Der schnellste Weg von Zittau ins tschechische Riesengebirge führt über Liberec. Wer mehr Zeit einplant und etwas abseits fährt, kommt in den kleinen Ort Rychnov bei Jablonec nad Nisou. Weit sichtbar ein Eisenbahnviadukt, in dessen Nähe sich der Bahnhof befindet. In der Bahnhofstraße steht ein großer Stein, dessen Inschrift an die Opfer eines KZ Außenlagers von Groß Rosen erinnert. Rychnov – damals deutschamtlich Reichenau – war für viele Häftlinge nur eine Station auf ihrem Leidensweg. Während der sogenannten Todesmärsche kamen Hunderte aus aufgelösten Außenlagern in das kleine Städtchen. Mit Zügen wurden sie von hier in andere, weiter westlich gelegene Konzentrationslager deportiert. Unter ihnen befand sich auch Fritz Rosenblatt, der am 1. März 1945 auf Transport ging – das Ziel: Buchenwald.
Buchenwald
Vor 55 Jahren erschien erstmals die Erzählung „Der siebente Brunnen“ von Fred Wander. Zum 20. Todestag des österreichischen Schriftstellers und Buchenwaldhäftlings erinnern wir an dieses wichtige Buch der deutschsprachigen Literatur über die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen.
Viel später wird er über den mörderischen Marsch aus dem Lager Hirschberg in Schlesien nach Reichenau berichten: „In den Abendstunden erblickten wir unter uns die Stadt. Lilienbleich der Himmel über uns, wie Sterne da und dort an den Hängen ein Licht. Die Vorstadt von Reichenberg. Schneeflocken begannen zu fallen und schluckten den Lärm. Wie Säulen standen Menschen an der Straße und rührten sich nicht.“1 Fritz Rosenblatt ist der Nachwelt weitgehend unbekannt geblieben, sein Pseudonym dagegen nicht: Fred Wander. Der österreichische Schriftsteller arbeitete seit den späten 1960er Jahren an einem Text über seine Lagererfahrungen. Mit der 1971 erschienenen Erzählung „Der siebente Brunnen“ schuf Wander ein erschütterndes literarisches Zeugnis des Terrors in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.
Dem schmalen Band, bestehend aus zwölf Kapiteln, ist eine Widmung für die tragisch ums Leben gekommene elfjährige Tochter Fred Wanders vorangestellt: Kitty starb 1968 nach dem Sturz in eine Baustellengrube vor dem Wohnhaus im brandenburgischen Kleinmachnow. Daneben findet sich ein Wort des bekannten Rabbiners und Philosophen Rabbi Löw. Es berichtet vom „siebenten Brunnen – Wasser der Lauterkeit, von allen Verunreinigungen befreit, [...] für künftige Geschlechter bereit, auf daß sie entsteigen der Dunkelheit“. Eben jener „siebente Brunnen“ gab dem Buch und einem Kapitel seinen Namen. Gleichzeitig verweist er auf die jüdischen Erzähltraditionen, an denen sich Wander für seinen Text orientierte.
Fred Wander erzählt „Anti Geschichten“ (Christa Wolf) von Menschen, deren Lebenswege sich in der Hölle der nationalsozialistischen Lager zufällig kreuzten, die sich wieder verloren und manchmal wiedersahen. Wir lauschen dem fünfzigjährigen Mendel Teichmann, der mit seinen Worten trotz des allgegenwärtigen Hungers eine „reichgedeckte Sabbattafel“ herbeizaubert. Wir lesen die doppelte Verwandlung des zwölfjährigen Manasse Rubinstein: vom Jüngling zum schlagenden Kapo des Lagers Hirschberg und anschließend zum weinenden Kind – all seiner Privilegien beraubt auf dem Appellplatz in Buchenwald. Wir verfolgen das Sterben des Häftlings Tadeusz Moll unter den Bäumen des Thüringer Waldes.
©Sylvia Vogelsberg, Privatbesitz Franz Waurig
Der Autor beschreibt das Grauen, ohne die Betroffenen als anonyme Masse Leidender oder revolutionärer Helden zu gestalten und ohne der Gewalt das letzte Wort zu überlassen. Die Geschichten der Häftlinge aus den Schtetln des Ostens und den Metropolen des Westens bleiben im Gedächtnis, weil sie zutiefst menschlich – und zeitlos – sind: Es geht um die alltäglichen Sorgen, den Genuss, die Liebe und den Sinn des Lebens. Die Geschichten halten die Totgeweihten am Leben; in (oder vielleicht gerade trotz) der größten Not erzählen sie sich Alltäglichkeiten und flüchten so wenigstens für einen kurzen Augenblick gedanklich aus der Hölle der Vernichtung: „Solch ein Bunker voll von Häftlingen träumte wohl ein ganzes Universum herbei, brodelte von ohnmächtigen Wünschen, ächzte wie ein Schiff, das mit Wasser vollläuft und absackt.“2
Fred Wander schreibt aber auch über jene, die diese Realitätsfluchten nicht ertragen, er dokumentiert die Verwandlung der Lebenden zu Toten („Denken die Männer unter dem Galgen?“). Er hinterfragt ebenso die Mordmotive der Peiniger, die aus dem Töten einen perfiden Wettbewerb machen, und berichtet über Menschen am Wegesrand, die zuschauen und zumeist nichts sehen (wollen). „Der siebente Brunnen“ ist auch literarische Dokumentation des selbst Erlebten: Hirschberg, Buchenwald – alles Orte, die der Autor durchlitten hat.
©Petra Matzat, Archiv der Akademie der Künste, Foto-AdK-O 551
Fred Wander, gebürtig Fritz Rosenblatt, wurde 1917 als Kind ostjüdischer Einwanderer in Wien geboren. Als 14 Jähriger verließ er die Schule und später auch das Elternhaus. Er verdiente sein Geld mit Gelegenheitsarbeiten in verschiedenen Ländern. Nach dem „Anschluss“ Österreichs floh er 1938 nach Paris. Wander kam nach dem deutschen Überfall auf Frankreich als „feindlicher Ausländer“ in ein Internierungslager und gelangte schließlich nach Marseille. Als auch dort das Leben immer gefährlicher wurde, entschloss er sich zur Flucht in die Schweiz. Die französische Polizei verhaftete ihn Anfang September 1942 beim versuchten Grenzübertritt.
Eine mehrjährige Odyssee durch verschiedene Lager folgte: Über Rivesaltes an der spanischen Grenze kam er nach Drancy bei Paris. Am 16. September 1942 wurde er in einen Zug nach Auschwitz gepfercht. In Cosel (heute Kozle/Polen), wenige Kilometer vor dem größten deutschen Lagerkomplex, mussten die arbeitsfähigen Männer aussteigen, die restlichen Deportierten wurden wenig später in Auschwitz ermordet. Wander gehörte zu einer Gruppe von Häftlingen, die fortan für die Organisation Schmelt3 Zwangsarbeit verrichten sollten. Die Suche nach Informationen zu dieser Zeit und weiteren Stationen seiner Lagerhaft gestaltet sich schwierig. Unklar bleibt, wann Wander aus Oberschlesien in das KZ Groß Rosen überstellt wurde. Der Grund: Für dieses Lager ist die Aktenlage sehr schlecht, viele Häftlings Personal Karten und andere Dokumente sind nicht überliefert. So bleibt der Rückgriff auf Wanders literarisches Schaffen. In seinen Büchern, auch im „Siebenten Brunnen“ finden sich einige biographische Hinweise, die jedoch kein vollständiges Bild ergeben.
Die Überlieferung setzt wieder im Februar 1945 ein: Wander musste mit knapp tausend anderen Gefangenen des aufgelösten KZ Außenlagers Hirschberg (heute Jelenia Góra/Polen) zu Fuß über das vereiste Riesengebirge nach Reichenau ziehen. Die Überlebenden des Marsches wurden mit dem Zug nach Buchenwald gebracht, wo sie am 7. März 1945 ankamen. Doch auch hier endete der Leidensweg nicht. Kaum registriert, überlebte Wander erst den Transport in das Außenlager Ohrdruf (Tarnname: „S III“) und anschließend den „Todesmarsch“ von Crawinkel nach Buchenwald. Am 11. April 1945 wurde er auf dem Ettersberg befreit. Was aber heißt Befreiung vor dem Hintergrund des erlebten Grauens? Ab wann ist einer befreit vom Gesehenen? Und was erwartet ihn in der Trümmerlandschaft, die der Krieg hinterließ?
Fred Wander kehrte nach Österreich zurück – ein äußerlich wie innerlich zerstörtes und bis 1955 zwischen Ost und West geteiltes Land. Er änderte seinen Geburtsnamen Rosenblatt zu „Wander“, arbeitete als Journalist und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs, die er 1968 verließ. 1956 heiratete er Elfriede Brunner. Auch sie wird schreiben und später berühmt werden, allerdings erst nach ihrem Krebstod 1977. Viele Literaturinteressierte verbinden den Namen Wander zuerst mit ihr: Maxie Wander. 1958 siedelten beide in die DDR über, behielten aber ihre österreichischen Pässe. Als Wandler zwischen den Welten bereisten Maxie und Fred Wander verschiedene Länder und verfassten Reisereportagen, die das Fernweh in der DDR stillen halfen. Nach dem tragischen Tod von Tochter und Ehefrau ging Fred Wander schließlich wieder nach Österreich zurück, heiratete erneut und starb 2006 in Wien. Begraben ist er jedoch in Kleinmachnow – neben Kitty und Maxie Wander.
1972 verfasste die Schriftstellerin Christa Wolf – gut bekannt mit den Wanders – einen Beitrag über den „Siebenten Brunnen“. In der Literaturzeitung Sinn und Form äußerte sie betrübt, dass neue Bücher über die NS Verbrechen nur noch von Wenigen gelesen würden. Über 25 Jahre nach „Auschwitz“ schien es, als ob alle Fakten bekannt wären, das Vergangene schon tot sei. Das Verhältnis der DDR zum „Siebenten Brunnen“ war ambivalent: Das DDR Kulturministerium zeichnete Wander für sein Buch 1972 mit dem Heinrich Mann Preis aus, bis 1987 erschien es in mehreren Auflagen.
Doch Wanders Erzählperspektive rief schnell parteioffizielle Kritiker auf den Plan: Das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR bemängelte das Kapitel „Joschko und seine Brüder“ über die Befreiung Buchenwalds. Und selbst der ehemalige Buchenwaldhäftling Walter Czollek plädierte in seinem wohlwollenden Gutachten zum Buchmanuskript für ein Nachwort, das den ideologischen Standpunkt Wanders und seine Positionierung für den DDR Antifaschismus deutlicher machen sollte. „Der siebente Brunnen“ erschien schließlich jedoch ohne diesen Appendix und mit dem kritisierten Kapitel.4
Anders als der Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz wurde das Buch nie zur verpflichtenden Schullektüre erhoben. Und auch als Filmstoff wurde die Erzählung abgewiesen. Nach einem zermürbenden mehrjährigen Kampf schrieb der Regisseur Eberhard Görner im Oktober 1983 resigniert an Fred Wander und nannte den offiziellen Grund der Ablehnung: „Die Häufung von Grausamkeit im Verhältnis zur Passivität der Figuren, [...] sei für die antifaschistische Traditionslinie, wie sie die DEFA versteht, nicht verfilmungswürdig“.5 Im gleichen Jahr verließ Wander die DDR, blieb dem Land als wichtigem Publikationsort seiner Werke jedoch verbunden.
In der Bundesrepublik brachte der DKP nahe Röderberg Verlag den „Siebenten Brunnen“ 1972 auf den Buchmarkt, größere Bekanntheit erlangte er jedoch erst durch die Auflagen im Luchterhand Verlag ab 1985. Übersetzungen ins Englische (1976 im DDR Verlag Seven Sea Publishers), Ungarische (1981), Tschechische (1982) und Niederländische (1985) machten das Buch auch im Ausland bekannt. Nach dem Ende der DDR kamen Ausgaben in Spanien, Finnland, Norwegen und den USA hinzu.
Die Zeit seines Exils in Frankreich und das Überleben in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern ließen Fred Wander auch nach dem „Siebenten Brunnen“ nicht los. Er schrieb die Erzählung „Ein Zimmer in Paris“ (veröffentlicht 1975) und arbeitete an einem Roman über den Flucht und Sehnsuchtsort Marseille. 1991 kam er unter dem Titel „Hôtel Baalbek“ im Aufbau Verlag heraus und blieb im Trubel der deutsch deutschen Vereinigung leider weitgehend unbeachtet. 1996 folgten Fred Wanders Erinnerungen. Vor allem dem Wallstein Verlag ist es zu verdanken, dass Wanders Bücher auch nach der Jahrtausendwende noch Verbreitung fanden. Seit 2006 gibt es allerdings keine deutschsprachigen Neuauflagen des „Siebenten Brunnens“ mehr.
Und obwohl seine Bücher gegenwärtig nur antiquarisch zu finden sind, wurden Leben und Werk von Fred Wander in den letzten Jahren mehrfach wissenschaftlich thematisiert. Zu den aktuellsten Arbeiten zählen die Dissertationen „Die Shoah und die DDR“ (Göttingen 2025), in der Alexander Walther das Erinnern verschiedener jüdischer NS Überlebender untersucht und auch Wander erwähnt sowie „Die Shoah in der Literatur der DDR“ (Heidelberg 2024) von Anja Thiele, die sich explizit mit dem „Siebenten Brunnen“ auseinandersetzt.
55 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen ist Fred Wanders Erzählung über das nationalsozialistische Lagergrauen also nicht vergessen. Es lohnt sich auch in Zukunft, das Buch zur Hand zu nehmen. Wanders Erzählweise und Vergangenheitsdarstellung machen es zu einem wichtigen Werk im Kanon der deutschsprachigen und internationalen Literatur über die Shoah. Seine Geschichten zeugen von Menschlichkeit und Wärme in Zeiten der Finsternis. „Die Welt ist heil noch“ heißt es treffend an einer Stelle des Buches.
Der Historiker und Westslavist Franz Waurig ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald.
Lesenswert:
Wander, Fred (1971): Der siebente Brunnen. Berlin (Ost) und Weimar, nur noch antiquarisch.
Thiele, Anja (2024): Die Shoah in der Literatur der DDR, Heidelberg (= Jenaer germanistische Forschungen. Neue Folge 47).
Walther, Alexander (2025): Die Shoah und die DDR. Akteure und Aushandlungen im Antifaschismus, Göttingen (= Buchenwald und Mittelbau Dora – Forschungen und Reflexionen 7).
1 Wander, Fred (1971): Der siebente Brunnen, 1. Aufl., Berlin (Ost) und Weimar, S. 42.
2 Ebd., S. 112–113 Diese SS Organisation koordinierte zwischen 1940 und 1943/44 den Einsatz von jüdischen Zwangsarbeiter:innen in Schlesien und im Sudetengebiet. Vgl. u. a. Barth, Susanne (2025): From Schmelt Camp to „Little Auschwitz“. Blechhammers Role in the Holocaust, West Lafayette/Indiana.; Rudorff, Andrea (2009): Das Lagersystem der „Organisation Schmelt“ in Schlesien, in: Benz, Wolfgang/Distel, Barbara (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Bd. 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager, München, S. 155–160.
4 Zum Druckgenehmigungsverfahren und zu den Auseinandersetzungen um die Erzählung siehe u. a.: Schneider, Ulrike (2012): Jean Améry und Fred Wander. Erinnerung und Poetologie in der deutsch deutschen Nachkriegszeit, Berlin/Boston, S. 231–257 (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 132).
5 Görner, Eberhard (2005): „Der siebente Brunnen“ von Fred Wander. Die Geschichte eines Films, der nicht gedreht wurde, in: Grünzweig, Walter/Seeber, Ursula (Hg.): Fred Wander. Leben und Werk, Bonn, S. 47–69, hier 58.