Zu den Anforderungen digitaler Gedenkstättenarbeit

Neue Online-Angebote der Stiftung

Wenn von Gedenkstättenarbeit im Digitalen gesprochen wird, ist häufig von virtuellen Führungen, Augmented Reality, Serious Games und TikTok Reels die Rede. All das haben die neuen Websites der Stiftung, die dieses Jahr online gingen und gehen, – aus Gründen – nicht. Welche Überlegungen uns bei der Neugestaltung der Seiten geleitet haben, zeigen wir hier.

Header der verschiedenen Websites: Gedenkstätte Buchenwald, Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Stiftung, Museum Zwangsarbeit

Nach dem Relaunch der zentralen Websites unserer Stiftung existieren nun vier eigenständige Internetadressen. In der Gestaltung sind sie zwar als „Familie“ erkennbar, und die Stiftung bleibt auch als Träger-Institution klar erkennbar, aber sie tritt zurück, um den einzelnen Häusern und ihren Spezifika noch mehr Raum und Präsenz zu geben.

Screenshot Website: die vier Bereiche der Buchenwald-Website: Geschichte, Besuch, Bildung, Recherche

Angehörige suchen den Namen ihres Großvaters im digitalen Totenbuch. Heimatvereine vergleichen Fotos eines Außenlagers mit ihren eigenen Erkenntnissen. Schüler:innen interessieren sich für einzelne Objekte und biographische Geschichten. Besuchende wollen erst einmal einen allgemeinen Überblick und vor allem die Zeiten für die öffentliche Rundgänge. All das wollen die Seiten mit ihren vier Bereichen leisten, die den Nutzer:innen auf den Websites kurze Wege ermöglichen: Angehörige und Heimatforscher:innen begeben sich auf „Recherche“, Lehrende holen sich ihre Informationen unter „Bildung“, Tourist:innen unter „Besuch“. Und für alle aufkommenden Fragen, die es zum historischen Ort gibt, ist der Bereich „Geschichte“ da, der ausführlich Auskunft gibt. Alle anderen Informationen treten gegenüber diesen vier Hauptinteressen der Nutzer:innen, die wir in der Konzeptionsphase für die neuen Websites u. a. in mehreren Workshops mittels sogenannten Visitor Journeys herausgearbeitet haben, zurück.

Ansicht Website in leichter Sprache: verschiedene Icons für verschiedene Auswahlmöglichkeiten

Klare Struktur und gute Aufbereitung der verschiedenen Inhalte sind das wichtigste Anliegen der Neugestaltung. Aber es gibt auch viele technische Anforderungen, wie z. B. die Vermeidung ungünstiger Kontrastverhältnisse, die zu beachten sind, damit die Seiten von möglichst vielen Menschen genutzt werden können. Viel Arbeit bei der Erstellung der Seiten bedeuten z. B. die Transkriptionen der Audioinhalte oder die (mehrsprachige) Beschreibung der Bilder im sogenannten Alt-Text, damit sie auch von Menschen mit Sehbehinderungen und ihren Assistenzsystemen wahrgenommen werden können. Für die Erarbeitung der Seiten in Leichter Sprache fanden mehrere Workshops mit Expert:innen in eigener Sache und Mitarbeiter:innen unseres Inklusionsteams statt: Welche Informationen möchten sie, wie sollen sie am besten dargestellt sein? Zusammen mit der Übersetzerin Anne Leichtfuß entstanden dann neue, eigenständige Texte.

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Ansicht "Matomo": Analyse der Besucherzahlen der Website
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Wir benötigen keine privaten Angaben zu den Nutzer:innen unserer Websites. Aber wir wollen wissen, was sie besonders interessiert, bzw. wo sie mit ihren Fragen nicht weiterkommen. Was sind wichtige Suchbegriffe? Welche Seiten werden besonders intensiv angesteuert? Welche Seiten werden dabei aber nur kurz aufgerufen und kaum gelesen? All diese anonymisierten Daten werten wir mit Instrumenten, die Google und Matomo zur Verfügung stellen, regelmäßig aus. So wollen wir zukünftig verwirrende Wege und Sackgassen auf den Websites noch besser vermeiden, Antworten auf möglichst viele Suchanfragen bereitstellen und zugleich die Lesedauer erhöhen.

Damit Suchmaschinen, insbesondere Google, unsere Seiten auch finden und prominent und gut wahrnehmbar als „vertrauenswürdige Information“ in ihrem Suchergebnis anzeigen, müssen sie nicht nur technisch optimiert, sondern auch inhaltlich entsprechend aufbereitet sein. Das hat z. B. mit der Länge der Texte, der Platzierung von Schlüsselwörtern oder einer sinnvollen Verzeichnung der Bilddateien zu tun, auf die die Suchmaschinen ansprechen sollen. Vieles davon geschieht über sogenannte Metatexte, die zu jeder einzelnen Seite und ihren Inhalten zusätzlich eingepflegt werden müssen. Richtig angelegt, übernimmt Google z. B. dann von sich aus unsere Veranstaltungen auch in seine tagesaktuellen Vorschläge.

Im Netz kursieren nicht nur historische Fakten, sondern auch viele Falschinformationen zu Buchenwald und Mittelbau-Dora. Für uns ist es unmöglich, diese alle richtig zu stellen. Zum Glück sind es häufig genug Nutzer:innen selbst, die auf „Fake News“ hinweisen und Contra geben. Vor allem in den Sozialen Medien gibt es zum Teil heftige Diskussionen z. B. um die Befreiung des KZ Buchenwald oder die historische Einordnung des sowjetischen Speziallagers Nr. 2. Von den leidigen Debatten von Geschichtsrevisionist:innen, die die Verbrechen von Buchenwald leugnen, ganz zu schweigen. Die Aufgabe unserer Websites ist es, denjenigen, die in diesen Debatten zivilgesellschaftliches Engagement zeigen, etwas an die Hand zu geben, mit dem sie argumentieren und auf das sie verweisen können.

Ansicht: Bearbeitung der Website im CMS-System "Magnolia"

Alle vier Websites – obwohl sie nach außen eigenständig auftreten – werden mit einer Software, einem „Inhaltsverwaltungssystem“ (deutsche Übersetzung für Content-Management-System (CMS)) gestaltet und alltäglich gepflegt. Die Gedenkstätten verfügen jedoch bislang immer noch nicht über Mitarbeiter:innenstellen, die sich mit ihrer Arbeitszeit ganz den Websites widmen könnten. Oft müssen Volontär:innen oder Praktikant:innen Aufgaben übernehmen. Damit dies rasch möglich ist, braucht es ein benutzerfreundliches CMS, das sich in der Redaktionsansicht nach der Methode „Was Du siehst, ist was Du bekommst“ bearbeiten lässt. Wir haben uns für „magnolia“ entschieden, ein Schweizer CMS, das international z. B. von der New York Times, American Express, TUI oder Nissan genutzt wird. Es ist zwar keine freie Software, aber dies hat für uns als Stiftung, deren Seiten bereits attackiert wurden, auch einen entscheidenden Vorteil: da die Quellcodes nicht frei zugänglich sind, kann das den Schutz unserer Seiten vor Angriffen erhöhen.

Die Websites können und wollen keinen Besuch vor Ort ersetzen. Aber sie sollen bestmöglich der Besuchsvorbereitung dienen. Und im Nachhinein sollen sie viele Vertiefungsmöglichkeiten anbieten, die das Gesehene im Kontext zeigen und Verknüpfungen herstellen, die vor Ort nicht sichtbar waren. So sind auf den Seiten nun beispielsweise prägnanter Informationen zu historischen Orten abrufbar. Zugleich ermöglicht uns eine eigens programmierte Seitenspalte, auf inhaltliche weiterführende Zusatzangebote hinzuweisen, von Partnern ebenso wie von uns.

Ansicht der Website

Nicht für jede:n und in jeder Situation ist eine Website das erste Mittel der Wahl. Der eine hört lieber eine Geschichte als Audio, die andere möchte vor Ort lieber von einer Stimme begleitet werden, wiederum andere möchten sich mit einzelnen Objekten und ihren Geschichten auseinandersetzen. Hier sind häufig Audio-Walks oder WebApps das bessere (digitale) Mittel der Wahl. Die neuen Websites verstehen sich als Portal und direkter Weg zu diesen weiteren Angeboten.

Website-Ansicht: Audio-Walks in Buchenwald
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App-Ansicht: Den Dingen auf der Spur
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Als Gedenkstätten informieren wir ganz bewusst nicht nur über die Geschichte unserer historischen Orte. Vielmehr wollen wir darüber hinaus für Fragestellungen und Problematiken eines gelungenen gesellschaftlichen Miteinanders sensibilisieren. Daher werden wir die seit 2021 erscheinenden „Reflexionen“, in denen wir die gegenwärtige Geschichtskultur aus unseren historischen Perspektiven beleuchten, demnächst komfortabler auf unseren Websites anbieten. Der im Herbst 2023 online gehende E-Publishing-Bereich wird es ermöglichen, auch längere Artikel gut zu lesen, zu studieren und zu erfassen.

Ansicht des Online-Magazins "Reflexionen"

Wir können nicht erwarten, dass an unseren Themen interessierte Menschen regelmäßig die Websites besuchen, um über unsere Angebote auf dem Laufenden zu bleiben. Zugleich ist der Versand einer zusätzlichen „digitalen Zeitung“ im Alltag ein Mehraufwand, der kaum zu stemmen ist. Die neuen Websites geben uns nun die Möglichkeit, ohne großen Aufwand Newsletter zusammenzustellen, die mit verschiedenen Links einen Überblick über die jeweiligen neuen Angebote und Veranstaltungen geben. Damit hoffen wir für die beiden Gedenkstätten und das Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus Gruppen von Interessierten anzusprechen, denen wir zukünftig z. B. auch unsere Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen zukommen lassen können – auch jenseits von Postings in den Sozialen Medien.

Wir verfügen derzeit parallel über mehrere Kanäle: Die Stiftung betreibt einen Twitterkanal, die Gedenkstätten sind bei Facebook, das entstehende Museum ist bereits bei Instagram. Sukzessive werden wir dieses Angebot weiter systematisieren und mittels transparenter Redaktionspläne sicher stellen, dass sie auch im hektischen Alltag regelmäßig gepflegt werden. Zu den damit verbundenen Aufgaben gehört z. B. auch die Beantwortung der immer mehr werdenden Fragen, die uns per Google, Tripadvisor oder Facebook erreichen. Nicht zu vergessen die permanente Pflege der digitalen Repräsentanz unserer Orte bei diesen Portalen mit Bildern und Veranstaltungen oder der Meldung von unangemessenen Inhalten. (Das reicht von der Anzeige provozierender Fragen wie „Wann geht das KZ endlich wieder in Betrieb?“ bis zur Löschung empfohlener Downhill-Strecken für Mountainbiker auf dem Gedenkstättengelände.) Auf diesem Fundament sind wir – unter Berücksichtigung der damit verbundenen sehr verschiedenen Zielgruppen und Diskurse – in der Lage, zu einzelnen uns wichtigen Themen auch gezielte Kampagnen zu lancieren.

Wir wissen, dass wir auf unseren Websites noch viel zu wenig audiovisuelle Inhalte anbieten: Schüler:innen, die von ihren Erfahrungen in der Gedenkstätte erzählen; Historiker:innen, die ihnen bedeutsame Objekte aus den Sammlungen vorstellen; Freiwillige, die von ihrer Arbeit berichten; Reels, die auf Ausstellungen verweisen. All das – vor allem im Sinne von digitalen Tutorials – gibt es noch nicht, aber wir wollen sie in einem der nächsten Schritte produzieren. Weder gibt es bislang unsere Seiten in Gebärdensprache, noch Transkriptionen der Videos. Auch dies ist nachzuholen, um weitere Barrieren abzubauen. Nächstes Jahr wird unser neues Portal zu den 139 Außenlagern des KZ Buchenwald online gehen. Mit den dafür recherchierten Materialien wird es z. B. auch für Schulen vor Ort neue Anknüpfungspunkte für ihre Fragen und Nachforschungen geben. Nicht zuletzt wollen wir mit Online-Umfragen mehr mit unseren Besucher:innen in Kontakt kommen: Welche Themen interessieren sie? Welche Verbesserungsvorschläge haben sie? Mittels eigener Formulare auf den Websites können wir sowohl unsere Ausstellungen als auch die Bildungsarbeit besser evaluieren.

Vor Ort liegt unser „Wegweiser“ für die Besucher:innen der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora inzwischen in zahlreichen Sprachen vor. Bei der Konzeption der neuen Websites hatten wir den Anspruch, unser digitales Angebot zumindest viersprachig zu realisieren. Wie wir leider feststellen mussten, können wir das sowohl finanziell als auch durch den damit verbundenen Arbeitsaufwand in der alltäglichen Pflege nicht verwirklichen. Nun sind die Websites lediglich zweisprachig, auf Deutsch sowie auf Englisch als heutige Lingua franca. Diese Entscheidung fiel uns schwer. Glücklicherweise haben sich die in den Browsern integrierten Übersetzungsprogramme inzwischen so weit entwickelt, dass dies heute nicht mehr per se den Ausschluss anderer Sprachen bedeutet.

Im Fokus unserer Bemühungen stehen die Besucher:innen der historischen Orte. Gerade zu Coronazeiten haben wir die Versuche anderer Museen, mit virtuellen Führungen neue Zugänge zu ermöglichen, mit großem Interesse verfolgt. Zuletzt haben wir uns jedoch bewusst gegen solche digitalen Möglichkeiten entschieden, denn für uns steht vor Ort weiterhin die Kommunikation von Mensch zu Mensch im Mittelpunkt, wo die Erfahrung, die man beim Besuch macht, gemeinsam reflektiert werden kann. Und diese Möglichkeiten möchten wir ausbauen. Auch darum haben wir die „realen“ öffentlichen Rundgänge in den Gedenkstätten um kommunikative Module erweitert. Die Begegnung mit dem historischen Ort und den Menschen kann und soll nicht digital ersetzt werden. Vielmehr soll sie – auch mit unseren Websites – bereits im Vorfeld, währenddessen und im Nachgang digital unterstützt werden.

Rikola-Gunnar Lüttgenau arbeitet seit 1993 an der Gedenkstätte Buchenwald und studierte Neuere Geschichte und Medienwissenschaften.

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