Stiftung

„Ausstellung für Alle“ als Pionierprojekt

Erkenntnisse und Herausforderungen auf dem Weg zu einer inklusiven Ausstellung über die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald

Gruppe von Menschen in einem modernen Ausstellungsraum, die um eine zentrale Vitrine stehen und sich austauschen. In der Mitte befindet sich ein mehrstöckiges Metallregal mit Glasvitrinen, in denen Objekte ausgestellt sind. Die Teilnehmenden wirken interessiert und im Gespräch, einige lächeln. Eine Person sitzt in einem elektrischen Rollstuhl. Der Raum ist hell, mit großen Fenstern, schlichten Wänden und gleichmäßig verteilten Deckenleuchten.
Workshop mit der Fokusgruppe an der Gedenkstätte Buchenwald: Besuch der „alten“ Dauerausstellung Speziallager

Eine „Ausstellung für Alle“ zu schaffen – mit diesem Ziel hatten wir als Team zur Neugestaltung der Dauerausstellung zur Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald unsere Arbeit aufgenommen. Dabei geht es uns nicht nur um die körperlichen und mentalen Voraussetzungen der Besucher:innen, sondern darüber hinaus um eine möglichst weit gedachte Teilhabe. Da unsere Gesellschaft von sozialer und kultureller Diversität geprägt ist, sind auch die Zugänge zu Bildung, Geschichte und Politik sehr unterschiedlich. Doch was bedeutet das konkret für die Gestaltung einer Ausstellung? Wie lassen sich historische Themen verständlich darstellen, ohne dabei ihre Komplexität zu verlieren? Und wie kann man den unterschiedlichen, sich unter Umständen widersprechenden Bedürfnissen der Besucher:innen gerecht werden? Ziemlich schnell war klar, dass der Weg dieses Pionierprojektes „Ausstellung für Alle“ nicht einfach sein würde.

Bereits die äußeren Rahmenbedingungen sind nicht einfach: Das Gebäude der Ausstellung liegt abgelegen am Nordrand der Gedenkstätte, gegenüber dem größten Gräberfeld des Speziallagers. Durch einen Zufahrtsweg ist es für Rollstuhlnutzer:innen – mit Unterstützung – allerdings gut zu erreichen. Mit ihren lediglich 200 qm sind diese Räumlichkeiten für eine Dauerausstellung relativ klein, gleichzeitig muss ein komplexes Thema möglichst verständlich und anschaulich dargestellt werden. Inklusive Ausstellungsgestaltung, die unterschiedlichste Angebote zum Verständnis der Sachverhalte bietet, braucht Platz. Zusätzliche inklusive Module wie Tast oder Medienstationen stellen im Rahmen eines begrenzten Budgets größere Ausgabenposten dar. Da das Gebäude aufgrund erheblicher baulicher Mängel umfassend saniert werden muss, ist das Projekt ohnehin mit einem deutlich erhöhten Zeit und Kostenaufwand konfrontiert.

Wie bei jedem Pionierprojekt muss also auch für den neuen Lernort „barrierearme Speziallagerausstellung“ der Weg dorthin erst gefunden und immer wieder zwischen verschiedenen Anforderungen ausgehandelt werden: Sei es die Abwägung baulicher Erfordernisse und finanzieller Möglichkeiten, aber auch die Frage, wie man mit möglichst einfachen Texten ein komplexes Thema erklären kann. Diese Aushandlungen führen häufig zu Kompromissen, die letztlich nicht allen Beteiligten gerecht werden.

Wie notwendig allerdings möglichst inklusive Lernangebote sind, verdeutlichte nicht zuletzt die jüngste Erhebung des Statistischen Bundesamtes, wonach der Anteil von Menschen mit Behinderung in der bundesdeutschen Bevölkerung weiter zunimmt. Hinzu kommt, dass knapp 60 Prozent der Bevölkerung nicht in der Lage sind, herkömmliche Ausstellungstexte mit einem hohen Sprach und Abstraktionsniveau kognitiv zu erfassen.1

Fortbildungen und der Austausch mit Fachkolleg:innen schärften den Blick für die sprachlichen Voraussetzungen einer barrierearmen Ausstellung. In der Zusammenarbeit mit Berater:innen für Museen und Kultureinrichtungen für inklusive Gestaltung kristallisierten sich einige wichtige Prinzipien für die Realisierung einer barrierearmen Speziallagerausstellung heraus: Dazu gehören ein sogenannter Fast Track, der die zentralen Inhalte der Ausstellung abbildet und von Personen mit Lernschwierigkeiten, aber auch von Personen mit geringem Zeitbudget oder Sprachbarrieren leicht verstanden werden kann, wie auch das „Mehr Sinne Prinzip“ (s. u.).

Um den Anspruch an eine inklusiv gedachte Ausstellung nachhaltig umzusetzen, wurde uns ziemlich bald bewusst, dass neben der hauseigenen Expertise historischer Forschung und der Expertise erfahrener Architektur und Gestaltungsbüros vor allem die unmittelbare und langfristige Zusammenarbeit mit Expert:innen in eigener Sache zentral ist: Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen, die ihre Bedürfnisse anbringen und mögliche Barrieren schon im Laufe der Ausstellungsgestaltung aufzeigen und kritisieren können.

Dabei konnten wir auf dem interdisziplinären Pilotprojekt der Gedenkstätte Buchenwald mit Angehörigen des Lebenshilfe Werks Weimar/Apolda e. V. aufbauen. Seit 2020 wirken Menschen mit Beeinträchtigungen gemeinsam mit Mitarbeiter:innen der Bildungsabteilung in Buchenwald an der Neugestaltung von Lernmaterialien mit, um bestehende Barrieren sukzessive abzubauen und auch Besucher:innen mit unterschiedlichsten Lernschwierigkeiten die Teilhabe am historisch politischen Bildungsprozess zu ermöglichen. Ziel dieser Arbeit ist es, in Zeiten von Geschichtsrevisionismus, zunehmender Diskriminierung und Exklusion einen gemeinsamen Dialog und darauf aufbauend wirkliche Teilhabe zu ermöglichen.

Nach einer gezielten Kontaktaufnahme waren verschiedene Expert:innen in eigener Sache bereit, unseren Prozess zu einer inklusiven Ausstellung zu unterstützen. In mehreren Workshops näherten sich die vier Teilnehmer:innen, die aufgrund von Beeinträchtigungen im Sehen, der Mobilität, der Wahrnehmung und dem Verstehen immer wieder mit großen Barrieren beim Lernen konfrontiert sind, zunächst inhaltlich dem Thema des sowjetischen Speziallagers. Daran schloss sich die Frage an, wie eine möglichst barrierearme Ausstellung aussehen könnte. Dabei setzte sich die Gruppe kritisch mit den Gegebenheiten und Herausforderungen an der Gedenkstätte auseinander:

Bereits der Weg über das Gelände der Gedenkstätte bis zum Museum bedeutet für sinnes und mobilitätseingeschränkte Menschen eine ernstzunehmende Hürde hinsichtlich der Geländebedingungen und Wegeführung. Ohne personelle Assistenz sind diese Menschen von dem Museumsbesuch ausgeschlossen. Diese Lücke gilt es zu schließen und mit möglichst leicht zugänglichen Informationen zur Wegeführung oder zu potenziellen Unterstützungsangeboten Transparenz herzustellen.

Kleiner Besprechungsraum mit mehreren Personen, die um einen Tisch sitzen und an einer Arbeitsrunde teilnehmen. Eine Person steht vorne und präsentiert Inhalte auf einer Pinnwand, die mit vielen farbigen Notizzetteln strukturiert ist. Auf den Tischen liegen Unterlagen, Notizbücher, Getränke und Snacks. Eine Person nimmt im Rollstuhl teil. Die Gruppe wirkt aufmerksam und im Austausch.
Erster Workshop mit der Fokusgruppe, 30.1.2025.

Einmal in der Ausstellung angekommen, war die Gruppe unmittelbar mit einer Vielzahl von Barrieren konfrontiert. Räumliche Hindernisse wie scharfe Kanten, Vorsprünge und Engstellen in den Ausstellungsräumen wurden als ernstzunehmende Unfallstellen für sinnes- und mobilitätseingeschränkte Personen identifiziert. Durch das Fehlen technischer, barrierearmer Designelemente und Orientierungshilfen wie z. B. unterfahrbare Tische oder Wegeleitsysteme waren die Ausstellungsinhalte für mobilitätseingeschränkte Personen und Rollstuhlnutzer:innen nur bedingt zugänglich.

Die textbasierte Ausstellungsgestaltung ließ bei den Gruppenteilnehmer:innen – die, das sei festgehalten, eine sehr hohe und absolut intrinsische Motivation zur Auseinandersetzung mit historischen Themen und der eigenen Teilhabe an der Ausstellungsgestaltung mitbrachten – die Motivation für eine umfassende Auseinandersetzung mit Ausstellungsinhalten schnell sinken. Dies bestätigte nochmal eindrücklich den engen Zusammenhang zwischen Lernmotivation und Lernumgebung. Das Fehlen von leicht verständlichen und kurzen Texten verstärkte – unabhängig von den sehr heterogenen kognitiven Lernvoraussetzungen innerhalb der Gruppe – das Empfinden von Desorientierung. Für sinnesbeeinträchtigte Besucher:innen der Ausstellung gab es mit Ausnahme des zusammenfassenden Films und zwei kleinen Hörstationen gar keine weiteren Möglichkeiten der Aneignung von Ausstellungsinhalten.

Durch die gemeinsame Begehung der Ausstellungsräume mit Menschen, die in ihrem Alltag mit unterschiedlichsten Barrieren konfrontiert werden, wurde unsere Perspektive auf die unterschiedlichen Erscheinungsformen solcher Hindernisse abseits von theoretischen Debatten deutlich geschärft. Dabei wurde uns besonders die Bedeutung eines Mehr-Sinne-Prinzips als Leitprinzip einer möglichst inklusiven Ausstellungsgestaltung ganz konkret vor Augen geführt. Durch das Ansprechen unterschiedlicher Lernkanäle im Rahmen einer musealen Ausstellung profitieren aber auch andere Besucher:innengruppen, indem z. B. kognitive Barrieren durch das Angebot unterschiedlicher Lernformen besser ausgeglichen und so die eigentlich zu vermittelnden Inhalte von möglichst vielen Besucher:innen verstanden werden können.

Eine Ausstellung kann in architektonischer Hinsicht noch so durchdacht konzipiert sein und trotzdem ihr Ziel verfehlen, wenn die Inhalte nicht klar und gut nachvollziehbar aufbereitet sind. Im Vorfeld der Workshops mussten wir uns als Ausstellungsteam damit auseinandersetzen, welche zentralen Inhalte von allen Besucher:innen mitgenommen werden sollten. Im Mittelpunkt der weiteren Arbeit mit der Fokusgruppe standen schließlich zentrale Fragen: Was war das sowjetische Speziallager Nr. 2? Welche Menschen waren hier interniert und warum eigentlich? Und wie passt diese Zeit in die Geschichte des Lernortes Buchenwald?

Bodeninstallation in einem Ausstellungsraum: Auf einer langen Holzleiste stehen mehrere historische Schwarzweißporträts. Daneben liegen verschiedene Bildkarten, Symbole und farbige Zettel mit Begriffen und Jahreszahlen, darunter „1945“. Die Elemente sind entlang einer Linie angeordnet und wirken wie eine Zeitleiste oder ein Vermittlungsformat. Im Hintergrund ist ein heller Raum mit Tisch und Stuhl zu sehen.
Arbeit mit dem haptischen Zeitstrahl – Einführung in die Nachgeschichte des Konzentrationslagers Buchenwald.

Um sich mit diesen Fragen in einer heterogenen Lerngruppe auseinandersetzen zu können, war es wichtig, die Expert:innen in eigener Sache in kurzer Zeit in die Lage zu versetzen, sich auf einem ähnlichen Informationsstand gleichberechtigt am gemeinsamen Dialog zu beteiligen. Dafür wurde auf die methodisch-didaktischen Erfahrungen der letzten Jahre an der Gedenkstätte in der Bildungsarbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten zurückgegriffen. Basierend auf dem bereits benannten „Mehr-Sinne-Prinzip“ bietet die Gedenkstätte seit 2023 Lernmaterialien an, die mithilfe visueller, haptischer und sprachlicher Zugänglichkeit Lernprozesse für Rezipient:innen vereinfachen und dadurch eine Auseinandersetzung mit historisch-politischen Themen auch für Gruppen mit unterschiedlichsten Lern- und Wissensvoraussetzungen ermöglichen, ohne die zentralen Vermittlungsthemen der Geschichte des KZ Buchenwald aus dem Blick zu verlieren.

Durch den Einsatz dieser Materialien und der damit verbundenen methodisch-didaktischen Herangehensweise war es der Fokusgruppe möglich, ausgehend von der Zeitebene des Konzentrationslagers Buchenwald inhaltlich an der Zeitebene des Speziallagers anzuknüpfen und so den Einstieg in dessen komplexe Thematik zu finden – eine Herausforderung vor der viele Schüler:innen in Buchenwald stehen, die grundsätzlich Interesse an der Geschichte des Speziallagers Nr. 2 haben, aber auf wenig bis kein Vorwissen zurückgreifen können.

Mit ausgewählten Biografien, Objekten aus der Lagerzeit und digitalisierten Zeitzeugeninterviews setzten sich die Teilnehmer:innen der Fokusgruppe exemplarisch mit den Themen „Ernährung und Hunger“ und „Isolation“ auseinander. Die Teilnehmenden reflektierten die inhaltliche Auseinandersetzung in einer beeindruckenden Anschlussdiskussion über die Verantwortung Einzelner im Nationalsozialismus und die Handlungsspielräume der sowjetischen Besatzungsmacht. Als Ergebnis dieser Expert:innenbefragung und der inhaltlichen Annäherung an das weitgehend unbekannte Thema kristallisierten sich demnach schnell grundlegende technische und didaktische Gestaltungselemente heraus, die im Museum umgesetzt werden müssen, um möglichst allen Besucher:innen eine individuelle Aneignung der historischen Inhalte zu ermöglichen und damit eine höhere Bildungsgerechtigkeit zu erreichen.

Eine Person sitzt an einem Tisch und hält mit beiden Händen ein kleines, rundliches Objekt aus dunklem Material. Im Hintergrund sind ein Rucksack, ein Stuhl und eine auf dem Boden liegende Karte zu sehen. Rechts am Tischrand befindet sich ein Holzobjekt mit der Jahreszahl „1945“.
Ein Objekt ertasten – Annäherung an die Geschichte sowjetischer Speziallager über die Geschichte des Objekts.

Anknüpfend an diese Erfahrungen wurde der aktuelle Stand der Planung den Expert:innen dann bereits mit visuell gestalteten und tastbaren Plänen vorgestellt. Der Architekt und Ausstellungsgestalter Alexander Butz (chezweitz, Berlin) gab der Gruppe eine genaue Vorstellung des geplanten Gestaltungskonzepts. Gemeinsam wurde intensiv diskutiert, wie sich Inhalte und Räume der Ausstellung so gestalten lassen, dass sie für möglichst viele Besucher:innen zugänglich werden. Dabei war insbesondere die Orientierung im Raum von großer Bedeutung, die die Gruppe im Entwurfskonzept gut umgesetzt fand. Die Einbindung von Gegenständen, Videos und verschiedenen – nicht textbasierten – Ausstellungsinhalten in die Konzeption war ebenfalls ein gemeinsames Anliegen der Gruppe. In der gemeinsamen Diskussion zu unterschiedlichen Herausforderungen formulierten die Teilnehmenden aufgrund ihrer Erfahrungen als Museumsbesucher:innen nun konkrete Wünsche an die neue Ausstellungsgestaltung.

Neben den baulichen Anforderungen, etwa an die Größe und Beschaffenheit der Tür, der sanitären Anlagen, der Anzahl von Sitzgelegenheiten und Ruhebereichen, evtl. mit Wasserspender, wurden notwendige Grundvoraussetzungen eines erfolgreichen Museumsbesuchs für unterschiedlich eingeschränkte Personen deutlich: Wichtig ist ein Informationsangebot, das bereits im Vorfeld der Ausstellung sowie für die Orientierung in der Ausstellung selbst genutzt werden kann. Dazu gehören der Einsatz von Legenden und Leitsystemen, starke Kontraste zur besseren Lesbarkeit, ein gezielter Einsatz von Farben, die Möglichkeit einer persönlichen Ansprache – gegebenenfalls ergänzt durch ein Lotsensystem –, multimediale Angebote und Texte in leicht verständlicher Sprache.

Um eine möglichst inklusive Teilhabe aller zu bewirken, stehen wir daher nicht nur vor technischen, sondern auch gestalterischen und erzählerischen Herausforderungen, denen wir uns gerne in enger Zusammenarbeit mit allen Beteiligten weiter widmen möchten. Das Ziel bleibt: eine Ausstellung für Alle. Aber das passiert nicht von alleine, sondern bedeutet, Inklusion von Anfang bis zum Ende mitzudenken und, wenn nötig, Kompromisse zu finden.

Lara Backhaus (Praktikantin in der Kustodie 2), Franziska Bula und Tim Thonagel (Inklusionsteam, Gedenkstätte Buchenwald), Dr. Anne Christine Hamel (Wiss. Mitarbeiterin im Ausstellungsprojekt der Kustodie 2) und Dr. Julia Landau (Kustodin).

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