Auf den ersten Blick ist der 12-minütige Videoloop verwirrend: viele undeutliche Bilder in schnellem Wechsel, mal wird in sie hineingezoomt, dann werden sie weit weggerückt, zersplittert zu tausend kleinen Bildern, Textfragmente tauchen auf und verschwinden, das Ganze unterlegt mit Musik und Fetzen gesprochenen Wortes – ein visuell-akustischer Overkill. Bei längerem Hinschauen bildet sich eine Erzählung heraus. Sie handelt davon, wie aus unsportlichen, einsamen, unglücklichen Jungs starke und erfolgreiche Männer werden. Vermeintliche O-Töne, unterlegt mit Bildern von dicklichen Jungen, schildern schlechte Gefühle: Etwas stimmte nicht mit mir, ich war nicht gut genug und schämte mich. Doch alles wurde besser durch Krafttraining. Vorher-Nachher-Bilder suggerieren: Schon am dritten Tag ist der Bizeps gewachsen. Markante Männerstimmen erklären: Mit eiserner Disziplin und Härte muss man daran arbeiten, ein ganzer Mann zu werden. Wahre Männlichkeit manifestiert sich im Kampf. Alles Weibliche gilt es zu überwinden. Wer zweifelt, zögert, träumt oder sich seinen Gefühlen hingibt, ist verweiblicht, ein Verlierer. Als Gipfelpunkt des Männlichkeitsverlusts wird ein Mann bei der Hausarbeit gezeigt – und im Gegenschnitt Tarzan im Urwald als Inbegriff des wahren Mannes.
Museum Zwangsarbeit
Ein neuerer Fitness-Trend in den sozialen Medien verbindet ein aggressives Männlichkeitsbild mit Frauenverachtung und macht Anleihen bei faschistischer Ästhetik. Die Videoinstallation „Bereitschaft“ von Jakob Ganslmeier und Ana Zibelnik, die das Weimarer Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus im August/September 2025 zeigte, thematisiert dies auf künstlerisch-kritische Weise.
©Jakob Ganslmeier & Ana Zibelnik
Doch nicht auf individuelle Selbstbehauptung in der Natur zielt die Erzählung, sondern auf Unterordnung in der soldatischen Hierarchie. Gesucht sind „devoted soldiers“, die bereit sind zu grenzenloser Gewalt. Die nötigen Eigenschaften, um zum „strong man“, „brother“, „soldier“ zu werden, erwirbt man durch bizarre Techniken wie zum Beispiel „Mewing“: Ständiges Pressen der Zunge an den Gaumen soll die Kiefermuskulatur so stärken, dass der Kiefer jene markante Form erhält, die den „wahren Mann“ auszeichnet. Das Idealbild eines solchen Kiefers sehen wir am Kopf der Statue „Bereitschaft“ von Arno Breker.
Arno Breker war einer der erfolgreichsten Bildhauer im Nationalsozialismus, er stand ganz oben auf Hitlers Liste der sogenannten „gottbegnadeten“ Künstler. Eng in die staatliche Propagandamaschinerie eingebunden, schuf Breker eine Reihe von Statuen, die die nationalsozialistische Ideologie visualisieren. „Bereitschaft“ ist eine davon. Die überlebensgroße, extrem muskulöse Aktfigur ist im Begriff, ein Schwert aus der Scheide zu ziehen. Wie eine klassisch antike Statue steht der Mann im Kontrapost, allerdings in einem übersteigerten, da sein linkes Bein angewinkelt auf einem Stein ruht, was statt harmonisch-ausgeglichen – die eigentliche Funktion des Kontraposts – dynamisch-kraftvoll wirkt. Scharf wendet er den Kopf nach rechts, den Gegner fixierend, auf den er im nächsten Moment mit dem Schwert losgehen wird. Gleich Michelangelos „David“, dem erkennbaren Vorbild, sind alle Muskeln angespannt und der Blick ist aufs unsichtbare Ziel gerichtet, aber Brekers Figur ist kein schöner Jüngling, sondern ein maßlos aggressiver und bedrohlicher Kraftprotz, dessen Gesichtsausdruck von Kälte und Gnadenlosigkeit zeugt. 1939, kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen geschaffen, repräsentiert die Statue „arisches“ Heldentum und die klare „Bereitschaft“ zum Krieg.
Eine gerade Linie führt von zunächst harmlos wirkenden Fitness-Anregungen über abstruse Techniken der Kraftsteigerung zum faschistischen Ideal soldatischer Männlichkeit.
Im Video wird Brekers Statue als das zeitlose „masculine picture“ schlechthin gepriesen. Deutsches Heldentum im Sinne von Aggressivität und Kriegsbereitschaft ist es, was den unglücklichen Jungs auf ihrer Suche nach Identität und sozialer Anerkennung als Vorbild präsentiert wird. So führt eine gerade Linie von zunächst harmlos wirkenden Fitness-Anregungen über abstruse Techniken der Kraftsteigerung zum faschistischen Ideal soldatischer Männlichkeit.
Die Videoarbeit von Jakob Ganslmeier und Ana Zibelnik ist eine Collage von Filmschnipseln aus TikTok-Videos, die von Jugendlichen massenhaft konsumiert werden. Da TikTok-Videoclips im Smartphone rezipiert werden und meist nicht länger als etwa 30 Sekunden dauern, präsentieren sie ihre Botschaften auf markante und emotionalisierende Weise. Zur TikTok-Rezeption gehört das Weiterwischen (Swipe) von einem Clip zum nächsten, wobei der Algorithmus dafür sorgt, dass man immer tiefer in die Themen und Botschaften hineingezogen wird, auf die man besonders intensiv reagiert. Gegenstand der Videoinstallation ist der Fitness-Trend bei TikTok und anderen sozialen Medien, der längst das Feld körperlicher Gesundheit und seelischen Wohlbefindens verlassen hat. Fitness wird zunehmend mit einem Konzept aggressiver, toxischer Männlichkeit verbunden und in militaristische und faschistoide Kontexte eingelesen. Frauenverachtung und die Abwehr aller Bestrebungen zur Geschlechteremanzipation gehören elementar dazu. Es wird die Ideologie einer „Befreiung“ des Mannes aus angeblicher feministischer Unterdrückung und einer Kultur des Alpha-Mannes propagiert. Ihr Sexismus ist häufig mit einer rassistischen Tendenz gekoppelt, so wie vielfach eine Nähe oder direkte Verbindung zum Rechtsradikalismus besteht.
©Jakob Ganslmeier & Ana Zibelnik
Jakob Ganslmeier und Ana Zibelnik setzen sich mit diesen Phänomenen intensiv auseinander. Sie sammeln seit Jahren systematisch filmisches Material aus den sozialen Medien und verfügen inzwischen über ein umfangreiches Archiv. In ihrer Videoarbeit „Bereitschaft“ bringen sie das vorgefundene Material in eine neue Ordnung, aus der sich die geschilderte Erzählung herauskristallisiert, die in der Verherrlichung des faschistischen Männlichkeitskults um die Breker-Statue mündet. Vorangestellt sind dieser filmischen Erzählung Nachtaufnahmen eines Wolfsrudels, begleitet von einem Voice-over-Kommentar, der es zur natürlichen Aufgabe der Männer erklärt, Frauen und Kinder zu schützen. Biologistische und kulturalistische Behauptungen bilden so die ideologische Klammer.
Diese Ordnung, in die Ganslmeier und Zibelnik die TikTok-Videoclips gebracht haben, ist keineswegs willkürlich. Vielmehr folgt die filmische Collage in der Logik ihrer Abfolge sehr genau der durch den Algorithmus erzeugten Logik, die den TikTok-Videos in der Art und Weise, wie sie zusammenwirken und rezipiert werden, zugrunde liegt. Sie hat also einen aufdeckenden Charakter. Dieser aufklärerische Impetus zeigt sich auch daran, dass die Videoinstallation durch Informationsmaterial, ein Glossar und ein Netzdiagramm begleitet wird. Zudem werden Workshops für Schulklassen und Jugendgruppen angeboten.
©Jakob Ganslmeier & Ana Zibelnik
Dass es sich um ein Kunstwerk handelt, zeigt sich an den komplexen ästhetischen Verfahren, mit denen Ganslmeier und Zibelnik ihr Material bearbeitet haben und die auf ihre eigene Weise zu der aufdeckenden Wirkung beitragen. Die Clips werden vielfältigen Veränderungen unterzogen. So entsteht ein ständiger Wechsel von Nahansichten und extremer Fernsicht, von vergrößerten Einzelbildern und ihrer rasterförmigen Vervielfältigung bis hin zur völligen Unkenntlichkeit. Schrift und gesprochener Text überlagern sich. Am Ende findet eine Steigerung statt, die in einer Art visuellem Rauschen mündet. Das Bild des Einzelnen verschwindet in der Masse der Bilder und schließlich lösen sich die Formen gänzlich auf. Man kann darin den Endpunkt der Überwältigung der Sinne sehen, die durch die Masse der TikTok-Clips bewirkt wird.
Dass Ganslmeier und Zibelnik diese Überwältigung nicht perpetuieren, sondern konterkarieren wollen, manifestiert sich auch in dem Setting, in dem die Videoarbeit präsentiert wird. Der Screen, auf dem sie gezeigt wird, ist eine etwa vier Meter hohe Stele, sie steht in einem White Cube, der zugleich wie ein Fitnessraum möbliert ist. Die vertikale Form des Screens bezieht sich auf das Smartphone als das zentrale Medium, mit dem TikTok konsumiert wird; seine übersteigerte Länge verweist auf das Swipen und die dadurch praktisch entstehende vertikale Reihung der aufeinanderfolgenden Clips. Zugleich rekurriert die vier Meter hohe Stele auf eine sehr alte Tradition: Die Stele, ein freistehender Pfeiler, ist seit der Antike eine architektonische Grundform, die für Repräsentation steht. Sie dient als Denkmal, Grabstein oder Grenzstein, als Träger von Inschriften wie Gesetzen, Ermahnungen oder Erinnerungen. Die Stele trägt Bedeutung, ihr ist Autorität eigen. Als Träger des Videoscreens wiederholt sie visuell, was den kernigen Männerstimmen auf auditiver Ebene innewohnt: Macht. Das Setting der Installation rekonstruiert damit die Situation, in der sich der hoffnungsvoll auf seinem Fitnessgerät um sein Selbstwertgefühl kämpfende Jugendliche befindet – und zugleich macht es diese Situation sichtbar und damit der Reflexion zugänglich.
Auch in einem erweiterten Sinne trägt das Ausstellungssetting zu dieser aufklärerischen Bedeutung bei, nämlich durch die Präsentation im Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus im ehemaligen Gauforum. Das Weimarer Gauforum ist das einzige in großen Teilen realisierte und weitgehend erhaltene Exempel nationalsozialistischer Repräsentations- und Verwaltungsarchitektur in den sogenannten Gauhauptstädten, deren Funktion es sein sollte, die absolute Macht der nationalsozialistischen Führerpartei symbolisch und praktisch zu manifestieren. So wie Brekers Statue „Bereitschaft“ die klassische griechische Statue und Michelangelos „David“, auf welche sie sich scheinbar bezieht, pervertiert, so wird durch die Architektur des Gauforums mit seinen Übersteigerungen in eine überwältigende Kälte hinein die klassizistische Architekturtradition, die sie scheinbar aufgreift, pervertiert. Heutige Nutzungen können nur versuchen, diese gebaute Brutalität sichtbar zu machen und sie zugleich durch Umfunktionierung und Umdeutung zu bewältigen. Das Museum Zwangsarbeit steht genau dafür. Diese doppelte Strategie – einerseits durch Rekonstruktion sichtbar machen, offenlegen, durchdringen und durchschaubar machen und andererseits durch verfremdende Verarbeitung konterkarieren – ist auch charakteristisch für die Videoinstallation von Ganslmeier und Zibelnik.
Das in Den Haag lebende und arbeitende Künstler:innenduo Jakob Ganslmeier (1990, München) & Ana Zibelnik (1995, Ljubljana) befasst sich in Foto- und Videoprojekten mit der Identitätsbildung von Jugendlichen unter Einfluss extremer Ideologien. Ihr Interesse gilt der Frage, wie Kunst faschistischen Narrativen und Bildwelten entgegenwirken und das Bewusstsein für soziale Fragen schärfen kann. 2020/21 wurde bereits die Fotoinstallation „Haut, Stein“ von Jakob Ganslmeier, in der es um die Schwierigkeiten geht, NS-Symbole im öffentlichen Raum wie am individuellen Körper auszulöschen, in Weimar gegenüber dem ehemaligen Gauforum und in Nordhausen bei der Gedenkstätte Mittelbau-Dora ausgestellt.
Prof. Dr. Verena Krieger ist Professorin für Kunstgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Holocaust und Rechtsradikalismus zählt zu ihren Forschungsschwerpunkten.