Die Zeit der sowjetischen Besatzung in Weimar ist historisch gesehen sowohl für die Stadt selbst als auch für die Sowjetunion nicht unbedeutend. Nach dem Wechsel der Besatzungsmächte in Thüringen im Juli 1945 wurde Weimar zu einem wichtigen Militärstandort der Roten Armee und zugleich – auf dem Gelände des bisherigen KZ Buchenwald – zu einem Standort des sowjetischen Speziallagers Nr. 2. Insgesamt zehn solcher Lager richtete die sowjetische Besatzungsmacht ein zum Zweck der Internierung von NS Funktionär:innen sowie von Personen, die sie als gefährlich ansah.
Auf einer Halde für Bauschutt am Rande des historischen Friedhofs in Weimar lagerten Anfang September 2025 zahlreiche Grabsteine auf einem großen Haufen, viele von ihnen zerstört. Rote Sterne auf den Grabsteinen und die kyrillische Inschrift auf den Fragmenten ließen vermuten, dass es sich um die Grabsteine handelte, die kurz zuvor vom sowjetischen Friedhof im Schlosspark Belvedere verschwunden waren. Was war geschehen?
©Aliaksandr Shuba
Jahrzehntelang, bis 1992, prägten sowjetische Bürgerinnen und Bürger das Stadtbild Weimars. Nicht nur Tausende Soldaten und Offiziere der 8. Gardearmee, deren Stab im nahegelegenen Nohra stationiert war, sondern auch deren Familien lebten hier. Menschen aus allen sowjetischen Republiken kauften hier ein, besuchten lokale Events und organisierten eigene Kulturveranstaltungen, zu denen zum Teil auch Deutsche eingeladen wurden, knüpften Freundschaften mit Weimarer:innen – und stießen zugleich gelegentlich auf Verständnisschwierigkeiten mit den Einheimischen. Eine große Kaserne befand sich unmittelbar in Weimar Nord.
Unter den sowjetischen Bürger:innen wurden Ehen geschlossen, Kinder geboren, die vor Ort zur Schule gingen. In Weimar handelte es sich um die Schule Nr. 53 der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland.
Zudem lebten von August 1945 bis März 1950 in den ehemaligen SS Kasernen des KZ Buchenwald Mitarbeiter:innen der Verwaltung und der Wachmannschaft des Speziallagers Nr. 2. Dort waren sie für die etwa 28.500 internierten Menschen verantwortlich, von denen etwa ein Viertel die Haft nicht überlebte. Aus sowjetischen Dokumenten und Erinnerungen ehemaliger Wachleute – z. B. Wolodymyr Brjutschkowskij aus der Ukraine – sowie ehemaliger Internierter – etwa des Weimarers Rudolf Haupt – geht hervor, dass auch diese sowjetischen Bürger:innen oft in der Stadt und ihrer Umgebung unterwegs waren.
Wo Menschen leben, sterben sie auch. Deshalb wurden schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Weimar zwei zusätzliche Friedhöfe eingerichtet. In den Jahren 1945–46 wurden auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof im Ilmpark 640 verstorbene Armeeangehörige beigesetzt, unter ihnen Männer und Frauen aus allen Republiken der Sowjetunion. Nach Schließung des Friedhofes im Ilmpark diente der Friedhof im Schlosspark Belvedere als Begräbnisstätte für Angehörige der Besatzungstruppen und deren Familienangehörige. Hier fanden bis in die 1970er Jahre Beisetzungen statt. Die Zahl der hier Bestatteten ist daher deutlich höher. Etwa 2.000 Menschen fanden hier ihre letzte Ruhe.
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Die Namen der im Friedhof Belvedere Beigesetzten sind meist in russischer Sprache auf gemeinsamen Gedenktafeln oder individuellen Grabsteinen verzeichnet. Auffällig viele Kinder von Offiziersfamilien verstarben in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre. Aufgrund der schlechten Ernährungslage und der mangelnden medizinischen Versorgung in der Nachkriegszeit war die Kindersterblichkeit allgemein sehr hoch. Ein Beispiel zeigt der Grabstein der im Jahr 1949 verstorbenen Nina, der Tochter des stellvertretenden Kommandanten des Speziallagers Nr. 2 und Angehörigen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD Wasilij Dmitrijewitsch Iwtschakow. Sein Kind lebte nur etwa zehn Monate.
In einigen Fällen wurde die ethnische Zugehörigkeit der Verstorbenen gekennzeichnet. Manchmal wurden Inschriften in den Muttersprachen der Betroffenen sowie Angaben zum militärischen Rang erfasst.
Die beiden Ehrenfriedhöfe standen zunächst unter der Verwaltung der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Zwischen 1992 und August 1994 wurden sie von der russischen Armee verwaltet. Danach gingen die Anlagen in die Hände der Stadt Weimar über.
Diese Friedhöfe erinnern in Weimar also nicht nur an die unmittelbare Nachkriegszeit, sondern auch an die gesamte „sowjetische Zeit“ in der Geschichte der Stadt. Sie sind von großem kulturellem Wert. Der zweite Friedhof befindet sich im Gebiet des UNESCO Weltkulturerbes Schloss Belvedere. Für die Angehörigen der hier begrabenen Soldaten und Offiziere sowie deren Familien ist dieser Ort auch ein Ort der Erinnerung und Trauer. Der Friedhof wird auch auf dem Stadtrundgang zu den Spuren der sowjetischen Besatzung in Weimar (1945–1950) erwähnt, der von Mitarbeiter:innen der Abteilung für die Geschichte des sowjetischen Speziallagers in der Gedenkstätte Buchenwald durchgeführt wird.
Im Zwei Plus Vier Vertrag vom 12. September 1990 und später im Partnerschaftsabkommen zwischen der UdSSR und der BRD vom 9. November 1990 übernahm die Bundesrepublik Deutschland vertragliche Verpflichtungen zur Pflege und Erhaltung der sowjetischen Grabstätten auf deutschem Gebiet. Dies wurde in einem späteren Abkommen über die Pflege von Kriegsgräbern mit der GUS im Jahr 1992 bestätigt und festgeschrieben. Die Pflege und Erhaltung wurden den Bundesdenkmalschutzbehörden und letztlich den Kommunen übertragen, die nur über geringe Ressourcen verfügten, sodass viele Friedhöfe verfielen. Im Fall von Weimar war die Stadtverwaltung für die sowjetischen Friedhöfe zuständig, mehrere Jahre lang war die Pflege der Gräber wesentlich besser als mancherorts.
©Iryna Kashtalian
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©Russisches Staatsarchiv für Sozial- und Politikgeschichte
Auf der Website der Stadtverwaltung wird berichtet, dass derzeit die sowjetische Grabstätte in Belvedere umgestaltet wird. Die Entscheidung zur Neugestaltung des Ehrenfriedhofs wurde bereits 2021 getroffen. Mit der Umsetzung der Planung wurde im Sommer 2025 begonnen. Die Fertigstellung ist für April 2026 geplant.
Nach den Informationen der Stadt fällt die Grabanlage unter das Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft (GräbG). Nach diesem Gesetz sind Gräber und Grabsteine von denjenigen zu erhalten und zu pflegen, die während ihres Militär oder sonstigen Wehrdienstes im Zeitraum vom 26. August 1939 bis zum 31. März 1952 durch einen tödlichen Unfall oder durch Verletzungen im Dienst ums Leben gekommen sind. Für alle anderen Personen, die nach dem 31. März 1952 verstorben sind und auf dem sowjetischen Friedhof in Belvedere beigesetzt wurden, gelte für diese Grablagen nicht das Gräbergesetz, sondern das allgemeine deutsche Bestattungsrecht, das eine Ruhefrist von 30 Jahren vorsehe.
In einer Anfrage baten wir die Stadtverwaltung um Auskunft zur Baumaßnahme. Aus der Antwort vom 22. September 2025 geht hervor, dass „sich der Zustand des Friedhofes, insbesondere der Bereich der Grabfelder in einem sehr schlechten Zustand befand. (Die Grabsteine waren geschädigt, z. T. umgefallen und die Namensnennung auf den Grabsteinen infolge der Witterungseinflüsse schwer leserlich bzw. nicht korrekt, so dass eine Zuordnung der Grabanlage als Kriegsgräberanlage kaum deutlich erkennbar war.)“ Daher habe sich die Stadtverwaltung entschlossen, „in Abstimmung mit allen fachlich Beteiligten zur erneuten Umgestaltung der Gräberanlage mit dem Ziel, eine dauerhafte, würdige und dabei pflegeextensive Gräberanlage, die als Ort des Gedenkens dienen soll, zu schaffen, der für seine Besucher eine würdevolle Stätte des Gedenkens und ein Stück Weimarer Geschichte widerspiegelt.“
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Eine andere Einschätzung vertrat hingegen die zuständige Denkmalfachbehörde, das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA). Dessen Vertreter hatte sich für die Erhaltung der Grabsteine ausgesprochen. Ein vom TLDA eingeholtes Gutachten zur Sache hatte festgestellt, dass sich die Grabsteine vor dem Abbau in einem relativ guten Zustand befunden hatten und mit relativ geringem Aufwand hätten restauriert werden können. Dementsprechend ging das TLDA grundsätzlich von der Notwendigkeit aus, den Friedhofskomplex zu erhalten.
Entgegen dieser Empfehlung erteilte die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt Weimar unter Berufung auf das Bestattungsgesetz in einem Schreiben vom 21. Mai 2021 die Genehmigung gemäß dem Denkmalschutzgesetz zur vollständigen Räumung der unter Denkmalschutz stehenden ursprünglichen Anlage und zur anschließenden Umgestaltung des Geländes. Dies führte dazu, dass das TLDA gezwungen war, die Eintragung des gesamten sowjetischen Friedhofs als Denkmal aufzuheben und nur die strukturellen Elemente – Obelisk, Umfassungsmauer, Tor und Wachhaus – in das Denkmalregister aufzunehmen. Damit standen die Gräber und die Friedhofsanlage als solche nicht mehr unter Denkmalschutz.
Eine umfassende Maßnahme zur Neugestaltung ließ sich daraufhin durch die Stadtverwaltung umsetzen. Die alten Grabsteine wurden entfernt und sollen durch neue Namenstafeln ersetzt werden. Die Verwaltung teilte mit, dass ihre Mitarbeiter eine Bestandsaufnahme und umfangreiche Archivrecherchen durchgeführt hätten und anschließend eine korrekte Liste der rund 1.000 bis zum Jahr 1952 Begrabenen erstellen würden. Die übrigen, etwa 1.000 weiteren Toten sollten auf einer Tafel am Eingang namentlich genannt werden. Als Beispiel werden einige Steine belassen, um das frühere Aussehen des Friedhofs zu dokumentieren.
Diese Situation wirft Fragen auf: Kann man eine solche Haltung der Stadtverwaltung als verantwortungsbewusst bezeichnen? Was wird aus den alten Grabsteinen, die trotz ihrer Unvollkommenheit und einiger Fehler in den Inschriften einen historischen Wert hatten und als historische Quellen für die Erforschung dieser Epoche dienten? War eine solche Auslegung des Gräbergesetzes in Bezug auf diesen Friedhof zwingend erforderlich? Und sind letztlich die Kosten für die Umgestaltung tatsächlich niedriger, als für eine vom TLDA als relativ einfach eingeschätzte Restaurierung?
©Aliaksandr Shuba
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Das Gesetz über Kriegsgräber regelt deren Unterhalt, enthält jedoch keine Bestimmungen über deren Beseitigung oder Gestaltung. Nach dem Bundesgesetz über Gräber in Deutschland sind Gräber nicht zwingend zu beseitigen, auf Wunsch der Angehörigen und mit deren Finanzierung können sie über einen längeren Zeitraum an ihrem Platz bleiben.
Für die Menschen im postsowjetischen Raum ist die individuelle Form der Erinnerung an den Gräbern der Verstorbenen von großer Bedeutung. In der ehemaligen Sowjetunion werden Gräber oft über viele Generationen hinweg gepflegt und besucht. Wurden die Angehörigen der Verstorbenen in der Russischen Föderation, in Georgien, in der Ukraine und anderen postsowjetischen Staaten über die geplanten Maßnahmen in Weimar informiert?
Abgesehen davon, dass dadurch eine historische und kulturelle Zeitschicht der Stadt entfernt wird, kann die Stadt Weimar durch solche Entscheidungen im Kontext der heutigen politischen Situation ungerechtfertigter Kritik ausgesetzt sein. Einige politische Kräfte, sowohl innerhalb als auch außerhalb Deutschlands, könnten die Situation für ihre Zwecke ausnutzen und zu Propagandazwecken missbrauchen.
In ganz Deutschland gibt es zudem Dutzende sowjetischer Friedhöfe, die sich heute in keinem guten Zustand befinden. Die Vorgehensweise der Stadt Weimar als einer historisch wie kulturgeschichtlich besonders bedeutsamen Stadt könnte von anderen Städten und Gemeinden übernommen werden. Eine kulturelle und historische Zeitschicht wäre damit verloren.
Den sowjetischen Ehrenfriedhof Belvedere in seiner ursprünglichen Form wiederherzustellen ist wohl inzwischen nicht mehr möglich. Zumindest sollten aber die Überreste der ursprünglichen Grabsteine unbedingt gesichert werden, um beispielsweise im Rahmen eines gemeinsamen Projekts mit der Bauhaus Universität Weimar ein Konzept für eine zukünftige Nutzung zu entwickeln.
Vladislav Drilenko und Dr. Iryna Kashtalian arbeiten in der Gedenkstätte Buchenwald; Schwerpunkte sind u. a. sowjetische Grabstätten sowie Denkmal und Erinnerungskultur.
Dr. Julia Landau ist Kustodin für den Bereich Sowjetisches Speziallager Nr. 2 an der Gedenkstätte Buchenwald.