Schwerpunkt: Widerstand

Antifa-Ausschüsse

Aufbruch im Umbruch Ein Gespräch mit dem Historiker Jürgen John über das politische Engagement Buchenwald-Überlebender im befreiten Thüringen 1945

In der Zeit unmittelbar nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald wurden ehemalige politische Häftlinge in Thüringen zu Schlüsselakteuren des Neuaufbaus. Antifa-Komitees organisierten Alltag, entnazifizierten, stießen aber auch auf Grenzen, die die Militärverwaltungen setzten. Das Interview beleuchtet Dynamiken, Personen und offene Forschungsfragen.

Einer der Überlebenden des Außenlagers Ohrdruf zeigt Generälen der US-Armee einen von der SS errichteten Rost aus Eisenbahnschienen, auf denen sie Häftlingsleichen verbrannten.
Dwight D. Eisenhower (Mitte) vor einem von der SS errichteten Rost aus Eisenbahnschienen, auf denen die Leichname verstorbener Häftlinge aus den Massengräbern verbrannt wurden, 12. April 1945. Foto: Moore, U.S. Signal Corps.
©National Archives Washington

Jürgen John: Thüringen sollte nach den Londoner Vereinbarungen der alliierten European Advisory Commission (EAC) von 1944 über Besatzungszonen und Kontrollverfahren zur sowjetischen Besatzungszone gehören. Beim schnellen Vorstoß US-amerikanischer Truppen in das mitteldeutsche Reichsinnere wurde es aber im April 1945 von der 3. Armee der 12. US-Armeegruppe befreit und besetzt. Deren Verbände überschritten am 1. April die hessisch-thüringische Grenze bei Creuzburg an der Werra. Am 12. April erreichten sie Weimar, am 16. April das ostthüringische Greiz. Am gleichen Tage stießen sie bis zur Zwickauer Mulde vor. Beim raschen Vormarsch der US-Truppen durch Thüringen wurden viele Orte kampflos übergeben, Nordhausen aber durch einen britischen Luftangriff schwer zerstört. Damit gehörte Thüringen zu den zunächst westalliiert besetzten Gebieten des künftig sowjetischen Besatzungsbereiches. Das sowjetisch befreite und besetzte Chemnitz bildete eine Art „Grenzstadt“ der Demarkationslinie zwischen den amerikanischen und sowjetischen Truppen. Das Gebiet um Schwarzenberg südlich von Chemnitz blieb besatzungsfrei. Beim raschen Vormarsch der US-Trup pen durch Thüringen wurden viele Orte kampflos über geben, Nordhausen aber durch einen britischen Luftangriff schwer zerstört.

Am 4. April befreiten US-Truppen das KZ-Außenlager Ohrdruf als erstes westalliiert befreites NS-Konzentrationslager überhaupt, am 11. April die Hauptlager Buchenwald und Mittelbau-Dora. Die grausigen Zustände in den befreiten NS-Lagern mit vielen Toten sowie kranken und sterbenden Häftlingen waren für die US-Truppen schockierend.

Am 12. April besichtigten der Oberkommandierende der westalliierten Truppen Eisenhower und die Generäle Bradley (Kommandeur der 12. Armeegruppe) und Patton (Kommandeur der 3. Armee) das Außenlager Ohrdruf. Sie sahen zum ersten Mal ein solches „Schreckenslager“, notierte Patton später, „Es war das Fürchterlichste, was man sich vorstellen kann.“ Am 19. April fand im befreiten Hauptlager Buchenwald eine vom Internationalen Lagerkomitee (ILK) organisierte Gedenkfeier überlebender Buchenwald-Häftlinge für die 56.000 Toten des Konzentrationslagers mit dem Schwur statt, als deren Vermächtnis den politischen Kampf bis zur „endgültige[n] Zerschmetterung des Nazismus“ zu führen. Die meisten Häftlinge konnten das einem US-Lagerkommandanten unterstellte Lager Buchenwald im Mai verlassen. Viele von ihnen engagierten sich in Antifa-Ausschüssen und beim Aufbau entnazifizierter deutscher Verwaltungen in Thüringen und den angrenzenden mitteldeutschen Gebieten.

Eine Gruppe von Männern geht entlang eines langen Massengrabens, in dem zahlreiche Leichen nebeneinander liegen. Die Szene wirkt dokumentarisch und zeigt offenbar Zivilisten, die unter Aufsicht das Ausmaß von NS-Verbrechen unmittelbar nach der Befreiung eines Konzentrationslagers besichtigen.
Einwohner Nordhausens beerdigen unter Aufsicht amerikanischer Soldaten die Toten des Außenlagers Boelcke-Kaserne in einem Reihen grab, 14. April 1945. Foto: Joseph Mendelsohn, United States Holocaust Memorial Museum, Washington

Nach der Entlassung der Häftlinge fungierte das Lager Buchenwald als DP-Camp, nach dem Besatzungswechsel dann bis 1950 als sowjetisches Internierungslager (Speziallager Nr. 2). Der Besatzungswechsel erfolgte entsprechend der 1944 von den Alliierten getroffenen Vereinbarungen durch Abzug amerikanischer und nachfolgenden Einzug sowjetischer Truppen vom 2. bis zum 6. Juli 1945 in ostwestlicher Richtung, mit Gera als erste größere Thüringer Stadt des Truppenwechsels.

JJ: In den Antifa-Ausschüssen fanden sich Hitler-Gegner verschiedener Milieus und Richtungen für den postfaschistischen Neubeginn zusammen. Solche Ausschüsse entstanden in allen Besatzungszonen mehr oder weniger spontan auf lokaler Ebene meist unmittelbar nach der Befreiung durch alliierte Truppen und dem Zusammenbruch nationalsozialistischer Strukturen, bevor sich ein voll funktionsfähiges Besatzungsregime etablierte. Die Antifa-Ausschüsse trugen informellen Charakter. Sie waren örtlich verschieden organisiert und gaben sich unterschiedliche Namen. Meist nannten sie sich „Antifaschistischer Ausschuss“, „Antinazi-Komitee“ oder „Antifaschistische Liga“, im Rückgriff auf allgemeine Termini auch „Nationalkomitee ‚Freies Deutschland‘“ etc. Der Begriff „Antifaschistische Ausschüsse“ („Antifa-Ausschüsse“) hat sich als Sammelbegriff eingebürgert.

JJ: Die meisten Antifa-Ausschüsse entstanden im mitteldeutschen Raum und im Südwesten. Einige Ausschüsse gingen aus illegalen Widerstandsgruppen der NS-Zeit hervor und waren an der kampflosen Übergabe ihrer Orte an alliierte Truppen beteiligt. Meist wurden Antifa-Ausschüsse nach dem Einmarsch alliierter Truppen von Hitler-Gegnern der „inneren Emigration“ und von aus NS-Haftanstalten und -Konzentrationslagern befreiten, politisch engagierten Häftlingen gebildet, die in unterschiedlichem Maße konzeptionell auf diese Handlungssituation vorbereitet waren. Spontanität des Handelns und der Organisation stellte ein charakteristisches Merkmal der Antifa-Ausschüsse dar. Sie standen oft in einem Spannungsverhältnis zu aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrenden Personen und Gruppen.

Schwarz-weiße Karte Deutschlands mit dem Titel „Antifaschistische Ausschüsse im Frühjahr 1945“. Sie zeigt die damaligen Besatzungszonen, Demarkationslinien und zahlreiche Orte, an denen antifaschistische Ausschüsse gegründet wurden, vor allem in Mittel- und Ostdeutschland. Symbole markieren außerdem Verbote und Verhaftungen durch westliche Besatzungsbehörden.
Karte aus: Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR (Hrsg.): Deutsche Geschichte Band 9: Die antifaschistisch demokratische Umwälzung, der Kampf gegen die Spaltung Deutschlands und die Entstehung der DDR von 1945 bis 1949, Berlin 1989, S. 19.

Die Initiatoren und Mitglieder der Antifa-Ausschüsse kamen vor allem aus der organisierten früheren Arbeiterbewegung sowie aus bürgerlichen und christlichen Anti-Hitler-Milieus. Sie verstanden sich als „antifaschistische Elite“ des Neuaufbaus und als „Antinazi-Aktivisten der ersten Stunde“, sahen sich als solche zum Handeln befugt und verlangten entsprechende Mitsprache. Besonders aktiv wurden aus der früheren kommunistischen Arbeiterbewegung kommende Initiatoren und Mitglieder der Antifa-Ausschüsse. Sie stießen freilich auf erhebliche Widerstände. Im westlichen Besatzungsbereich verhielten sich Besatzungsinstanzen reserviert und misstrauisch gegenüber kommunistischen Bestrebungen. Im sowjetischen Besatzungsbereich gab es gegenüber den von Haft, Lagern oder innerer Emigration der NS-Zeit geprägten Kommunisten massive Vorbehalte exilkommunistischer Rückkehrer aus der UdSSR, die mit Initiativgruppen im sofort sowjetisch besetzten Gebiet bald tonangebend wurden.

JJ: Die Antifa-Ausschüsse kümmerten sich um öffentliche Ordnung, Alltagsfragen, Versorgung und Wohnraum, bemühten sich, die örtliche Wirtschaft wieder in Gang zu bringen und versuchten, die oft lethargische Bevölkerung zu Wiederaufbauarbeiten heranzuziehen. Dabei kooperierten sie in unterschiedlichem Grade mit personell neu besetzten deutschen Verwaltungen. Entsprechend ihrem antifaschistischen Selbstverständnis begannen die Antifa-Ausschüsse mit der Auflösung lokaler NS-Strukturen und der „politischen Säuberung“ (Entnazifizierung) örtlicher Verwaltungen, soweit es ihnen die Besatzungsinstanzen gestatteten.

Dr. Jürgen John hatte von 1995 bis 2007 die Professur für Moderne mitteldeutsche Regionalgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. 2023 erschien seine zweibändige Untersuchung zur Amtszeit des ersten Thüringer Landes- und Ministerpräsidenten nach dem Ende des Nationalsozialismus: „Die ‚Ära Paul‘ in Thüringen 1945 bis 1947. Möglichkeiten und Grenzen landespolitischen Handelns in der frühen SBZ“. Im Zentrum stehen die politischen Handlungsfelder unter sowjetischer Besatzung. In einem Kapitel wird aber auch die vorausgehende dreimonatige amerikanische Besatzungszeit Thüringens mit den Antifa-Ausschüssen sowie die Rolle ehemaliger Buchenwald-Häftlinge beim Neuaufbau behandelt.

Gegenüber den Besatzungsinstanzen agierten die Antifa-Ausschüsse meist betont „unpolitisch“ und „überparteilich“. In diesem Sinne handelnde Ausschüsse wurden als administrative Hilfsorgane akzeptiert und kommunal eingebunden, politisch selbstbewusst und fordernd, gar parteipolitisch auftretende hingegen behindert oder untersagt, im Rahmen der Antifa-Ausschüsse entstehende Ansätze neuer Parteistrukturen und -kooperation allenfalls geduldet. In allen Besatzungszonen wurden die Antifa-Ausschüsse seit Sommer 1945 aufgelöst. Überwiegend gingen sie in regulären Strukturen neu zugelassener Parteien auf. In der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bildeten sich die Antifa-Ausschüsse bzw. -Komitees nach dem dort für neu zugelassene Parteien verbindlichen Prinzip der „Block“-Zusammenarbeit auf Zonen-, Landes- und Ortsebene zu sogenannten Parteienblocks bzw. Block-Ausschüssen um.

JJ: Militärgouverneur für das von der 3. Armee besetzte thüringisch-westsächsische Gebiet wurde der Kommandeur ihres VIII. Korps Major General Middleton, der Ende April 1945 sein Hauptquartier in Weimar bezog. Für die Military Government Detachments dieses Gebietes war zunächst der Leiter der G-5-Abteilung des VIII. Korps Colonel Hatch zuständig. Dessen Befugnisse gingen Anfang Juni an eine reguläre Militärregierung unter Lieutenant Colonel Darlington in Weimar über, der 34 Military Government Detachments ihres thüringisch-westsächsischen Zuständigkeitsbereiches unterstanden.

Schwarz-weiß-Fotografie einer deutschen Stadt im Frühjahr 1945: US-amerikanische Soldaten bewegen sich mit einem Militärfahrzeug durch eine Straßenkreuzung vor einem mehrstöckigen Gebäude. Die Szene zeigt die Besetzung einer Stadt unmittelbar nach dem Einmarsch der alliierten Truppen.
Amerikanische Infanteristen marschieren durch die Innenstadt von Jena, 15. April 1945. Foto: F. C. Wagner, US Signal Corps
©National Archives Washington

Administrativ bestand Thüringen bei Ende des Krieges und des NS-Regimes aus dem 1920 gebildeten Land Thüringen und den preußischen Gebieten des 1944 erweiterten Regierungsbezirkes Erfurt, informell zusammengefasst im quasistaatlichen NS-Gau Thüringen mit der Landes- und Gauhauptstadt Weimar. Die dortigen Landes- und Gaubehörden unterstellte der amerikanische Weimarer Stadtkommandant am 19. April dem von ihm zunächst kommissarisch eingesetzten Oberbürgermeister Weimars. Dessen Nachfolger als neuer Oberbürgermeister Weimars – der sozialdemokratische Buchenwald-Häftling Fritz Behr – beauftragte am 7. Mai im Rahmen dieser Vollmachten den früheren Sozialdemokraten und Buchenwald-Häftling Hermann Brill mit der Wahrnehmung der Geschäfte der Landesregierung. Brill berief kommissarische Beauftragte für die Fachministerien. Im Auftrag von Colonel Hatch bereitete er mit Verwaltungs-Denkschriften die Neuorganisation einer „Provinz Thüringen“ vor. Auf Grundlage seiner vom US-Hauptquartier bestätigten Denkschriften wurde Brill am 9. Juni 1945 zum Regierungspräsidenten dieser „Provinz Thüringen“ einschließlich der amerikanisch besetzten westsächsischen Kreise ernannt. Er bildete eine Provinzialregierung, der auch die im Mai kommissarisch für die Landesministerien Beauftragten angehörten, darunter der kommunistische Buchenwald-Häftling Walter Wolf für das Volksbildungsressort. Mit der „politischen Säuberung“ (Entnazifizierung) der Verwaltungen beauftragte Brill die kommunistischen Buchenwald-Häftlinge Ernst Busse, dann Edwin Bergner, mit der Leitung der Präsidialkanzlei den sozialdemokratischen Buchenwald-Häftling Curt Böhme. Am 2. Juli wurde diese Provinzialregierung amtlich bekannt gegeben. Zwar war Brill bereit, die Regierung unter sowjetischer Besatzung weiterzuführen. Doch ernannte die sowjetische Militäradministration am 16. Juli Rudolf Paul – einen Mann der „inneren Emigration“ während der NS-Zeit und amerikanisch eingesetzten Oberbürgermeister Geras – an Brills Stelle zum Präsidenten des Landes Thüringen (Gebiet der „Provinz Thüringen“ ohne die westsächsischen Kreise). Vizepräsidenten und Landesdirektoren der Fachämter der „Landesverwaltung Thüringen“ – wie die provisorische Landesregierung zunächst (bis zu den Wahlen und regulärer Regierungsbildung Ende 1946) hieß – waren weitgehend Mitglieder der bisherigen Provinzialregierung.

Schwarz-weiß-Fotografie eines Büros: Ein US-amerikanischer Offizier sitzt hinter einem Schreibtisch und spricht mit drei zivilen Personen, die ihm gegenüber in Sesseln sitzen, sowie einem weiteren Soldaten. Auf dem Tisch liegen Dokumente und ein Telefon. Die Szene zeigt eine Besprechung zwischen Militärverwaltung und deutscher Zivilbevölkerung nach Kriegsende.
Der neu eingesetzte Weimarer Oberbürgermeister Fritz Behr während einer Lagebesprechung mit den Offizieren der US-Militärverwaltung, Frederick W. Hanger und James H. Ward, 26. Juni 1945. Foto: Sherman Chapman, US Signal Corps
©National Archives Washington

JJ: Die besatzungspolitischen Aufgaben in den im April 1945 gleichsam „außerplanmäßig“ amerikanisch besetzten Gebieten lagen zunächst bei den militärischen Kommandos und ihren Stäben, die weitgehend dezentral je nach Lage vor Ort handelten. Ihre Zuständigkeit ergab sich aus dem Besetzungsverlauf und deckte sich nur bedingt mit den deutschen Verwaltungsstrukturen. Das Personal der provisorischen Militärverwaltungen und die örtlichen Kommandanten kamen anfangs aus den jeweiligen Kampfverbänden. Sie wechselten häufig. Zunächst galten noch vorläufige Presurrender-Direktiven, erst seit Mai die bis 1947 für den amerikanischen Besatzungsbereich geltende Joint Chiefs of Staff (JCS)-Besatzungsdirektive 1067. Die amerikanischen Truppen besetzten Deutschland als besiegten Feindstaat weder als Unterdrücker noch als Befreier, hieß es in der Direktive 1067 wie in der allenorts aushängenden Proklamation Nr. 1 des Oberkommandierenden Eisenhower.

JJ: Dieser Grundsatz war freilich weit und im Ermessen der jeweils eingesetzten Offiziere ausleg- und anwendbar. Die Entscheidungs- und Befehlsgewalt lag bei den örtlichen Kommandanten. Wie sie handelten, ob rigoros oder gemäßigt, entschieden sie je nach Lage vor Ort. Deutschen waren politische Aktivitäten untersagt. Es galt „politische Quarantäne“. Zwar förderten die Besatzungsinstanzen die Normalisierung des öffentlichen Lebens, entließen oder internierten NS-belastete Amtsträger. Andere Beamte und Angestellte wurden dienst- und arbeitsverpflichtet entsprechend den Anordnungen der US-Militärverwaltung. Gegenüber politischen Neuansätzen und durchgreifenden Entnazifizierungsabsichten verhielten sich die Besatzungsinstanzen reserviert. Politische Kundgebungen waren nicht erlaubt, parteipolitische Ansätze allenfalls geduldet. Die Mehrheit der von den Ereignissen überrollten Deutschen verhielt sich ohnehin eher apathisch. Bei den Überlebenden des KZ Buchenwald war das meist anders. Sie wollten unmittelbar nach ihrer Entlassung aus dem Lager den politischen Neuanfang mitgestalten.

JJ: In Buchenwald sahen sich besonders sogenannte politische Häftlinge zum antinazistischen Wiederaufbau berufen und verpflichtet. Sie kamen aus sehr verschiedenen Milieus, waren aber häufig durch gemeinsame Lager- und Widerstandserfahrungen und durch den Gedanken international-überparteilicher „Volksfront“-Zusammenarbeit verbunden. Über Nations- und Parteigrenzen hinweg empfanden sie sich als antifaschistische Elite und künftige politische Avantgarde. Im illegalen Lagerwiderstand maßgebliche Kommunisten wie der ILK-Leiter Walter Bartel prägten beispielsweise den am 19. April 1945 verkündeten „Schwur von Buchenwald“ als Vermächtniserklärung aller Häftlinge. Sehr viele, die aus Thüringen stammten, konzentrierten sich auf den dortigen Neuaufbau, engagierten sich in Antifa-Komitees und prägten frühe Parteiansätze. Zwei Gruppierungen traten dabei besonders hervor.

Schwarz-weiß-Fotografie vom 24. April 1945: Mitglieder des Internationalen Lagerkomitees versammeln sich im ehemaligen Arbeitszimmer des Lagerkommandanten im KZ Buchenwald. Am Schreibtisch sitzt der Übergangskommandant der US-Armee, Lorenz Schmuhl. Links neben ihm der deutsche politische Häftling Walter Bartel. Im Hintergrund, ganz links stehend mit Brille, der deutsche politische Häftling Harry Kuhn. Auf dem Tisch liegen Aktenstapel; die Szene zeigt eine administrative Besprechung nach der Befreiung.
Mitglieder des Internationalen Lager komitees im ehemaligen Arbeitszimmer des Lagerkommandanten des KZ Buchen wald. Am Schreibtisch der Übergangskom mandant der US-Armee Lorenz Schmuhl. Links neben ihm der deutsche politische Häftling Walter Bartel. Ganz links hinten, stehend mit Brille, der deutsche politische Häftling Harry Kuhn, 24. April 1945. Foto: Thérèse Bonney, The Bancroft Library
©University of California, Berkeley

Zum einen jene deutschen Kommunisten, die im KZ Buchenwald durch die Verbindung von Funktionen in der Häftlingsverwaltung und in konspirativen Strukturen zu maßgeblichen Trägern des organisierten Widerstands geworden waren und seit 1943 über eine illegale Lagerleitung um Walter Bartel, Ernst Busse und Harry Kuhn verfügten. Am 12. April 1945 kam die KPD-Bezirksleitung Thüringen im Lager Buchenwald unter der Leitung von Johannes Brumme zu einer ersten halblegalen Sitzung zusammen. Im Weiteren bestimmte sie Ernst Busse – im KZ einflussreicher Funktionshäftling als sogenannter Kapo des Häftlingskrankenbaus – zum Bezirkssekretär, verlegte ihren Sitz nach Weimar und begann mit dem Aufbau halblegaler Ortsgruppen. Nach dem Besatzungswechsel entstand auf dieser Grundlage ein legaler KPD-Bezirksverband Thüringen.

Zum anderen gab es die demokratischen Sozialisten um Hermann Brill, der 1944 im KZ Buchenwald gemeinsam mit dem Sozialdemokraten Ernst Thape, dem Christdemokraten Werner Hilpert und dem Kommunisten Walter Wolf ein illegales Volksfront-Komitee gebildet hatte. Maßgeblich von Brill stammt das „Manifest der demokratischen Sozialisten“ vom 13. April 1945 mit dem Motto „Für Freiheit, Frieden, Sozialismus“. Es bildete die programmatische Handlungsgrundlage für Brills Politik als Regierungspräsident der Provinz Thüringen seit dem 9. Juni 1945 und für den nach dem Besatzungswechsel entstehenden Bund demokratischer Sozialisten (BdS).

JJ: Alle programmatischen Buchenwalder Reden und Resolutionen forderten Antifa-Komitees bzw. Ausschüsse, die nach der Befreiung und Besetzung in den meisten Thüringer Städten entstanden. Lokale Untersuchungen liegen vor für die bereits im April gebildeten Antinazi-Komitees Weimar und Gera und für das am 3. Mai gebildete Antifa-Komitee Gotha, die selbst eigene Fach-Ausschüsse bildeten und sich kommunalpolitisch engagierten – etwa bei der Bildung eines „politischen Beirates“ des kommissarischen Oberbürgermeisters (Weimar) und eines provisorischen Stadtrates (Gera). Besonders bemerkenswert ist der in dieser Weise damals singuläre, in Buchenwald entstandene, dann in Weimar wirkende und schließlich als informelles regionales Dach- und Beratungsorgan der Antifa-Ausschüsse fungierende „Thüringen-Ausschuss“.

Schwarz-weiß-Gruppenporträt vom 5. Dezember 1946: Sieben ehemalige Buchenwald-Häftlinge in formeller Kleidung als Mitglieder der Thüringer Landesregierung. In der vorderen Reihe sitzen unter anderem Ministerpräsident Rudolf Paul (3. von links) sowie Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident Ernst Busse (2. von links). Hinter ihnen stehen weitere Regierungsmitglieder, darunter Walter Wolf (2. von links), Volksbildungsminister. Die Aufnahme zeigt die frühe Nachkriegsregierung in offizieller Pose.
Ehemalige Buchenwald-Häftlinge in der am 4. Dezember 1946 gebildeten Thüringer Landesregierung von Ministerpräsident Rudolf Paul (sitzend, 3. v. l.): Ernst Busse, Innenminister und stellvertretender Minis terpräsident (sitzend, 2. v. l.); Walter Wolf, Volksbildungsminister (stehend, 2. v. l.), 5. Dezember 1946. Busse und Wolf mussten infolge SED-interner Auseinandersetzun gen im Mai 1947 als Minister zurücktreten. Foto: Ernst Schäfer

JJ: Schon kurz nach der Befreiung des KZ Buchenwald bildeten aus Thüringen stammende Buchenwald-Häftlinge sukzessive ein „Thüringer Komitee“, dem schließlich die Kommunisten Walter Wolf (Vorsitzender), Johannes Brumme und Martin Griesser, die Sozialdemokraten Hermann Brill und Rudolf Jungmann sowie als Parteilose Georg Chaim und Alfred Havelland angehörten. Es stand in engem Kontakt zum „Anti-Nazi-Komitee Weimar“. Mitte Mai verlegte das Thüringer Komitee seinen Sitz nach Weimar, bildete sich zum Thüringen-Ausschuss im Antinazi-Komitee Weimar um und übertrug Johannes Brumme den Vorsitz. Er strebte nun eine regionale Koordinationsrolle an. Im Juni bildete er sich unter Brummes Vorsitz zum gleichsam vorparlamentarischen Beratungsorgan der Thüringer Provinzialregierung Hermann Brills um. Als solches kam der Thüringen-Ausschuss vom 8. Juni bis 18. Juli zu insgesamt sechs Sitzungen zusammen, vier in der amerikanischen Besatzungszeit, eine während des Besatzungswechsels, die letzte mit Rudolf Paul als Landespräsidenten. Anstelle der von Brill empfohlenen Umwandlung des Thüringen-Ausschusses in einen regulären „Landesrat für die Provinz Thüringen“ erfolgte am 17. August 1945 seine Auflösung und Umwandlung zum Landesparteienblock. In ähnlicher Weise bildeten sich im August die lokalen Antifa-Komitees zu örtlichen Parteienblocks bzw. Blockausschüssen um.

JJ: Ich nenne nur einige Beispiele der Vielen, die sehr schnell in verantwortliche Positionen kamen: Die Sozialdemokraten Arno Barth und Heinz Baumeister wurden Präsidenten des Oberlandesgerichts Gera bzw. der Handwerkskammer Thüringen. Der ehemalige politische jüdische Häftling Georg Chaim leitete nach Erlass des Thüringer Wiedergutmachungsgesetzes vom September 1945 – das damals einzige Gesetz zur Restitution der in der NS-Zeit jüdischen Bürgern entzogenen Vermögen – bis 1947 das dafür zuständige Wiedergutmachungsreferat der Präsidialkanzlei/des Präsidialamtes.

JJ: Vier ehemalige kommunistische Häftlinge besetz ten besonders wichtige Stellen in der Landesverwaltung Thüringen: Ernst Busse war 1945/46 als 1. Vizepräsident und dann bis Mai 1947 als Innenminister unter anderem verantwortlich für Polizei, Bodenreform und die Vermö genssequestration nach Erlass der Befehle 124 und 126 der sowjetischen Militäradministration; Baptist Feilen war bis zum Erlass dieser Befehle im Rahmen des besonde ren Thüringer Sequestrationsweges Treuhänder für in der NS-Zeit enteignete Vermögen, Geschäftsführer der dafür gebildeten Treuhandgesellschaft, später Leiter der Hauptverwaltung landeseigener Betriebe; Edwin Bergner war als Leiter des Personalamtes der Präsidialkanzlei/des Präsidialamtes bzw. des Innenministeriums zuständig für die Entnazifizierung der Verwaltung und der Wirtschaft; Erich Reschke war 1945/46 Chef der Landespolizei Thü ringen, Hermann Geißler bis 1947 des Landeskriminal amtes; Walter Wolf leitete als Landesdirektor und dann als Minister bis Mai 1947 das Volksbildungsressort.

Portraitaufnahme von Hermann Brill
Hermann Brill (1895–1959), von 1943 bis 1945 als deutscher politischer Häftling unter der Haft-Nr. 21358 im KZ Buchenwald inhaftiert, um 1935. Foto: Bundesarchiv Berlin
©Bundesarchiv, Bild 146-1974-008-05

Die Fragen stellte Dr. Philipp Neumann-Thein

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