Stiftung

Geschichte in den Raum stellen

Outdoor-Ausstellungen erzählen konkrete Geschichten am historischen Ort – auf Zeit, präzise und ohne den Ort zu überformen.

Eine Stele auf dem ehemaligen Appellplatz, eine Tafel an der ehemaligen Kommandantur, eine Bildfolge am Kinderblock: Outdoor-Ausstellungen führen Besucher:innen dorthin, wo sich Ereignisse tatsächlich zugetragen haben. Sie setzen temporäre Zeichen und machen Zusammenhänge sichtbar.

Ein junger Mensch steht draußen auf einer kleinen Bühne und liest aus einem Ordner in ein Mikrofon. Um ihn herum hat sich eine Gruppe von Zuhörer:innen versammelt, die aufmerksam zuhören. Im Hintergrund steht eine Informationstafel mit historischen Fotos und Texten, die auf einen Gedenk- oder Erinnerungsort hinweist.
Stationenweg „Geschichte. Bewusst. Machen.“, 6. April 2025. Fotos: Peter Hansen

Wer im Sommer 2025 in der Gedenkstätte Buchenwald über den ehemaligen Appellplatz ging, stieß auf eine Stele „Der Toten gedenken“. Auf ihr berichtete André Respaut über die Gedenkfeier des 19. April 1945, die genau an diesem Ort stattfand: „Nach jeder Rede wiederholen alle Kameraden mit erhobenem Arm: ‚Wir schwören es!‘“. Auch die anderen Inhalte der Stelenausstellung „Buchenwald 1945. Szenen aus dem befreiten Lager“ wurden dort platziert, wo die Schauplätze der historischen Ereignisse waren: an der ehemaligen Lagerkommandantur, am Kinderblock, im Häftlingskrankenbau. Sichtachsen, Wege und Distanzen des Geländes wurden so selbst zu Quellen – ergänzt durch Zitate, Fotos, kurze Erklärtexte und Verweise auf digitale Vertiefungen.

Eine freistehende Stele mit der Überschrift „Die Täter / Confronting the Perpetrators“ steht im Außenbereich vor einem Gebäude. Darauf sind ein historisches Foto und erklärender Text zu sehen. In der Umgebung bewegen sich mehrere Besucher:innen über das Gelände der Gedenkstätte.
Stele „Die Täter stellen“ vor dem ehemaligen Lagertor, 2025.

Outdoor-Ausstellungen sind Interventionen auf Zeit. Sie schaffen Aufmerksamkeit, ohne den historischen Ort dauerhaft zu „möblieren“ und zu verstellen. Erste Erfahrungen sammelte die Stiftung 2021 mit der Freiluftschau „Der Überfall auf die Sowjetunion“ an drei Stationen auf dem Lagergelände: auffällig gestaltet, bewusst als Störung im Raum, um einen neuen Blick auf vertraute Orte zu ermöglichen. Das Prinzip: einzelne, gut begründete Setzungen, die eine größere Geschichte in präzisen Ausschnitten zeigen.

Mehrere Personen stehen im Freien um eine hölzerne Ausstellungsstruktur mit Informationstafeln zur Ausstellung „Der Überfall auf die Sowjetunion“. Einige Besucher:innen hören einem sprechenden Mann zu, andere lesen die Texte. Die Installation befindet sich auf dem Gelände der Gedenkstätte, umgeben von offenen Flächen und Bäumen.
Eröffnung der Outdoor-Ausstellung „Der Überfall auf die Sowjetunion“, 22. Juni 2021. Foto: Rikola-Gunnar Lüttgenau

Beim Stationenweg „Geschichte. Bewusst. Machen.“ zum 78. Jahrestag der Befreiung 2023 verbanden wir Rundgang und Rezitationen mit einer begleitenden Outdoor-Ausstellung: Historische Stätten wurden aufgesucht, kontextualisiert und unmittelbar aus verschiedenen Perspektiven erfahrbar gemacht. Im Sommer 2024 thematisierte die Ausstellung „Fußball und das KZ Buchenwald“ im Bereich der Kommandantur die SS-Fußballmannschaft und erzählte im ehemaligen Lager von den dort inhaftierten Fußballern.

Eine Frau steht bei Regen unter einem Regenschirm auf einer kleinen Plattform und liest aus einem Tablet in ein Mikrofon. Um sie herum stehen mehrere Zuhörer:innen. Neben ihr befindet sich eine freistehende Stele mit Texten und historischen Bildern zur Gedenkstätte Buchenwald.
Stationenweg „Geschichte. Bewusst. Machen.“, 16. April 2023. Foto: Peter Hansen

Aufgrund der guten Erfahrungen mit diesen temporären Interventionen entwickelte die Stiftung zum 80. Jahrestag der Befreiung ein neues Trägersystem für die Gedenkstätten: bewusst einfach gehaltene, stabile Stelen, dreiseitig bedruckbar. Mit ihnen sollen die historischen Orte künftig regelmäßig aus wechselnden Perspektiven erschlossen werden. Der Ausstellungsraum reicht dabei potenziell über die Gedenkstätten hinaus: In und um Mittelbau-Dora wurden 2025 die Stelen nicht nur auf dem Gedenkstättengelände, sondern auch dezentral in Nordhausen und Ellrich platziert – jeweils am konkreten Schauplatz der jeweiligen Geschichte (vgl. Beitrag von Anne Otto, S. 130).

Freistehende Stele mit der Überschrift „Der Toten gedenken / Commemorating the Dead“ auf dem ehemaligen Appellplatz des KZ Buchenwald. Auf der Tafel sind ein historisches Foto sowie erklärende Texte zu sehen. Die Stele steht in einer weiten, offenen Landschaft; im Hintergrund ist ein Gebäude der Gedenkstätte sichtbar.
Stele „Der Toten gedenken“ auf dem ehemaligen Appellplatz des KZ Buchenwald, 2025. Foto: Peter Hansen

Diese Erfahrungen werden in Buchenwald in die bislang größte Outdoor-Ausstellung einfließen. Weil das Kammergebäude renoviert wird und die Dauerausstellung für einen längeren Zeitraum geschlossen bleiben muss, werden zwei Dutzend Stelen die Ausstellung „Ausgrenzung und Gewalt“ und ihre Perspektive auf die NS-Gesellschaft ins Gelände des ehemaligen Lagers bringen. Die historischen Stätten werden also vor Ort in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext beleuchtet.

Outdoor-Ausstellungen sind kein Ersatz für Dauerausstellungen. Aber sie sind ein präzises Werkzeug, um Forschungsergebnisse schnell, ortsbezogen und anschaulich zu vermitteln – auch um Orte, die abseits der üblichen Wege liegen, in den Blick zu rücken. Gerade weil sie temporär bleiben, halten sie den historischen Raum frei – und erschließen ihn zugleich.

Rikola-Gunnar Lüttgenau ist Leiter der Stabsstelle Strategische Kommunikation der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

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