeblichen „Großen Austausch“ der Bevölkerung durch Migration sind nur die offensichtlichsten Formen antisemitischer Welterklärungen.
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Diese Ausgangslage prägte auch die Rezeption des 7. Oktobers 2023. Der Angriff der Hamas und anderer Terrororganisationen auf Israel war eine Zäsur. Das bereits prekäre Sicherheitsgefühl von Jüdinnen und Juden wurde erschüttert, in Israel und außerhalb davon. Dan Diner merkte kurze Zeit nach dem Massaker an, die Hamas habe den Israelis einen Vernichtungstod in Aussicht gestellt.2 Auch Deborah Hartmann und Tobias Ebbrecht-Hartmann betonten, dass die Botschaft des Massakers eine genozidale gewesen sei.3 Mit dem völlig hemmungslosen Morden und dessen medialer Verbreitung bezog sich die Hamas auf den Holocaust und signalisierte, dass solche Taten wie die Verbrechen des 7. Oktober jederzeit und selbst in Israel möglich sein können. Naftali Fürst, bis zum April 2025 Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald Dora und Kommandos (IKBD), sprach sich gegen eine Gleichsetzung des Hamas-Massakers mit der Shoah aus, sagte aber auch:
„Ich erinnerte mich daran, was Hilflosigkeit von Eltern ist angesichts des puren Bösen und des abgrundtiefen Hasses. Und ich konnte nicht glauben, dass sich meine Enkelin, die in Israel lebt, in der gleichen Situation befindet wie Millionen jüdischer Mütter vor gerade einmal achtzig Jahren in einem anderen Land: Ihre zarten Babys im Arm, versuchen sie, sie vor der Hölle zu schützen, vor Menschen, die ihre Opfer nicht als Menschen betrachten. [...] An diesem Tag erinnerten uns die Terroristen der Hamas daran, dass es auch im Jahr 2023 immer noch Menschen gibt, die glauben, dass Juden kein Recht auf Leben und kein Recht auf ein eigenes Land haben.”4
Was für die einen eine schmerzhafte Vergegenwärtigung des beispiellosen Menschheitsverbrechens bedeutete, wurde anderen zur Einladung zur negativen Selbstermächtigung. Auf den 7. Oktober folgte eine Welle des Antisemitismus, die auch zwei Jahre später ungebrochen ist und sämtliche gesellschaftlichen Bereiche erfasste. Das auf den Antisemitismus bezogene „Nie wieder ist jetzt” verhallte ungehört.
Die Bedrohung steigt weiter, auch in Thüringen. Die Gefahr, die die AfD und andere extrem rechte Parteien oder Organisationen für jüdisches Leben darstellen, wird, wenn auch nicht konsequent bekämpft, so doch regelmäßig benannt. Doch auch von links und von islamistischen Akteuren geht Antisemitismus aus, wie etliche Vorfälle auch in Thüringen zeigen: Demonstrationen mit hunderten Teilnehmenden fordern in Jena und Erfurt mit Rufen nach einer „Intifada“ regelmäßig Terror gegen Jüdinnen und Juden, die Hamas und die PFLP werden verherrlicht, in Weimar stürmten im Mai 2025 dutzende Personen eine Urbanistik-Vorlesung eines israelischen Dozenten. Bei einer Gedenkkundgebung in Jena zum 2. Jahrestag des 7. Oktober rief ein Passant, man solle die Gaskammern wieder aufmachen, eine Teilnehmerin wurde später mit „Fuck Zionists“ beschimpft. In Form des Antizionismus zeigt sich vielfach offener Antisemitismus; islamistische, (post-)nationalsozialistische und postsowjetische Ideologien bieten einen breiten Referenzrahmen.
Diese Ideologien sind keineswegs strikt voneinander zu trennen, die engen Zusammenhänge zwischen islamistischem und nationalsozialistischem Antisemitismus sind breit untersucht worden.5 Antisemitismus bildet auch gegenwärtig einen strömungsübergreifenden Kitt. So sehr der Antisemitismus historisch verankert ist, so gegenwärtig sind die Bedürfnisse, die er befriedigt. Selbstermächtigung oder Projektion und „Schiefheilung“, durch welche innere (psychische) Konflikte nach außen gerichtet und dort zum Schein lösbar werden, sind dabei zentrale Funktionen des Antisemitismus. Manche in die Krise geratenen sozialen Bewegungen, erwähnt seien etwa Teile der Klimabewegung,6 schöpfen neue Kraft aus einem radikalen Antizionismus. Nach Claussen ist der Antisemitismus Gewalt und Rechtfertigung der Gewalt zugleich.7 Dies gilt auch für den Antisemitismus im Gewand des Antizionismus.
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Bei der Aktualisierung antisemitisch-autoritärer Ideologien und der Vorbereitung schwerster Gewalttaten stellt die kritische und geschichtsbewusste Auseinandersetzung mit der Shoah eine Hürde dar. Dass die extreme Rechte nicht müde wird, dieses beispiellose Menschheitsverbrechen zu relativieren, ist bekannt. Die sogenannte Neue Rechte relativiert beständig den Nationalsozialismus und die Shoah,8 während u. a. auf TikTok die extreme vermeintlich alte Rechte immer erfolgreicher antisemitische Codes wie „271k“ platziert – der laut Holocaustleugner:innen angeblichen Zahl der während des Nationalsozialismus getöteten Jüdinnen und Juden. Von rechts außen kam, daher nicht überraschend, unverhohlene Häme für die Taten des 7. Oktobers, der Dritte Weg schimpfte gegen den „Terrorstaat Israel”.
Nicht nur diese Form des Antisemitismus ist anschlussfähig geworden. Auch im linken Spektrum wird die Shoah seit dem 7. Oktober offener relativiert – was nicht dazu verleiten sollte, in eine platte Hufeisen-Theorie zu verfallen. Der Antisemitismus von links ist auch in der Bundesrepublik nicht neu, man denke an den pro-palästinensischen Linksterrorismus der 1960er/70er-Jahre oder an Kunzelmanns Angriffe gegen einen angeblichen „Judenknax”. Neu ist die breite Vehemenz einer Schlussstrichforderung von links: Mit der rechten Schuldkult-Narrativen entsprechenden Parole „Free Palestine from German guilt” werden die Erinnerungskultur und die Auseinandersetzung mit der Shoah delegitimiert.
Hier kommt dem propagandistischen und kampagnenartigen Vorwurf eines durch Israel durchgeführten Genozids eine zentrale Bedeutung zu. Dieses Vorgehen ist nicht neu, hat aber bis zum 7. Oktober 2023 nicht dazu getaugt, eine größere Bewegung über zwei Jahre auf die Straße zu holen. Die Echo-Kammern der Sozialen Medien, die Krisen unserer Zeit und das sogenannte Ende der Zeitzeugenschaft haben ihren Teil dazu beigetragen. Bei diesen Kampagnen handelt es sich nicht um legitime Formen des Abwägens und Urteilens über Aspekte der Kriegsführung der israelischen Armee oder begründete Sorgen um notleidende Zivilist:innen in Gaza, sondern, so könnte man es mit Adornos Worten zum Antisemitismus als „Gerücht über die Juden“9 nennen, um die Verbreitung eines Gerüchts über Israel. Dieses hat sich als vermeintliche Gewissheit immer weiter stabilisiert. Die auf anti-israelischen Veranstaltungen verbreitete Parole „One genocide does not justify another” lässt die Grenzen verschwimmen zwischen der Shoah und dem Krieg gegen die Hamas, relativiert den Holocaust und dämonisiert Israel.
Die durch das Massaker ausgelöste negative Selbstermächtigung hat die Hoffnung geweckt, sich der Shoah entledigen zu können. Gleichzeitig ist die projektive Verbindung von Jüdinnen und Juden und dem Staat Israel mit Schuld, Auschwitz und Massenmord so eng, dass das ersehnte Vergessen zusammenfallen muss mit der Vernichtung Israels „from the river to the sea”. Das macht den Post-Shoah-Antisemitismus zu einer potenziell mörderischen Gefahr. Israel ist jedoch nicht nur Projektionsfläche für diesen Antisemitismus, sondern auch für den tradierten modernen Antisemitismus und die Gewalt der (post-)kolonialen und nationalstaatlichen Welt. Diese wird auf den jüdischen Staat projiziert und in ihm isoliert. Damit verbunden ist ein Erlösungsversprechen, ob es nun explizit oder implizit ist: Werden Jüdinnen und Juden und Israelis massenhaft ermordet und Israel zerstört, dann löste sich die eigene Ohnmacht samt der globalen Ungerechtigkeiten auf: „Palestine will set us free”. Durch die genozidale Botschaft der Hamas ist dieses Heilsversprechen greifbarer geworden – und hat sich als antisemitisches Deutungs- und Mobilisierungsmuster nicht nur in Europa und den USA, sondern auch in Lateinamerika verbreitet.
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Für viele, oft junge Menschen bildeten die Orte israelfeindlicher Mobilisierungen, digital wie analog, wesentliche Orte der Politisierung. Gezielte Desinformationskampagnen haben ihre Wirkung entfaltet. Laut RIAS Thüringen10 standen 41 Prozent der gemeldeten antisemitischen Vorfälle 2024 im Zusammenhang mit dem 7. Oktober und dem anschließenden Krieg und boten diesbezügliche Mobilisierungen zentrale Gelegenheiten für offene und aggressive Äußerungen und Handlungen. Bildungsarbeit, besonders an Orten antisemitischer Massenverbrechen, kann sich diesen Entwicklungen gegenüber nicht verschließen.
Ein zentrales Lernziel antisemitismuskritischer Bildung ist grundsätzlich das Bewusstsein dafür, dass Antisemitismus nur bedingt etwas mit Jüdinnen und Juden zu tun hat und vielmehr Ausdruck gesellschaftlicher Projektionen und Selbstbilder ist. Gespräche über Wesen und Funktionen von Gerüchten bieten daher einen sinnvollen Einstieg in die Auseinandersetzung mit Antisemitismus. So beginnt die Auseinandersetzung mit einer Reflexion lebensweltlich bekannter Mechanismen, deren reales Objekt erstmal keine Rolle spielt. In die Entwicklungen seit dem 7. Oktober 2023 übersetzt heißt dies, dass der zunehmend verbreitete Antizionismus mit der Realität Israels nichts zu tun hat. Antizionismus in seinen politisch relevanten Ausprägungen ist überwiegend ein Ressentiment, welches jeder noch so durchdachten Aufklärung Grenzen setzt und somit auch dem Wirken von Historiker:innen. Soziolog:innen und letztlich Psycholog:innen sind gefordert.
Da, wo historisch-politische Bildung einen Unterschied machen kann, gilt es, das Ressentiment reflektiert in Verbindung mit Antisemitismus zu setzen sowie Wissen um dessen Erscheinungsformen und Sensibilität für dessen Wandlungsfähigkeit zu ermöglichen. Gerade hier herrscht Unsicherheit, selten wird die Gegenwart des Antisemitismus genauer behandelt. Damit entstehen bei potenziell Betroffenen berechtigte Zweifel, gesehen und gehört zu werden. Studien zeigen, dass Antisemitismus meist nicht als ein gesellschaftlicher Missstand erkannt wird.11 Man schiebt ihn weg, verortet ihn woanders: in anderen gesellschaftlichen Schichten, politischen Spektren, Kulturen, Institutionen. Davor ist auch die Gedenkstättenlandschaft nicht gefeit.12
Spricht man mit Teilnehmenden über Israel, dann ist meist festzustellen, dass viele Bilder und Meinungen existieren, aber kaum Wissen. Dass Israel so leicht als einseitiger Aggressor dargestellt werden kann, liegt auch an eklatanten Wissenslücken, für die keineswegs nur die junge TikTok-Generation verantwortlich gemacht werden kann. Denn insgesamt existieren nur geringe Kenntnisse über die Nachgeschichte der Shoah, die Geschichte des Zionismus, die israelische Staatsgründung oder die mit dieser verbundenen historischen Kontexte von Flucht und Vertreibungen von Juden und Jüdinnen und von palästinensischen Araber:innen. Auch was DP-Camps waren, dass sich am historischen Ort der Gedenkstätte Buchenwald ein solches befand, dass sie auch Orte jüdischen Überlebenswillens waren, an denen oftmals die blau-weiße Fahne mit dem Davidstern wehte, was Hachschara-Stätten waren und was sie mit dem Kibbuz Buchenwald zu tun haben, dass auf Zypern britische Internierungslager für aus Europa fliehende Jüdinnen und Juden existierten oder wie Israel gegründet und gestaltet wurde, wissen die allerwenigsten. Die Parole „Zionismus ist Faschismus” hätte wohl kaum so leicht Anklang gefunden, wenn Geschichte und Vielfältigkeit des Zionismus wie auch die Geschichte der Konflikte in Nahost bekannter wären.
Die fehlende Auseinandersetzung mit dem Zionismus hängt auch mit der deutschen Gedenkkultur zusammen. In ihr dominiert ein reduzierendes Bild von Jüdinnen und Juden. Sie sind entweder Opfer oder (angeblich) Gerettete. Als Subjekt werden sie höchstens in der Rolle als Zeitzeug:innen wahrgenommen. Dies ist eine weitere Herausforderung bei der Kontextualisierung des Ortes, seiner Überreste, aber auch der nachträglichen Ergänzungen. Besonders prägnant ist in der Gedenkstätte Buchenwald ein großformatiges Foto aufeinander gestapelter Leichen, aufgenommen 1945 im vorderen Hof der Verbrennungsanlage. Heute hängt es in einem der Räume des Gebäudes. Es soll Zeugnis und Beweis sein für das, was sich hier zugetragen hat. Nur zeigt es das, was viele insbesondere mit Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus verbinden: Tod und Leichenberge. Ein möglicher Kontrast muss sprachlich hergestellt werden, durch beispielhafte Betonung der Individualität oder das Sprechen über Widerstand. Erfahrungsgemäß kennen die meisten Teilnehmer:innen von Gruppenbetreuungen keine Beispiele für jüdischen Widerstand.
Zu diesem Unwissen passt die Empörung, die jüdische Wehrhaftigkeit hervorruft. Sie ist spätestens seit dem Sechstagekrieg auch in Teilen der deutschen Linken festzustellen und wird dort gegenwärtig durch autoritär-kommunistische und linkssektiererische Gruppen auf die Spitze getrieben. Mit ihrem Aktivismus versuchen sie, eine Neuauflage des Marxismus-Leninismus mit Bezügen auf die oftmals einseitigen Geschichtsnarrative der DDR zu untermauern, die inhaltlich wie baulich den historischen Ort Buchenwald überformt haben. Diese Gruppen traten bereits vor dem 7. Oktober an den Jahrestagen der Befreiung in Erscheinung. Sie vereinnahmten den ehemaligen Appellplatz mit einer Vielzahl von Organisations- und Parteifahnen. 2022 verließen Mitglieder der „Kommunistischen Organisation“ den Appellplatz demonstrativ während der Rede des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland.
Das Auftreten hat sich in den letzten zwei Jahren verschärft. 2024 wurde das Thälmann-Gedenken zu dessen Todestag am 18. August für israelfeindliche Positionen instrumentalisiert, gegenüber Mitarbeiter:innen der Gedenkstätte relativierten Teilnehmer:innen die Shoah. Mehrfach posierten Aktivist:innen vor der Figurengruppe am Mahnmal oberhalb der Massengräber am Südhang und zeigten dabei Gruppenfahnen, Fahnen der Sowjetunion, der DDR sowie Palästina-Fahnen und trugen sogenannte Kufiyas. Diese sind in diesem Kontext als Symbol des militanten Antizionismus zu verstehen. Der Kampf gegen Israel wird dargestellt als Verlängerung des kommunistischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte reagierte gegen die Raumnahme mit Verschärfung der Besucherordnung und Hausverboten.
Der Instrumentalisierung von Geschichte und Gedenkstätten im Sinne autoritärer Gruppen und der Relativierung der Shoah wären (neben der begründeten Vermittlung ihrer Beispiellosigkeit) insbesondere zwei Aspekte einer kritischen Geschichtsdidaktik entgegenzuhalten: Erstens die Bewusstwerdung über die Entstehung und den beständigen Wandel gesellschaftlicher Verhältnisse, in welche Menschen als geschichtsbewusste Subjekte eingreifen können. Zweitens, dass dieses Geschichtsbewusstsein Möglichkeiten zur Emanzipation aus den historisch gewachsenen Herrschaftsstrukturen eröffnet. Diese Lernziele lassen sich durchaus verbinden mit der Wissensvermittlung über die Geschichte des Zionismus.
Entgegen aller antisemitischen Projektion und trotz seiner Diversität und Vielschichtigkeit sowie seiner Verwandtschaft mit anderen nationalstaatlichen Bestrebungen ist der Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Zionismus ein beeindruckendes Beispiel für eine bewusste und emanzipatorische Gestaltung von Zukunft durch Jüdinnen und Juden, die sich gesellschaftlicher Ausgrenzung und massivem Antisemitismus ausgesetzt sahen. Noch deutlicher wurde dies mit der Shoah: Auf den Abgrund der Geschichte antwortete der Zionismus durch die Staatsgründung Israels mit einer Notbremse und schuf auf notwendig partikulare Weise ein ganz praktisches „Nie wieder”. Dies in das Bewusstsein auch der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft zu holen, wäre ein Weg, den Herausforderungen antisemitismuskritischer Bildungsarbeit nach dem 7. Oktober zu begegnen.
Der Historiker Timo Galki ist Bildungsreferent in der Gedenkstätte Buchenwald. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen vertiefende Workshops, Rundgänge und Mehrtagesveranstaltungen zur Geschichte des Antisemitismus sowie zur antisemitismuskritischen Bildungsarbeit.
1 Stein, Harry/Gedenkstätte Buchenwald (Hrsg.) (1992): Juden in Buchenwald, Weimar, S. 5.
2 Vgl. Diner, Dan (2023): „Hamas stellen den Israelis den Vernichtungstod in Aussicht“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Oktober 2023.
3 Hartmann, Deborah/Ebbrecht-Hartmann, Tobias (2024): Von der Unmöglichkeit, einfach weiterzumachen, in: Martini, Tania/Bittermann, Klaus (Hrsg.): Nach dem 7. Oktober – Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen, Berlin, S. 65–70, hier: S. 70.
4 Fürst, Naftali (2024): Ansprache bei den Mahnwachen gegen Antisemitismus im Weinbergspark, Berlin 2024.
5 Vgl. Schütz, Mathias (2010): Ideologien der Vernichtung. Nationalsozialismus und radikaler Islam, in: Langguth, Gerd/Mayser, Tilman (Hrsg.): Forum Junge Politikwissenschaft (Bd. 28), Bonn, S. 68–116; Küntzel, Matthias (2002): Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg, Freiburg, S. 8–13, S. 29 u. S. 34–61; vgl. Brumlik, Micha (2020): Antisemitismus. 100 Seiten, Bonn, S. 71–77; vgl. Küntzel, Matthias: Israels Schuld? Warum über die NS-Anteile am Nahostkonflikt nicht gesprochen wird, in: Keser, Fatma/Schmidt, David/Stahl, Andreas (Hrsg.) (2023): Gesichter des politischen Islam, Berlin, S. 436–457; Leshem, Ron (2024): Feuer. Israel und der 7. Oktober, Berlin, S. 151–153.
6 Vgl. Galki, Timo (2024): No climate justice on occupied land? Antisemitismus in der Umwelt- und Klimabewegung, in: BDP (Hrsg.): Blatt. Das Magazin des Bund Deutscher Pfadfinder_innen, Frankfurt, S. 20–23.
7 Vgl. Claussen, Detlev (2005): Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus (Erweiterte Neuauflage), Frankfurt am Main, S. XXIII.
8 Galki, Timo (2021): Gegen das kritische Geschichtsbewusstsein. Die Zeitschrift „Sezession“ und ihre Agenda, in: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora (Hrsg.): Reflexionen 2021. Schwerpunkt: Neue Rechte und Geschichtsrevisionismus, Weimar, S. 44–48.
9 Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia, Frankfurt a. M., S. 200.
10 Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.) (2024): Ein Bericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Thüringen. Antisemitische Vorfälle in Thüringen 2024, Berlin.
11 Chernivsky, Marina (2018): Keynote, in: Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment (Hrsg.): Antisemitismus in der Schule. Ein beständiges Problem? Berlin, S. 10–17.
12 Dies./Lorenz-Sinai, Friederike (2018): „Keine schwerwiegenden Vorfälle“ – Deutungen von Antisemitismus durch pädagogische Teams an Gedenkstätten zu ehemaligen Konzentrationslagern, Leverkusen.