Wie erzählt man von einem Ort, dessen Geschichte lange verschwiegen wurde? Wir als Studierende der Friedrich Schiller Universität Jena haben gemeinsam mit der Gedenkstätte Buchenwald eine Interimsausstellung zum sowjetischen Speziallager Nr. 2 entwickelt und versucht, für die damit verbundenen Geschichten gemeinsam Worte zu finden.
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„Man kann ja nicht [...] sagen: Mein armer Großvater oder so. Man muss ja auch wissen [vor] welchem Hintergrund”, bekräftigt Astrid Rühle entschlossen. Ihr Großvater, Curt Rühle von Lilienstern, starb 1946 im sowjetischen Speziallager Nr. 2 in Buchenwald. Astrid Rühle hat ihm 1996 aus einem Betttuch eine Kranzschleife gebastelt und auf dem Gräberfeld 1 an einem Baum befestigt. Die Schleife ist nicht nur ein Symbol der Trauer – Astrid Rühle hatte sich schon damals kritisch mit der NS Vergangenheit ihrer Familie beschäftigt. „Also das ist ganz schwer, ja. Dann liebt man die Leute. Und dann kann man nicht ertragen, wenn die … irgendwie was mit den Verbrechen zu tun haben. Oder in die Nähe kommen.” Die Zerrissenheit über die Tolerierung des NS Regimes durch den eigenen Großvater und sein Tod im Speziallager machte sie damals mit ihrem Schleifentext deutlich. Heute hat sie ihre Kranzschleife in der Interimsausstellung zum sowjetischen Speziallager in Buchenwald entdeckt.
Diese Interimsausstellung wurde im September 2025 eröffnet und markiert den Übergang von der Dauerausstellung aus den 1990er Jahren zur neuen Ausstellung über das sowjetische Speziallager. Bis zur Neueröffnung 2028 informiert sie unter dem Titel „(K)ein Ort des Schweigens. Das sowjetische Speziallager Nr. 2 in Buchenwald (1945–1950)” in der ehemaligen sowjetischen Verwaltungsbaracke über die Geschichte des Lagers und die damit verbundenen Biografien der damals Internierten.
Eine Besonderheit der Ausstellung besteht darin, dass sie unter studentischer Mitarbeit an der Friedrich Schiller Universität Jena entstanden ist. Als Team, das mit anderen Studierenden die Erfahrung machen durfte, eine Ausstellung zu erstellen, werfen wir in diesem Beitrag einen Blick zurück: Wie wird seit der ersten Ausstellung in den 1990er Jahren mit der Geschichte und dem Gedenken an das Speziallager Nr. 2 umgegangen? Welche Möglichkeiten, aber auch Grenzen sind uns im Erarbeitungsprozess einer eigenen Ausstellung begegnet? Und welche Reaktionen gab es bisher auf die Ausstellung?
Um diese Fragen zu beantworten, haben wir Interviews mit Besucher:innen der Interimsausstellung geführt sowie Mitarbeiter:innen aus der Gedenkstätte zur nun schon über 30 jährigen Ausstellungsgeschichte zum sowjetischen Speziallager Nr. 2 in Buchenwald befragt.
©Barbara Krug
Die erste Dauerausstellung zum sowjetischen Speziallager wurde 1997 eröffnet. Sie entstand in einem gesellschaftlichen Klima, das sich durch verschiedene Formen des Misstrauens in Bezug auf die Thematisierung der Speziallager auszeichnete. Während rechte Akteure versuchten, Konzentrations und Speziallager gleichzusetzen, wurde das Unrecht in linken Diskursen als notwendige Entnazifizierung relativiert. Der Kontext der politischen Instrumentalisierung führte dazu, dass man in der Gedenkstättenarbeit eine starke Trennung zwischen der wissenschaftlichen Information über die Speziallager und einem Gedenken der Toten vollzog. Dies schlug sich unter anderem in der Gestaltung des Ausstellungsgebäudes auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald sowie in seiner Bezeichnung als Dokumentenhaus nieder.
Das Ziel der Ausstellung war, gerade auch in Abgrenzung von der zeitlich damals noch nicht so fernen Geschichtspolitik der DDR, eine nüchterne, stark kontextualisierte Darstellung des historischen Quellenmaterials. Dieses Vorgehen bedeutete zunächst eine klare Distanzierung von politischer Instrumentalisierung. Zugleich eröffnete es Betroffenen und Angehörigen erstmals die Chance, die spezifische Unrechtserfahrung der Speziallager jenseits des Konfrontationskontextes zwischen West und Ostblock zu reflektieren.
©Barbara Krug
©Barbara Krug
Die grundsätzliche Trennung zwischen Information und Gedenken ist im gegenwärtigen, veränderten gesellschaftlichen Kontext noch von Bedeutung, auch wenn sowohl die Information als auch das Gedenken unter anderen Vorzeichen stehen. Da die hitzigen geschichtspolitischen Debatten der 1990er Jahre mittlerweile selbst Geschichte geworden sind, besteht die Aufgabe einer neuen Ausstellung zum Speziallager heute vor allem darin, das Thema überhaupt präsent zu machen. Das geringe Wissen innerhalb der Gesellschaft über die Speziallager Geschichte steht im Spannungsverhältnis zu ihrer Komplexität.
Was die Sichtbarkeit des Themenkomplexes auf dem Gedenkstättengelände betrifft, hat die Interimsausstellung einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem eher abseits gelegenen Dokumentenhaus: Der Ausstellungsort, die ehemalige sowjetische Verwaltungsbaracke, wird von allen passiert, die sich dem ehemaligen Lagertor nähern. Was diese gesteigerte örtliche Präsenz für die Wahrnehmung der Besucher:innen bedeutet, bleibt abzuwarten. Fest steht: Das Gedenken an die Opfer der Speziallager verbleibt außerhalb etablierter Formen politischer Instrumentalisierung vor allem eine Aufgabe der Betroffenen und ihrer Angehörigen, wobei von den Betroffenen nur noch wenige am Leben sind. Das Ausstellen zum Speziallager vollzieht sich demzufolge immer im Kontext der in den Auseinandersetzungen gewonnenen Differenzierung: Für den Unrechtscharakter des Speziallagers spielt die Schuld der Inhaftierten keine Rolle, für das Gedenken dieses Unrechts allerdings schon.
Auch für die Frage nach der Struktur der Ausstellung ist diese veränderte gesellschaftliche Situation von Bedeutung. Für Rikola Gunnar Lüttgenau, Kurator der ersten Dauerausstellung, ist die chronologische Darstellung einer kleinen Auswahl von Dokumenten, vermittelt durch die „auktoriale Erzählung des Historikers”, dieser Situation sowie den Standards gegenwärtiger Ausstellungspraxis nicht länger angemessen. Von der jüngsten Interimsausstellung hatte er deswegen einen moderneren Ansatz erwartet, der von den Objekten ausgeht. In diesem Sinne plant das Projektteam der neuen Dauerausstellung, eine Art „Labor“ zu entwickeln, das Forschungslücken sichtbar macht und Besucher:innen zum Mitdenken anregt, damit sie eigene Fragen entwickeln und sich selbstständig mit dem Thema auseinandersetzen können.
Dadurch kann eine Ausstellung zum Speziallager heute eine zentrale Erfahrung mit Geschichte vermitteln, die in der Darstellung historischer Komplexität und dem Ringen im Umgang mit dieser liegt. Als Studierende, die die Ausstellung mitentwickelten, konnten wir das hautnah erleben. Mit Beginn des Wintersemesters Anfang Oktober 2024 begann unsere Arbeit an der Interimsausstellung.
©Rikola-Gunnar Lüttgenau
Wir saßen im einzigen Seminarraum des Historischen Instituts in Jena, draußen regnete es – typisches Oktoberwetter. Zunächst waren nur drei Plätze besetzt, doch wenige Minuten vor Beginn des Seminars, in dem eine Ausstellung zum sowjetischen Speziallager Nr. 2 in Buchenwald entstehen sollte, war der Raum zum Bersten gefüllt. Zwischen den Tischen bildeten sich kleine Gesprächsrunden, auf manchen Laptops leuchtete der noch hastig geöffnete Wikipedia Eintrag zu den Speziallagern. Schließlich saßen Studierende sogar auf dem Boden oder den Fensterbrettern.
Die Vorstellung des Seminarprogramms zeigt, warum so viele gekommen waren: Hier sollte keine Hausarbeit entstehen, die in einer Schublade verstaubt, sondern eine Ausstellung. Diesen langwierigen Prozess begleitete nicht nur unser Seminarleiter Prof. Dr. Jens Christian Wagner, sondern auch ganz maßgeblich Franziska Mendler, Franz Waurig und Dr. Julia Landau aus der Gedenkstätte Buchenwald. Über das Semester fanden wir uns in Kleingruppen zusammen, erarbeiteten Impulsvorträge, diskutierten über die Quellenauswahl und schufen damit die Grundlage für das spätere Ausstellungskonzept.
Schon in der ersten Seminarstunde war ein Begriff besonders präsent – ein sogenanntes „Drehbuch“ war plötzlich das Hauptthema. Wir lernten, dass es sich um ein Konzept handelt, in dem alle wesentlichen Informationen zu einer Ausstellung festgehalten werden. Unsere Aufgabe bestand darin, zu einem bestimmten Thema einen Entwurf für das gemeinsame Drehbuch zu erstellen. In diesen Entwürfen sollten die Ausstellungstexte und ausgewählte Quellen zusammengeführt werden. Auf der Suche nach passendem Material waren wir unter anderem im Staatsarchiv Leipzig, nahmen Kontakt zum Bundesarchiv in Berlin auf und fuhren mehrmals nach Buchenwald. Dort fanden wir auch die Kranzschleife, die Astrid Rühle ihrem Großvater widmete. Der persönliche telefonische Kontakt zu Angehörigen von ehemals im Speziallager Internierten eröffnete einen Erfahrungsraum, der über die üblichen Studienerwartungen hinaus ging.
Während unserer Recherchen waren wir mit Unmengen an Archivmaterialien konfrontiert. Genau hier lag eine der vielen Herausforderungen: Nach welchen Kriterien sollten wir überhaupt entscheiden, welche Quelle besonders relevant war und ein Teil unserer Ausstellung werden sollte? Ebenso anspruchsvoll war die Auseinandersetzung mit Angehörigen, deren persönlicher Eindruck über ihren „guten Großvater“ mit den Recherchen in historischem Quellenmaterial und seiner Biografie im Nationalsozialismus kollidierte. Letztlich mussten die Ergebnisse unserer Arbeit zusammengetragen und die Essenz verständlich auf den Punkt gebracht werden. Eine begrenzte Anzahl an Zeichen führte dazu, dass wir Sätze mehrmals neu formulierten und über die Wichtigkeit einzelner Wörter debattierten. Da wir es durch unser Studium gewohnt sind viel zu schreiben, war es schwierig, auf wenig Platz die Komplexität darzulegen.
Unsere Entwürfe wurden nach Seminarabschluss im März 2025 an das Redaktionsteam der Gedenkstätte Buchenwald übergeben. Damit war die Arbeit aber noch nicht getan. Im April hatten wir etwa die Möglichkeit, an einem Online Treffen teilzunehmen und die Art der Gestaltung der Ausstellung mitzubestimmen. Als Vorbereitung darauf begutachteten wir verschiedene Ideenskizzen von Gestaltungsbüros und untersuchten sie nach verschiedenen Kriterien: Wie bewerten wir das allgemeine Erscheinungsbild? Wie gut lesbar und kontrastreich sind die Texte und damit auch, wie barrierefrei das Konzept? Wie wurde die Ambivalenz des Themas umgesetzt? In den Besprechungen konnten wir unsere Ansichten diskutieren und am Ende über die Auswahl des Gestaltungsbüros abstimmen. Unsere Entscheidung fiel auf das Gestaltungsbüro von Christoph Ermisch aus Hannover.
Schließlich oblag den Mitarbeiter:innen der Gedenkstätte Buchenwald die Entscheidung darüber, wie unsere Entwürfe zu den finalen Ausstellungstexten wurden und welche Exponate in der Ausstellung zu sehen sind. An einigen Texten musste stark gekürzt werden, andere wurden fast vollständig übernommen. Einerseits ist es schade, dass nicht alle Schritte, die zu einer Ausstellung gehören, für uns erfahrbar waren. Andererseits hätte die Mitarbeit von der Idee bis zur fertigen Ausstellung für uns Studierende ein Ausmaß an Aufwand bedeutet, das den Umfang eines Seminars weit überstiegen hätte. Ein Ausstellungsseminar muss als Probierwerkstatt für Studierende mit ganz unterschiedlichen Vorerfahrungen und Kapazitäten zugänglich bleiben.
Von dieser Offenheit konnten wir profitieren und wünschen uns auch zukünftig noch mehr Kuratierungserfahrung im universitären Kontext.
Die Eröffnung der Interimsausstellung hat bei den ersten Besucher:innen einen positiven Eindruck hinterlassen. Ganz besonders gelobt wurde die Verständlichkeit der Ausstellung, die trotz des begrenzten Ausstellungsraums in der ehemaligen sowjetischen Verwaltungsbaracke eine gute Übersicht über das komplexe Thema der sowjetischen Speziallager bietet. Auch der biografische Zugang zum Leben ehemaliger Internierter hat den Besucher:innen gut gefallen. Andere haben neue Aspekte zum Speziallager kennengelernt, etwa zum Transport aus dem Speziallager Buchenwald nach Karaganda in der damaligen Sowjetunion. Eine Besucherin war dankbar, dass sie über die Verlinkung der einzelnen Themen zur Website der Interimsausstellung „ein Stück der Ausstellung mit nach Hause nehmen” kann.
Astrid Rühle freute sich sehr, dass die Kranzschleife für ihren Großvater nun nicht mehr im Depot der Sammlung aufbewahrt wird, sondern ihren Platz in der Interimsausstellung gefunden hat. Wenn die Ausstellung nach der Zeit in der Gedenkstätte Buchenwald auf Wanderschaft geht, werden sich auch andere Besucher:innen zum sowjetischen Speziallager informieren können. Bis dahin sind alle Interessierten eingeladen, die Interimsausstellung in der ehemaligen sowjetischen Verwaltungsbaracke zu besuchen, die eigenen Eindrücke zu kommentieren und die Gelegenheit zu nutzen, Wünsche für die neue Ausstellung auf der Partizipationswand zu hinterlassen.
An der Konzeption der Interimsausstellung waren unter anderem beteiligt
(v. l. n. r.):
Anna Hartmann studiert im Master Gesellschaftstheorie.
Greta Emilia Schlusche studiert im Master Geschichte und Politik des
20. Jahrhunderts.
Helena Marquard studiert im Master Neuere Geschichte.
Barbara Krug studiert Lehramt in den Fächern Geschichte und Englisch.
Luca Nauschütz studiert Lehramt in den Fächern Geschichte und Deutsch.
Im sowjetischen Speziallager Nr. 2 in Buchenwald wurden zwischen 1945 und 1950 insgesamt 28.500 Menschen aus unterschiedlichen Gründen festgehalten.
Mehrheitlich waren es Mitglieder der NSDAP, die Ämter in Staat und Partei übernommen hatten. Ein kleinerer Teil wurde verdächtigt, die sowjetische Besatzungsmacht zu bekämpfen.
7.113 Menschen starben im Speziallager Nr. 2 an den Folgen von Hunger, Krankheiten und Isolation. Ihr Tod wurde verheimlicht, ihre Angehörigen erhielten keine Nachricht.
https://www.buchenwald.de/geschichte/online-ausstellungen/specialcamp2