Durch gezielte Unterversorgung sowie bewusst geschürte Rivalitäten unter den Häftlingsgruppen und im System der Funktionshäftlinge schuf die SS in den Konzentrationslagern eine Wolfsgesellschaft.¹ Unter den gezielt herbeigeführten menschenverachtenden Bedingungen herrschte in den Lagern ein brutaler Kampf ums Überleben – auch unter den Häftlingen selbst und immer wieder mit tödlichen Folgen: Etliche Häftlinge wurden von ihren Mithäftlingen erschlagen, vergiftet oder an die SS ausgeliefert. Es ist zu betonen, dass die Zahl der auf diese Weise getöteten Gefangenen gegenüber den Hunderttausenden durch die SS ermordeten und zugrunde gerichteten KZ-Häftlingen verschwindend gering ist. Dennoch wird die Tötung von Häftlingen durch Mitgefangene in Berichten Überlebender immer wieder angeführt. Als eigenständiges Phänomen in der Zwangsgesellschaft der Lager und als ein Ausdruck von Handlungsmacht der Häftlinge ist sie allerdings bisher kaum systematisch untersucht worden. Der vorliegende Beitrag versteht sich als ein erster Schritt.²
Schwerpunkt: Widerstand
Die Motive und Hintergründe für die individuell oder kollektiv ausgeführte Tötung von Mithäftlingen waren vielschichtig. Sie reichten von Notwehr oder Konkurrenz um lebensnotwendige Ressourcen über die Bestrafung von Verstößen gegen den internen Kodex, die Ausschaltung von tatsächlichen oder vermeintlichen Kollaborateuren mit der SS bis zu Machtkämpfen im System der Funktionshäftlinge und Formen fast regelförmiger „Lagerjustiz“. Auch Rache spielte eine Rolle, und unmittelbar nach der Befreiung schlossen sich nicht selten Fälle kollektiver Lynchjustiz an. Am häufigsten kamen Tötungen von Häftlingen durch Häftlinge sicherlich durch Kapos vor, die die ihnen Unterstellten erschlugen. Diese Fälle werden aber, da sie von der SS gefordert oder gedeckt wurden, hier nicht näher vorgestellt.
Oft ging es unmittelbar ums Überleben: Vor allem in Lagern, in denen es kaum noch Lebensmittel gab und die Häftlinge zu Tausenden verhungerten, schreckten manche Gefangenen nicht davor zurück, Mithäftlinge zu berauben und – wenn diese sich wehrten – sie zu töten. Berichtet wird zudem von Häftlingen, die sich in ihrer Not nicht anders zu helfen wussten, als brutale Funktionshäftlinge, die sie bedrohten, gewissermaßen in Notwehr zu töten. Der Niederländer Albert van Dijk etwa berichtete, er habe im Stollen des KZ Mittelbau-Dora zusammen mit anderen Häftlingen einen deutschen Kapo erschlagen, der sie sexuell bedroht hatte: „Zur nächsten Schicht, zur Zeit, dass der Kapo wiederkommen sollte und die Arbeitskommandos zur Arbeit hinaus waren, stellten die Kameraden sich verdeckt auf und warteten auf das Kommen des Kapos. Ich indes befasste mich mit meinem Schreibzeug. Dann sah ich, wie der Kapo sich herannäherte und zu mir kam. Er fragte: ‚Bist [du] allein?‘ Ich sagte ja, wagte kaum, ihm ins Gesicht zu schauen. Was dann geschah, ging so schnell vor sich, dass ich es mir nicht erklären kann. Ich hörte einen schrillen Schrei, und als ich hinaufguckte, lag der Kapo kraftlos auf seinem Rücken am Boden. Der Pole saß rittlings auf ihm und versetzte ihm mit aller Kraft einen Faustschlag auf die Zähne. Dann auch schon waren der Ukrainer und der Tatare da. Den nackten, leblosen Körper des Kapos warfen wir auf den Kadaverberg, gleich um die Ecke des Schlafstollens, dann machten wir uns davon.“³
Das war kein Einzelfall: Wiederholt berichteten Überlebende aus den Lagern des KZ Mittelbau, dass sich Häftlinge besonders brutaler und gefährlicher Kapos entledigten, indem sie diese lynchten oder heimlich ermordeten. Im Außenlager Rottleberode soll im Frühjahr 1945 der Kapo Dombrowski von Mithäftlingen gelyncht worden sein, nachdem im Lager bekannt geworden war, dass er zusammen mit dem verhassten Lagerältesten Robert Hagen jüdische Häftlinge bestohlen hatte.⁴ Der französische Häftlingsarzt Robert Gandar soll diese Tat gedeckt haben, indem er auf dem Totenschein falsche Angaben machte, die die Todesursache verschleierten.⁵
Drakonische Strafen bis hin zur Tötung hatten Häftlinge zu erwarten, die gegen die ungeschriebenen Gesetze der Häftlingsgesellschaft verstießen. Insbesondere der Diebstahl von Lebensmitteln untereinander war so alltäglich wie geächtet.⁶ Edgar Kupfer-Koberwitz, der im KZ Dachau seine Erlebnisse in einem Tagebuch festhielt, schrieb über einen Brotdiebstahl in Neuengamme. Nachdem die Kapos einen überführten Dieb zwar schwer misshandelt, aber nicht getötet hatten, traten ihm die Mitgefangenen mit gemischten Gefühlen gegenüber: „Der, der eben noch für uns ein unglückliches Opfer roher Lynchjustiz war, ein Wehrloser, der totgeschlagen wurde, war mit einem Schlage nichts anderes geworden als ein bestrafter, gezüchtigter, gemeiner Brotdieb. […] Neben mir sagte einer: ‚Recht ist ihm geschehen, meinetwegen hätten sie ihn ruhig totschlagen können […].‘“⁷
Mit aller Brutalität wurde in vielen Lagern auch der Kampf um privilegierte Funktionsposten geführt. Die SS hatte eine Häftlingsgesellschaft geschaffen, die „von enormen Hierarchien der sozialen Ungleichheit“ durchdrungen war.⁸ Dafür wurden Funktionshäftlinge und Kapos mit „abgeleiteter Macht“ versehen, deren Fragilität Heinrich Himmler selbst in einer Rede als einberechnetes Merkmal des Systems benannte: „In dem Moment, wo wir mit ihm nicht zufrieden sind, ist er nicht mehr Kapo, schläft wieder bei seinen Männern. Dass er dann von denen in der ersten Nacht totgeschlagen wird, das weiß er.“⁹
Beim mitunter tödlichen Kampf um die Stellung in der Lagerhierarchie ging es oft nicht nur darum, für sich selbst einen lebensrettenden Funktionsposten zu erobern. Eine solche Position konnte es auch ermöglichen, anderen zu helfen oder sogar Widerstand gegen die SS zu organisieren. Am bekanntesten ist in dieser Hinsicht vermutlich der mörderische „Häftlingskrieg“ Anfang der 1940er-Jahre zwischen den „Roten“ und den „Grünen“ im KZ Buchenwald, also zwischen politischen Gefangenen, die einen roten Winkel auf der Kleidung trugen, und „kriminellen“ Häftlingen, die einen grünen Winkel tragen mussten.
Im KZ Buchenwald war das System der Funktionshäftlinge zunächst von den „Grünen“ dominiert. Durch geschickte Intrigen gegenüber der SS, aber auch durch gezielte Tötungen eroberten die Politischen im Laufe des Jahres 1942 alle wichtigen Funktionsposten, nachdem es ihnen gelungen war, den verhassten „grünen“ ersten Lagerältesten (LA I) Josef Ohles ablösen zu lassen, den der kommunistische Häftling Franz Eichhorn, der als Friseur für die SS arbeitete, beim Lagerkommandanten Pister in Misskredit gebracht hatte. Eugen Kogon schrieb darüber in seinem Werk „Der SS-Staat“: „Der LA I wurde abgelöst und in den Steinbruch geschickt. Bereits am nächsten Tag war er tot. Selbst grünmarkierte Häftlinge halfen bei seiner ‚Erledigung‘ mit, da die Ohles-Clique auch davor nicht zurückgeschreckt war, BVer [‚Berufsverbrecher‘], die ihr Treiben nicht mitgemacht hatten, in die Strafkompanie zu bringen. Mit dem LA I fiel dann rasch hintereinander jedes Mitglied der Gruppe.“¹⁰
Auch im Außenlager Ellrich-Juliushütte, das zunächst dem KZ Buchenwald und später dem KZ Mittelbau-Dora unterstand, herrschte zwischen den Funktionshäftlingen ein erbitterter Kampf um die begehrtesten Posten, die das Überleben sichern konnten. Dabei wurden unliebsame Konkurrenten vielfach von ihren Mithäftlingen ermordet.¹¹ Der wegen seiner Tätigkeit als Lagerhenker in Dora im US-amerikanischen Dachauer Dora-Prozess von 1947 angeklagte Willi Zwiener, der im Herbst 1944 als Kapo nach Ellrich verlegt wurde, sagte in seiner Vernehmung sogar aus, der „kriminelle“ Lagerälteste Arthur Schimmeck habe im Lager Ellrich einen „Todeshof“ eingerichtet, auf dem nachts missliebige Mithäftlinge heimlich beseitigt worden seien. Ihre Leichen habe man im Pontel-Teich auf dem Lagergelände versenkt.¹²
Detlef Garbe hat darauf verwiesen, dass die Tötung besonders gewalttätiger Funktionshäftlinge auch „das Los von Häftlingen erleichtern, Gefahren verringern und durch ihre abschreckende Wirkung zum Abbau willkürlicher Gewalt im Lager beitragen“ konnte. Garbe führt das Beispiel eines Kapos an, der in Dachau und Ravensbrück für Brutalität insbesondere gegenüber jüdischen Mitgefangenen berüchtigt war. Nachdem er seine Protektion durch die SS verloren hatte, wurde er 1942 in das KZ Neuengamme überstellt, wo ihm sein Ruf bereits vorauseilte. Die dortigen Funktionshäftlinge verwiesen ihn in ein höchst gefürchtetes Arbeitskommando, in dem er „systematisch zugrunde gerichtet“ wurde.¹³
Besonders unerbittlich gingen politische Häftlinge gegen Mitgefangene vor, von denen sie glaubten, dass sie für die SS spitzelten – die sogenannten Zinker.¹⁴ Im Krankenbau des Lagers Dora sollen mehrfach Häftlinge getötet worden sein, die als tatsächliche oder vermeintliche SS-Spitzel enttarnt worden waren. So berichtete der niederländische Häftlingsarzt Dr. Groeneveld, ein französischer Kollege habe einen Spitzel im Revier durch eine Giftinjektion getötet: „Ich hatte nicht den Mut, es zu tun.“¹⁵
Im KZ Buchenwald leitete der Kommunist Harry Kuhn den sogenannten Abwehrapparat, eine Art Geheimdienst, der über den Machterhalt der politischen Funktionshäftlinge wachte und tatsächliche oder vermeintliche Verräter auf Transport in andere Lager schicken oder töten ließ. Robert Leibbrand, der Buchenwald als Schreiber im Kommando Gustloff-Werke überlebte, schrieb nach seiner Befreiung: „Die antifaschistischen Häftlinge haben den Kampf gegen Nazi-Helfer und Denunzianten und für eine unbedingte internationale Disziplin aller Nazigegner mit aller Härte geführt. Wie sie ihr eigenes Leben nicht schonten, so scheuten sie auch nicht davor zurück, das Leben von Verrätern und Verbrechern zu opfern. Sie haben sich dadurch die Möglichkeit geschaffen, viele der Unterdrückungs- und Mordmaßnahmen der SS zu durchkreuzen und Tausenden antifaschistischer Kameraden Gesundheit und Leben zu erhalten.“¹⁶
Dass diese Form der Selbstjustiz, deren Ziel die Verbesserung der Überlebensbedingungen für die anderen Häftlinge, zumindest aber die eigene Gruppe war, besonders von kommunistischen Häftlingen angewandt wurde, mag kaum überraschen. Sie waren straff organisiert, hatten häufig stalinistische „Säuberungs“-Methoden verinnerlicht und daher vielleicht weniger moralische Skrupel. Aber trotzdem werden auch sie die moralische Ambivalenz ihres Tuns sicherlich gespürt haben; darauf deutet das Wort „opfern“ im Bericht von Robert Leibbrand hin. Hermann Langbein berichtet von solchen Überlegungen unter Funktionshäftlingen im KZ Auschwitz: „Wie sollte sich zum Beispiel ein Blockältester zu einem ertappten Brotdieb verhalten? Meldete er ihn der SS, dann war nicht nur dessen Leben so gut wie sicher verwirkt, sondern waren zusätzlich auch Kollektivstrafen zu erwarten. Ließ er den Dieb unbehelligt, dann ermunterte er andere, sich ebenfalls am Brot des Nachbarn zu vergreifen. Er wurde gezwungen, sich zum Richter aufzuwerfen“¹⁷, und – das wäre hinzuzufügen – auch zum Vollstrecker des Urteils.
Von einer Lagerjustiz oder Gerichtsorganisation in den Lagern schreiben mehrere Überlebende. Über Buchenwald berichtete der Sozialdemokrat Benedikt Kautzky ein Jahr nach der Befreiung: „Der Krieg der Häftlinge gegen diese Schädlinge der Gemeinschaft führte in Buchenwald zur Ausbildung einer förmlichen Gerichtsorganisation, die ganz nach Art der mittelalterlichen Feme ihres Amtes waltete. Sie hatte ihr Zentrum im Revier und lag in der Hand der kommunistischen Schicht, die das Lager beherrschte. […] Es war eine ungeheure Macht über Leben und Tod ihrer Kameraden, die da völlig unkontrollierbar und unbeeinflussbar in die Hand einiger weniger gelegt wurde. Unbestreitbar ist, dass sie kein Todesurteil leichtfertig gefällt haben; sie verfügten über einen ausgezeichneten Informationsdienst.“¹⁸
Wie Langbein thematisierte Kautzky auch das moralische Dilemma der Lagerjustiz: „Das Lager hatte sicher seine eigenen Gesetze, und das Leben war gefährlicher als irgendwo anders. Jeder, der diese Gefahren für einen größeren oder kleineren Kreis vermehrte, war als Feind zu behandeln, aber ob in jedem dieser Fälle die Todesstrafe gerechtfertigt war? Und ob das Urteil in jedem Fall unbeeinflusst von persönlichen Gefühlen gefällt wurde? Eine objektive Nachprüfung ist heute nicht mehr möglich, und so müssen wir es den Beteiligten überlassen, ihre Tätigkeit vor ihrem eigenen Gewissen zu rechtfertigen.“¹⁹
Der von seinen Mithäftlingen abwertend „Follette“ genannte Häftling war Kapo im KZ Mittelbau-Dora und wurde im Kasernenlager des befreiten KZ Bergen-Belsen Opfer der Lynchjustiz. Musée de la Résistance et de la Déportation, Besançon
In manchen Fällen versuchten Häftlinge, die Lagerjustiz gewissermaßen rechtsstaatlich zu legitimieren (und vielleicht auch, die moralische Last für die Beteiligten zu schwächen), indem sie justizförmige Gerichtsverfahren mit Anklage, Verteidigung und Gericht führten. Einen Fall aus dem KZ Bergen-Belsen schilderte der Franzose Michel Fliecx in einem 1947 publizierten Bericht. Danach führten im Sommer 1944 einige Häftlinge ein Gerichtsverfahren gegen den von der SS abgesetzten Revier-Kapo Karl Rothe, der zuvor Hunderte Mithäftlinge mit Giftinjektionen ermordet hatte. „Eines Abends macht ihm ein richtiges kleines Tribunal“, schreibt Fliecx, „bestehend aus den Blockältesten und den Kapos […], im Zimmer des Blockältesten von Block 4 den Prozess. Danach bringen sie ihn in Block 2, wo ich gerade als Schreiber beschäftigt bin. Wir lassen ihm die ganze Nacht Zeit, sich zu erhängen. Aber dann beschließen wir, dass er doch zu gefährlich ist und noch Dummheiten machen könnte. Der große Josef geht also zu ihm in den Schlafsaal und befiehlt ihm, sich sofort umzubringen.“²⁰ Doch Rothe versucht zu fliehen. Daraufhin stürzt sich die gesamte Gruppe der Häftlinge auf den zum Tode Verurteilten und tötet ihn gemeinsam: „Als sie Karl schließlich über das Bett werfen, ist er schon tot. Trotzdem ziehen wir ihn alle zusammen an den Füßen, damit er auch wirklich stranguliert wird.“²¹
Ebenfalls im Sommer 1944 fanden in Buchenwald lagerinterne „Gerichtsverfahren“ gegen eine Reihe von neu in das KZ-System eingewiesenen Gefangenen statt. Sie waren mit einem Transport von fast 1.500 Juden aus geräumten firmeneigenen Zwangsarbeitslagern der Hugo Schneider AG (HASAG) im besetzten Polen in das „Kleine Lager“ gekommen. Unmittelbar nach der Ankunft forderten die kommunistischen Buchenwalder Funktionshäftlinge die neuen Gefangenen auf, diejenigen zu benennen, die in HASAG-Lagern Funktionen innegehabt und Mitgefangene misshandelt hatten.²² Überlebende berichteten von darauf folgenden verhältnismäßig institutionalisierten Verfahren, bei denen es nicht nur einen improvisierten Gerichtssaal mit Publikum und eine gezielte Befragung von Zeugen durch „Richter“ gab, sondern auch „Verteidiger“ und neben harten Strafen auch tatsächlich einige Freisprüche. Die von diesem Lagertribunal Verurteilten wurden von Mitgefangenen erschlagen, zum Suizid gezwungen oder in der Latrine des „Kleinen Lagers“ ertränkt.²³ Mit diesen Verfahren wurde nicht nur das Bedürfnis der zuvor Gepeinigten nach Vergeltung befriedigt. Die Buchenwalder Funktionshäftlinge beseitigten damit auch eine parallele Hierarchie unter den Gefangenen und entledigten sich möglicher Konkurrenten um wichtige Positionen.²⁴
Aus etlichen Lagern werden aus den Tagen der Befreiung Fälle von Lynchjustiz berichtet. Im Außenlager Boelcke-Kaserne des KZ Mittelbau-Dora sollen Häftlinge das allgemeine Durcheinander während britischer Bombenangriffe vom 3. und 4. April 1945 genutzt haben, um verhasste Kapos und Blockälteste zu töten.²⁵ Auch bei der Befreiung von Häftlingen auf den Todesmärschen kam es mitunter zu Lynchjustiz. Diese richtete sich vor allem gegen SS-Männer; ihr konnten in der chaotischen Situation jedoch auch Häftlinge zum Opfer fallen, wie ein Überlebender berichtete: „Die von den Bewachern fortgeworfenen Waffen wurden sofort besonders von den ausländischen Häftlingen aufgenommen. Diese wandten sich dann sofort gegen die bisherigen Bewacher, um sich an sie zu rächen [sic!]. Darüber hinaus war aber jeder verdächtig und gefährdet, wenn er deutsch sprach. Jeder Deutsche wurde als Bewacher oder Vorarbeiter angesehen. Sie wurden sämtlichst verprügelt und nackend ausgezogen und schließlich totgeschlagen.“²⁶
Die wohl weitreichendsten Fälle von Lynchjustiz waren unmittelbar nach der Befreiung im Kasernenlager des KZ Bergen-Belsen zu verzeichnen. Bis zu 170 Funktionshäftlinge aus dem KZ Mittelbau-Dora, die bei der Räumung des KZ Mittelbau zusammen mit knapp 20.000 weiteren Häftlingen nach Bergen-Belsen gebracht worden waren, fielen am 15. und 16. April 1945 Rachemorden durch befreite Mithäftlinge zum Opfer.²⁷ Bei diesen Morden ging es nicht mehr darum, das eigene Überleben zu sichern, sondern es handelte sich um Vergeltung oder auch Strafe für tatsächlich oder angeblich begangene Verbrechen an Mitgefangenen.
Die hier angeführten, unvollständigen Beispiele zeigen: Bei der Tötung von Mithäftlingen im Konzentrationslager handelt es sich um ein komplexes und vielschichtiges Phänomen. Will man die Häftlingsgesellschaft nicht nur als Gemeinschaft passiver Opfer, sondern als sozialen Rahmen für historische Akteure betrachten, so gilt es, auch diese drastischen Fälle einzubeziehen. Statt einer moralisierenden oder gar voyeuristischen Darstellung sollten sie analytisch als relevanter Aspekt der eingeschränkten Handlungsfähigkeit von KZ-Häftlingen innerhalb des von der SS geschaffenen Systems permanenter, todbringender Gewalt im Konzentrationslager untersucht werden.
Prof. Dr. Jens-Christian Wagner ist Historiker und seit Oktober 2020 Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Er ist Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der
Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Dr. Martin Clemens Winter ist Historiker und seit Januar 2021 Alfred Landecker Lecturer am Historischen Seminar der Universität Leipzig. Er forscht zu Unternehmenskultur, Zwangsarbeit und Judenmord beim Leipziger Rüstungskonzern HASAG.
1 Vgl. zum Charakter der Häftlingsgesellschaft und Kritik am Begriff zuletzt Prenninger, Alexander (2024): Dimensionen und Theorien der „Lagergesellschaft“, in: Fritz, Regina/Prenninger, Alexander/Botz, Gerhard/Berger, Heinrich (Hrsg.) (2023): Gefangen in Mauthausen, Wien, S. 57–102.
2 Hier stehen zunächst Fallbeispiele aus Männerlagern im Mittelpunkt. Tendenziell scheinen entsprechende Vorgänge in Frauenlagern seltener gewesen zu sein – dies gilt es jedoch systematisch zu erforschen. Für kollegiale Hinweise zur Thematik danken wir Andrea Rudorff, Anna Hájková und Henning Fischer.
3 Albert van Dijk, Beinahe vergessene Erinnerungen, unveröffentl. Bericht, undatiert, Dokumentationsstelle der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora (DMD), P1/172.
4 Vgl. Aussagen Walter Ulbricht, 5.6.1947, und Francizek D., 20.9.1947, Bundesarchiv Ludwigsburg, 429 AR-Z 192/72, Bl. 288 ff. u. 342 ff.
5 Vgl. Aussage Richard Schraven, 1947, National Archives Record Administration (NARA), Microfilm-Publication M-1079, Roll 8, S. 5167. Laut einer vom SS-„Lagerarzt“ Maischein unterschriebenen Todesmeldung starb der polnische Häftling Stanislaw Dombrowski am 19.3.1945. Als Todesursache ist Peritonitis (Bauchfellentzündung) vermerkt (Arolsen Archives, ITS Digital Archive, 1.1.27.2, #2583957). Ob es sich um den Kapo Dombrowski handelt, ist unklar.
6 Luchterhand, Elmer (2018): Einsame Wölfe und stabile Paare. Verhalten und Sozialordnung in den Häftlingsgesellschaften nationalsozialistischer Konzentrationslager (hg. von Andreas Kranebitter und Christian Fleck), Wien, S. 133–139.
7 Kupfer-Koberwitz, Edgar (1956): Als Häftling in Dachau … geschrieben von 1943 bis 1945 im Konzentrationslager Dachau, 3. Fortsetzung und Schluss, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (B X / 56), S. 161–180, hier S. 178.
8 Hartewig, Karin (1998): Wolf unter Wölfen? Die prekäre Macht der kommunistischen Kapos im Konzentrationslager Buchenwald, in: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 4, S. 117–122, hier S. 212.
9 Rede des Reichsführers-SS in Sonthofen vor Generalen der Wehrmacht, 21.6.1944, Bundesarchiv Berlin (BArch), NS 19/4014, Bl. 158–205, hier Bl. 165.
10 Kogon, Eugen (2006): Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, 44. Aufl., München, S. 332.
11 Vgl. Aussage Erich Wyglendatz (ehem. Häftling), 1947, NARA, M-1079, Roll 7, S. 1840. Ein Opfer der Machtkämpfe in Ellrich war der „kriminelle“ Kapo Döring, der im Herbst 1944 von den Häftlingen Zwiener, Büttgenbach und Hoffmann brutal verprügelt wurde und später an seinen Verletzungen starb; vgl. Aussagen Lubomir Hanak, 4.10.1946, BArch, BStU, ZM 1625, Bd. 61, A. 280, Bl. 399 ff., und W. Zwiener, 17.6.1947, NARA, M-1079, Roll 5, Bl. 454 ff.
12 Vgl. Aussage W. Zwiener, 1947, ebd., Roll 8, S. 5149.
13 Garbe, Detlef (1998): Editorial, in: Abgeleitete Macht. Funktionshäftlinge zwischen Widerstand und Kollaboration. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 4, S. 7–17, hier S. 12–13.
14 Vgl. etwa die Berichte von Franz Eichhorn und Walter Bartel aus dem Jahr 1945, in: Hackett, David A. (1996): Der Buchenwald-Report. Bericht über das Konzentrationslager bei Weimar, München, S. 306–308.
15 Bericht Hessel Louws Groeneveld, undatiert, DMD, EB/HN 5, Bl. 18.
16 Bericht Robert Leibbrand, undatiert (1945/46), Buchenwald-Archiv, 31/197.
17 Langbein, Hermann (1980): Menschen in Auschwitz, Frankfurt/Main, S. 194.
18 Kautzky, Benedikt (1946): Teufel und Verdammte. Erfahrungen und Erkenntnisse aus sieben Jahren in deutschen Konzentrationslagern, Zürich, S. 200.
19 Ebd., S. 201.
20 Fliecx, Michael (2013): Vom Vergehen der Hoffnung. Zwei Jahre in Buchenwald, Peenemünde, Dora, Belsen, Göttingen (frz. Originalausgabe Évreux 1947), S. 210.
21 Ebd., S. 211 f.
22 Werber, Jack with Helmreich, William B. (1996): Saving Children. Diary of a Buchenwald Survivor and Rescuer, New Brunswick/London, S. 81–84.
23 Scheinwald, Zeev with Scheinwald, Ella (2020): Wolf. A Story of Hate, Amsterdam, S. 101–104.
24 Zu diesem Fall ist ein ausführlicher Beitrag von Martin Clemens Winter in Vorbereitung.
25 Vgl. Bericht Jan Kaczmarek (ehem. Kapo der Arbeitsstatistik im Lager Dora), 1981, DMD, 50.3.1., Bl. 41 f.
26 Vernehmung von Paul Walter Vogel, Kriminalinspektion Hamburg, 1.12.1955, Staatsarchiv München, Staatsanwaltschaften, Nr. 34481, Bl. 87–88, hier Bl. 88.
27 Vgl. Rahe, Thomas/Seybold, Katja (2009): „Berufsverbrecher“, „Sicherungsverwahrte“ und „Asoziale“ im Konzentrationslager Bergen-Belsen, in: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 11, S. 94–103, hier S. 99; Schilderungen von KZ-Überlebenden in: Béon, Yves (1985): La planète Dora, Paris, S. 245 u. 257; Mialet, Jean (2006): Haß und Vergebung. Bericht eines Deportierten, Bad Münstereifel, S. 217 f.