Buchenwald

Zwangsgemeinschaftliche Verflechtungen.

Koloniale Kontexte, Folge 4: Von Buchenwald nach Belgisch-Kongo. Lebenswege zwischen antinazistischem Widerstand und kolonialer Realität

Als der 24-jährige Robert Maistriau 1945 aus dem Konzentrationslager nach Belgien zurückkehrte, war er ein Überlebender – und ein Held des belgischen Widerstands. Zwei Jahre zuvor hatte der Medizinstudent mit seinen beiden Schulfreunden Youra Livchitz und Jean Franklemon einen Deportationszug, der 1.631 Jüdinnen und Juden und Sinti und Roma aus dem Sammellager Mechelen nach Auschwitz bringen sollte, gestoppt und einige der Todgeweihten befreit.1 Diese und andere Widerstandstaten brachten ihm Verhaftung, Folter und Deportation ein, er überlebte die Lager Buchenwald, Dora, Harzungen sowie Bergen-Belsen. Die Rückkehr in sein Heimatland blieb nicht von Dauer: 1949 wanderte Robert Maistriau mit seiner Frau Colette nach Belgisch-Kongo aus und arbeitete dort zunächst für die Kolonialverwaltung, dann für die Compagnie du Kasai, ein belgisches Unternehmen, das gegründet wurde, um in der Kolonie die Ressourcen des Kasai-Flussbeckens auszubeuten.2 Michel Dieudonné, ebenfalls belgischer Widerstandskämpfer und Buchenwald-Überlebender, ging gleich nach seiner Befreiung 1945 nach Belgisch-Kongo. Denn er kannte ihn gut, hatte er doch bereits vor dem Zweiten Weltkrieg mehrere Jahre dort als Kolonialarzt für die Bergbaugesellschaft Société internationale forestière et minière du Congo, kurz La Forminière, gearbeitet.3

Schwarzweißfotografie eines älteren Paares, das nebeneinander im Freien steht. Der Mann trägt ein kurzärmeliges Hemd und kurze Hose, die Frau ein helles, knielanges Kleid und hält einen Gegenstand in der Hand. Beide lächeln leicht in die Kamera. Im Hintergrund und seitlich rahmen große tropische Pflanzen mit breiten Blättern die Szene ein, was auf eine Aufnahme in einer warmen, möglicherweise kolonialen Umgebung hindeutet.
Auf ihrem Landgut in Feshi, Kongo: Robert Maistriau und Colette Delsante, 1987. Foto: Kommune Woluwe-Saint-Lambert

Robert Maistriau und Michel Dieudonné stehen beispielhaft für viele, die Widerstand gegen das rassistische Naziregime leisteten, Buchenwald überlebten und sich in einem kolonialrassistischen System engagierten. Dass es unter den insgesamt etwa 4.000 Belgier:innen, die in Buchenwald und seinen Außenlagern inhaftiert waren, viele gab, die auf irgendeine Weise Verbindungen nach Belgisch-Kongo hatten, liegt nahe.4 Schließlich waren zehntausende Belgier:innen als Soldaten, Beamte, Wissenschaftler:innen, Missionare, Geschäftsleute, Siedler:innen oder Abenteurer am Aufbau und Betrieb des Kongo beteiligt, seitdem die belgische Regierung 1908 König Leopold II. als Alleinherrscher über diese Kolonie ersetzt hatte. Der belgische Staat kontrollierte den Kongo seitdem „durch die ‚koloniale Dreieinigkeit‘, eine Verteilung der Macht zwischen dem Staat, der Katholischen Kirche und privaten Unternehmen. Der Staat kümmerte sich um die Administration, die Kirche stand für die Ausbildung und die Exporte der Unternehmen finanzierten die Kosten zum Betreiben der Kolonie.“5 Wir betrachten hier – tastend und sehr gedrängt – die Lebensgeschichten jener zehn Belgier dreier verschiedener Generationen, von denen wir wissen, dass sie als sogenannte politische Häftlinge in Buchenwald inhaftiert und zu verschiedenen Zeiten in Belgisch-Kongo involviert waren. Wir beginnen mit den Jüngsten.

Robert Maistriau, geboren 1921 in Ixelles, wuchs im sogenannten Mutterland, in Brüssel auf und emigrierte erst nach seiner Konzentrationslagerhaft in die Kolonie. Charles Devroey, John de Watsa, Yves Lambin, Guy Vranckx und Pierre Henrotin hingegen gehörten zu jenen Belgiern, deren Leben bereits vor der Lagerhaft wesentlich von Belgisch-Kongo geprägt war. Ihre Kindheit, Jugend oder ersten Berufsjahre, ihre Sozialisation standen im Zeichen dieser Kolonie. Sie alle waren dort als Kinder von Kolonialbeamten des belgischen Staates in den frühen 1920er Jahren zur Welt gekommen.

Charles Devroey, 1921 in Élisabethville (seit 1966 Lubumbashi) geboren, verbrachte seine Kindheit im Kongo, bevor er auf ein Internat ins wallonische Malmedy geschickt wurde. Sein Vater Egide Devroey war ein einflussreicher Bauingenieur und Kolonialbeamter im Dienst der belgischen Kolonialverwaltung, seine Mutter Jacqueline Dardenne Sekretärin der Frauenunion in den belgischen Kolonien.6 Nach seiner Schulzeit in Malmedy besuchte Charles Devroey die Marine-Akademie in Antwerpen, wo er 1940 sein Diplom als Offiziersanwärter erhielt. Die nazideutsche Besatzung Belgiens ab Mai 1940 zwang seine Familie wie so viele zur Flucht nach Frankreich. Charles Devroey blieb im besetzten Gebiet und war als Landarbeiter im Freiwilligenarbeitsdienst Service des volontaires du travail de Wallonie tätig. Doch nachdem die Besatzer im Herbst 1942 die allgemeine Arbeitspflicht eingeführt hatten und auch Devroey zum Dienst im Service de travail obligatoire verpflichtet wurde, ging er unter dem Decknamen Charles Devos in den aktiven Widerstand. Nach einem gescheiterten Versuch, die spanische Grenze zu überqueren, nahmen ihn französische Milizangehörige im Januar 1944 in Toulouse fest, von wo aus er noch Ende des gleichen Monats über das Durchgangslager Compiègne zur Zwangsarbeit nach Buchenwald verschleppt wurde. Sieben Monate später „verlegte“ ihn die Lager-SS in das Außenlager Dora, ab November 1944 in das Außenlager Ellrich, das nun dem KZ Mittelbau unterstellt war. Laut Sterbeurkunde starb Charles Devroey am 18. Dezember 1944 dort an der Ruhr.7

Auch für John de Watsa, 1923 als Sohn des Kolonialbeamten Henri Dessers im kongolesischen Buta geboren, wurde Ellrich zum Sterbeort.8 Unmittelbar vor seiner Inhaftierung lebte der Radiotechniker de Watsa – der Name verweist auf eine Gemeinde im Nordosten Belgisch-Kongos – in Brüssel. Über seine Aktivitäten im Widerstand ist bislang wenig bekannt. Fest steht, dass er Mitte Juni 1944 nach Buchenwald, von dort nach Dora und schließlich nach Ellrich „transportiert“ wurde, wo er Anfang Dezember 1944 starb.9

Yves Lambin, der gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Jean und wie John de Watsa Mitte Juni 1944 nach Buchenwald deportiert worden war, konnte im April 1945 seine Befreiung im Hauptlager erleben. Als Student in Brüssel hatte er sich der Widerstandsorganisation Front de l’Indépendance angeschlossen, Gestapo-Beamte verhafteten ihn im Mai 1944. Vater Léon Lambin war Kolonialbeamter in der Provinz Orientale im Nordosten des Belgisch-Kongo, wo im dortigen Ibembo 1921 Sohn Yves zur Welt kam und noch seine frühe Kindheit verbrachte.10

Der Medizinstudent Guy Vranckx, geboren 1922 in Léopoldville (seit 1966 Kinshasa), wurde, wie Robert Maistriau, Anfang Mai 1944 aus dem Polizeihaftlager Breendonk nach Buchenwald verschleppt.11 Sein Vater André Vranckx war seit 1910 als Kolonialbeamter und Bauingenieur in Belgisch-Kongo tätig und wurde für „seine Verdienste um die Kolonie“ mehrfach ausgezeichnet.12

Am wenigsten lässt sich über Pierre Henrotin in Erfahrung bringen. Geboren wurde er 1923 in Boma, dem damaligen Verwaltungssitz Belgisch-Kongos. Laut der SS-Dokumente arbeitete Henrotin als Beamter. Im Februar 1944 verhafteten ihn Sicherheitspolizeibeamte in Brüssel, ein Vierteljahr später ließen sie ihn über das Internierungslager Beverloo nach Buchenwald bringen, von dort verschleppte ihn die SS im Juni 1944 in das Außenlager Dora.13

Auguste Verfaille, geboren 1920 in Mouscron, Lagerist und Autoschlosser, hatte vor seiner Lagerhaft keine Verbindungen nach Belgisch-Kongo. Er ging erst nach seiner Inhaftierung in die Kolonie. Wie andere Überlebende auch war er nach seiner Rückkehr in die wallonische Heimat mit Schwierigkeiten bei der Repatriierung und wenig Anerkennung seiner Leiderfahrung konfrontiert gewesen, woraufhin er nach Belgisch-Kongo emigrierte.14 Dort arbeitete er in einem Autohaus, gründete bald eine Familie und verließ erst unmittelbar nach der Unabhängigkeit von der belgischen Herrschaft den Kongo wieder. Verfaille war nach der Besatzung Belgiens im Widerstand aktiv, nach seiner Flucht nach Frankreich dort im Sommer 1943 verhaftet und über Compiègne nach Buchenwald deportiert worden.15 Von dort überstellte ihn die SS in das Außenlager Laura, wo er nach einiger Zeit aufgrund seiner Automechanikerausbildung in eine Kfz-Werkstatt verlegt wurde – einem kleinen Arbeitskommando mit etwas besseren Bedingungen. Kurz vor Kriegsende gelang ihm die Flucht von einem Räumungstransport.16

Wir wissen nicht viel über diese jungen Menschen, über ihre diversen Zugehörigkeiten, über ihre jeweiligen Handlungsspielräume, ihre Selbstverständnisse. Es kann bisher nicht angemessen beurteilt werden, wie sehr sie tatsächlich durch ihre Erfahrungen in Belgisch-Kongo geprägt waren, wie unterschiedlich sie sich in den konkreten kolonialen Situationen verhielten, sich eher prokolonial einbrachten oder das koloniale Projekt vielleicht kritisierten oder sich gar von ihm distanzierten. Genauso wenig kann darüber ausgesagt werden, inwiefern ihre kolonialen Erfahrungen ihre jeweiligen Widerstandshandlungen beeinflussten oder in welchem Maß die Lagerhaft die gesellschaftlich-politischen Positionierungen der Überlebenden transformierte. Auch über eine Nähe dieser jungen Männer zu den Freien Belgischen Streitkräften inklusive der kongolesischen Truppen der Force Publique, die trotz der Kapitulation Belgiens im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten kämpften, können wir nur spekulieren.17 Im Falle Yves Lambins zumindest findet sich eine diesbezügliche Spur – ersuchte doch die Zentrale Kriegsgefangenenstelle Genf des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz im November 1944 um Nachrichten über seinen Verbleib in Buchenwald.18

Ohne Zweifel wesentlich aktiver als die jungen Männer hatte der fast zwei Generationen ältere Armand Huyghé de Mahenge als Soldat und Beamter am belgischen Kolonialprojekt teilgenommen. Nach seiner Ausbildung an der Brüsseler Militärakademie wurde Huyghé de Mahenge 1893, noch zu Zeiten König Leopolds II., der Kolonialarmee Force Publique im Kongo-Freistaat zugeteilt. In der Folge nahm er an Expeditionen teil, die dem Ausbau der belgischen Kolonialgebiete und der Absicherung gegen französische Einflüsse dienten. Während des Ersten Weltkriegs führte er Truppen der Force Publique in Deutsch-Ostafrika gegen die dortigen sogenannten deutschen Schutztruppen, ab Februar 1917 war er Oberbefehlshaber der für Ostbelgisch-Kongo und Ruanda-Urundi zuständigen Force-Publique-Einheiten. Nach dem Krieg kommandierte er das belgische Kontingent der alliierten Besatzungstruppen des Rheinlands. Später engagierte er sich in zentralen kolonialwirtschaftlichen Unternehmen wie der Compagnie du chemin de fer du bas-Congo und der neugegründeten Société des mines d’étain du Ruanda-Urundi, ab 1930 war er Administrator der Compagnie des Grands Elevations Congolais.19 Seit der nazideutschen Besatzung Belgiens 1940 beteiligte er sich am Widerstand in der Bourgogne, wohin er mit belgischen Regierungsmitgliedern geflohen war. Im September 1943 wurde Huyghé de Mahenge verhaftet, zunächst im Gefängnis von Fresnes inhaftiert und im Januar 1944 zusammen mit dem Justizminister Eugène Soudan und dem ehemaligen Premierminister Paul-Émile Janson über Compiègne nach Buchenwald deportiert. Dort starb Armand Huyghé de Mahenge wenige Wochen später im extremsten Teil des Lagers, im Kleinen Lager.20

Während sich Huyghé de Mahenge hauptsächlich militärisch für die Kolonialherrschaft engagierte, trat der 32 Jahre jüngere Michel Dieudonné in den belgischen Kolonialapparat ein, als dieser vorwiegend auf Betrieb und Verwaltung konzentriert war. Michel Dieudonné, 1903 in Yvoir im wallonischen Teil Belgiens geboren, ging 1936 als ausgebildeter Tropenmediziner zu La Forminière in Tshikapa.21 Während seiner Jahre bei dieser Bergbaugesellschaft war er vermutlich mit der Kontrolle und Prävention von Krankheiten wie Malaria oder Schlafkrankheit betraut, denn diese traten in den von der Forminière errichteten Arbeitslagern und Siedlungen häufig auf.22

Mit Beginn der nazideutschen Besatzung schloss sich Dieudonné dem konservativ-nationalistischen Mouvement National Belge an.23 Infolge seiner Widerstandstätigkeiten wurde er im Sommer 1944 von der Gestapo verhaftet und über Breendonk nach Buchenwald deportiert, wo er ab Anfang 1945 als Häftlingsarzt arbeitete.24 Nach seiner Befreiung kehrte er 1945 in den Kongo zurück und nahm dort seine Tätigkeit bei der Forminière wieder auf. 1952 versuchte er sich als Mitinhaber der Firma „Scimexfor Lubi“ in der Holzwirtschaft, doch bereits 1954 wurde das Unternehmen für insolvent erklärt. Im Zuge der finanziellen Schieflage setzte Dieudonné die Löhne von 162 kongolesischen Arbeiter:innen aus und verweigerte ihnen die vereinbarten Nahrungsmittel sowie Unterkünfte. Das belgische Kolonialgericht verurteilte ihn daraufhin wegen Pflichtverletzung als Arbeitgeber – und auch wegen eines ungedeckten Schecks, den er einem Gläubiger ausgestellt hatte. Das Gericht stellte fest, dass Dieudonné bewusst die Interessen der Arbeiter:innen geopfert hatte, um den Konkurs des Unternehmens hinauszuzögern. Während er seine Schulden gegenüber europäischen Partnern beglich, ließ er die kongolesischen Arbeiter:innen bewusst leer ausgehen. Die Justiz zog ihn zwar zur Verantwortung, sah jedoch aufgrund seiner Verdienste als Widerständler im Zweiten Weltkrieg und darauffolgender Lagerhaft mildernde Umstände. Trotz der Verurteilung gelang Dieudonné ein beruflicher Neuanfang. 1954 begann er als Funkelektriker in der Kommunikationsabteilung der Kolonialverwaltung der Provinz Kasai, 1958 wurde er jedoch entlassen, nachdem bekannt wurde, dass er gefälschte Bildungsnachweise eingereicht hatte.25

Ob und wie Michel Dieudonné die Unabhängigkeitsbewegung im Kongo erlebte, ist nicht bekannt. Robert Maistriau, der Medizinstudent, der 1943 den Deportationszug überfallen hatte und 1949 nach Belgisch-Kongo gegangen war, blieb – mit kurzer Unterbrechung 1960 – während der Konflikte um die Unabhängigkeit im Land. 1954 gab Maistriau seine Anstellung bei der Compagnie du Kasai auf und zog in die ländliche Region von Kikwit, um sich dort selbständig zu machen. Seine Projekte richteten sich auf die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung: Er soll Waren von Bauern zu fairen Preisen gekauft, sich in der Infrastruktur engagiert und damit die lokale Produktion gefördert haben.26 Ab 1963 betrieb er gemeinsam mit seiner Frau in Kikwit Viehzucht, initiierte ein Aufforstungsprojekt und gründete eine Schule. Seine neokoloniale Arbeit wurde von belgischer Seite vielfach gelobt, seine Projekte trügen wesentlich zur nachhaltigen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Entwicklung der Region bei.27 In den 1990er-Jahren kehrte Maistriau aufgrund des Kriegs im Kongo sowie gesundheitlicher Probleme immer häufiger nach Belgien zurück. 2005 gründete er als 84-Jähriger mit Hilfe von Freunden noch ein neues Unternehmen nach kongolesischem Recht, um seine Entwicklungsprojekte fortsetzen und erweitern zu können.28

Der Theologe und Dichter Léon Leloir war zwar nie in Belgisch-Kongo, dennoch aber maßgeblich am belgischen Kolonialprojekt beteiligt. Leloir, 1907 in Mons geboren, studierte Geisteswissenschaften, Philosophie und Theologie und trat 1926 in das Noviziat der Lavigerie-Missionare im französisch-algerischen Maison Carrée in Algier (seit 1962 El-Harrach) ein. 1933 übernahm er eine Professur in Leuven, darüber hinaus ein Jahr später die Leitung des Periodikums der Afrikamissionare Grands Lacs. Revue Mensuelle des Missionnaires d’Afrique. Er publizierte mehrere Ausgaben pro Jahr, die sich hauptsächlich mit Nordafrika und den belgischen Kolonien, insbesondere dem Kongo, befassten. Während der deutschen Besatzung Belgiens schloss sich Leloir der Résistance an und agierte als Seelsorger des Maquis in den belgischen und französischen Ardennen. Im wallonischen Dinant wurde er im Juli 1944 von Gestapobeamten verhaftet und vier Wochen später nach Buchenwald deportiert, wo er in verschiedenen Innenkommandos Zwangsarbeit leisten musste.29

Schwarzweiß-Gruppenfotografie von etwa 25 männlichen Häftlingen in einem Konzentrationslager. Die Männer tragen einfache, teils zerlumpte Kleidung, einige Häftlingsjacken und Mützen; einer in der vorderen Reihe trägt gestreifte Lagerkleidung. Viele wirken abgemagert und erschöpft. Sie sind dicht zusammengedrängt, einige sitzen am Boden, andere stehen dahinter. Mehrere blicken direkt in die Kamera, ihre Gesichtsausdrücke sind ernst bis müde. Die Aufnahme vermittelt die Enge und die Belastung des Lageralltags.
Befreite Häftlinge in Buchenwald, der Dritte von links in der dritten Reihe (stehend, mit Brille): Léon Leloir, April 1945.

Nach seiner Befreiung im April 1945 nahm er sogleich seine publizistischen Tätigkeiten wieder auf. Bereits im Sommer 1945 veröffentlichte er Texte über seine Gefangenschaft, in denen er, zum Teil in Versform, von zahlreichen Geschehnissen in Buchenwald berichtet. Im Zusammenhang mit dem Tod von René Greindl – seit August 1940 Gouverneur der wallonischen Provinz Luxemburg und seit 1943 in Opposition zur deutschen Besatzungsverwaltung – in Block 61 des Kleinen Lagers erwähnt er auch den Arzt Michel Dieudonné.30 Und genau in diesem „Gesang“, wenige Zeilen vor Dieudonnés Namensnennung, formuliert Leloir auch koloniale Wunschvorstellungen:

„A l‘exemple des saints qui nos monts sillonnèrent Puisse l‘un de mes fils se vouer missionnaire! Je le vois s‘embarquer par la grâce enhardi Vers ton fascinateur Ruanda-Urundi.“

„Nach dem Vorbild der Heiligen, die unsere Berge durchstreiften, möge sich einer meiner Söhne dem Missionsdienst verschreiben! Ich sehe ihn, wie er sich, von der Gnade ermutigt, auf den Weg zu deinem faszinierenden Ruanda-Urundi macht.” 31

Ruanda-Urundi, der 1916 eingenommene nordwestliche Teil Deutsch-Ostafrikas, war die zweite Kolonie in Afrika, die Belgien nach dem Ersten Weltkrieg beherrschte. Wie also wurde in Buchenwald über die damalige koloniale Welt kommuniziert? Wie wurde koloniales Unrecht inmitten Nazi-Europas thematisiert? Welche Menschen mit welchen kolonialen Erfahrungen trafen im Lager aufeinander? Es fällt, nicht nur aufgrund der lückenhaften Überlieferung, schwer, die kolonial geprägten Lebensgeschichten der zehn Belgier genauer nachzuzeichnen. Wir können wenig darlegen über ihre individuellen Beweggründe und Handlungen oder darüber, welche unterschiedlichen Konsequenzen sie zogen, selbst wenn sie aus denselben Gründen von den Nazideutschen verfolgt worden waren. Konstatiert werden kann, dass das koloniale Projekt offenbar quer durch die belgische Gesellschaft auf große Akzeptanz stieß und dass bisher nichts auf antikoloniale Positionen hinweist. Koloniale Erfahrungen und antinazistisches Engagement konnten durchaus nebeneinander bestehen.

Die Welt des 20. Jahrhunderts war eine kolonial geprägte Welt. Auch in den nazideutschen Konzentrationslagern befanden sich Menschen aus den damaligen europäischen Kolonien: Kolonisierende und mehr noch Kolonisierte. Mindestens 1.000 Menschen mit kolonialen Erfahrungen gerieten in das System des Konzentrationslagers Buchenwald, allein etwa 300 Männer und Frauen aus Algerien waren in Buchenwald und seinen Außenlagern.

Lebensgeschichtliche Spuren dieser Menschen weisen auf die Vielheit von Völkern und Regionen hin, die von europäischen Staaten wie Frankreich, Großbritannien oder den Niederlanden als Kolonien beherrscht wurden. In den Ausgaben der „Reflexionen“ sollen – parallel zu einem laufenden Rechercheprojekt und gegliedert nach ehemaligen Kolonien – Fragmente kolonialer Geschichte in ihrem Bezug zur Geschichte Buchenwalds vorgestellt werden. In diesem Heft geht es um Akteure in Belgisch-Kongo, im nächsten um Buchenwald-Überlebende, für die Kolonien zu Zufluchtsstätten wurden.

All diese fragenden Befunde korrespondieren mit den gedächtniskulturellen Diskursen in Belgien. Der belgische Historiker Idesbald Goddeeris diagnostiziert diesbezüglich, dass der belgische Staat, ganz ähnlich wie andere ehemalige europäische Kolonialmächte, im Umgang mit seiner Vergangenheit eine defensive Haltung einnimmt und sich in verklärenden Erzählungen der Kolonialgeschichte verliert.32 Kolonialhistorische Kontroversen sollen möglichst vermieden werden. Und obwohl es seit den 1990er-Jahren zusehends mehr kritische Debatten über die Kolonialzeit gibt, dominieren weiterhin eher traditionelle, nostalgische bis apologetische Sichtweisen auf die koloniale Vergangenheit. So werden die kolonialen Verstrickungen der verschiedenen Akteure geschichtspolitisch nach wie vor unterbelichtet oder – wie im Falle Armand Huyghé de Mahenges – deren Glorifizierungen als Heldenfiguren kaum minder. Gleichzeitig werden ihre Leistungen im Widerstand während des Zweiten Weltkriegs betont, wobei die Bandbreite der Résistance in Belgien wenig ausdifferenziert wird – eine Vielfalt, die zum Beispiel schon in den Widerstandshandlungen Robert Maistriaus und Michel Dieudonnés aufscheint: Während sich Maistriau im linken Umfeld der Université Libre de Bruxelles betätigte und der Widerstandsgruppe Groupe G angehörte, engagierte sich Dieudonné im konservativ-nationalistischen Milieu des Mouvement National Belge.33

Umso wichtiger ist das wachsende Interesse zumeist jüngerer Bevölkerungsschichten an kritischer Auseinandersetzung mit der belgischen National- und Kolonialgeschichte.34

Marc Bouttens ist wissenschaftlicher Volontär am Erinnerungsort Topf & Söhne in Erfurt. 2024 schrieb er seine Masterarbeit Von Buchenwald nach Kongo.

Ronald Hirte ist Referent der Bildungsabteilung der Gedenkstätte Buchenwald.

1 Vgl. Robert Maistriau. Überfall auf einen Deportationszug, in: https://www.buchenwald.de/geschichte/mediathek/audio/robert-maistriau (30.11.2025).

2 Eintrag Robert Maistriau (2016), in: Académie royale des Sciences d’Outre-Mer. Nouvelle Biographie Nationale, S. 234ff.

3 Personalbogen Michel Dieudonné, 25235/Generalstaatsarchiv 2, Depot Joseph Cuvelier, Brüssel.

4 Vgl. Rochette, Daniel/Vanhamme, Jean-Marcel (1976): Les Belges à Buchenwald, Brüssel, S. 349.

5 Levin, Amat (2025): Black History. Die vergessene Geschichte Afrikas, München, S. 369.

6 Personalbogen Egide-Jean Devroey, 2698/Generalstaatsarchiv 2, Depot Joseph Cuvelier, Brüssel.

7 Akte Charles Devroey, P1, Bd. 595 a, Archiv Gedenkstätte Mittelbau-Dora.

8 Personalbogen Henri Dessers, 11498/Generalstaatsarchiv 2, Depot Joseph Cuvelier, Brüssel.

9 John de Watsa, 1.1.27.2/2750324/ITS Digital Archive, Bad Arolsen. Allein im Dezember 1944 starben in Ellrich-Juliushütte etwa 500 Menschen an den Folgen von Hunger, Krankheiten und Erschöpfung. Dieses Lager war damals ein Lager für entkräftete, aus Sicht der SS andernorts nicht mehr ausbeutbare Häftlinge, de facto zu einem Vernichtungslager geworden. Vgl. Wagner, Jens-Christian (2009): Ellrich 1944/45. Konzentrationslager und Zwangsarbeit in einer deutschen Kleinstadt, Göttingen.

10 Personalbogen Leon Lambin, 15293/Generalstaatsarchiv 2, Depot Joseph Cuvelier, Brüssel.

11 Transportliste Breendonk vom 6. Mai 1944, 1.1.5.1/5299389/ITS Digital Archive, Bad Arolsen.

12 Personalbogen André Armand Vranckx, 1454/Generalstaatsarchiv 2, Depot Joseph Cuvelier, Brüssel.

13 Pierre Henrotin, 1.1.5.3/6083771; Transportliste vom 17. Mai 1944, 1.1.5.3/5299445/ITS Digital Archive, Bad Arolsen.

14 Vgl. Rochette (1976), S. 374–378. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer regelrechten Einwanderungswelle aus Belgien, in deren Folge sich die „weiße“ Bevölkerung im Belgisch-Kongo bis 1950 auf etwa 100.000 Menschen erhöhte – was in etwa eine Verdreifachung im Vergleich zur Zeit des Kriegsbeginns bedeutete.

15 Häftlingspersonalbogen Auguste Verfaille, 1.1.5.3/7340000/ITS Digital Archive, Bad Arolsen.

16 Vgl. Auguste Verfaille. Erinnerungen an Laura, in: Filmstudio Sirius (2005), Gegen das Vergessen. Erinnerungen an das KZ-Außenlager Laura 1943 bis 1945 (DVD).

17 Vgl. Vanthemsche, Guy (2012): Belgium and the Congo, 1885–1980, Cambridge, S. 23.

18 Schreiben des Internationalen Roten Kreuzes an das Deutsche Rote Kreuz vom 1. November 1944, 1.1.5.3/6434816/ITS Digital Archive, Bad Arolsen.

19 Vgl. Eintrag Armand Christophe Huyghé de Mahenge (1955), in: Académie Royale des Sciences d’Outre-Mer. Biographie Belge d’Outre-mer, S. 415–422.

20 Nachlassmeldung vom 2. März 1944, 1.1.5.3/6132951/ITS Digital Archive, Bad Arolsen.

21 Personalbogen Michel Dieudonné, 25235/Generalstaatsarchiv 2, Depot Joseph Cuvelier, Brüssel. Vgl. Baetens, Roland (2009): Het Prins Leopold Instituut voor Tropische Geneeskunde te Antwerpen: een overzicht, in: Studium (2), S. 116–129, https://doi.org/10.18352/studium.1479 (30.11.2025).

22 Vgl. Derksen, Richard (1983): Forminière in the Kasai, 1906–1939, in: African Economic History (12), S. 56ff.

23 Akte Michel Dieudonné, Inventaire des Archives du Mouvement National Belge, INV 45 MNB, Archives Communales de Saint-Gilles.

24 Arbeitseinsatzkarte Michel Dieudonné, 1.1.5.3/5757288/ITS Digital Archive, Bad Arolsen.

25 Personalbogen Michel Dieudonné; Urteil des Gerichts der Provinz Kasai im Fall Staatsanwaltschaft gegen Michel Dieudonné vom 16. Februar 1955; Schreiben an Gouverneur der Provinz Kasai zum Fall Dieudonné vom 12. November 1954; Kündigungsschreiben der Personalverwaltung der Provinz Kasai; Brief des Kolonialministeriums in Brüssel an den Generalgouverneur in Léopoldville vom 9. Juli 1958, 25235/Generalstaatsarchiv 2, Depot Joseph Cuvelier, Brüssel.

26 Eintrag Robert Maistriau (2016), in: Académie royale des Sciences d’Outre-Mer. Nouvelle Biographie Nationale, S. 234ff. Auch in den 1950er-Jahren waren Zwangsarbeit, prekäre Löhne und strukturelle Gewalt noch Alltag in der Kolonie. Vgl. Loffman, Reuben (2017): Belgian Rule and Its Afterlives, in: International Labor and Working-Class History (92), S. 57ff.

27 Ebenda.

28 Robert Maistriau starb im September 2008. Drei Jahre nach seinem Tod wurde die Fondation Robert Maistriau ins Leben gerufen. Vgl.: https://sites.google.com/site/fondationrobertmaistriau/accueil (30.11.2025).

29 Léon Leloir starb infolge eines Autounfalls am 29. September 1947. „Dieser Afrikamissionar, für den der Kongo immer nur ein ‚gelobtes Land‘ geblieben war, dem er jedoch mit seiner ganzen Kultur, all seiner Feinfühligkeit und seiner ganzen Kraft diente …“ – so beginnt der Eintrag über ihn in der Biographie Belge d’Outre-mer. Vgl. Eintrag Léon Edward Marie Leloir (1957), in: Académie Royale des Sciences d’Outre-Mer. Biographie Belge d’Outre-mer, S. 643.

In den neun Bänden der Biographie Coloniale Belge/Biographie Belge d’Outre-mer (1948–2015) wurden rund 5.600 Einträge zu Belgier:innen sowie einigen Nichtbelgiern veröffentlicht, die laut den Herausgebern „im Ausland eine herausragende Rolle“ spielten. Die Einträge sind oft unkritisch, apologetisch und glorifizierend. Vgl. Vanthemsche, Guy (2013): Van de „Belgische Koloniale Biografie“ naar het „Biografisch Woordenboek van Belgen Overzee“, in: Mededelingen der Zittingen van de Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen (57), 2–4, S. 216.

30 Leloir, Léon (1945): Je reviens de l’enfer, Paris, S. 254.

31 Ebenda.

32 Vgl. Goddeeris, Idesbald (2015): Postcolonial Belgium. The Memory of the Congo, in: Interventions (17), S. 434ff. Eine entscheidende Rolle spielen dabei die staatlichen Archive, deren Bestände erst seit den späten 1990er-Jahren einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sind. Vgl. Piret, Bérengère (2015): Reviving the Remains of Colonization. The Belgian Colonial Archives in Brussels, in: History in Africa (42), S. 428f.

33 Vgl. Kommune Woluwe-Saint-Lambert (Hrsg.): Clairvoyant et audacieux: Robert Maistriau, in: https://www.woluwe1200.be/app/uploads/2021/10/panneau_WSL_Maistriau_Altenhoff.pdf (30.11.2025); Akte Michel Dieudonné, Inventaire des Archives du Mouvement National Belge, INV 45 MNB, Archives Communales de Saint-Gilles; Majerus, Benoît (2011): Belgien. Der Widerstand gegen die NS-Okkupation 1940–1945, in: Ueberschär, Gerd (Hrsg.): Handbuch zum Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus in Europa 1933/39 bis 1945, Berlin, S. 125–135.

34 So zum Beispiel die kolonialkritischen Aktivitäten des Collectif Mémoire Coloniales et Luttes contre les Discriminations. Vgl. https://memoirecoloniale.com/a-propos/nos-activites (30.11.2025).

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