Schon im Mai 1945, unmittelbar nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, erschien die erste, noch improvisierte Berichtesammlung befreiter sowjetischer Häftlinge. Hier heißt es einleitend:
Schwerpunkt: Widerstand
Berichte von KZ-Überlebenden zeugen von ihren Erfahrungen, von der erlebten Gewalt, der Lagergesellschaft und dem Überleben. Sie sind wichtige Selbstzeugnisse, die jedoch nicht ohne den historischen Kontext ihrer Entstehung betrachtet werden können. In den frühen Berichten sowjetischer Buchenwald-Häftlinge nimmt die Darstellung des Kampfes und des Widerstands gegen die mörderische Politik der SS einen großen Raum ein. Dies hängt mit der schwierigen Situation zusammen, in der sich die Rückkehrer in die stalinistische Sowjetunion befanden: Die Tatsache ihrer Gefangenschaft war mit dem Verdacht der Kollaboration verbunden. Dennoch war auch das Schreiben über den Widerstand vielschichtiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.¹
„Dieses Buch ist von uns mit unserem Blut geschrieben. Es erzählt vom grausamen Alltag in Buchenwald, von den Tausenden unserer Genossen, die ums Leben gekommen sind, vom System der Folter und Misshandlungen, das die hitlerschen Sadisten im Lager eingerichtet hatten, die ihre Opfer ungehört langwierigen Qualen unterwarfen, ehe sie sie ermordeten.“²
Das erlebte Leid und das Gedenken an die Ermordeten stand bei diesen Worten im Vordergrund, weniger der Kampf und der Widerstand gegen die SS. Noch unter dem Eindruck der begangenen Verbrechen trug eine Gruppe sowjetischer Redakteure, die das sowjetische Lagerkomitee mit dieser Aufgabe betraute, Zeichnungen, Gedichte und Berichte aus dem Alltag der Häftlinge zusammen. Diese erste Berichtesammlung, zum Teil handschriftlich, zum Teil maschinenschriftlich verfasst, wurde auf einem Glasplattenapparat unter dem Titel „Konzentrationslager Buchenwald“ (Концентрационный лагерь Бухенвальд) vervielfältigt und von Hand zusammengenäht. Das Titelbild, gestaltet von dem inhaftierten ukrainischen Künstler Roman F. Jefimenko (1916–1996), zeigt im Negativ den Schriftzug „Konzentrationslager Buchenwald“ vor einer Wand, von der Blutstropfen herabrinnen. Die erste Seite mit dem ebenfalls von Jefimenko gestalteten Signet „Buchenwald“ zeigt einen hinter dem Torgebäude überlebensgroß erscheinenden Häftling, sich mit der linken Hand auf einen Stock oder eine Keilhaue stützend. Unter den Redakteuren der Berichtesammlung waren einige überlebende Politoffiziere. Ihnen muss klar gewesen sein, dass besonders eine Lesergruppe von Bedeutung war: die sowjetischen Behörden, die vor dem Hintergrund des allgemeinen Kollaborationsverdachts über das weitere Schicksal der Buchenwald-Überlebenden entscheiden würden. Es ist vermutlich dem Blick auf diese Lesergruppe geschuldet, dass die Berichtesammlung binnen kurzer Zeit überarbeitet wurde.
Bereits im Juni erschien eine „professionellere“ Variante der Häftlingsberichte: „Sammelband der Erinnerungen an das Konzentrationslager Buchenwald“ (Сборник воспоминаний о концентрационном лагере Бухенвальд). Dabei wurden bereits einige der Episoden leicht verändert, andere wurden weggelassen, zum Teil wurden Gedichte neu hinzugefügt. Dieser Band war in einer Buchdruckerei in Erfurt gedruckt worden, mit kyrillischen Lettern und von Setzer:innen, die offenbar des Russischen mächtig waren. Obwohl zwischen den beiden Versionen der Berichtesammlung nur ein knapper Monat lag, hatte sich die Ausrichtung verschoben: Nun stand weniger das Leid der Häftlinge, sondern deren heroischer Kampf und Widerstand im Zentrum. Allerdings wurde dabei weniger die Organisation des Kampfes betont als vielmehr die innere moralische Standhaftigkeit der Häftlinge.
Im neuen Vorwort hieß es nun:
„Weder Folter noch Schwierigkeiten (Hunger und Tod Tausender Menschen) – nichts konnte den Menschen in der gestreiften Kleidung ins Wanken bringen, der für seine kommunistischen Ideen kämpfte.“³
Zu diesem Zeitpunkt waren viele der befreiten sowjetischen Häftlinge bereits von Buchenwald in das ehemalige Außenlager Ohrdruf verlegt worden. Dort hatte die sowjetische Armee ein Sammel- und Filtrationslager zur Repatriierung sowjetischer Bürger:innen eingerichtet. Die Rückführung von etwa 5,5 Millionen ehemaligen sowjetischen Zwangsarbeiter:innen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen stellte die sowjetischen Behörden vor eine enorme Aufgabe, nicht zuletzt, da die Repatriierung in vielen Fällen gegen den Willen der Repatriant:innen vorgenommen werden sollte. Die Vernehmung der befreiten Häftlinge, die auf Fragebögen festgehalten wurde, diente der Registrierung der befreiten Häftlinge, aber auch der Überprüfung ihrer Loyalität gegenüber der UdSSR.
Häufig wurden die Repatriant:innen anschließend in die sowjetischen Streitkräfte oder Arbeitsbataillone eingegliedert, einige wurden wegen des Verdachts auf Kollaboration mit dem NS zu Lagerhaft verurteilt. Gleichzeitig wurden bei den Befragungen auch Verbrechenskontexte festgehalten und Namen von Beschuldigten genannt, die an Gewalttaten gegen sowjetische Staatsangehörige beteiligt waren. Es ist davon auszugehen, dass diese Angaben auch an das mit der Aufklärung von Kriegs- und Menschheitsverbrechen beauftragte sowjetische Innenministerium und die 1942 eingerichtete „Außerordentliche Staatskommission für die Feststellung und Untersuchung der Gräueltaten der deutsch-faschistischen Aggressoren und ihrer Komplizen“ weitergegeben wurden. Diese Repatriierungspraxis beeinflusste die Umgestaltung der Berichtesammlung wesentlich. Doch ihre Autoren und Redakteure erlebten sie nicht nur aus der Repatriantenposition. Befreite Buchenwald-Häftlinge wie der Politkommissar Sergej Kotov, der zu den Redaktionsmitgliedern der Berichtesammlung gehörte, hatten auch selbst leitende Funktionen in der Repatriierungsbürokratie inne.
Für die Repatriierung sowjetischer Staatsbürger:innen aus den von den Westalliierten besetzten Gebieten war Generalmajor Vasilij M. Dragun zuständig, der bereits ab 1944 als Bevollmächtigter des Rats der Volkskommissare in Frankreich und Italien für die Rückführung sowjetischer Bürger:innen eingesetzt worden war. Möglicherweise besuchte Dragun kurz nach der Befreiung Buchenwalds das Lager. Es ist jedenfalls sicher, dass er und sein Adjutant Vichorev mit sowjetischen Buchenwald-Überlebenden in Kontakt traten und auch die Berichtesammlung lasen, woraufhin eine erneute redaktionelle Bearbeitung der Erinnerungsberichte erfolgte. Diese dritte Version des Sammelbandes wurde im Mai 1946 schließlich mit einem Begleitbrief des Politkommissars und verantwortlichen Redakteurs Vasilij N. Azarov, der auch als Mitglied des militärisch-politischen Zentrums der sowjetischen Untergrundorganisation in Buchenwald firmierte, an das Zentralkomitee der KPdSU geschickt.
Er begründet darin die Überarbeitung wie folgt:
„Nach Durchsicht kamen Generalmajor Dragun und Generalmajor Vichorev zu dem Schluss, dass diese Bücher ein Konzentrationslager von Weltruf bei weitem nicht vollständig beleuchten und vor allem die Tätigkeit der Untergrundorganisation unklar beleuchtet ist. Sie schlugen vor, ein drittes Buch unter Berücksichtigung dieser Kommentare zu schreiben.“⁴
Bereits im ersten Satz seines Briefes schreibt Azarov: „Im Konzentrationslager Buchenwald existierte eine militärisch-politische Organisation.“ Dieser erste Satz subsumierte die Sammlung verschiedener individueller Berichte, Perspektiven und Erfahrungen unter einer gemeinsamen Überschrift – des organisierten militärischen Kampfes. Dabei nennt Azarov die Erfolge der Widerstandsorganisation wie folgt: Es sei der Organisation gelungen, „die Massen zu vereinen, die Menschen im kommunistischen Geist zu erziehen, Sabotage- und Diversionsakte im faschistischen Hinterland zu organisieren und einen Aufstand im Lager vorzubereiten.“ Sehr genau listet er im Folgenden die materielle Basis dieses Aufstandes, die vorhandenen Waffen (900 Gewehre, 193 Pistolen) auf, um schließlich zur wesentlichen Aussage zu kommen:
„Es ist bezeichnend, dass das Lager sich selbst vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen befreite. Bei Eintreffen der amerikanischen Truppen hatten die Aufständischen 183 deutsche Soldaten und Offiziere gefangen genommen und einige Dutzend getötet.“⁵
Ein Jahr nach der Befreiung des Lagers stand nun das Motiv des bewaffneten Kampfes vor der Erfahrung des Leids der Häftlinge. In der Vorbemerkung zur dritten Auflage rückte vor die Feststellung der individuellen moralischen Standfestigkeit nun der organisatorische Zusammenhalt der gesamten Gruppe:
„Dieses bescheidene Buch erzählt den Lesern die große Tätigkeit der militärisch-politischen Organisation tief im Untergrund des faschistischen Konzentrationslagers. Es zeigt die Kühnheit, den Mut und die Standhaftigkeit der russischen Menschen, die in die gestreifte Kleidung eingekleidet waren, die, stündlich ihr Leben riskierend, bis zuletzt ihrer Heimat und den hehren und edlen kommunistischen Idealen treu blieben. Schließlich erzählt dieses Buch auch von den Untaten, den Erniedrigungen und dem wilden Wüten der Faschisten im Konzentrationslager.“⁶
Autor dieser Einleitung war Sergej D. Kotov. Ausgebildet im Moskauer philologischen Institut, hatte er bereits als politischer Ausbilder in der Armee Erfahrungen in Agitation und Propaganda gesammelt, bevor er im Konzentrationslager Buchenwald als Mitglied der politischen Organisation geheime Handzettel verbreitete, auf denen Themen wie die sowjetische Verfassung oder die militärische Lage abgehandelt wurden. Nach der Befreiung Buchenwalds war Kotov als politischer Leiter im Sammelpunkt für ehemalige Häftlinge in Ohrdruf eingesetzt. Er war für die politischen Beurteilungen der Häftlinge zuständig, die für deren Repatriierung in die Sowjetunion eine wichtige Rolle spielten. Für die Rückkehr war es wichtig, als Kämpfer in einer militärischen Organisation auftreten zu können, um nicht der Kollaboration mit den Nationalsozialist:innen verdächtigt zu werden.
Buchenwald gehörte er zur antifaschistischen Untergrundorganisation in folgender Position (handschriftl. Eintragung: arbeitete bei der Beschaffung von Waffen. Kommandierender der russischen Abteilung in Buchenwald, Oberstleutnant I. Smirnov. Mitglied der polit. Abteilung – Unterschr. – Kjung, Gebietsarchiv Sverdlovsk)
In dieser dritten Variante der Berichtesammlung fand auch Ivan Smirnov als einer der Anführer einer bewaffneten Organisation Erwähnung. In den ersten beiden Versionen hatte ein Hinweis auf ihn noch gefehlt. Auch Smirnov war in der Zeit nach der Befreiung am Prozess der Rückführung der sowjetischen Gefangenen in die Heimat beteiligt. Seine Unterschrift findet sich auf den vorläufigen „Identitätskarten für Buchenwalder Zivilinternierte“, die durch den US-amerikanischen Militärkommandanten, den Vorsitzenden des Internationalen Lagerkomitees Walter Bartel und das „russische Komitee sowjetischer Bürger des Lagers Buchenwald“ abgestempelt und beglaubigt wurden.
Auch eine bereits am 24. April 1945 handschriftlich angefertigte Bescheinigung über die Beteiligung an der antifaschistischen Untergrundorganisation im Lager für Nikolai Veselov ist von I. Smirnov unterschrieben.
Bislang ist ungeklärt, welche Verbreitung diese dritte Variante des Sammelbandes gefunden hat. Sowohl die erste als auch die zweite Fassung haben befreite ehemalige Häftlinge bei ihrer Rückführung in die Sowjetunion mitgenommen. Dabei diente die Berichtesammlung weniger der Erinnerung für den privaten Gebrauch, sondern konnte als Beleg für die eigene Widerstandstätigkeit im Lager herangezogen werden. Die Befragungen durch sowjetische Behörden endeten nicht mit dem Verlassen der Repatriierungslager, sondern wurden an den Wohnorten der Rückkehrer:innen weitergeführt. Nach einem zentralen Beschluss vom 16. Juli 1945 „Über die Organisation der Überprüfung und Filtration an den Wohnorten der in die Heimat zurückkehrenden sowjetischen Bürger“ waren dafür die lokalen Abteilungen des Innenministeriums bzw. der Staatssicherheit (KGB) zuständig. So finden sich die Originale einzelner Seiten des gedruckten Sammelbandes in der Filtrationsakte des ehemaligen Häftlings Nikolai F. Veselov. Sie wurden seiner Akte beigelegt, um die Existenz einer militärischen Untergrundorganisation im Lager zu belegen. Der 1921 geborene Oberleutnant Veselov war 1942 bei der Einkreisung von Belgorod in deutsche Gefangenschaft geraten. Nachdem er im Juli 1943 von der Gestapo Leipzig nach mehreren Fluchtversuchen mit der Einstufung als „politischer Russe“ in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert worden war, hatte er sich nach eigenen Angaben 1944 der im Lager existierenden Organisation sowjetischer Kriegsgefangener angeschlossen. Deren Ziel sei es gewesen, Waffen zu organisieren, um beim Näherkommen der alliierten Truppen die Ermordung der Gefangenen zu verhindern. Ab Mai 1945 war Veselov selbst in die Filtration der Repatriant:innen eingebunden: Vom 15. Mai bis 20. Juli 1945 war er als Sekretär der operativen Abteilung im Lager des russischen Sammelpunktes in den Panzerkasernen in Erfurt eingesetzt.⁷
Bis zu Stalins Tod 1953 war der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion in Literatur und Filmen wenig präsent. Ausnahmen präsentierten Stalin in einer heldenhaften Rolle als oberster Kriegsherr. Erst mit der Entstalinisierung nach dem 20. Parteitag 1956 änderte sich die öffentliche Thematisierung des Krieges: Nun konnten auch Kriegsgefangenschaft und Lagerhaft thematisiert werden, etwa in der 1956/57 in der Pravda erstveröffentlichten Erzählung „Ein Menschenschicksal“ von Michail Šolochov. Das Verdikt von Schuld und Verrat, das der Gefangenschaft anlastete, war damit zum Teil überwunden. Weiterhin musste jedoch der Kampf in der Gefangenschaft besonders betont werden, da nur dieser den Makel, der der Gefangenschaft anhaftete, verdecken konnte. Auch die Gefangennahme an sich konnte nur mit Umschreibungen, etwa dem Verlieren des Bewusstseins und dem Aufwachen in Gefangenschaft, dargestellt werden. Bereits 1926 hatte das Strafgesetzbuch der Sowjetunion das „eigenmächtige Verlassen des Gefechtsfeldes“ und das „Sich-in-Gefangenschaft-Begeben“ unter Todesstrafe gestellt.⁸ Angesichts der Niederlagen der Roten Armee im Sommer 1941 warf Stalin den Soldaten „schändliche Feigheit“ vor, verkündete „strengste Maßnahmen gegen Feiglinge, Panikmacher und Deserteure“ und ließ Offiziere als Sündenböcke für die Niederlagen erschießen. Alle Militärangehörigen hatten „bis zur letzten Möglichkeit zu kämpfen“. Einheiten, die sich dem Feind ergeben wollten, sollten „vernichtet“ und ihren Familien jegliche Unterstützung verweigert werden.⁹ Dieser Befehl wurde während des Krieges nicht schriftlich veröffentlicht, musste jedoch in allen Militäreinheiten verlesen werden. Sein Inhalt war allgemein bekannt. Die Vorwürfe von Feigheit und Verrat wirkten noch lange nach.
Ab dem Ende der 1950er-Jahre waren die ehemaligen Häftlinge in eng begrenztem Umfang auch öffentlich repräsentiert: Nachdem das Zentralkomitee der KPdSU im September 1956 das Komitee der Kriegsveteranen gegründet hatte, war dies 1957 um ein Abteilungsbüro für ehemalige Kriegsgefangene und Teilnehmer am Widerstand gegen den Faschismus erweitert worden. Früh entstand dort der Wunsch, auch in den internationalen Komitees der Überlebenden der Konzentrationslager mitzuwirken und sowjetische Delegationen zu entsenden. Obwohl in den Statuten des Veteranenverbandes festgelegt worden war, die Veteranen als innen- und außenpolitische Propagandisten einzusetzen, schien das ZK der KPdSU den Buchenwald-Veteranen skeptisch gegenüberzustehen. Schließlich wurden 1957 die ehemaligen Häftlinge Nikolaj F. Kjung und Nikolaj S. Simakov zu den sowjetischen Vertretern im Internationalen Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos ausgewählt. Kjung, der aufgrund des Vorwurfs der Kollaboration mit der Gestapo von 1949 bis 1951 in einem sowjetischen Gefängnis in Einzelhaft festgehalten worden war, arbeitete 1957 als Lehrer im Moskauer Gebiet und war inzwischen wieder Parteikandidat.¹⁰ Simakov, der ebenfalls die Jahre von 1948 bis 1950 in sowjetischer Haft verbracht hatte, leitete die Versorgungsabteilung im Ministerium für Automobilindustrie in Novosibirsk und war parteilos. Die fehlende Parteimitgliedschaft beider wurde zwar als Problem konstatiert, letztlich war jedoch der hohe Bekanntheitsgrad Kjungs – als Lehrer und erfolgreicher Redner war er auf Veteranenveranstaltungen aufgetreten – und Simakovs bei der Auswahl entscheidend.¹¹
Ab dem Ende der 1950er-Jahre setzte mit dem Tauwetter unter Chruschtschow in der Sowjetunion eine weitere Verbreitung der Buchenwald-Erinnerungen ein. Artikel zu Buchenwald erschienen in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften. Diese intensive publizistische Tätigkeit führte auch zu einer offiziellen Rehabilitierung ihrer Protagonisten. Die Rehabilitierung war darüber hinaus durchaus auch konkret und physisch zu verstehen: Mit Hilfe des Veteranenkomitees erhielten die ehemaligen Häftlinge Kriegsinvalidenrenten oder Sanatoriumsplätze.¹²
Parallel zu den Zeitungsberichten erschienen auch Bücher, zum Teil illustriert, mit autobiografisch angelegten Texten zu Buchenwald. Den Anfang machte der Band „Krieg hinter Stacheldraht“, der 1958 in Moskau erschien und verschiedene Erinnerungen überlebender Häftlinge enthielt. Bereits der Titel verdeutlichte erneut die Verschiebung der Erzählperspektive vom Leid zum Kampf. N. Poljakov, Mitglied des Präsidiums des 1956 gegründeten Sowjetischen Komitees der Veteranen, verwies in seinem Vorwort auf den vor allem zu Beginn des Krieges genozidalen Umgang der Deutschen mit sowjetischen Kriegsgefangenen, angesichts dessen das Heldentum des Kampfes „in der Hölle der faschistischen Konzentrationslager“ umso höher einzuschätzen sei: „Es ist nicht leicht, an der Front ein Held zu sein, noch schwerer ist es, in Gefangenschaft ein Held zu sein.“¹³ Damit war die Ausrichtung des Sammelbandes gesetzt. Allerdings stellte die Publikation in einem zentralen Verlag der Sowjetunion eher eine Ausnahme dar. Viele Erinnerungen wurden unter der Ägide von Redakteur:innen lokaler Zeitungen von kleineren Verlagen publiziert. In ihrer Vielschichtigkeit entsprechen diese Texte jedoch nur teilweise dem in Einleitungen oder Klappentexten vorgegebenen Tenor, ausschließlich den organisierten Kampf der Häftlinge abzubilden. Sie zeigen vielmehr ein komplexeres Bild unterschiedlicher Formen von Netzwerken im Lager, von Konflikten innerhalb der Häftlingsgesellschaft und von der Selbstbehauptung der Häftlinge.
Die ab Ende der 1950er-Jahre langsam einsetzende öffentliche Repräsentation der Erinnerung an Buchenwald wirkte wie ein Katalysator auch für die öffentliche Artikulation persönlicher Erfahrungen. Zahlreiche Briefe an das Veteranenkomitee zeugen von diesem Wechselverhältnis zwischen der öffentlichen Rahmung und der persönlichen Artikulation der Erinnerung an die Haft im Konzentrationslager. So schrieb beispielsweise F. D. Brovko im Jahr 1958 an den Veteranenverband, er sei nach seiner Rückkehr in die Heimat als Invalide Verdächtigungen ausgesetzt gewesen und habe dadurch seine seit 1924 bestehende Parteimitgliedschaft verloren. Nachdem er nun jedoch in Presse und im Radio Berichte über Buchenwald gelesen und gehört habe, hoffe er auf eine Rehabilitierung und die Wiederaufnahme in die Kommunistische Partei.Der Brief schließt mit einem Loblied auf die sowjetische Gesellschaft und einer erneuten Anrufung der Genossen im Veteranenverband, ihm zu helfen.¹⁴ Auch wenn dieser Teil der Erinnerungen nicht gedruckt wurde, ist er doch gewissermaßen komplementär zu den veröffentlichten heroischen Berichten zu lesen: Das veröffentlichte Widerstandsnarrativ gab den Rahmen und die Legitimation, um eine öffentliche individuelle Rehabilitierung einzuleiten, die Parteimitgliedschaft zurückzuerlangen oder mit der Zusicherung eines Sanatoriumsaufenthaltes die nach Krieg, Gefangenschaft und Zwangsarbeit beschädigte Gesundheit zumindest in Ansätzen wiederherzustellen.
Die Osteuropa-Historikerin Dr. Julia Landau ist Kustodin für die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 an der Gedenkstätte Buchenwald.
Dr. Gero Fedtke ist ebenfalls Osteuropa-Historiker und seit 2023 Leiter der Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge
1 Der Beitrag greift in gekürzter Form die Ergebnisse auf, die bereits an anderer Stelle publiziert wurden: Stephan Pabst (Hrsg.), Buchenwald. Zur europäischen Textgeschichte eines Konzentrationslagers (Medien und kulturelle Erinnerung, Bd. 9.), Berlin/Boston, De Gruyter 2022.
2 Kotov, Sergej / Bojko, Grigorij / Garkavenko, G. / Sivačenko, Dmitrij (Hrsg.) (1945): Koncentracionnyj lager’ Buchenval’d. 1937–1945, Buchenwald, S. 1.
3 Kotov, Sergej / Bojko, Grigorij / Garkavenko, G. / Sivačenko, Dmitrij (Hrsg.) (1945a): Sbornik vospominanij o koncentracionnom lagere Buchenval’d, Erfurt.
4 BwA-III-K-thS-77-2-0113-B-000-0044, S. 16.
5 Ebd., S. 15.
6 Vorbemerkung Sergej Kotovs zur dritten Auflage des Bands Koncentracionnyj lager’ Buchenwald 1937–1945.
7 Gebietsarchiv Sverdlovsk, GAAOSO, F. R-1, op. 1, d. 30249, l. 9.
8 Ivašov, L. G.; Emelin, A. S. (1992): Nravstvennye i pravovye problemy plena v otečestvennoj istorii, in: Voenno-istoričeskij žurnal (1), S. 44–49.
9 Bonwetsch, Bernd (1989): „Die Geschichte des Krieges ist noch nicht geschrieben“. Die Repression, das Militär und der „Große Vaterländische Krieg“, in: Osteuropa (39), S. 1021–1034, hier S. 1028. Dt. Übersetzung des Befehls ebd. S. 1035–1038.
10 Anochina, Anastasija Aleksandrovna (2005): N. F. Kjung, Dlja menja vojna načalas’ v Breste [Für mich begann der Krieg in Brest]. http://ainros.ru/osdg1/t6/kyng_nf.pdf (05. Mai 2021), S. 208.
11 Wahl der sowjetischen Vertreter im Buchenwaldkomitee, 9.12.1957, GARF (Staatliches Archiv der Russländischen Föderation), Bestand 9541, Verz. 1, Akte 51: 189.
12 Tätigkeitsbericht des Sowjetischen Veteranenkomitees, Februar–Dezember 1957, GARF (Staatliches Archiv der Russländischen Föderation), Bestand 9541, Verz. 1, Akte 181: 50–53.
13 Vilenskij, M. (1958): Vojna za koljučej provolokoj. Vospominanija byvšich uznikov gitlerovskogo koncentracionnogo lagerja Buchenval’d, Moskau, S. 6.
14 F. Brovko an Sowjetisches Komitee der Kriegsveteranen, GARF (Staatliches Archiv der Russländischen Föderation), Bestand 9541, Verz. 1, Akte 312: 80–82.