Seit der Gründung des Vereins im Jahr 1995 haben die ersten Wochen im April jeden Jahres für seine Mitglieder eine besondere Bedeutung. Der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora, der jährlich um den 11. April herum begangen wird, ist ein Fixpunkt in der Arbeit des Vereins. Über die Jahre hinweg war er immer wieder Anlass, nach Nordhausen zu kommen. Vielen ist es ein wichtiges Anliegen, an den Gedenkveranstaltungen teilzunehmen. Auch eigene Veranstaltungen werden immer wieder rund um den Jahrestag organisiert. Zugleich unterstützt der Verein die Gedenkstätte und übernahm lange Zeit die Begleitung ehemaliger Häftlinge und ihrer Angehörigen.
Mittelbau-Dora
Seit mittlerweile 30 Jahren ist der Verein Jugend für Dora in Nordhausen und darüber hinaus aktiv. Gegründet auf Initiative ehemaliger Häftlinge, engagieren sich seine Mitglieder für eine lebendige Erinnerungskultur und für ein kritisches Geschichtsbewusstsein. Mit kleinen und großen Projekten prägte der Verein in den letzten Jahren Gedenkveranstaltungen und den öffentlichen Umgang mit Standorten von ehemaligen Konzentrationslagern im Südharz mit.
Dieser Austausch mit Überlebenden und deren Unterstützung prägte die Entwicklung des Vereins. Sie waren auch Ausgangspunkt für die Gründung des Vereins. Unter der Überschrift „Jugend für Dora“ erschien in der Thüringer Allgemeinen zum 50. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora 1995 ein Aufruf von Jacques Brun, Generalsekretär des Comité Européen Dora, Ellrich, Harzungen et Kommandos mit dem Titel „Pour la Memoire“.
Eine Gruppe junger Leute sollte „die Arbeit der überlebenden Häftlinge für die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora [fortsetzen]. Es geht um die Bewahrung der Gedenkstätte zur Erinnerung und Mahnung; den Ausbau und die Sicherung der historischen Reste und die Nutzung der Gedenkstätte als Ort der Begegnung. [...] Ferner geht es um die Förderung von künstlerischer Auseinandersetzung mit diesem Thema.“1
Dieser Zeitungsartikel führte zur Gründung des Vereins. Die von Jacques Brun genannten Aufgaben können bis heute in der Arbeit des Vereins erkannt werden, wobei mit der Zeit immer wieder neue Schwerpunkte gesetzt wurden.
Die ersten Projekte des Vereins waren sehr stark auf das Sichtbar-Machen fokussiert. An verschiedenen Standorten ehemaliger Lager des KZ Mittelbau-Dora legten Mitglieder bauliche Überreste frei. Bereits 1996 wurde ein erstes „Workcamp“ organisiert. Die Teilnehmenden arbeiteten auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora an der Ausgrabung des 1952 abgetragenen ehemaligen Arrestzellenbaus. Ein Jahr darauf wurde die Trasse des Lagerzauns freigelegt. Eine besondere Verbindung hat der Verein auch mit dem Gedenkort Ellrich-Juliushütte. Bei verschiedenen Workcamps wurde das Gelände zugänglich gemacht und Überreste der Gebäude gesichert. Der Verein stellte zu Beginn der 2000er-Jahre erste Informationsschilder an dem Gedenkort auf.
Das „Sichtbar-Machen“ ging stets über die baulichen Überreste hinaus. Vereinsmitglieder und Teilnehmende der Workcamps recherchierten über die Orte und stellten Informationen zusammen, um sie Interessierten zugänglich zu machen. Menschen sollen auf die Verbrechen aufmerksam gemacht werden, die von Deutschen im Südharz begangen wurden. Exemplarisch dafür ist das Workcamp 2002, bei dem die verschiedenen KZ- und Baustellenorte entlang der Zorgetalbahn zwischen Ellrich und Nordhausen mit Installationen kenntlich gemacht wurden. Mit Flyern gingen die Teilnehmenden auch in die Züge, um Fahrgäste über KZs und Zwangsarbeit zu informieren. Bis heute ist es ein Ziel des Vereins, auf Menschen zuzugehen und auf die engen Kontakte zwischen Konzentrationslagern und Gesellschaft hinzuweisen.
©Jugend für Dora
Über einen langen Zeitraum organisierte der Verein regelmäßig solche Workcamps. Junge Menschen aus Deutschland, Polen, Frankreich, Italien und weiteren Ländern wurden dafür für mehrere Wochen nach Nordhausen eingeladen. Die Teilnehmenden beschäftigten sich dabei im Kern mit der Geschichte und dem Ort des ehemaligen KZ Mittelbau-Dora und seiner Außenlager. Der Verein entwickelte jedoch immer wieder neue Ideen und Programme.
Nicht zu vernachlässigen ist dabei die Unterstützung, die der Verein stets von Überlebenden erhielt. Ehemalige Häftlinge kamen zu den Workcamps, um mit den Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen und von ihren Erinnerungen zu berichten. Über die Jahre baute der Verein sehr enge Beziehungen zu Überlebenden auf und Freundschaften entstanden. Das Gründungsmitglied Dorothea August, die über lange Jahre die Vorsitzende des Vereins und persönlich sehr prägend für ihn war, schrieb dazu:
„Gespräche mit Überlebenden sind für uns fast etwas Selbstverständliches, aber stets in dem Bewusstsein, dass diese Gespräche und Treffen etwas sehr Besonderes sind. Wir haben Menschen aus aller Welt kennengelernt, haben aus ihren Biographien und von ihren Wegen erfahren. Wir haben uns wieder und wieder getroffen und eine fast familiäre Beziehung aufgebaut. Langsam müssen wir aber lernen, dass diese Beziehungen in ihrer Zeit begrenzt sind. Daraus erwächst etwas Neues für uns, für alle, nämlich die Verantwortung, diese Erlebnisse und Erfahrungen weiterzugeben. Wir können damit zwar die persönlichen Gespräche mit Betroffenen nicht ersetzen, aber die Erinnerung an sie bewahren.“
Zeitzeugen erweitern unseren Horizont. Diese Begegnungen regen unsere Gedanken an und bringen Fragen hervor, die letztendlich die Entwicklung unseres Vereins prägen.“2
©Jugend für Dora
Schon früh erweiterten sich die Aktivitäten des Vereins – von den Formaten bis zu den Themen. Mitglieder organisierten Vorträge und Lesungen und brachten sich damit in Gedenkveranstaltungen ein. Seminare und Workcamps des Vereins bekamen einen Bezug zu aktuellen Geschehnissen. So veranstaltete Jugend für Dora 2002 gemeinsam mit Kooperationspartnern das Seminar „Fremdsein in Ellrich“. Ein ehemaliger Häftling, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, aber auch Asylbewerbende tauschten sich über die Wahrnehmung des Fremdseins damals und heute aus. Die Arbeit des Vereins hatte nicht nur an dieser Stelle den Anspruch, auf aktuelle Entwicklungen einzugehen und die Arbeit in der Gedenkstätte in einen Bezug zur Gegenwart zu setzen. Auch die Workcamps des Vereins behandelten mit der Zeit weitere Themen zur Erinnerungskultur und Demokratie.
Immer wieder nahm sich der Verein größere Projekte vor und schloss sie erfolgreich ab. Ein besonderes Beispiel dürfte das Projekt „Zukunft der Zeitzeugen“ in den Jahren 2009 und 2010 gewesen sein. Bereits in diesem Zeitraum stand die Gedenkstätte vor der Frage, wie die Zukunft der Erinnerungsarbeit aussehen wird, wenn es immer weniger Zeitzeugen gibt. Die Leitfrage des Projekts war, wie sich ehemalige Häftlinge selbst das zukünftige Gedenken vorstellen. Der Verein konnte hier auf seine engen Beziehungen zu ehemaligen Häftlingen zurückgreifen. Verschiedene Interview-Teams reisten zu 15 Überlebenden in West- und Osteuropa sowie Israel, um zum einen über ihr Leben zu reden, aber auch ihre Wünsche und Befürchtungen für die künftige Erinnerungsarbeit zu erfahren. In den Interviews äußerten die Überlebenden unterschiedliche Einschätzungen. Die Sichtweisen waren ambivalent. „Wir haben die Hoffnung – in jeder Form – wenn wir sterben, ist alles noch in Ordnung. Nachher: Fragezeichen... Aber doch mit Hoffnung.“,3 so fasste es der Belgier Albert van Hoey zusammen. Besonders wichtig schien es den Überlebenden, dass die Gedenkstätten weiter ihre Arbeit tätigen können und dass gerade junge Menschen über die Verbrechen der Nationalsozialisten aufgeklärt werden.
Während der Verein weiter versucht, eigene Projekte anzustoßen und auf die Menschen in Nordhausen zuzugehen, musste er in den letzten Jahren doch merken, dass die Gedenkkultur immer stärker unter Druck steht. Das hatte auch Auswirkungen auf die Tätigkeiten von Jugend für Dora. So wurde in Sülzhayn ein Gedenkstein von 1947 von den Gräbern verstorbener Häftlinge durch einen neu errichteten Zaun abgegrenzt. Auch wenn es nicht die Intention der Verantwortlichen war, war dieses Bild für den Verein nicht ohne Weiteres hinnehmbar. Über mehrere Jahre wies er immer wieder darauf hin, unter anderem mit einer symbolischen Treppe über den Zaun hinweg. Zuletzt zeigte der Verein im Frühjahr 2025 mit einer Ausstellung in Nordhausen, wie im Südharz mit den Orten ehemaliger Konzentrationslager und mit Gedenkzeichen umgegangen wird. Etliche werden vernachlässigt und manche Gedenkzeichen sogar geschändet. Zugleich gibt es weiterhin zahlreiche Initiativen, die das Gedenken tragen.
©Jugend für Dora
In den 30 Jahren seit der Gründung des Vereins hat sich viel für ihn, an ihm und in ihm gewandelt. Trotzdem gibt es einen Kern, der in den Jahren bestehen blieb. Der Verein steht für eine ganz besondere Arbeits- und Diskussionskultur. Bei den Vereinstreffen wird über Stunden intensiv an Ideen und Projekten gearbeitet. Alle können ihre Meinung äußern und in einem langen Prozess wird versucht, einen Konsens zu finden. Gleichzeitig kann jeder seine individuellen Stärken einbringen, um ein Projekt weiter voranzubringen, das neben Schule, Studium oder Job ehrenamtlich geplant und umgesetzt wird. Die sehr intensiven Wochenenden der Vereinstreffen ermöglichen einen tiefen Austausch, auch abseits der Vereinsarbeit und während der gemeinsamen Abendessen. Der Verein ist weiterhin eng mit der Region um Nordhausen verbunden. Viele Mitglieder haben Jugend für Dora kennengelernt, während sie in der Gedenkstätte tätig waren. Die Arbeit im Verein eröffnet die Möglichkeit, regelmäßig zurückzukommen. Zumindest der Jahrestag ist dafür jedes Jahr aufs Neue ein wichtiger Anlass.
Dennoch steht der Verein auch vor Herausforderungen. Mittlerweile sind die aktiven Mitglieder über ganz Deutschland verteilt. Es besteht zwar eine Verbindung zur Gedenkstätte, aber nicht immer zur Region, wie es in den ersten Jahren des Bestehens des Vereins der Fall war. Während der Corona-Pandemie fiel der Fixpunkt des Jahrestags als Veranstaltung in Nordhausen aus. Es wurde schwerer, gemeinsam zu diskutieren. Der digitale Austausch hilft sehr viel bei den Aktivitäten des Vereins, aber die gemeinsamen Wochenenden in der großen Runde aktiver Mitglieder sind unverzichtbar. Da werden die besten Projektideen entwickelt.
Ansgar Quint war 2011/12 als Freiwilliger im Sozialen Jahr und anschließend bis 2024 als freier Mitarbeiter an der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora tätig. Seit 2012 ist er Mitglied von Jugend für Dora und seit 2022 Mitglied des Vorstands.
1 Thüringer Allgemeine Zeitung (04.05.1995): „Jugend für Dora“.
2 Zitiert nach: Jugend für Dora (2014): „gemeinsam – Der Jahrestag der Befreiung aus Sicht von Jugend für Dora“, S. 30.
3 Jugend für Dora (2010): „Die Zukunft der Zeitzeugen“, S. 26.