Zum 8. Mai 2025, dem 80. Jahrestag seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa sowie anlässlich seines einjährigen Bestehens, bot das Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus in Weimar einem außergewöhnlichen Format die Bühne: Ute Delimats Tanzlesung „Gefangene der eigenen Erinnerung“. Eine deutschlandweit bislang einzigartige Darstellung von Geschichte, die biografisches Wissen, historische Fakten und künstlerische Virtuosität vereint und die NS-Zwangsarbeit in vielen ihrer Dimensionen begreifbar macht – den ganz persönlichen, den gesellschaftlichen, den gesamteuropäischen und bis in unsere Gegenwart währenden. Zugleich appelliert das Stück an Toleranz, Courage und Nicht-Vergessen. Die Performance übersteigt das Erwartbare – nicht allein mit Blick auf den Kanon von Aktivitäten für große Gedenktage – und setzt neue Impulse für eine zeitgemäße Gedenkarbeit.
Museum Zwangsarbeit
Die Göttingerin Ute Delimat hat die Lebensgeschichte ihrer Mutter Wiktoria Delimat (1926–2018) dokumentiert. 1940, im Alter von 13 Jahren, wurde Wiktoria durch die Nationalsozialist:innen aus ihrer Heimat Polen verschleppt: Transport in überfüllten Güterwaggons, Schläge und Bewachung in Baracken, Zwangsarbeit in Deutschland, der Verlust ihrer Eltern und Geschwister durch den Krieg und schließlich ein neues Zuhause bei einem Bauern im Landkreis Göttingen. Jahrzehnte später bleibt Wiktoria Delimat eine „Gefangene der eigenen Erinnerung“: Sie wollte vergessen, konnte es aber nicht. Ute Delimat liest die von ihr verfassten, familienbiografischen Texte selbst und eröffnet so einen unmittelbaren Zugang zur Lebensgeschichte ihrer Mutter. In Kombination mit Tanz und Musik wird daraus ein lebendiger Erinnerungsraum, der das historisch Bezeugte sinnlich erfahrbar macht.
©privat
Die Tänzerin Marie Zechiel übersetzt die Unmenschlichkeit der deutschen Besatzer:innen und die Demütigungen im Land der Täter:innen, denen Wiktoria Delimat als Zwangsarbeiterin ausgesetzt war, in berührende Szenen. Sie ergänzen das Gesprochene und verleihen dem Unsagbaren Ausdruck. Ihr Tanz ist keine dekorative Begleitung, sondern ein körperliches Zeugnis von Schmerz, Scham, Entwurzelung und der kaum fassbaren Sehnsucht nach Würde. Die Bewegungen sind kantig, stoßweise, manchmal kaum erträglich anzusehen – und gerade darin liegt ihre Kraft. Gabriela Croitoru untermalt und akzentuiert die Tanz-Szenen durch den facettenreichen Klang ihrer Konzertharfe, der von tröstend zart bis kraftvoll dramatisch reicht und die Grenzen zwischen Schönheit und Schmerz verschwimmen lässt. Lesung, Tanz und Musik wirken symbiotisch zusammen, was ästhetisch beeindruckt und das Bewusstsein für historisch-gesellschaftliche Zusammenhänge bereichert.
Die Aufführung vermittelt nicht nur die Perspektive der Betroffenen, sondern zeigt auch die transgenerationale Wirkung von verübten Verbrechen und deren (Nicht-)Aufarbeitung: Die Tochter trägt die Erinnerung der Mutter weiter und macht sie für die Gegenwart erfahrbar. Dabei wird die doppelte Bedeutung des Titels „Gefangene der eigenen Erinnerung“ deutlich: Wiktoria Delimat konnte ihre Erlebnisse nicht vergessen und erst viele Jahre nach Kriegsende darüber sprechen; ihre Tochter hat sich der Auseinandersetzung mit der Geschichte der NS-Zwangsarbeit und dem Engagement für die Würde aller Menschen verpflichtet. „Gerade jetzt, wo das Einmischen in Politik und Gesellschaft dringend notwendig ist“, sagt Ute Delimat, möchte sie „wachrütteln und berühren“. Dabei geht es ihr nicht um Schuld, sondern um die Geschichte der eigenen Familien, denn, so Delimat weiter, „die sollte man kennen – egal, ob Täter:innen oder Opfer“.
Ute Delimat ist es ein Anliegen, möglichst viele Menschen zu erreichen und für mehr historische Reflexion zu aktivieren. Ihre gemeinsam mit Marie Zechiel und Gabriela Croitoru entwickelte Tanzlesung ist eine beispielhafte und impulsgebende Antwort darauf, wie die Ansprache an ein heterogenes Publikum gelingen kann. Mit ihrer minimalistischen Form – eine Stimme, ein Körper, eine Harfe – setzen die drei Frauen dabei ein bewusstes Zeichen: Wenige Requisiten, nichts lenkt ab, nichts wird illustriert. Gerade diese Reduktion lässt Intensität entstehen, ohne jedoch zu überwältigen. Der Tanz, die Musik, das gesprochene Wort verdichten sich zu einer künstlerisch präzisen Darbietung, die die Nüchternheit historischer Fakten mit der Sensibilität persönlicher Erinnerung verbindet. So trägt die Tanzlesung dazu bei, Gedenken neu zu denken (Susanne Siegert): als etwas, das sich nicht in Archiven, Ritualen und der Musealisierung erschöpft, sondern auch interdisziplinär, körperlich und emotional vergegenwärtigt werden kann.
Die rund 70 Besucher:innen der zwei Vorstellungen am 8. und 10. Mai 2025 waren sichtlich berührt und zum Nachdenken und -fragen animiert, wie die jeweils im Anschluss organisierten und rege geführten Publikumsgespräche bekräftigten. Für das Museum Zwangsarbeit war die Tanzlesung der Höhepunkt einer Veranstaltungsreihe, die das Haus unter dem zuversichtlichen Motto WIR SIND EINS mit verschiedensten Akteur:innen zum ersten Museumsgeburtstag realisiert hat. Eine Ausnahme bildete das Angebot dennoch nicht, vielmehr entspricht es der Devise, der sich das junge Museum verschrieben hat: im konsequenten Umgang mit der Geschichte der NS-Zwangsarbeit Raum zu sein für Viele, für Vielfalt. #GeradeJetzt
Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Dorothee Schlüter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im Museum Zwangsarbeit.
Ute Delimat, geb. 1965 in Göttingen, bezeichnet sich als Generalistin, sie arbeitete in der Justiz, für Unternehmen, Verbände, Agenturen, das Radio, als Autorin. Die Suche nach ihrer eigenen Identität, die eng verbunden ist mit dem Schicksal ihrer Mutter Wiktoria, ließ sie nie los. Begegnungen und Gespräche mit Persönlichkeiten wie John Kornblum, Wolf Biermann und Natascha Wodin haben sie zum Schreiben der eigenen Familiengeschichte ermutigt.
Marie Zechiel ist professionelle Bühnentänzerin, renommierte Movement Director und Choreografin, die an der Schnittstelle von Film, Fotografie, Mode und Performance arbeitet. Sie hat u. a. mit Heidi Klum, Herbert Grönemeyer, Peggy Gou und globalen Marken wie Calvin Klein, Longines, VOGUE zusammengearbeitet. Ihre persönlichen Arbeiten – von Filmprojekten bis hin zu Live-Performances – erforschen stets die Schönheit im Hässlichen und setzen sich mit Fragen von Identität und der Komplexität des Selbst auseinander.
Gabriela Croitoru ist professionelle und mehrfach international ausgezeichnete Harfenistin. Sie studierte an den Hochschulen für Musik in Weimar und Würzburg und ist seit September 2023 Akademistin der Dualen Orchesterakademie Thüringen. Im Rahmen dieser spielt sie mit der Jenaer Philharmonie und dem Theater Altenburg-Gera. Erfahrung sammelte sie in zahlreichen Orchestern, darunter auch die Staatskapelle Weimar und das Symphonieorchester der Nationalphilharmonie „Serghei Lunchevici“ in der Republik Moldau.
Neu! Das Projekt „Gefangene der eigenen Erinnerung“ hat jetzt eine eigene Website: http://www.gdee.de