Das Krematorium war Schlusspunkt und Inbegriff des auf Entmenschlichung und Entindividualisierung angelegten Terrors im Konzentrationslager. Die SS ließ die Leichname in Öfen, wie sie ähnlich für die Müllbeseitigung entwickelt worden waren, verbrennen, die Asche daraufhin achtlos verstreuen. Der rauchende und feuerspeiende Schlot stand den Häftlingen stets vor Augen. Im KZ Buchenwald nutzten die Täter die Räumlichkeiten des Krematoriums zugleich als Mordstätte. Dem hier getöteten Ernst Thälmann, KPD-Vorsitzender in der Weimarer Republik, gedachte man in der DDR in besonderer Weise. All dies verleiht dem Ort eine zentrale Bedeutung für die Erinnerung und das historische Verständnis. Ungeachtet seines hohen Stellenwerts als Zeugnis, Stätte des Gedenkens und der Trauer liegen noch viele Fragen zur Entstehungs- und Baugeschichte des Krematoriums im Dunkeln. Eine Schwierigkeit ist, dass diese außerordentlich wechselhaft und nachgerade chaotisch verlief, in Abhängigkeit von den Zäsuren und Radikalisierungsschüben in der Lagergeschichte insgesamt. Hinzu kommt, dass es an Quellen mangelt und deren Aussagen oft widersprüchlich erscheinen.¹ Einige von ihnen können im Zuge der jüngsten baugeschichtlichen Untersuchungen, deren Ergebnisse hier auszugsweise vorgestellt werden, neu gedeutet werden.²
Die Baugeschichte des Krematoriums im KZ Buchenwald gilt als kompliziert und konnte bisher nicht schlüssig rekonstruiert werden. Jüngste Untersuchungen am Gebäudebestand, für die auch Archivquellen und Zeugenaussagen ausgewertet wurden, ergeben nun ein genaueres Bild von seiner Entstehung sowie verschiedenen Schritten seines Aus und Umbaus. Darüber hinaus konnten bedeutsame Unterschiede zu Krematorien anderer Konzentrationslager herausgearbeitet werden. Der Beitrag zeichnet die wichtigsten Stationen in der Baugeschichte des Krematoriums nach und erläutert Zusammenhänge mit den Veränderungen im Lager insgesamt.
©Archiv DZOK Ulm, Signatur B 76
Seit 1938 bemühte sich die SS, in Buchenwald eine Verbrennungsanlage für Leichen von Lagerinsassen zu erbauen. Auf Dauer warfen die seit August des Vorjahres praktizierten Einäscherungen auf dem städtischen Friedhof in Weimar für die SS Probleme auf.³ Für ein Krematorium innerhalb des KZ wurde zunächst der Bereich des Krankenreviers als Standort gewählt. Ende 1939 ist dort mit dem Bau begonnen worden. Dies wurde von der Forschung bislang übersehen, da die Arbeiten nach wenigen Monaten wieder gestoppt wurden und die Quellen nur vage Hinweise auf sie geben. Hier ist zunächst eine von der SS geführte detaillierte Statistik der von den Häftlingen erbrachten Arbeitsleistungen zu nennen.⁴ Sie weist für November 1939 neben „Maurer- und Putzarbeiten [...] am Neubau des Häftlingsreviers“ auch „Betonierarbeiten“ aus. Für Dezember 1939 sind ebenfalls „Betonierungen“ vermerkt. Dank einer genauen Schilderung des ehemaligen Häftlings Franz Bera lassen sich diese Arbeiten einem Bauvorhaben für ein Krematorium zuweisen. So führte er aus: „Im Dezember 1939 sank das Thermometer auf minus 32 Grad. Die Bauten wurden, bis auf den Bau des Krematoriums, eingestellt. Der Capo musste zur Grundaushebung Häftlinge abstellen, darunter befand ich mich auch. Auf dem Areal wurden sämtliche SS-Blockführer und SS-Bauführer zusammengezogen. Es war eine üble Schlägerei, da nahezu auf jeden dort arbeitenden Häftling ein SS-Mann kam.“⁵ Zur räumlichen Verortung dieser Bauarbeiten trägt ein Lageplan vom Herbst 1939 bei. In ihm ist am Standort des bereits 1938 im Krankenrevier geplanten Krematoriums ein unbenannter Baukörper ähnlicher Proportionen eingetragen und daneben eine „neue Revier-Baracke“ ausgewiesen. (Abb. 2)
Interessant ist weiterhin der in den Akten überlieferte Baumittelbewilligungsantrag für ein „Notkrematorium“ vom Januar 1940. Dieser bezieht sich nämlich auf eine von den eben erwähnten Aktivitäten unabhängige, zweite Baumaßnahme.6 So weist der zugehörige Lageplan den Bauplatz im Bereich des heutigen Krematoriumsgebäudes aus. (Abb. 3) Weshalb aber wurde parallel zum ersten Projekt im Krankenrevier am anderen Ende des Lagers ein weiteres begonnen, und was hat es mit der dafür gewählten Bezeichnung als „Notkrematorium“ auf sich? Auch wenn es im Lageplan nicht eingetragen ist, sollte diese Anlage, wie bereits bekannt ist, in unmittelbarer Nachbarschaft des im Oktober 1939 eingerichteten „Sonderlagers“ entstehen. In diesem hielt die SS über 3.000 polnischstämmige Juden sowie Polen gefangen. Aufgrund der katastrophalen Bedingungen war dort die Ruhr ausgebrochen, die eine hohe Zahl von Todesopfern forderte. Die SS beabsichtigte, auf die Epidemie mit einer rasch zu errichtenden provisorischen Leichenverbrennungsanlage zu reagieren. Diese brauchte aus ihrer Sicht nicht den Anforderungen an ein dauerhaftes Krematorium zu genügen. Ein solches hätte ein aufwendigeres, mehrteiliges Raumprogramm erfordert, namentlich einen Leichen und einen Sektionsraum, wie sie im Jahresverlauf in den Lagerkrematorien von Flossenbürg und Sachsenhausen verwirklicht wurden. Das Krematorium beim „Sonderlager“ in Buchenwald umfasste hingegen nur einen einzigen Raum, in dem der Verbrennungsofen aufgestellt war, und zwar ein ölbeheizter Doppelmuffelofen der Firma J.A. Topf & Söhne.7 (Abb. 4 / Bauphase 1)
Hinweise auf den Baubeginn des Krematoriums liefert erneut die Statistik der Häftlingsarbeit. Darin sind für Februar 1940 „einschlägige Arbeiten für den Ausbau … des Krematoriums“ seitens der Tischlerei und der Zimmerer wie auch Installationen seitens der Klempner und Elektriker aufgeführt. Die ebenfalls für diesen Monat notierten Maurerarbeiten zum „Aufbau des Krematoriums“ können sich nicht auf dasselbe Objekt beziehen, muss doch der „Aufbau“ bereits abgeschlossen sein, bevor Ausbauarbeiten beginnen können. Im März 1940 wird in Bezug auf dieses Projekt in der Statistik präziser vom „Krematorium im Häftlingslager“ gesprochen. Damit ist klar, dass nicht jenes im Krankenrevier gemeint war. Dass damals nahezu gleichzeitig an zwei Standorten der Bau von Krematorien in Angriff genommen worden war, stützt schließlich auch die Aussage von Georg Schlander, ehemals Häftling im Lager: „Auf Anordnung des damaligen Lagerkommandanten, SS Standartenführer Koch, wurde im sog. Karachotempo das neue Krematorium in Buchenwald errichtet, und zwar im Februar 1940 beginnend. Ich wurde auch hier wieder als Vorarbeiter einer Arbeitsgruppe (Elektriker Kdo.) beordert. [...] Die eigentlichen Verbrennungsöfen wurden von der Firma Topf in Erfurt geliefert“.8
Um weiteren Epidemien im Lager vorzubeugen, ließ die SS nach der Auflösung des „Sonderlagers“ im Februar 1940 den Bereich zu einem Quarantäneblock ausbauen. Zukünftig sollten neu eintreffende Häftlinge über einen bestimmten Zeitraum zur Beobachtung isoliert bleiben. Hierfür erhielt der Bereich eine Großlatrine mit 40 Spülaborten, welche die dort zuvor genutzten unhygienischen Senkgruben ersetzte. Sie bildet den Ursprung des mehrfach erweiterten Nebengebäudes des von der SS von einem „Notkrematorium“ zu einer dauerhaften Anlage umgewidmeten Krematoriums. Zur Verstetigung versah sie das Krematorium mit den für einen vorgeblich regelhaften Betrieb erforderlichen Funktionsräumen. (Abb. 4 / Bauphase 2)
Im Falle eines Seuchenausbruchs waren damit außer der Verbrennung infizierter Leichname auch Sektionen, etwa zur medizinischen Befundung von Todesfällen, an Ort und Stelle möglich. Die Entscheidung für den Ausbau zu einem dauerhaften Krematorium dürfte im April 1940 gefallen sein. Da zu diesem Zeitpunkt zwei Lagerkrematorien als nicht erforderlich galten, wurde das Projekt im Bereich des Krankenreviers eingestellt und in dem bereits bestehenden Baukörper stattdessen ein Operationsraum sowie ein Röntgenraum eingerichtet.9
Als erster Leichnam wurde der des am 17. Mai 1940 im Lager verstorbenen Marcel Überfluß verbrannt. In einer Kladde, der „Nachweisung über die Bezahlung von Ascheurnen für verstorbene Häftlinge im KL Buchenwald“, ist hinter seinem Namen in der Spalte „Einäscherungsnummer“ eine „1“ notiert. Das Krematorium im Häftlingslager ging also bereits Mitte Mai 1940 in Betrieb. Der Ofen war für Ölfeuerung ausgelegt und mit zwei nebeneinanderliegenden und miteinander verbundenen Verbrennungskammern, sogenannten Muffeln, konstruiert worden. Topf & Söhne hatten ihn eigens für die Verwendung im Konzentrationslager entwickelt. Für kommunale Krematorien wären solche Öfen überhaupt nicht zulässig gewesen.¹⁰ So sind unter Missachtung gesetzlicher Normen und zentraler Anforderungen an eine würdige Bestattung technische Merkmale von Müllverbrennungsöfen übernommen worden, die der Vereinfachung der Leichenverbrennung unter den von der SS geschaffenen Bedingungen dienten.
Es ist bekannt, dass die Beheizung des Ofens mit Öl Probleme bereitete und er deshalb von der Herstellerfirma nach kurzer Zeit zusätzlich mit einer Koksfeuerung versehen wurde. Anzunehmen ist, dass der Umbau zwischen dem 9. und dem 16. Juli 1940 erfolgte, denn in der Kladde sind für diese Zeitspanne keine Einäscherungen gelistet. Stattdessen brachte die SS die Leichname vorübergehend wieder in das städtische Krematorium Weimar. Ab August 1940 sind dort dann keine weiteren Einlieferungen von Toten aus dem KZ verzeichnet.¹¹
Etwa ein Jahr später, im Herbst 1941, plante die SS eine wesentliche Erweiterung des Krematoriums. Diese stand im Zusammenhang mit dem Ausbau des Lagers zu einem Mordzentrum. Ab September 1941 tötete sie Tausende von sowjetischen Kriegsgefangenen gemäß dem sogenannten „Kommissarbefehl“ in einer eigens hierfür entwickelten „Genickschussanlage“.¹² Die hohe Zahl von Leichen konnte in dem bestehenden Ofen nicht zeitnah verbrannt werden. Zudem wurde das Lager um einen Bereich für sowjetische Kriegsgefangene, die als Arbeitskräfte bestimmt waren, erheblich vergrößert. Auch dies dürfte der SS Anlass gegeben haben, das Krematorium zu erweitern.
Vermutlich war zunächst vorgesehen, einen zweiten Ofen von der oben beschriebenen Bauart zu errichten, nun aber von vornherein auf Koksfeuerung ausgelegt. Um für ihn den nötigen Platz zu gewinnen, sollte die Fläche der Nebenräume hinzugenommen werden. Zur Unterbringung der letzteren wurde jetzt ein Anbau im Süden des Gebäudes geschaffen. (Abb. 4 / Bauphase 3) Die SS ließ denselben mit einem Keller versehen, in dem die Leichen abgelegt und von dem aus sie mittels eines Lastenaufzugs in das Erdgeschoss befördert werden konnten. Doch während der Bauarbeiten änderte sich die Planung. Es wurden plötzlich zwei Dreimuffelöfen verfügbar, welche die SS bei Topf & Söhne Ende 1941 vermutlich für Auschwitz bestellt hatte, dort aber dann nicht zur Aufstellung gelangten. Im Ergebnis wurde somit der in Buchenwald bestehende Doppelmuffelofen von zwei Dreimuffelöfen abgelöst, teils unter Wiederverwendung von Bauteilen aus seinem Rückbau. (Abb. 7)
Die wahrscheinlich Ende März 1942 getroffene Entscheidung zu diesem Planwechsel war folgenreich. Sie erzwang aus Sicht der SS bauliche Kompromisse, da Keller und Grundmauern der Erweiterung des Krematoriums bereits errichtet waren. Damit die Ofenhalle im nunmehr benötigten Umfang vergrößert werden konnte, entfielen andere zuvor im Gebäude vorgesehene Räume, so die für Sektionen und Aufbahrungen. Um diese Funktionen an anderer Stelle unterzubringen, entstand kurzerhand ein weiterer Anbau am Nebengebäude. (Abb. 4 / Bauphase 5) Doch erwiesen sie sich dort als zu weit entfernt von dem im Krematorium angeordneten Leichenkeller. Im Nebengebäude wurde daher ein neuer Leichenkeller geschaffen, und zwar im Bereich des benachbarten Waschhausanbaus an die Latrine, der gerade erst für eine Produktionsstätte der „Gustloffwerke“ errichtet worden war. (Abb. 4 / Bauphase 4) Ein neuer Waschbereich wurde dafür im Latrinengebäude eingerichtet, unter Aufgabe einer seiner beiden Toilettenreihen. (Abb. 6 a) Der bereits mit einer Reihe Fußwaschbecken ausgestattete und für drei Waschbrunnen ausgelegte ursprüngliche Sanitärraum erhielt einen neuen Zugang vom Krematoriumshof, verlor aber seine ursprüngliche Bestimmung. Wozu er nun diente, ist unklar.¹³ (Abb. 6 b) Auch der Leichenkeller unter dem Krematorium wurde durch den Ersatzbau im Nebengebäude seiner ursprünglichen Funktion enthoben. Zunächst zur Aufnahme der in der Genickschussanlage ermordeten sowjetischen Gefangenen genutzt, wurde er später selbst zu einer Tötungsstätte ausgebaut, in der die SS über 1.000 Menschen erhängte. (Abb. 5 e)
Aus dem anfänglichen Provisorium des „Notkrematoriums“ machte die SS damit eine dauerhafte Einrichtung, und zwar, ohne dass dies gewünscht war, an gut einsehbarer Stelle im Lager. (Abb. 12) Daher versuchte sie seine menschenverachtende Bestimmung ein wenig mit architektonischen Mitteln zu bemänteln. (Abb. 8) Das Hauptgebäude erhielt ein hohes, schiefergedecktes Satteldach, verputzte Fassaden mit durch Faschen abgesetzten Fensteröffnungen sowie eine Eingangssituation unter einem breiten Vordach, das auf einer Holzstütze ruht. Krematorien waren in Konzentrationslagern sonst einfache Zweckbauten und zumeist an weniger präsenten Stellen im Lagerkomplex situiert.
Für die Beseitigung einer immer größeren Zahl von Leichen ermordeter oder verstorbener Gefangener, zu denen ab 1943 noch solche aus den Außenlagern kamen, erwies sich die Raumdisposition des bereits mehrfach umgebauten Krematoriums in Buchenwald als dysfunktional. Vor allem war der Weg vom Leichenkeller hinter der Pathologie zur Ofenhalle sehr lang. Daher wurde als weiterer Anbau an das Nebengebäude abermals ein neuer Leichenraum geschaffen, nunmehr ebenerdig und in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Verbrennungsöfen. (Abb. 4 / Bauphase 6) Im freigewordenen Kellerraum des Anbaus hingegen wurden, nach Einzug einer Geschossdecke, auf beiden Ebenen vermutlich Arbeitsräume der Pathologie eingerichtet. Dies legen erhaltene Einbauten nahe, insbesondere ein gemauertes Becken von der Länge etwa eines menschlichen Körpers. (Abb. 6 c) Doch sollten auch dies nicht die letzten baulichen Korrekturen gewesen sein. Vermutlich Mitte des Jahres 1943 sind der Krematoriumsbau und das Nebengebäude durch Überdachung des zwischen beiden verbliebenen schmalen Ganges vereint worden. Wohl im Frühjahr 1944, als die Todeszahlen in Außenlagern durch den mörderischen Einsatz der Häftlinge bei der Untertageverlagerung der NS-Rüstungsproduktion nochmals drastisch zunahmen, ließ die SS eine improvisierte Leichenablage unter freiem Himmel erstellen. (Abb. 4 / Bauphase 7) Auf dem westlichen Hof entstand dafür eine Betonfläche mit Abwasseranschluss, umgeben von einem Bretterzaun, der den Bereich den Blicken entziehen sollte. (Abb. 5 c) Der freigewordene Leichensammelraum wurde unterteilt und damit einer anderen, bislang unbekannten Nutzung zugeführt (Abb. 5 b), während der Aufbahrungsraum in einen zweiten Sektionsraum umgewandelt wurde.
Das Nebengebäude ist hier ohne Dach zu sehen, so dass seine innere Gliederung zu erkennen ist. Geoportal Thüringen, Digitales Luftbildarchiv
Der den Rüstungsbetrieben in Buchenwald geltende Luftangriff vom 24. August 1944 beschädigte auch das Krematorium und sein Nebengebäude. Ersteres erscheint auf einem direkt nach dem Angriff aufgenommenen Luftbild zwar intakt, doch bezeugen die heute vorhandenen lagerzeitlichen Dachziegel, dass die ursprünglich verlegten Schieferplatten gegen eine Neueindeckung ersetzt werden mussten. Stärker betroffen war das Nebengebäude, dessen Dach vollständig verloren ging. Das Foto gibt daher den Blick ins Innere des Gebäudes und auf seine Wandverläufe frei. (Abb. 10) Bei der Wiederherstellung unterzog man seinen Grundriss einer umfänglichen Neuorganisation. (Abb. 4 / Bauphase 8) Der im Norden gelegene Sanitärbereich, der heute die Nachbildung der Genickschussanlage beherbergt, wurde vermutlich zu einer Werkstatt der „Deutschen Ausrüstungswerke“ (DAW) umgebaut, unter Aufgabe der Toiletten- und Wascheinrichtungen nebst der sie teilenden Längswand. Der Bereich über dem Keller der Pathologie wurde durch gemauerte Trennwände in mehrere Räume unterteilt. Um ihn besser nutzen zu können, hob man das Dach, wie zugleich in den benachbarten Sektionsräumen, um etwas über einen halben Meter an (zuvor waren zur Schaffung der erforderlichen Kopfhöhe im Obergeschoss vermutlich Dachhauben aufgesetzt). (Abb. 9) Die Überarbeitung des Gebäudes zog sich bis Anfang 1945 hin. Wie noch heute erkennbar, blieben die Reparaturen und der Umbau, bedingt durch den Mangel an Baumaterial, provisorischen Charakters. (Abb. 6 d, e)
Versuchen wir, die teils auf neuen Erkenntnissen beruhende Baugeschichte zusammenzufassen: Ein erstes Krematorium wurde Ende 1939 im nordwestlich der Gefangenenunterkünfte gelegenen Krankenrevier begonnen, in einem vom Häftlingslager aus kaum einsehbaren Bereich. Das Vorhaben wurde wenig später, nach dem Baubeginn eines „Notkrematoriums“ im Februar 1940, eingestellt. An der östlichen Grenze des zentralen Appellplatzes befand sich diese anfänglich als Provisorium gedachte Anlage an prominenter Stelle, vis-à-vis dem Bärenzwinger des für die SS eingerichteten Zoos und bereits vom Lagereingang aus sichtbar. Im Frühjahr 1940 wurde dieser Standort mit der Hinzufügung von Nebenräumen verstetigt, im Sommer der ölbetriebene Ofen zusätzlich mit einer Koksfeuerung ausgestattet. Ende 1941 nahm man eine Kapazitätserweiterung des Krematoriums in Angriff, welche zunächst die Installation eines zweiten Doppelmuffelofens vorsah. Etwa Ende März 1942 entschied die SS jedoch zugunsten zweier Dreimuffelöfen, da sie in die Verlegenheit geraten war, zwei für Auschwitz-Birkenau aufgrund dortiger Umdisponierungen „zu viel“ bestellte Öfen nach Buchenwald umlenken zu müssen.
An diese mehrfachen und meist abrupt eingeleiteten Änderungen der Ausstattung mit Verbrennungsöfen konnte die Raumstruktur des Gebäudes nur mit Mühe angepasst werden. So ließen sich in ihm nicht, wie bei anderen Lagerkrematorien der SS, sämtliche Funktionen unter einem Dach vereinen und die Wege zwischen den Funktionsbereichen kurz halten. Die Folge waren wiederholte Versuche des Nachbesserns der räumlichen Organisation, jeweils im Zusammenhang mit der Veränderung der inneren und äußeren Rahmenbedingungen des Lagers.
Vor dem Hintergrund der hier skizzierten komplexen Baugeschichte sind die Berichte ehemaliger Häftlinge, aus denen oben teils zitiert wurde, neu zu lesen. Vieles, was in ihnen bislang als widersprüchlich erschien, lässt sich jetzt plausibel auf unterschiedliche Phasen der in steter Veränderung befindlichen Anlage beziehen. Manches davon, so das Projekt eines zweiten Doppelmuffelofens, ist bislang nur indirekt aus planerischen Zusammenhängen ableitbar und bedarf noch einer Erhärtung durch weitere Belege. Dabei ist das Gebäude selbst – neben seiner Funktion für das Gedenken und die historische Vermittlung – ein wichtiger Speicher von Informationen, der immer wieder neu befragt werden kann.
Die Architektin und Denkmalpflegerin Barbara Schulz ist Mitbegründerin des seit 2001 bestehenden Büros für Zeitgeschichte und Denkmalpflege, Berlin. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit bauhistorischen Untersuchungen zu ehemaligen Lagern, Haft- und Tötungsstätten des NS sowie der SBZ/DDR; vgl. ihre Beiträge in der 2022 erschienenen Publikation „Die H. Kori GmbH. Eine Berliner Ofenbaufirma und der nationalsozialistische Massenmord“.
¹ Harry Stein stellte bereits fest: „Verschiedene Berichte mit sehr unterschiedlichen Datierungen der Fertigstellung deuten an, daß die Errichtung des Krematoriums als Prozeß fortgesetzten Bauens anzusehen ist. Davon zeugen auch eine Vielzahl noch erkennbarer aber kaum noch zu definierender An- und Umbauten.“ Ders. (2004): Krematorium Buchenwald, unveröffentlichte Studie, Gedenkstätte Buchenwald, S. 12. Eine erste bauhistorische Untersuchung erfolgte 1997 durch Michael Matz und Partner (Weimar).
² Die in der Gedenkstätte Buchenwald vorliegenden Quellen standen uns in der Zusammenstellung und Aufbereitung von Anke Binnewerg zur Verfügung. Vgl. dies. (2021): Kommentierte Materialsammlung zur Bau- und Nutzungsgeschichte des Gebäudekomplexes mit ehem. Krematorium, Nebengebäude, Höfen und Umfeld, Gedenkstätte Buchenwald.
³ Insgesamt wurden mindestens 3.500 Leichname aus dem KZ Buchenwald in Weimar kremiert. Vgl. Riederer Jens (2018): Das städtische Krematorium im Dienste der Lager-SS von 1937 bis 1940, in: Verein Grüne Wahlverwandtschaften (Hrsg.), „… dem Gottesacker ein freundliches gartenähnliches Aussehen…“. Zum 200jährigen Bestehen des Hauptfriedhofes Weimar, S. 129–160.
⁴ Bundesarchiv Berlin, NS 4-BU/184 bis 186: Arbeitseinsatz-Statistiken Oktober 1939 bis März 1940.
⁵ Zitiert nach Stein (2004), S. 11.
⁶ Auch die seitens der KZ-Neubauleitung zu Abrechnungszwecken vergebenen Bauwerksnummern legen dies nahe: Während das 1938 ausgearbeitete Projekt für ein Krematorium im Krankenrevier die Nr. 44 erhalten hatte, lief jenes am Appellplatz unter Nr. 67. Wäre lediglich ein neuer Bauplatz für das Krematorium gewählt worden, hätte die bereits 1938 zugewiesene Bauwerksnummer beibehalten werden können.
⁷ Annegret Schüle (2011): Industrie und Holocaust. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz (2. Auflage), Göttingen, S. 116 f.
⁸ Zitiert nach Stein (2004), S. 11; Unterstreichungen durch die Verfasserin.
⁹ Bei den Häftlingen war der sogenannte OP II wegen der dort vorgenommenen Morde durch Giftspritzen gefürchtet; vgl. Topografischer Ordner „Häftlingskrankenbau“ der Bildungsabteilung der Gedenkstätte Buchenwald (2.8 Operationssaal II)
¹⁰ Vgl. Stein (2004), S. 88 f.
¹¹ Vgl. Riederer (2018), S. 140.
¹² Reinhard Otto (1998): Wehrmacht, Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet 1941/42, München.
¹³ Es könnte sich um den als Bad getarnten Raum gehandelt haben, den der ehemalige Häftling Marian Zgoda als Ort für Erschießungen erwähnte. Seine Gedächtnisskizze weist hierfür jedoch den Sanitärraum im Krematorium aus, der aufgrund seiner geringen Größe und tatsächlichen Nutzung dafür kaum in Frage kommen konnte. Vgl. Aussage des ehemaligen Häftlings Marian Zgoda zur Ermordung Ernst Thälmanns im Krematorium vor dem Amtsgericht München, 6.11.1948. Abgedruckt in: Friedrich Karl Kaul, „...ist zu exekutieren!“: Ein Steckbrief der deutschen Klassenjustiz, Berlin 1981, S. 23–32.