Museum Zwangsarbeit

„Eigene Handlungsspielräume prüfen und nutzen“

Berufsbezogene Bildung im Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus

Eine Person ergänzt ihren „Lebensweg“ auf einer Wand mit vielen farbigen Notizzetteln.
Eine Teilnehmerin der „Leaders4Democracy“ markiert persönliche und berufliche Kontaktpunkte mit der NS-Geschichte, 3. April 2025
©Oliver Kleinschmidt, Gemeinnützige Hertie-Stiftung

Ob Unternehmer, die Zwangsarbeitende aus ganz Europa anforderten, ihre Mitarbeitenden, die sie wegen angeblicher Vergehen bei der Geheimen Staatspolizei meldeten, oder Verwaltungsmitarbeitende, die sie registrierten und zuteilten: Ein Großteil der Bevölkerung beteiligte sich im Nationalsozialismus im Berufsalltag an der Verfolgung und Ausbeutung von Millionen Menschen, die in das Deutsche Reich zur Zwangsarbeit verschleppt wurden. Die Gründe für die Beteiligung waren dabei nicht zwangsläufig ideologischer Natur: Opportunismus und das eigene Rollenverständnis spielten eine maßgebliche Rolle. Doch wenn es für so viele Menschen in der Vergangenheit leicht möglich war, menschliche Werte gegenüber Zwangsarbeitenden über Bord zu werfen und die berufliche Rolle im Sinne der NS-Diktatur zu interpretieren, was bewahrt dann heutige Unternehmen, öffentliche Dienststellen und ihre Mitarbeitenden davor, ihre Linie nach antidemokratischen und menschenfeindlichen Ideen auszurichten? Das Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus schafft in berufsgruppenspezifischen Bildungsangeboten einen Raum dafür, diese Fragen zu diskutieren, eigene Handlungsspielräume zu reflektieren und ethische Rückschlüsse auf das eigene Berufsleben zu ziehen.

 

Etwa ein Drittel ihrer Lebenszeit verbringen Erwerbstätige im Durchschnitt bei der Arbeit. Arbeit ist in der Regel nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern auch ein Raum, in dem Gespräche stattfinden, Konflikte verhandelt und Haltungen beeinflusst werden. Wo, wenn nicht in diesen sozialen Räumen, in denen Kolleg:innen mit diversen Hintergründen und Einstellungen aufeinandertreffen, kann Bildungsarbeit zur Demokratieförderung ansetzen? So können Menschen zu Teilnehmenden und Multiplikator:innen werden, die vielleicht nicht aus eigener Motivation heraus Angebote der historisch-politischen Bildung nutzen würden. Der Bezug zur eigenen Lebens- und Erfahrungswelt schafft Interesse und Gesprächsbereitschaft.

Im Museum Zwangsarbeit stellen leitende Angestellte und Mitarbeitende in Unternehmen ebenso wie Beamt:innen und Mitarbeitende der öffentlichen Verwaltung und Justiz wichtige Zielgruppen der Erwachsenenbildung dar. So diskutierten die „Leaders4Democracy“, junge Führungskräfte im Rahmen des gleichnamigen Fortbildungsprogramms der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und Hans und Berthold Finkelstein-Stiftung, im März 2025 ausgehend von der Geschichte der NS-Zwangsarbeit über die historische Verantwortung von Unternehmen. Im Herbst fanden Mitarbeitende verschiedener Unternehmen in Weimar zu einer, ebenfalls in Kooperation mit der Finkelstein-Stiftung und dem Gustav-Stresemann-Institut gestalteten Bildungsreise zusammen, in der sie unter dem Titel „Zwangsarbeit, Erinnerung und Verantwortung“ Fragen nach verantwortungsbewusstem Handeln im beruflichen Kontext aufwarfen. Auch Auszubildende des Thüringer Landesverwaltungsamtes im mittleren und gehobenen Dienst besuchen in ihren Einführungswochen Bildungsprogramme im Museum.

Den Ausgang berufsgruppenspezifischer Bildungsprogramme im Museum bildet stets die Reflexion der eigenen Haltung und Werte. Daraus ergibt sich jedoch auch die Frage, inwiefern diese Wertvorstellungen im Arbeitsalltag in Entscheidungsprozesse einfließen können. Etwa, wenn Gesetze bei Verwaltungsentscheidungen zugunsten oder zuungunsten eines:einer Antragsstellenden ausgelegt werden könnten. Mitunter kann es durchaus zu persönlichen Konflikten kommen, wenn die eigenen Werte nicht mit denen zusammenpassen, die durch den:die Arbeitgeber:in vorgeschrieben werden oder sich durch sein:ihr Handeln äußern. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Frage stellen, aus welchen Motiven und in welchen Kontexten persönliche Werte zugunsten der beruflichen Rolle hintangestellt und wo sie hingegen eingebracht werden können: welche Handlungsspielräume also bestehen. Studien der Otto Brenner Stiftung und des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung verweisen darauf, dass ein Gefühl mangelnder Selbstwirksamkeit im beruflichen Kontext und Mitbestimmung bei betrieblichen Entscheidungen im Zusammenhang mit der Befürwortung rechtsextremer Einstellungen stehen kann. Die Sensibilisierung für individuelle Einflussmöglichkeiten und Stärkung von Handlungskompetenzen stehen daher – ausgehend von der Geschichte – im Fokus des museumspädagogischen Angebots.

Eine Gruppe arbeitet gemeinsam an Textkarten in der Ausstellung. Auf der Wand im Hintergrund steht "Beschädigte".
Ausstellungserkundung eines Führungskräfteseminars im Museum Zwangsarbeit, 2. April 2025.
©Oliver Kleinschmidt, Gemeinnützige Hertie-Stiftung
Eine Frau steht nachdenklich in der Ausstellung und macht sich Notizen.
Teilnehmende eines Führungskräfteseminars setzen sich mit dem Umgang von Unternehmen mit NS-Zwangsarbeit auseinander, 3. April 2025.

Um Haltungen und Konflikte ansprechbar zu machen und sich Handlungsspielräumen anzunähern, nehmen Teilnehmende in den Workshops die Geschichte der NS-Zwangsarbeit als historisches Beispiel in den Blick. So zeigen diverse Fallgeschichten in der Ausstellung des Museums, wie sich Mitarbeitende der Verwaltung und in Unternehmen, auf Bauernhöfen oder in privaten Haushalten Zwangsarbeitenden gegenüber mal unterstützend, häufig aber auch gewaltsam verhielten. Diese Geschichten werfen Diskussionen zu Handlungsmotiven und -kontexten auf: Agierte ein Mitarbeiter der Arbeitsverwaltung aus menschlichen Motiven, wenn er die Unterbringung von „Ostarbeiterinnen“ einzeln statt in großen Barackenlagern befürwortete, oder nur aus Bemessung, weil er ihre Arbeitsleistung dadurch gesteigert sah? Meldete ein Mitarbeiter in einem Unternehmen einen Zwangsarbeiter bei der Gestapo, weil er ideologisch überzeugt oder mit dem Zwangsarbeiter in Konflikt geraten war oder einfach aus der Möglichkeit heraus, Macht auszuüben? Die Diskussion über solche Fallbeispiele eröffnet die Möglichkeit, auch eigene Handlungen, die etwa stets „im besten Sinne des Unternehmens“ erfolgen, zu hinterfragen. „Eigene Handlungsspielräume prüfen und nutzen“, war das Fazit eines Seminarteilnehmenden.

Ob öffentliche Verwaltung, Polizei oder Justiz: Als Teil der staatlichen Exekutive und Judikative besitzen Mitarbeitende dieser Behörden den Auftrag, gültige Gesetze anzuwenden und durchzusetzen. Doch was passiert, wenn sich Recht und Gesetz nach dem politischen Kurs der Regierung ändern? Im Übergang von der Weimarer Demokratie auf den Nationalsozialismus übten Mitarbeitende dieser öffentlichen Stellen meist nahtlos ihre Rollen aus und waren nur wenige Jahre später für die Organisation und Kontrolle der Ausbeutung von Millionen Zwangsarbeitenden unabdingbar. So bestand für viele offenbar keine moralische Hürde, verbrecherische Gesetze umzusetzen.

Ebenso erging es zahlreichen Unternehmen, die sich mitunter ambivalent, aber allzu oft politisch opportun verhielten und den Zwangsarbeitseinsatz eigenständig vorantrieben, Forderungen nach mehr Arbeitskräften stellten und die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Betroffenen mitbestimmten. Bis heute nehmen politische Entscheidungen immer auch Einfluss auf Arbeitsbeziehungen, indem sie etwa Standards bei Arbeitsbedingungen setzen, vor allem aber den rechtlichen und institutionellen Rahmen schaffen, in dem Unternehmen agieren. Wie schnell sich auch Haltungen und öffentlich geäußerte Wertvorstellungen von Unternehmen ändern können, wenn dies politisch opportun erscheint, zeigen nicht zuletzt Unternehmen wie Disney und McDonalds in den USA: Innerhalb weniger Wochen nach dem Machtantritt von Donald Trump gaben sie den politischen Forderungen des wiedergewählten Präsidenten nach und kippten zuvor beworbene Maßnahmen für Diversität, Teilhabe und Inklusion. Die Frage nach der politischen Rolle von Unternehmen und wie diese sich verhalten, wenn sich die politische Führung oder Stimmung in der Gesellschaft verändern, ist daher hoch aktuell. So stellt sich insbesondere in Seminaren mit Führungskräften in Unternehmen die Frage: Wie können und sollten sich Unternehmen innerhalb zunehmend antidemokratischer politischer Forderungen positionieren? Und wie kann diese Haltung nach innen und außen getragen werden?

Berufsbezogene Bildungsangebote im Museum Zwangsarbeit schaffen einen Gesprächsanlass, um private und berufliche Einstellungen gegenüberzustellen und Einflussmöglichkeiten zu reflektieren. Teilnehmende können im beruflichen und privaten Umfeld zu Multiplikator:innen von historischem Wissen und demokratischen Haltungen werden. Doch diese Potenziale müssen genutzt werden.

„Wir haben aus der Geschichte gelernt und vergessen nicht, wie das Unmenschliche […] in die Gesellschaft eingedrungen ist. […] Wir stehen gemeinsam für ein offenes Land, das sich mutig den Herausforderungen stellt, anstatt sich von rechter Propaganda aufhetzen zu lassen. Denn wir wissen bereits, wohin das führen kann […].“1, bekundeten zahlreiche Unternehmen und Organisationen im Frühjahr 2024 im Vorfeld der Bundestagswahlen. Aus der Geschichte zu lernen bedeutet in diesem Sinne, sich in der Gegenwart zu positionieren und es nicht bei öffentlichen Stellungnahmen zu belassen, sondern Strukturen zu schaffen, in denen Mitarbeitende sich fortbilden und einbringen können. Es bedeutet, die Gelegenheit zu bekommen, das tägliche Handeln zu reflektieren und dafür auch Kapazitäten innerhalb der Arbeitszeit anzubieten. Und es bedeutet, nicht nur Studien zur eigenen Unternehmensgeschichte in Auftrag zu geben, sondern auch Ressourcen frei zu machen, um sich mit ihr zu beschäftigen. Historisch-politische Bildungsangebote im Museum Zwangsarbeit sollen hierfür ein Anstoß sein.

Kim Sommerer war bis Ende 2025 Bildungsreferentin im Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus und ist seitdem in gleicher Position bei what matters gGmbH tätig.

Literatur:
Kiess, Johannes/Schmidt, Andre: Schützt demokratische Selbstwirksamkeit im Betrieb gegen Rechtsextremismus? Ein Vergleich zwischen Ost und West sowie 2020 und 2024, in: WSI Mitteilungen 4, 2025, S. 253–262.

1 Statement der Initiative #Zusammenland, die von zahlreichen Unternehmen und Organisationen geteilt wurde. Eine Initiative von DIE ZEIT, Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Wirtschaftswoche und Ströer.

Bildungsarbeit des Museums Zwangsarbeit: https://www.museum-zwangsarbeit.de/bildung/unsere-bildungsarbeit

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