Mittelbau-Dora

„Befreiung“ verorten, kontextualisieren und präsentieren

Wie eine dezentrale Outdoor-Ausstellung Lokalgeschichte, Forschung und Erinnerung im Jubiläumsjahr 2025 zusammenbrachte.

Zehn Stelen, aufgestellt an verschiedenen historischen Orten in Nordhausen und Ellrich, erzählten von der Befreiung des KZ Mittelbau Dora. Die Ausstellung holte die Befreiung 1945 in den Alltag der Gegenwart und machte die Vielschichtigkeit des Ereignisses im öffentlichen Raum sichtbar.

Freistehende Informationstafel im öffentlichen Raum, teilweise von grünen Blättern beschattet. Die Tafel zeigt ein historisches Schwarzweißfoto und erläuternden Text auf Englisch zum Thema Mittelbau-Dora und dem Außenlager Ellrich. Im Hintergrund ist ein ruhiger Marktplatz mit gepflastertem Boden, Bäumen und Gebäuden zu sehen, darunter ein Haus mit der Aufschrift „Sparkasse“.
Ausstellungsstele Ellrich. Das historische Bild zeigt eine von den US-Amerikanern auf dem Markt ausgestellte Rakete. Das Gebäude, das damalige „Kaffee Brauer“, in dem heute die Sparkasse ihren Sitz hat, ist anhand der drei Dachfenster gut wiederzuerkennen

Von April bis August 2025 präsentierte die KZ-Gedenkstätte Mittelbau Dora eine Ausstellung mit dem Titel „Nach der Befreiung. Mittelbau Dora im Frühjahr 1945“. Ihre Idee war es, anlässlich des achtzigsten Jahrestags der Befreiung des KZ Mittelbau Dora einen genaueren Blick auf den Lagerkomplex Mittelbau und sein Umfeld im April 1945 und in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu richten. Im Vorhinein hatten Angehörige von US Veteranen der Gedenkstätte neue Aufnahmen der Befreiung des Außenlagers Boelcke Kaserne, des zentralen Sterbelagers des KZ Mittelbau in Nordhausen, übergeben. Zudem hatte die archäologische Erschließung des ehemaligen Außenlagers Ellrich Juliushütte (vgl. Beitrag von Flindt u. a., S. 124) neue Erkenntnisse zur genauen Lokalisierung der dort begangenen Verbrechen hervorgebracht, deren Spuren die US amerikanischen Befreier im Sommer 1945 fotografisch dokumentiert hatten. Diese Funde und Forschungsergebnisse bildeten den Ausgangspunkt der Ausstellung, in der Bilder, primär historische Fotografien, das Hauptmedium sein sollten.

Bei der inhaltlichen Erarbeitung des Ausstellungsthemas „Befreiung“ trat dessen Komplexität hervor. Sie besteht darin, dass unterschiedliche Personengruppen mit heterogenen, teils widersprüchlichen Perspektiven, Erfahrungen und Emotionen in die historischen Ereignisse involviert waren.

Das gilt zunächst für die Befreiten: In den Lagern des KZ Komplexes wurden gemessen an den durchschnittlichen Belegungszahlen nur wenige Häftlinge befreit. Die SS hatte die Lager Anfang April räumen lassen und die Häftlinge auf Räumungstransporte gezwungen. Die Häftlinge, die diese Transporte überlebten, wurden an anderen Orten befreit.

Viele Lager des KZ Mittelbau, die die US-amerikanischen Truppen erreichten, waren daher komplett oder weitestgehend verlassen. Im bereits erwähnten Außenlager Boelcke-Kaserne fanden die Soldaten und Kriegsberichterstatter nur wenige entkräftete Überlebende zwischen rund 1.300 toten Häftlingen vor. Die Bilder und Filmaufnahmen, die sie dabei machten, gingen bald um die Welt und gehören heute zu den bekanntesten Zeugnissen der NS-Verbrechen.

Die Befreier ihrerseits zeigten sich einerseits erschüttert über die in den Lagern des KZ Mittelbau begangenen Verbrechen, andererseits höchst interessiert an der Technik, die sie in den Stätten der Waffenproduktion im Kohnstein vorfanden.

Die lokale Bevölkerung schließlich erlebte die Befreiung ebenfalls hautnah, denn die Lager des KZ Mittelbau lagen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Im durch Chaos und Zerstörung geprägten Nachkriegsalltag nutzte sie die befreiten Lager teils als Unterkunft oder entnahm ihnen Ressourcen wie Wertstoffe und Baumaterialien. Sie ignorierte oder verdrängte dabei deren ursprüngliche Funktion. Zugleich wurde die Bevölkerung im Rahmen von Reeducation-Maßnahmen von den Alliierten zur Konfrontation mit den dort verübten NS-Verbrechen und zur Anerkennung der eigenen Mitverantwortung gezwungen.

Es galt, mit der Ausstellung diese unterschiedlichen Perspektiven abzubilden und verschiedene Geschichten von Befreiung im Frühjahr 1945 zu erzählen. Zehn Themenschwerpunkte wurden ausgewählt und auf zehn Stelen – dreieckigen Aluminiumgestellen mit bedruckbaren Dibond-Platten – dargestellt. Im Zentrum stand jeweils ein ikonisches Bild, das durch Text- und Bildmaterial ergänzt und kontextualisiert wurde.

Eine Präsentation der Stelen an einem zentralen Ort, etwa im Museumsgebäude der Gedenkstätte selbst, erschien wenig sinnvoll. Eine derartige Fokussierung auf den Ort des ehemaligen Hauptlagers und die damit einhergehende künstliche Trennung der Sphären Lager – Öffentlichkeit hätte das damalige Geschehen nicht angemessen abgebildet.

Ziel war es zudem, nicht allein die Besucher:innen der Gedenkstätte oder der Gedenkfeiern zum Jahrestag zu erreichen. Die Ausstellung verstand sich vielmehr als eine Art Intervention mit der Absicht, im Gedenkjahr 2025 Menschen im Alltag über die KZ-Befreiung zu informieren. Zugleich sollte sie die Omnipräsenz und Komplexität des Ereignisses vergegenwärtigen, das zwar zeitlich weit entfernt ist, sich aber räumlich an Ort und Stelle abspielte.

Aus diesem Grund bot sich die konzeptionelle und gestalterische Entwicklung einer Outdoor-Ausstellung an. Die Ausstellungsstelen sollten die Geschichten der Befreiung an den historischen Orten erzählen, an denen sie im Frühjahr 1945 und in den darauffolgenden Monaten stattgefunden hatten. Daher wurden sie nicht nur auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte, sondern in Absprache mit den beiden Bürgermeistern und den jeweils zuständigen Ämtern der Städte Nordhausen und Ellrich auch dezentral und im öffentlichen Raum aufgestellt. Der Ausstellungszeitraum wurde auf April bis Oktober 2025 festgelegt.

Die fünf Stelen auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora erzählten von der KZ-Räumung und den sogenannten Todesmärschen vor der Befreiung, von der Versorgung der stark geschwächten Überlebenden, die an den Folgen der KZ-Zwangsarbeit litten, von der Spurensicherung durch die Alliierten, von deren Inspektion der Raketenproduktion im Mittelwerk und von der Umnutzung des Lagers durch ehemalige Häftlinge sowie die lokale Bevölkerung. Durch ihre Größe und gut sichtbare Positionierung sollten sie als Anziehungspunkte die Besucher:innen an Orte locken, die auf deren üblichen Wegen über das Gedenkstättengelände sonst wenig Beachtung finden.

Gruppe von Menschen im Freien, die einer Rede zuhören. Rechts steht ein Mann im Anzug an einem Mikrofon und spricht. Die Zuhörenden stehen aufmerksam davor, einige mit Kopfhörern oder Blick auf ihre Notizen. Hinter der Gruppe befindet sich eine Informationstafel mit der Überschrift „Verdrängte Spuren“. Die Umgebung ist von Bäumen geprägt und wirkt wie ein Gedenk- oder Ausstellungsort im Wald.
Ausstellungsstele Gedenkort Ellrich-Juliushütte während der Gedenkveranstaltung zur Befreiung am 8. April 2025. Die historischen Bilder zeigen u. a. Reste eines Scheiterhaufens, dessen genauer Standort erst jüngst ermittelt werden konnte.
Eine Ausstellungstafel im Außenbereich mit dem Titel „(KEINE) BEFREIUNG“. Sie zeigt ein historisches Foto und erklärt die Situation im April 1945: Viele Häftlinge des KZ Mittelbau wurden nicht sofort befreit, sondern zuvor verlegt oder auf Todesmärsche geschickt.
Ausstellungsstele KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Das historische Bild zeigt ehemalige Häftlinge des KZ Mittelbau bei ihrer Befreiung im KZ Bergen-Belsen, in das sie mit Räumungstransporten gebracht worden waren.

Drei Stelen standen in der Stadt Nordhausen: Eine Stele informierte über die Befreiung des Außenlagers Boelcke-Kaserne. Zwei weitere Stelen standen am Nordhäuser Ehrenfriedhof, der zum achtzigsten Jahrestag der Befreiung nach einer umfassenden mehrjährigen Neugestaltung feierlich eröffnet wurde. Sie zeigten zum einen, wie die Nordhäuser Bevölkerung auf Befehl der US-Soldaten Gräber für die Toten der Boelcke-Kaserne anlegte und an den Gedenkfeiern teilnahm. Zum anderen dokumentierten sie die Umgestaltung des Erscheinungsbilds des Friedhofs im zeitlichen Verlauf und damit den Wandel der Erinnerungskultur während der vergangenen achtzig Jahre.

Zwei Stelen schließlich wurden in Ellrich aufgestellt. Eine Stele am Gedenkort Ellrich-Juliushütte präsentierte die neuen Forschungsergebnisse der archäologischen Erfassung des Orts. Die Stele am Ellricher Marktplatz bildete den Nachkriegsalltag in der Kleinstadt ab, in der die Alliierten ihre Fundstücke aus dem Mittelwerk öffentlich präsentierten, um die Bevölkerung über die NS-Verbrechen und ihre eigene Mitverantwortung daran aufzuklären.

Eine Übersichtskarte der Region um Nordhausen und Ellrich. Markiert sind zentrale Orte des KZ Mittelbau-Dora und seiner Außenlager, darunter Ellrich-Juliushütte, die Boelcke-Kaserne und der Ehrenfriedhof.
Übersichtskarte zu den Standorten der Ausstellungsstelen.

Die Präsentation der Stelen an verschiedenen Orten lud dazu ein, alle Stationen zu besuchen und so lokalgeschichtliche Spuren weiterzuverfolgen. Zugleich wurden auf allen Stelen QR-Codes zur Weiterleitung auf die Website der Gedenkstätte angebracht, auf der sämtliche Ausstellungsinhalte zugänglich gemacht wurden. Online sind die Informationen über den Zeitraum der temporären Intervention hinaus im Sinne einer Wissenssicherung dauerhaft abrufbar.

Das Konzept der Outdoor-Ausstellung hat sich insgesamt bewährt. Sie stellte zum einen eine Möglichkeit dar, das Gedenkstättengelände temporär und mit inhaltlichem Bezug zum konkreten Anlass des achtzigsten Jahrestags mit zusätzlichen Informationen zu erschließen. Zum anderen ließen sich mit den dezentralen Ausstellungsstelen historisch bedeutsame Orte der lokalen NS- und KZ-Geschichte in der Umgebung aufzeigen und kontextualisieren. Die Ausstellung war damit ein niedrigschwelliges Informationsangebot für Menschen, die nicht zielgerichtet die Gedenkstätte aufsuchen. Erfreulicherweise wurden die Stelen im öffentlichen Raum entgegen allen Befürchtungen während des Ausstellungszeitraums weder beschmiert noch anderweitig beschädigt – ein kleiner, aber nicht unwichtiger Hinweis auf die Akzeptanz der Ausstellung vor Ort.

Anne Otto ist wissenschaftliche Volontärin in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und war Teil des Ausstellungsteams zu „Nach der Befreiung. Mittelbau-Dora im Frühjahr 1945“.

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