Das Sonderlager im Konzentrationslager Buchenwald

nach den Pogromen 1938

Am 6. Dezember 1938 erhielt die Kommandantur des Konzentrationslagers Buchenwald von Klara Kaufmann aus Frankfurt am Main, Melemstraße 18, einen Brief folgenden Inhalts: „Bei der Geheimen Staatspolizei hier wurde mir heute gesagt, ich solle mich zwecks Auskunft um meinen Mann, den Schutzhäftling Moritz Kaufmann aus Frankfurt a. M., geboren 29.6.1885 in Mayen, an die verehrl. Lagerkommandantur wenden. Ich habe bis heute keinerlei Nachricht von meinem Mann erhalten, auch keine Blocknummer etc. mitgeteilt bekommen. Da mein Mann schwer herzleidend ist und schon viele Herzanfälle hatte, bin ich in schwerer Sorge um ihn, zumal mir von den bisher zurückgekehrten Schutzhäftlingen noch keiner sagen konnte, dass er ihn gesehen hat. Ich bitte doch recht herzlich, mir unter Benutzung beiliegenden Freicouverts, vielleicht Näheres mitteilen zu wollen, ganz besonders, ob mein Mann krank ist.“[1] Handschriftlich vermerkte der SS-Rapportführer auf dem Brief: „sitzt nicht ein“. Mitte Dezember antwortete die Lagerkommandantur Buchenwald, gezeichnet vom Schutzhaftlagerführer SS-Obersturmbannführer Arthur Rödl, unter Verwendung der Rückseite des Briefes lakonisch: „Der Schutzhäftling M. Kaufmann sitzt im hiesigen Lager nicht ein.“[2]

Eine Woche später, am 21. Dezember 1938, sprach Klara Kaufmann bei der Geheimen Staatspolizei Frankfurt am Main vor. Dort erhielt sie offensichtlich keine klärende Auskunft. In einem nach diesem Termin am selben Tag verfassten Brief teilte sie der Staatspolizeistelle mit, dass ihr Mann „am 13. November ds. Js. von seinem Bruder Albert Kaufmann, wohnhaft Ffm. Sophienstr. 30 gesehen u. gesprochen wurde u. zwar im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar.“[3] Schließlich nannte sie fünf weitere Zeugen, die Moritz Kaufmann in Buchenwald am 12./13. November gesehen hatten - Männer aus Frankfurt und Aschaffenburg, die zurückgekehrt waren. Einer erinnerte sich, ihn in der alten Häftlingsküche unter den Kranken und Geistesgestörten gesehen und ihn gepflegt zu haben. Erst jetzt, wo die Anwesenheit in Buchenwald durch Zeugen belegt war, bemühte die Frankfurter Gestapo ihre Kartei[4] und schickte am 23. Dezember das von Klara Kaufmann übergebene Foto mit folgenden Worten nach Buchenwald. „Der Jude Moritz Kaufmann, geb. am 29.6.1885 in Mayen, wurde am 11.11.38 hier festgenommen und dem KZ-Lager Buchenwald überführt. [...] Aus beigefügtem Brief ist zu ersehen, dass K. tatsächlich in Buchenwald war.“[5]

 

Die Lagerkommandantur konnte oder wollte keine Auskunft geben. In einer die Untersuchung abschließenden Notiz hielt der Rapportführer folgende Möglichkeiten fest: „1. Moritz Kaufmann geboren 29.6.85 ist hier nicht aufgenommen worden. 2. Der in dem Schreiben vom 21.12.38 angegebene Häftling Adler gibt an, dass Kaufmann in der Waschküche gelegen habe und nach einigen Tagen mit einer Anzahl anderer Wahnsinniger nach dem Bunker gebracht worden sei. 3. Häftl. Reich Nr. 600 gibt an, dass Kaufmann, den er auf dem Bilde wiedererkenne, im Eingangstor verstorben sei. SS-Oberscharführer Schmidt werde sich, wenn ihm das Bild vorgelegt würde, sicherlich ebenfalls daran erinnern können.“[6] Noch im Februar 1939, als die SS vor dem Hintergrund einer Typhusepidemie das Pogromsonderlager auflöste, war Moritz Kaufmann verschollen. Zuletzt trug das Standesamt Weimar seinen Namen unter einem der namentlich unbekannten toten Juden des 18. November 1938 ein. Die genauen Umstände seines Todes blieben ungeklärt.

 

Die Briefe und Notizen um das Verschwinden von Moritz Kaufmann, wie auch andere Briefe von Angehörigen in einer nur fragmentarisch überlieferten Ablage der Lagerkommandantur, erhellen eine wesentliche Seite der Inhaftierung von Juden nach den Pogromen im November 1938 - die Ungewissheit und Angst, in der ihre Angehörigen lebten. Die Geschichte von Moritz Kaufmann war kein Einzelfall.[7] Auch in ihren Teilaspekten – der Organisiertheit und Rücksichtslosigkeit des Polizeiapparates ebenso wie der gegenüber dem Leben von Juden völlig gleichgültigen Lagerverwaltung – ist sie durchaus exemplarisch für die Umwandlung des von Goebbels inszenierten antijüdischen Pogroms in einen staatspolizeilich gesteuerten, arbeitsteilig mit der SS ausgeübten massiven Auswanderungsdruck auf die jüdische Bevölkerung. Der Umstand, dass dabei allein die Gestapo über die Einweisung in ein Konzentrationslager wie über die Entlassung bestimmte, machte sie nicht nur zur einzig möglichen Appellationsinstanz für die Angehörigen, sondern gab ihr die Macht, rücksichtslos die Bedingungen zu diktieren, ohne selbst unmittelbar gewalttätig in Erscheinung zu treten. Die Dynamik des Terrors in den Lagern bestimmte die SS, und wenn, wie im Fall Moritz Kaufmann, ein Gefangener im Lager getötet wurde, gab es kaum eine Möglichkeit, die Umstände zu erfahren und Rechenschaft zu fordern.

 

Dieser Dualismus zwischen staatspolizeilichem Agieren und SS-Terror in den Konzentrationslagern bestimmte nach den Pogromen vom November die Lage der jüdischen Bevölkerung nachhaltiger als der Rückfall in die Barbarei[8], für den die brennenden Synagogen, die zerschlagenen Geschäfte, die öffentlich misshandelten und abgeführten Juden am 9. und 10. November 1938 standen. Immerhin wurde jeder Zehnte der noch in Deutschland befindlichen Juden nach den Pogromen verhaftet und, begrenzt auf die männlichen Juden, jeder Siebente in eines der drei bestehenden Konzentrationslager – Sachsenhausen, Buchenwald oder Dachau – gebracht. Kaum eine jüdische Familie blieb von dieser bis dahin größten Polizeiaktion unversehrt. Alle Informationen, die über die Haftbedingungen bekannt wurden, besonders aber das aus der Sicht des Jahres 1938 immense Anwachsen der Todesfälle unter den verhafteten Juden, die die Zahl der während des Pogroms Ermordeten um ein mehrfaches überstiegen, verfestigte über Wochen hinweg den Eindruck unmittelbarer Lebensgefahr für die Verhafteten und ihre Angehörigen. Hinzu kam ein Umgang mit den Toten, der diesen Eindruck bestätigte. In Chemnitz, so berichtete zum Beispiel ein ausländischer Diplomat nach den Pogromen, „haben mindestens vier Frauen die brutale Anfrage erhalten: 'Wo wünschen Sie die Asche Ihres Mannes zu erhalten?'“[9] Als Indiz für die entstandene Atmosphäre kann auch die gewachsene Zahl der Selbsttötungen von Juden nach den Pogromen gelten – sie wird auf 300 bis 500 geschätzt.[10]

 

 

 

Was die Einlieferung in eines der drei Konzentrationslager im November 1938 für die Betroffenen bedeutete, gilt als „kaum darstellbar, obwohl es zahlreiche Schilderungen dazu gibt.“[11] Das hatte zur Folge, dass selbst die Versuche einer Darstellung der Geschehnisse in den Lagern rar blieben.[12] Auch die Kontinuität physischer Gewalt gegen Juden, die vorerst in den Pogromen gipfelte, ist bislang nicht explizit untersucht und dargestellt worden.[13] Allerdings stößt die Rekonstruktion dieser Seite des Novemberpogroms schnell an Grenzen und muss sich angesichts der Quellenlage von vornherein auf die Rahmenbedingungen, den zeitlichen Ablauf und auf die überlieferten Fallbeispiele beschränken.

Zwischen den bestehenden Konzentrationslagern Sachsenhausen, Dachau und Buchenwald gab es 1938 erhebliche Unterschiede, und zwar weniger, was die Behandlung der Gefangenen durch die SS, die Zwangsarbeit und den alltäglichen Terror betraf als hinsichtlich der allgemeinen Lebensverhältnisse, der Unterbringung und der Hygiene, die von der jeweiligen Ausbaustufe abhingen. Alle drei Konzentrationslager waren als Massenlager konzipiert worden und in sehr unterschiedlichem Grade auf große Verhaftungswellen und ein Anwachsen der Häftlingszahlen vorbereitet, keines aber auf die schlagartige Aufnahme von Tausenden Gefangenen, wie sie im November 1938 der Fall war.

In bezug auf die Belegungskapazität herrschten in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau ähnliche Bedingungen. Dachau, 1933 als erstes ständiges Konzentrationslager eingerichtet, war 1937/38 erweitert worden. Im September 1938 ließ es die SS vorübergehend räumen und brachte die 2.395 jüdischen Häftlinge in das Aufbaulager Buchenwald. Im Konzentrationslager Sachsenhausen, eröffnet 1936, schloss die SS im Frühjahr 1938 die erste Bauphase ab. Der Aufbau des Häftlingslagers war Ende 1938 im wesentlichen beendet. Der Lagerälteste Harry Naujoks erinnert sich: „Es standen 68 Wohnbaracken, von denen einige vorübergehend oder auch dauernd für andere Zwecke benutzt wurden, so zum Beispiel als Häftlingsbekleidungskammer, als Werkstatt oder Krankenbau, Bad, Kantine. [...] Die Unterkunftsbaracken waren 53,50 Meter lang, 8 Meter breit und 2,65 Meter hoch. Sie waren in einen A und B-Flügel unterteilt. Jeder Flügel hatte einen Tages- und einen Schlafraum. [...} Bei normaler Belegung fasste jeder Block 146 Häftlinge. Das traf bis Mitte 1938 zu. Später wurde ein drittes Bett aufgestockt. Dann betrug die Blockbelegschaft 180 bis 200 Mann. [...] Dies gab es ab 1938/39 im wesentlichen nur im ersten Ring [...]. In anderen Blocks wurden bei Überbelegung des Lagers die Betten ausgeräumt und die Strohsäcke auf die Erde gelegt. Auch gab es Zeiten, in denen die Tagesräume zur Nacht mit Strohsäcken belegt wurden; tagsüber wurden die Strohsäcke im Schlafraum gestapelt. In den sogenannten Massenblocks waren meist 400 Häftlinge zusammengepfercht.“[14]

 

 

„Massenblocks“, das heißt mehrfach überbelegte Baracken, prägten in Buchenwald, das im Juli 1937 als letztes der drei Lager auf einer Rodung acht Kilometer nördlich von Weimar eröffnet worden war, ab Mitte 1938 die Gesamtsituation. Außerdem gab es Behelfsunterkünfte von kaum zu unterbietender Primitivität. Ungeachtet dessen, dass das Häftlingslager erst zur Hälfte stand, Wege und Straßen noch unbefestigt waren, eine stabile Anbindung an Wasser und Kanalisation und damit die hygienischen Grundlagen für die Unterbringung von Menschen fehlten, wies die Gestapo ab April 1938 Tausende von Verhafteten ein. Schon im Juli 1938, nach der Einlieferung von mehr als 4.400 Gefangenen der „Aktion Arbeitsscheu Reich“, erreichte das Lager mitten in der Bauphase die vorgesehene Belegung von etwa 8.000 Häftlingen. Die letzte Verhaftungswelle dieser von der Gestapo seit Anfang 1938 geplanten und von April bis Juni durchgeführt „Aktion“ gegen eine als „arbeitsscheu“ stigmatisierte Personengruppe erhielt den Charakter einer Massenverhaftung von Juden vor allem in den Großstädten, die mit antisemitischen Exzessen einherging und den Auswanderungsdruck erhöhen sollte.[15] Die Kriminalpolizei wies in diesem Zusammenhang 1.256 Juden in Buchenwald ein, darunter etwa 500 aus Berlin, mehrere Hundert aus Breslau, Liegnitz und Gleiwitz und über hundert aus Frankfurt am Main. Sie waren den schlimmsten Bedingungen ausgesetzt, die bis dahin eine Häftlingsgruppe zu ertragen hatte. Anfangs pferchte man einen Teil der jüdischen Häftlinge über Wochen in einen Schaftstall und in den Keller der noch unüberdachten neuen Häftlingsküche.[16]

 

 

„Alles in allem ein scheußliches Lager. [...] Schlimmer als Dachau“, lautete auch die erste Einschätzung der jüdischen Häftlinge, die Ende September 1938 aus dem Konzentrationslager Dachau nach Buchenwald kamen.[17] Schon im Juni hatte die SS in Erwartung weiterer Einlieferungsschübe Bauholz für fünf Behelfsbaracken angefordert. Nach den Transporten aus Dachau und dem Eintreffen von über 400 Insassen der Wiener Polizeigefängnisse, sogenannte Polizeihäftlinge, mit denen die Häftlingszahl auf 10.488 (4. Oktober 1938) anstieg, entstand am Appellplatz eine den „Polizeihäftlingen“ vorbehaltene Sonderzone von der Größe eines kleinen Fußballfeldes, die durch Stacheldraht vom übrigen Lager abgegrenzt war. Aus dem im Juni bestellten Holz ließ die SS eine Behelfsbaracke für die zuletzt angekommenen Wiener Häftlinge errichten.[18] Die Entstehung einer provisorischen Sonderzone Ende September 1938 weist darauf hin, dass die SS mit weiteren Gefangenen rechnete, die in den normalen Baracken nicht mehr untergebracht werden konnten, denn im übrigen Lager mussten sich 10.000 Menschen in die etwa 6. - 7.000 Schlafplätze teilen.

 

Ungeachtet des permanenten Notstandes meldete die Lagerkommandantur an die Inspektion der Konzentrationslager eine sprunghaft steigende Aufnahmekapazität. Noch Mitte Juni 1938 hieß es im Schutzhaftlagerrapport: „Das K.L. Bu. fasst normal 6.000 Häftlinge; den besonderen Umständen entsprechend: 7.500 Häftlinge.“ Zwei Wochen später stand dort: „Im Schutzhaftlager K.L. Bu. können 10.000 Häftlinge untergebracht werden.“ Und am 28.11.1938 hieß es: „Im Schutzhaftlager Buchenwald können 20.000 Häftlinge untergebracht werden.“[19] Da verschiedene SS-Inspektionen, Heinrich Himmler und der Inspekteur der Konzentrationslager Theodor Eicke die realen Bedingungen im gleichen Zeitraum mehrfach in Augenschein nahmen, kann davon ausgegangen werden, dass die Überfüllung bewusst herbeigeführt wurde, um neue Arbeitskräfte für den beschleunigten Aufbau der SS-Kasernen, der Infrastruktur und des Lagers zu erhalten.

 

Neben den engen und teilweise provisorischen Unterkünften prägte der permanente Wassermangel 1938 die Bedingungen in Buchenwald. Da sich die Rohrleitung und die Pumpstation noch im Bau befanden, ließ die SS das Wasser, das nur gekocht genießbar war, durch eine Behelfsleitung auf den Ettersberg pumpen und setzte Wasserwagen ein. Beim Stand von 3.000 Häftlingen befahl der Lagerkommandant am 16. Mai 1938 die Rationierung des Wassers, die das gesamte zweite Halbjahr aufrecht erhalten wurde. Außerhalb der festgelegten Zeit, täglich zwei Stunden, gab es keine Möglichkeiten der Wasserabnahme. Im Mai erhielten die Häftlinge jeder Baracke noch vier Eimer Wasser zur täglichen Körperhygiene, später gab es Perioden, in denen Körperpflege tagelang unmöglich war. Die in den Baracken installierten Wascheinrichtungen und Wasserklosetts blieben von Mitte bis Ende 1938 weitgehend funktionslos. "Alles war unhygienisch in Buchenwald", erinnert sich der Österreicher Bruno Heilig an die Bedingungen im letzen Quartal des Jahres. „Die Baracken waren schmutzig, die Gefangenen waren schmutzig und alle Werkzeuge klebten von angetrocknetem Kot. Die Aborte durfte man nicht benutzen, weil für die Spülung kein Wasser vorhanden war. Man musste auf offene Latrinen gehen.“[20]

Nach der „Juni-Aktion“ stieg unter diesen Umständen und durch den Terror der SS die Zahl der Kranken und der Toten sprunghaft an. Mehr als die Hälfte der Opfer waren Juden. Mitte Juli 1938 schrieb der Lagerarzt an das SS-Hauptsanitätslager: „Durch die ständig wachsende Zahl der Häftlinge, besonders durch die Zunahme der Juden sowie durch den ständig wechselnden Witterungscharakter, hat das Revier eine größere Zahl von Verletzten und Kranken aufzuweisen, zumal das Menschenmaterial sehr schlecht ist und sich alle in einer körperlich schlechten Verfassung befinden.“[21] Die Witterungsverhältnisse beeinträchtigten die Lebensumstände in der folgenden Winterzeit nachhaltig, da das Lager in 400 Meter Höhe ungeschützt an einem Nordhang lag.

Insgesamt verzeichnete Buchenwald als das Lager mit den rückständigsten Lebensverhältnissen 1938 mit 20.122 Zugängen – zwei von drei Eingelieferten waren Juden – den absolut größten Zuwachs an Häftlingen. Da sich die Bedingungen permanent verschlechterten, lag die Zahl der Toten um mehr als das dreifache über denen von Dachau und Sachsenhausen. Vom 10. November an spitzten sich die Verhältnisse täglich zu, so dass zutrifft, was Rita Thalmann und Emmanuel Feinermann in ihrem Buch „Die Kristallnacht“ resümieren: „Die Haft der Juden in Dachau und Sachsenhausen schien dennoch fast 'idyllisch' – wenn man ein solches Wort für einen Aufenthalt gebrauchen darf, der über hundert 'Novemberjuden' das Leben kostete und den meisten, die noch vor den späteren Deportationen auswandern konnten, dauerhafte psychische und physische Schäden zufügte – im Vergleich zum Schicksal ihrer unglücklichen Glaubensgenossen, die nach Buchenwald kamen.“[22]

Die Polizeiaktion begann in den frühen Morgenstunden des 10. November 1938. Schon unmittelbar nach der Entfesselung des Pogroms hatte der Chef der Geheimen Staatspolizei Heinrich Müller am 9. November um 23.55 Uhr die Gestapostellen in ganz Deutschland angewiesen, „die Festnahme von etwa 20 - 30.000 Juden im Reiche“ vorzubereiten. Auszuwählen seien vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen würden noch im Laufe der Nacht ergehen. Gegen 1.20 Uhr ließ sein Vorgesetzter, der Chef der Sicherheitspolizei und des SD Reinhard Heydrich, an alle Gestapostellen telegrafieren: „Sobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten hierfür zulässt, sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen. Nach Durchführung der Festnahme ist unverzüglich mit den zuständigen Konzentrationslagern wegen schnellster Unterbringung der Juden in den Lagern Verbindung aufzunehmen. Es ist besonders darauf zu achten, dass die aufgrund dieser Weisung festgenommenen Juden nicht misshandelt werden.“[23]

Bis zum 11. November meldeten die Staatspolizeistellen die Festnahme von 20.000 Juden[24], insgesamt wurden etwa 30.000 inhaftiert. Die Verhaftungsaktion war am 14. November fast überall abgeschlossen und wurde am 16. November auf Befehl Heydrichs offiziell beendet.[25] Ihr Verlauf unterschied sich in den Städten, wo sich Staats- und Kriminalpolizeistellen befanden, deutlich von ländlichen Regionen und Kleinstädten, in denen die Ortspolizei ihr Hilfspersonal häufig aus der SA und aus NSDAP-Mitgliedern rekrutierte, die darin eine günstige Gelegenheit sahen, den am 10. November offiziell für beendet erklärten Pogrom durch willkürliches und brutales Agieren bei der Festnahme zu verlängern.[26] Eine aus Leipzig überlieferte Akte - sie enthält neben einer Liste über den Transport von 150 Juden nach Buchenwald auch das für jeden Verhafteten angefertigte Festnahmeprotokoll[27] - belegt die Systematik, mit der die Gestapo, unterstützt von Kriminalpolizei und SS, die Verhaftungen in Großstädten als konzertierte Aktion durchführte. Ähnliches ist von Frankfurt am Main bekannt, wo die Gestapo innerhalb von vier Tagen über 3.000 Verhaftete in die Festhalle brachte und von dort nach Buchenwald und am 13. November nach Dachau abtransportierte.[28]

 

Der Befehl, besonders die vermögenden jüdischen Einwohner zu verhaften, das heißt die vor den Pogromen aufgestellten Einkommenserhebungen heranzuziehen, wurde unterschiedlich gehandhabt. Er scheint vor allem in den größeren Städten durchgesetzt worden zu sein, während die Polizeistellen in kleineren Orten und Landgemeinden häufig alle männlichen Juden verhafteten. Erich Schlesinger erinnert sich zum Beispiel, dass in Gleiwitz alle männlichen Juden im Alter von 18 - 60 Jahren betroffen waren.[29] In Nordhausen verhaftete die Polizei in den frühen Morgenstunden des 10. November auch Frauen, die man gegen 8.00 Uhr wieder entließ.[30] Das Verhaftungsalter war, wie aus einem Rundruf der Gestapoleitstelle Frankfurt am Main am Morgen des 10. November hervorgeht, auf 18 bis 60 Jahre festgelegt worden.[31] Während sich die Leipziger und die Frankfurter Gestapostelle zumindest bei der Einweisung in das Lager im wesentlichen noch an die Altersvorgabe hielten[32], kamen aus kleineren Städten und Landgemeinden in Thüringen und Hessen vor allem am 10. und 11. November viele Männer im Alter über 60, einige 70jährige und Jugendliche unter 18 Jahren in Buchenwald an. Etwa jeder Fünfte der nach den Pogromen in Buchenwald gestorbenen Juden war über 60 Jahre alt.[33] So ist anzunehmen, dass die Gestapostellen dem am 16. November gegebenen Befehl Heydrichs zur „Bereinigung der KZ-Lager“ durch sofortige Entlassung aller Festgenommenen, die älter 60 Jahre, krank oder behindert waren, nur bedingt nachkamen bzw. den Weg der besonderen Beantragung gingen.[34] Wie der Tod des Frankfurters Moritz Kaufmann, aber auch die Einweisung von schwer Zuckerkranken belegen, lieferte die Gestapo auch Kranke in das Lager ein. Mit wenigen Ausnahmen[35] fand vor dem Abtransport keine ärztliche Untersuchung statt.

 

In den unmittelbar nach seiner Entlassung 1939 niedergeschriebenen Erinnerungen des Österreichers Julius Freund, der seit Ende September 1938 mit den österreichischen „Polizeihäftlingen“ in der Sonderzone am Appellplatz untergebracht war, wird der Zeitpunkt benannt, als die Lagerkommandantur des Konzentrationslagers Buchenwald mit der unmittelbaren Vorbereitung auf das Pogromsonderlager begann. Danach weckte die SS am 10. November gegen drei Uhr morgens die Insassen der Behelfsbaracke, die in der Sonderzone stand, ließ sie antreten und zog die nichtjüdischen Häftlinge aus der Sonderzone ab. Dort blieben nur die 122 jüdischen Häftlinge zurück, darunter Julius Freund, der spätere Lagerälteste für das Sonderlager.[36] Da in vielen Berichten der jeweilige Stand des Barackenbaus bei der Einlieferung erwähnt wird und andererseits die 103 Transporte, die das Konzentrationslager Buchenwald vom 10. bis 13. November 1938 erreichten, in der Reihenfolge ihrer Ankunft in den täglichen Veränderungsmeldungen[37] vermerkt sind, lässt sich der Aufbau dieses Sonderlagers wie folgt rekonstruieren.

- 10.11.1938: Reihenfolge der Transporte bis 24.00 Uhr:[38]

 

Erfurt  185, Zeulenroda 1, Niederorschel 3, Suhl  21, Kahla 3, Hildburghausen 19, Themar 20, Mühlhausen 31, Buttstädt 3, Blankenburg 2, Chemnitz 40, Nordhausen 81, Meiningen 42, Schwarza 1, Kelmerode[39]1, Weimar 17, Apolda 12, Eisenach-Gotha 91, Gera 32, Langensalza 3, Chemnitz 17, Erfurt 3, Arnstadt 11, Rudolstadt 3, Zella-Mehlis 9, Schmalkalden 34, Dessau-Bernburg 70, Jena 16, Saalfeld 9, Salzungen 10, Pößneck 8, Ellrich 1, Chemnitz 15, Geisa 14, Gießen 23

 

Die 851 bis Mitternacht eingelieferten Juden wurden in der bereits in der Sonderzone stehenden Baracke I A zusammen mit den 122 österreichischen jüdischen Häftlingen untergebracht; der Aufbau weiterer Baracken begann. Die nach Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden des 11.11.1938 ankommenden Transporte blieben ohne Quartier auf dem Appellplatz sitzen.[40] Bis 6.00 Uhr morgens war die Gesamtzahl der Eingelieferten auf 1.525 gestiegen. Durchschnittliche Barackenbelegung in der Sonderzone: 970.

- 11.11.1938: Reihenfolge der Transporte bis 24.00 Uhr:[41]

Gießen 125, Dresden 66, Darmstadt 73, Offenbach 27, Schmalkalden 2, Halle 74, Mainz 34, Magdeburg-Braunschweig 375, Frankfurt am Main 338, Sondershausen 12, Kassel 258, Hannover 316, Bad Nauheim 36, Meiningen 20, Friedberg 34, Chemnitz 99, Jena 2, Meuselwitz 3, Tonndorf 1, Nordhausen 8, Worms 50, Dieburg 46, Weimar 1, Erbach 31, Breslau 963, Dessau 15, Eisenach 18, Osnabrück 31, Erfurt 9, Leipzig 153, Meiningen 29, Groß Gerau (Darmstadt) 26

 

Aufbau der Baracke II A; an drei weiteren wurde noch gebaut. Durch die an diesem Tag bis Mitternacht eingelieferten 3.275 Personen wuchs die Belegung des Sonderlagers auf über 4.000 an. Diese wurden am Abend in die Baracken I A und II A gepfercht. Der zuletzt aus Leipzig eintreffende Transport kam in die alte Waschküche, ein Provisorium aus den Anfangsmonaten, das sich auf dem Gelände des Sonderlagers befand. Nachts ereigneten sich in den Massenquartieren schwere Übergriffe der SS, so dass in den Erinnerungen der Vergleich zur „Bartholomäusnacht“ gezogen wird.[42] Durch die nachts eintreffenden Transporte stieg die Zahl der Eingelieferten bis 6.00 Uhr morgens auf 5.440 an. Durchschnittliche Barackenbelegung in der Sonderzone: 1.900.

- 12.11.1938: Reihenfolge der Transporte bis 24.00 Uhr[43]

Darmstadt 96, Frankfurt am Main 581, Oppeln 388, Büdingen 48, Frankfurt am Main 32, Osnabrück 29, Breslau 811, Fulda 35, Altenburg 13, Friedberg 35, Sonneberg 3, Kassel 435, Würzburg 103, Offenbach 55, Halle 25, Friedberg 30, Halle 25, Frankfurt am Main 450, Bielefeld I 249, Frankfurt am Main 451, Osnabrück 31, Worms 37, Eisenach 3, Aachen 55, Oppeln-Ratibor 57, Mainz 63, Bielefeld II 157, Oppeln 258, Leipzig 119

 

Höhepunkt der Einlieferungen; 4.674 Juden wurden bis Mitternacht in das Lager gebracht. Bis zum Abend sind auch die Baracken III A, IV A und V A fertiggestellt, V A allerdings ohne Schlafstätten, so dass alle dort Untergebrachten dichtgedrängt auf dem Erdboden schlafen mussten.[44] Beim Morgenappell um 6.00 Uhr betrug die Gesamtzahl der eingelieferten Juden 8.800. Durchschnittliche Barackenbelegung in der Sonderzone: 1.800.

- 13.11.1938: Reihenfolge der Transporte bis 24.00 Uhr[45]

Frankfurt am Main 432, Frankfurt am Main 243, Aachen 80, Frankfurt am Main 94, Plauen 47, Zwickau 38, Dresden 85

 

1.019 Gefangene kamen im Sonderlager an, das fertiggestellt wurde. Bei einer durchschnittlichen Barackenbelegung von mehr als 2.000 Menschen brach nachts eine Panik aus.

- 14.11.1938: Mit 9 Einzeleinlieferungen endete die „Aktion“ für Buchenwald an diesem Tag beim Stand von 9.828 Inhaftierten. Am 17.11. wurden zwei weitere und am 8.12. noch einmal 15 Verhaftete gebracht, mit denen sich die Gesamtzahl auf 9.845 erhöhte. Gemessen an der Gesamtfläche des Sonderlagers stand damit nur etwa 1 m² pro Person zur Verfügung. Auf die Grundfläche der Baracken bezogen, hieß das 0,3 m² für jeden, das heißt, um sich in der Baracke überhaupt bewegen zu können, mussten die meisten Insassen in den übereinander angeordneten, regalartigen Kojen liegen. Jede Form von Panik konnte den Tod für viele bedeuten.

 

- 15.11.1938: Etwa 1.000 jüdische Gefangene aus Frankfurt und Umgebung wurden in das Hauptlager übernommen. Dadurch sank die durchschnittliche Barackenbelegung im Sonderlager auf 1.800. In der alten Waschküche entstand ein provisorisches Lazarett.

 

Die Behelfsbaracken, in vielen Berichten im doppelten Sinne zutreffend als Notbaracken bezeichnet, wurden zunächst mit den Nummern 46 - 50, kurze Zeit später als Baracken I A bis V A bezeichnet. Die Sonderzone war vom übrigen Barackenlager durch Stacheldraht getrennt und an zwei Seiten vom elektrisch geladenen Zaun begrenzt. Auf dem etwa 10.000 m² großen Areal gab es neben den Baracken zwei offene Latrinen sowie das kleinere Gebäude, in dem sich bis Mitte 1938 die provisorische Waschküche des Lagers befunden hatte. „Die Latrinen waren zwei Riesengruben mit Balken um die vier Seiten. Es gab Schläge, und manche wurden von den Balken in die Gruben gestoßen. Man kann sich vorstellen, was das in den wasserlosen Zuständen bedeutete“, erinnert sich der aus Alsfeld stammende Michael Maynard, der als 16jähriger Junge mit dem Gießener Transport vom 11. November in das Lager gebracht wurde.[46] Um die Baracken herum verwandelte sich der lehmig-steinige Boden schon am zweiten Tag in Schlamm. „Es hatte nicht geregnet, aber das Wasser, das zum Schlamm führte, kam nicht vom Himmel“, schreibt Michael Maynard. „Papier gab es keines; man benutzte Zeitungen, Tüten oder was man sonst an Papier an sich hatte.“[47]

 

Die Behelfsbaracken glichen in nichts den üblichen Häftlingsunterkünften. Es gab keine Trennung in Schlaf- und Tagesbereich, im Innern keinerlei sanitäre Einrichtungen, keine Heizung, keine Fenster und nicht einmal eine Fundamentierung. Sie standen auf dem nackten, durch Regenfälle in Schlamm verwandelten Erdboden. Über die Größe gibt es differierende Angaben. Julius Feist, der am 10. November zu den ersten Insassen der Sonderzone gehörte, erinnert sich: „Die Baracken waren schnell behelfsmäßig aus dünnen Brettern zusammengezimmert worden, mit Dachpappe abgedeckt, der Fußboden war festgetretner Lehm. Der Bau hatte nur eine Tür und folgende Abmessungen: 100 Meter lang, 12 Meter breit und 5 Meter hoch. Auf der rechten Seite stand ein Schlafregal, 2 Meter tief mit 4 Fächern, jedes 50 Zentimeter hoch. Im Abstand von 1,35 Meter stand ein Pfosten, dazwischen mussten vier Mann liegen, das war nur hochkant möglich, Stroh und Decken gab es nicht. Nach einem Gang von 1 Meter Breite kam das nächste Regal von 4 Meter Tiefe, in dem die Menschen von beiden Seiten entsprechend untergebracht waren, dann wieder ein Gang, wieder ein Regal [...]“[48] Max Moses Polke gibt in seinem Bericht die Länge mit 50 Meter, die Breite mit 10 Meter und die Höhe mit 5 Meter an, was der von Julius Freund angefertigten Lageskizze[49] nahekommt. Bei Max Moses Polke heißt es: „In einem solchen Verließ mussten 2.000 Menschen übernachten. Das war nur dadurch möglich, dass die Bettstellen eigentlich Regale waren, immer fünf übereinander durch schmale Gänge voneinander getrennt, so dass sich kaum zwei Menschen aneinander vorbei zwängen konnten. (...) Von einer Erhöhung für die Kopflage, geschweige denn von einer Decke konnte nicht die Rede sein.“[50]

 

 

In allen drei Konzentrationslagern machte die SS die Ankunft im Lager zu einem Spießrutenlaufen für die Verhafteten. In Dachau trieb man die inhaftierten Juden durch ein Spalier von SS-Leuten und schlug brutal auf sie ein. Nach stundenlangem Stehen schor man ihnen das Kopfhaar, sie wurden in die Dusche gebracht, in Häftlingsdrillich eingekleidet und mit einem rot-gelben Davidstern gekennzeichnet. Anschließend wies man sie in Baracken des Lagers ein, die dadurch völlig überfüllt waren. Heinrich Perlhefter zum Beispiel, der zu den Frankfurter Juden gehörte, die am 13. November nach Dachau gebracht wurden, weil Buchenwald überfüllt war, erinnert sich: „Im Lager mussten wir uns nackt ausziehen und im Freien stehen bleiben, bis uns ein Kommando ins Bad schickte. Dort wurden wir mit eiskaltem Wasser abgespritzt, einige mussten den Mund öffnen und bekamen einen Wasserstrahl hinein. Nach dieser Prozedur bekamen wir Häftlingskleidung und wurden in verschiedene Baracken eingewiesen.“[51] Heinrich Perlhefter war schon in der Frankfurter Festhalle durch SS-Leute brutal misshandelt worden und hatte dabei Rippenbrüche und ausgeschlagene Zähne davongetragen. Auch in Sachsenhausen gab es nach stundenlanger grausamer Tortur die formale Aufnahme in das Lager durch Einkleiden und Kennzeichnen. Die eingelieferten Juden teilten dort in der Folgezeit alle Drangsale der Lagergesellschaft und wurden auch zur Zwangsarbeit eingesetzt. Damit waren sie den extrem harten und unmenschlichen, zumindest aber teilweise kalkulierbaren allgemeinen Bedingungen des Lagers ausgesetzt. Die schlimmste Tortur blieb für sie häufig der Tag der Einlieferung.[52]

Die Einlieferungstage in Buchenwald vom 10. bis 14. November stehen als „Mordwoche“[53] im Mittelpunkt aller Erinnerungen. Darin ist die Ankunft ebenso präsent wie die Permanenz des Terrors, den die SS gegen die in der Sonderzone zusammengepferchten Gefangenen bis zum 14. November täglich forcierte. Überfüllung, Schlafentzug, Durst und Schmutz verstärkten die Wirkung. Der Exzess der Gewalt kam über mehrere Tage lang auch in den Nachtstunden nicht zum Stocken. So vervielfachten sich in den Tagen nach dem 10. November alle Extreme des Konzentrationslagers Buchenwald – Enge, Wassernot, sanitärer Tiefstand und SS-Terror – innerhalb dieser Sonderzone.

Die ersten Inhaftierten wurden am Morgen des 10. November aus Thüringer Orten über die Gestapostelle Weimar in das Lager gebracht oder direkt von der Ortspolizei am Lagertor übergeben. So hatten in Nordhausen Polizeikommandos, verstärkt durch SA-Leute, bereits ab 2.00 Uhr mit der Verhaftung der jüdischen Einwohner begonnen. Ganze Familien wurden durch die randalierende Menge zum Siechhof, einem der ältesten Gebäude der Stadt gebracht. Nach 8.00 Uhr schickte die Polizei die Frauen nach Hause, nahm die Männer auch formal in Schutzhaft, verlud sie in 2 Busse und fuhr sie direkt nach Buchenwald, wo sie gegen Mittag ankamen.[54] Beim Eintritt durch das Lagertor wurden sie von den SS-Wachmannschaften schwer misshandelt. Stehend oder sitzend verbrachten sie den Tag auf dem Appellplatz. Selbst die Notdurft mussten sie dort verrichten. „Die Älteren, die nicht länger auf ihren Füßen stehen konnten, kippten nach links und rechts um“, erinnert sich Kurt J. Herrmann. „Nichtsdestoweniger bereitete uns der eigene Körper die größte Pein. Wir hatten alle das große Bedürfnis austreten zu müssen, und wir konnten nirgends hingehen, wir mussten in unsere Kleidung machen. [...] Wir fühlten uns so elend und herabgewürdigt, dass Essen weit ab unserer Gedanken lag, wir spürten den Hunger nicht.“[55] Tagsüber schor man ihnen auf dem Appellplatz das Kopfhaar ab, erst am Abend erhielten sie Verpflegung. Waren die Verhafteten in Nordhausen noch aufgefordert worden, warme Kleidung anzuziehen, so hatte die Polizei in Erfurt und kleineren Thüringer Orten nicht einmal Zeit zum Ankleiden gegeben. Julius Feist aus Nordhausen berichtet, dass die Erfurter Juden „alle blutüberströmt, einige nur mit Nachthemd und Hausschuh begleitet“, auf dem Appellplatz standen. „Sie waren so zugerichtet“, schreibt er, „dass der unmenschliche Kommandeur von Buchenwald den Befehl gegeben hat, diese Juden zu verbinden und nicht mehr zu schlagen.“[56]

War es am 10. November noch möglich, die tagsüber eintreffenden Juden abends in der vorhandenen Notbaracke unterzubringen, so mussten schon die in der Nacht vom 10. zum 11. November ankommenden Transporte zunächst im Freien sitzen oder stehen. Dabei wurden die nachts Eingelieferten ebenso brutal misshandelt wie die tagsüber nach Buchenwald verbrachten Juden. Julius Katz aus Sontra, der mit einem Transport aus Kassel-Wilhelmshöhe in der Nacht zum 11. November nach Buchenwald kam, berichtet: „Plötzlich schrie ein Mann: 'Ich habe für Deutschland gekämpft. Ich lag über vier Jahre an der Front. Ich bin deutscher Jude. 2000 Jahre verfolgt man uns schon und ihr wollt ein Kulturvolk sein!' Man schleppte ihn zur Seite. Er bekam gleich eine Sonderbehandlung. 25 Stockschläge auf den nackten Hintern. Der Mann schrie, man hörte so richtig, wie der SS-Mann ausholte, die Luft schnitt mit dem Stock, dass es nur so pfiff [...] Ich dachte an Weimar, Buchenwald, Goethe. Ich begriff nichts mehr.“[57]

Am 11. November begann die Räumung der Sammellager in den größeren Städten, in denen oft auch verhaftete Juden umliegender Gemeinden zusammengefasst worden waren. Zumeist mit der Reichsbahn trafen vom 11. bis 13. November 68 Transporte aus Hessen und Hessen-Nassau, Sachsen, der Provinz Sachsen, aus den schlesischen Regierungsbezirken Breslau und Oppeln, aus dem Regierungsbezirk Hannover, aus dem westfälischen Regierungsbezirk Minden, dem Regierungsbezirk Aachen der Rheinprovinz und aus dem bayrischen Regierungsbezirk Unterfranken ein. Die größten kamen aus Breslau, Frankfurt am Main, Kassel, Oppeln, Bielefeld und Hannover. Bereits während der Bahnfahrt nach Weimar kam es zu Schikanen und Quälereien. Im Gefangenenzug, der in der Nacht zum 12. November Frankfurt am Main verließ, gingen SS-Leute durch die Waggons, griffen sich willkürlich einzelne Gefangene heraus und schlugen sie. Andere mussten schwere Koffer am ausgestreckten Arm halten. „Aus dem vorderen Waggon, in den man durch die Glasteile der Tür hineinsehen konnte, drangen Chorgesang und Sprechchöre herüber. Die Häftlinge dort mussten jene Teile des Nazi-Liedes singen, das die in Aussicht genommene Behandlung der Juden in die Worte fasst: 'Bis das Judenblut vom Messer spritzt...', und wieder und wieder bestätigen: 'wir sind Mörder, Betrüger und Blutsauger!'“[58]

Die Weimarer Bahnhofsunterführung und der zur Stadtseite davor gelegene Platz wurden mehrere Tage lang zum Schauplatz brutaler Misshandlungen. Als erste trieb die SS dort am Morgen des 11. November 338 Frankfurter Juden aus den Wagen. Sie seien um Mitternacht auf einem Güterbahnhof in viertklassige Personenwagen geladen worden und gegen 6 Uhr in Weimar eingetroffen, berichtet Alfred Servos.[59] Rabbiner Dr. Georg Wilde, der zusammen mit über 300 Magdeburger und Braunschweiger Juden am Vormittag des 11. auf dem Weimarer Bahnhof ankam, schildert den Empfang: „Im Laufschritt trieben uns unsere neuen Wächter die Treppe hinunter, die sie, erster Ausdruck ihres Sadismus mit Seife beschmiert hatten. Diejenigen, die hinfielen erhielten Kolbenschläge. Wieder mit Kolbenschlägen trieben uns die ca. 2.500 Mann der Adolf-Hitler-Bereitschaftskompanien in grauer Uniform in die Unterführung, wo wir uns mit dem Gesicht zur Wand aufstellen mussten. Nicht umdrehen! Messer und Rasierklingen wegwerfen! Nach 1 1/2 Stunden des Wartens in der Dunkelheit wurde der Marschbefehl gegeben. Wieder wurden wir im Laufschritt zu den verdeckten Lastautos getrieben, die uns ins Lager fuhren.“[60] Ernst Cramer hatte desgleichen mit 963 Breslauer Juden bereits Stunden vorher erlebt: „Scheinbar völlig sinnlos wurden wir wie Vieh zusammengetrieben und an die Wand geprügelt. Wie lange das dauerte, weiß ich nicht. Vermutlich waren es nur Minuten, aber mir schienen sie wie Stunden. Dann ertönte plötzlich eine Trillerpfeife: 'Los, Los!' brüllten unsere Peiniger und trieben uns mit ihren Schlagstöcken die Treppen zum Bahnhofsvorplatz hinaus. Dort warteten Lastwagen. Wir wurden hineingepfercht. Wenn sie schon übervoll schienen, wurden immer neue Menschen hineingeprügelt. Einen älteren Mann, der gestolpert und gefallen war, traktierten die sadistischen Büttel zuerst mit Fußtritten, ergriffen ihn dann an Armen und Beinen und hievten ihn ins Innere eines schon vollen Lasters.“[61] Auch der in den Morgenstunden des 12. Novembers eintreffende Gefangenenzug aus Frankfurt am Main wurde so empfangen: „Die einzige Rettung schien darin zu bestehen, die Unterführung zu erreichen. Aber diese war am anderen Ende durch Grüne Polizei (Ordnungspolizei – d. V.) abgeriegelt worden. Wie Schafe, gehetzt von Wölfen, standen die Häftlinge zusammengedrängt in der Unterführung, die in ihrer ganzen Länge von ihnen angefüllt war. Nur ein Gang war frei, in welchem Grüne Polizei und SS-Männer hin und her patrouillierten. Da, ein anderer Befehl: 'Hüte und Brillen herunter!' Ging's zum Beten? Weit hinten an der Mauer stand jener leichenblasse Jude und rezitierte bereits das Sabbat-Morgengebet. Schon fielen die ersten Schläge. Die Gefangenen, von drei Seiten von ihren Quälern und an der vierten von der Mauer eingeschlossen, konnten sich nach keiner Richtung hin bewegen. Die Schläge fielen in schneller Folge auf ihre bloßen Köpfe und auf ihre Rücken und trafen auch das Gesicht.“[62]

Berichte über die Ankunft am 12. und 13. November auf dem Weimarer Hauptbahnhof lassen den Schluss zu, dass die Gewalttätigkeiten dort nicht nur unvermindert anhielten, sondern immer systematischer geplant waren. Leopold Herzberg aus Gütersloh, der am 12. November ankam, berichtet: „Nach einigen Minuten - der Bahnhof ist inzwischen von Zivilpersonen geräumt - ertönt das Kommando: 'Zu vieren hier angetreten, aber immer nur vier und Galopp, sonst mach ich euch Beine.' Vier Mann rennen zu der bezeichneten, etwa 50 mtr. entfernten Stelle. Furchtbares Schreien reißt mich aus meinen Träumen, ich weiß gar nicht, was los ist, aber da heißt es schon: 'Die nächsten vier, aber los, los'. Wieder rennen vier Mann los, und ich sehe, wie diese einer nach dem anderen stürzen und dann in gemeinster und robuster Weise mit Karabinern und Stöcken geschlagen wurden. Das Schreien der Geschlagenen und das Toben und Brüllen der SS lässt einem das Blut in den Adern gefrieren, aber ich reiße mich zusammen und beobachte und sehe, dass rechts und links am Bahnsteig entlang SS-Leute stehen, die den Anlaufenden Beine oder Karabiner in den Weg halten und sie so zum Fallen bringen. Da, jetzt bin ich an der Reihe, ich renne los wie ein Hase, springe über Beine und Karabiner, weiche aus, und wie ich sehe, dass ich an einem nicht vorbeikommen kann, renne ich mit voller Wucht einfach gegen ihn an, dass er nach hinten stolpert, und dann stehe ich atemlos in Reih und Glied. Das war der erste Akt, aber die Pause dauert nicht lange. Nachdem wir gezählt worden sind, geht's wieder los, diesmal die Treppe hinunter bis unten an die Unterführung, jedesmal 4 Mann auf die losgedroschen wird wie auf ein Stück Holz. Ich komme wieder unangerührt durch, aber für die weniger elastischen und alten Leute ist es furchtbar. Im Tunnel unten müssen wir uns zu fünfen hintereinander aufstellen, das Gesicht zur Wand. Hinter uns, um uns rast die SS wie eine Meute wildgewordner Teufel. 'Hüte runter, Hüte runter' schreien sie und schlagen blind darauf los, immer auf die Köpfe.“[63]

Neben diesen Berichten gibt es dokumentarische Belege in Form von „Unfallvernehmungen“, zu denen Verletzte genötigt wurden. So heißt es zum Beispiel im Protokoll eines 18jährigen Offenbachers, der am 12. November auf dem Weimarer Bahnhof ankam: „Beim Verlassen des Bahnhofs in Weimar wurde mir im Gedränge, als ich mich an einer Eisenstange festhielt, der Arm gequetscht und schließlich gebrochen. Die Schuld an diesem Unfall trifft mich einzig und allein.“[64] Aus dem Vernehmungsprotokoll von Wilhelm Garty aus Gütersloh geht hervor, dass er sich bei einem Sturz beide Unterarme brach ¾ angeblich wegen der „wahnsinnigen Drängelei“ seiner Mitgefangenen.[65]

Die nächste Station war das Lagertor mit der Inschrift „Jedem das Seine“, vor dem die SS jedesmal, wenn eine Kolonne von Lastkraftwagen vom Weimarer Bahnhof kam, als Spalier Aufstellung nahm. Alfred Servos berichtet, dass der erste Frankfurter Transport am 11. November durch dieses SS-Spalier und die kleinere Torpforte in das Lager gehetzt wurde. Hinter dem Tor stand der SS-Schutzhaftlagerführer Rödl mit Leuten des Kommandanturstabes, die mit Knüppeln auf die Köpfe einschlugen: „Many of us were badly injured. There was one boy whose head was split open from one end to the other. When he fell to the ground unconscious his body was thrown on a rubbish pile. The boy recovered, as I saw him several days later. He had received absolutely no medical care. The dried blood was still in his hair and on his clothes.”[66] Gustav Beutler, der am 12. November aus Halle ankam, berichtet: „Wir mussten von dem Fahrzeug herunterspringen und durch ein Spalier von SS-Schlägern, die mit Stöcken und Eisenstangen ausgerüstet waren, bis zum Buchenwaldtor laufen. Bei dieser Prozedur wurden viele zusammengeschlagen. Vor mir lief ein älterer Kamerad aus Halle namens Walter Schwabach, dem das Ohr abgeschlagen wurde. Ich selbst bekam einen Schlag ins Auge, von dessen Folgen ich das Augenlicht auf diesem Auge verlor. Vor dem Tor nahmen uns Häftlinge in Empfang, beruhigten und ordneten uns und führten uns in Gruppen auf den Appellplatz. Dort mussten wir bis in die tiefen Nachtstunden stehen, da die eigens für die Juden aufgestellten Baracken noch nicht fertig waren.“[67]

Auf dem Appellplatz, wo bald Tausende abwechselnd standen oder saßen, setzte sich der Terror eine Woche lang vor allem gegen diejenigen fort, die versuchten, das vermeintliche Missverständnis ihrer Inhaftierung aufzuklären, gegen die Behandlung zu protestierten oder auf ihre Verdienste im Ersten Weltkrieg hinzuweisen. Vor allem ältere Männer wurden, wie sich Gustav Beutler erinnert, „hohnlachend mit Hunden um den Appellplatz gehetzt und an den Armen an den Bäumen aufgehängt“.[68] Auch Betende misshandelte die SS schwer. Der damaligen Kapo der Schreibstube, der politische Häftling Karl Wack, berichtet, dass er einmal den Namen eines Sterbenden auf dem Appellplatz aufnehmen musste, der wegen eines lauten Gebetes von einem SS-Scharführer mehrfach auf den Kopf geschlagen wurde.[69] Julius Freund fühlte sich angesichts des sich über Tage hinweg füllenden Platzes mit am Boden sitzenden und blutenden Menschen an einen Verwundetensammelplatz im Weltkrieg erinnert: „Es gab einige Hunderte Schwerverletzte, auch Kranke, die zu Hause bereits in häuslicher Pflege waren, Irrsinnige, welche unter Aufsicht standen. Juden durften nicht verbunden werden; sogar aus unserem Revier (Häftlingskrankenbau – d. V.) wurden alle Juden ohne Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand auf ihre Blöcke getrieben, denn so wollte es die Lagerleitung. Die Hilfe der Wiener jüdischen Ärzte (sie befanden sich noch als „Polizeihäftlinge“ in der Baracke I A - d. V.) war heldenhaft und darf von den Juden nie vergessen werden. An der Spitze dieser Ärzte stand Dr. Kriß, welcher von Dr. Pert, Lederer Margulies und Varady unterstützt wurde. Drei Tage und Nächte dauerte dieser Zustrom. Ich habe im Weltkrieg auf manchem Hilfsplatz schon vieles erlebt, aber hier, mitten im Frieden, unter einem Kulturvolk des 20. Jahrhunderts, war der Boden getränkt von Blut und Eiter. Neben Verwundeten lagen bereits Tote; es roch nach Kot, Schweiß und Urin. Irrsinnige hielten Ansprachen gegen Hitler, liefen mit offenen Taschenmessern herum, stiegen über herumliegende Verwundete mit Arm- und Beinbrüchen, Sterbende röchelten. Es war alles durcheinander, es glich einer babylonischen Verwirrung. Es gab kein Wasser, keinen Verband und keine Medikamente. Aufstände von Hungrigen und Durstigen mussten unterdrückt werden. Es war die Hölle auf Erden. Jeder Hilferuf erstickte an der Lagergrenze.“[70]

Die „Aufnahme“ im Lager verlief nicht nur in dieser Beziehung anders als sonst. Das Zugangsbad fiel wegen Wassermangels ohnehin weg, Häftlingskleidung gab es nicht, auch keine Kennzeichnung. Als Häftlingsgruppe bekamen die Eingelieferten die Bezeichnung „Aktionsjuden“. Zwar hatte der SS-Rapportführer die Schreibstube schon vor den Verhaftungen angewiesen, genügend Karteimaterial bereitzuhalten, aber die Aufnahme der Personalien und ihre Erfassung in einer eigens angelegten Kartei[71] dauerte mehr als eine Woche, so dass es bis zum 19. November vier Tote gab, deren Personalien noch nicht registriert worden waren. Nach den Erinnerungen Karl Wacks wurden alle aufgefordert, sich Zettel mit den entsprechenden Angaben in die Jacken- oder Manteltaschen zu stecken. Er selbst habe mehrfach auf der Erde gekniet, um die Namen Sterbender aufzunehmen. Max Mayr, in späteren Jahren Appellschreiber, der im Zusammenhang mit der Pogromaktion in die Schreibstube kam, berichtet, dass am Appellplatz Tische aufgestellt wurden, wo er tagelang Karteikarten schrieb.[72] „Dann bekommt jeder von uns einen Zettel, auf dem eine Nummer steht“, erinnert sich Leopold Herzberg, der am 12. November ankam. „Es wird uns eingeschärft, diesen Zettel ja immer in der Tasche zu behalten, damit wir 'für alle Fälle' zu identifizieren seien. Ich bin Nr. 28.978.“[73]

Ähnlich chaotisch wie die Aufnahme der Namen ging die Erfassung der Habseligkeiten vor sich, die mit in das Lager gebracht wurden. Nur in einigen Städten hatte die Polizei diese bereits mit der Inhaftierung eingezogen. So mussten die Gefangenen in der Frankfurter Festhalle Wertsachen, Geld und Pässe gegen Quittung abgeben – trotzdem beraubte man sie.[74] Am 11. November lagen auf dem Appellplatz, wie sich Hermann Wiesenberg aus Fulda erinnert, Hunderte von Koffern auf einem Haufen.[75] Die Buchenwalder SS unter dem korrupten Lagerkommandanten Karl Koch sah in der Erfassung der Habseligkeiten vor allem eine Möglichkeit der privaten Bereicherung, die im großen Stil stattfand. Erst Jahre später, als aus anderen Gründen Kochs weitere Verwendbarkeit in der SS in Frage stand, begann die SS-Führung mit einer Untersuchung der von ihr zunächst stillschweigend tolerierten Ausplünderung und Unterschlagung. In dem von der SS 1944 erstellten Ermittlungsbericht gegen Karl Koch heißt es: „Man ließ die Juden an großen Tischen vorbeigehen. Dort mussten sie ihre Wertsachen in aufgestellte offene Kästen werfen. Eine Aufnahme der Effekten fand nicht statt. Auf diese Weise flossen der Effektenkammer nicht mehr abschätzbare Gelder und Wertsachen zu, über deren Verbleib nichts bekannt ist. Bei den später vorgenommenen Entlassungen der jüdischen Auswanderer, der Weltkriegsteilnehmer, der mit Arierinnen Verheirateten und der 'Wirtschaftswichtigen' mussten diese durchweg folgende vorgedruckte Erklärung unterschreiben:

"'Erklärung
Ich erkläre hiermit, dass ich im KL. Bu. kein Geld, keine Wertsachen und keine Effekten abgegeben habe und mir solche auch nicht abgenommen wurden, weshalb ich keinerlei Ansprüche an das KL. Bu. stelle.'" [76]

Ein Blick in die überlieferten Karten der Häftlingsgeldverwaltung[77], deren Auswertung noch nicht abgeschlossen ist, lässt ahnen, was an Bargeld geraubt wurde. Den Karten zufolge wären nämlich fast alle nach Buchenwald verbrachten Juden ohne einen Pfennig angekommen. Sämtlich mussten sie sich das Geld für die Rückfahrt von Angehörigen schicken lassen. Selbst von diesen Geldern erpresste die SS mindestens zweimal – auf den Karten am 28.11. und 8.12.1938 als "Sonderzahlung" deklariert – erhebliche Beträge. Den Erinnerungen Karl Wacks zufolge gab es außerdem Lautsprecherdurchsagen wie: „Autobesitzer Baujahr 35, 36, 37 ans Tor!“. In der Hoffnung, das Elend zu lindern, wechselten Autos, Wertsachen, Motorräder und anderes durch Überschreibung den Besitzer. Der SS kam dabei entgegen, dass Himmler per Erlass vom 3. Dezember Führerscheine und Zulassungsbescheinigungen für Juden für ungültig erklärt und die Ablieferung angeordnet hatte.[78] Dieses „Geschenk“ ihres Reichsführers nahm die SS in den Lagern gern an. Nicht nur der Lagerkommandant verfügte anschließend über eine neue Limousine.[79]

Am Beutezug unter den ankommenden Juden beteiligten sich auch die im Lager befindlichen kriminellen Wiederholungstäter, die sogenannten BV-Häftlinge. Einzeln oder in Cliquen fielen sie über die verbliebenen Habseligkeiten her. Aus Angst vor Raub und Erpressung warfen viele Juden die von ihnen ins Lager gebrachten Dinge einfach weg. Besonders die Kasse mit den von Angehörigen übersandten Geldern für die Rückfahrkarten, die von dem in der Sonderzone untergebrachten österreichischen jüdischen „Polizeihäftling“ Gustav Herzog verwaltet wurde – man nannte sie im Lager den "Diamantenkoffer" – war ständig Gegenstand der Gier. Sie „musste alltäglich bei SS-Obersturmbannführer Rödl und bei der Adjutantur abgegeben werden und ständig hieß es, dass kein Geld mehr vorhanden sei, obwohl ich noch am Abend als Lagerältester und Verwalter dieser Kasse tausend Mark gegen Bestätigung meiner Unterschrift abgegeben hatte“, erinnert sich Gustav Herzog.[80]

Für die am Tag nach den Pogromen, am 11. November, nach Buchenwald gebrachten Juden gab es weder Essen noch Trinken. Am Abend pferchte die SS sie in die zwei fertiggestellten, völlig überfüllten Notbaracken. BV-Häftlinge mit Holzlatten wurden zur Bewachung eingeteilt. Es begann die erste Nacht, in der der Terror sich auch in den Notunterkünften ausbreitete. Siegfried Oppenheim berichtet: „An die erste Nacht in Buchenwald denken sicher alle 'Aktionsjuden' der Baracke I A (und jedenfalls auch viele andere) heute noch mit Schrecken zurück. Bei Anbruch der Nacht, sobald das Abendessen vorbei war, musste jeder ruhig auf seinem Plätzchen liegen. Die Aufsicht sorgte für größte Ruhe. Ich war schon eingeschlummert, als ich durch Geschrei aufwachte. Die Patrouille war da, ich sah sie beim Schein der elektrischen Lampe, die im Vorraum brannte, durch die Ritzen zwischen den Betten. Es waren mehrere riesenhafte 'Mordskerle' mit Gummiknüppel und einem großen Hund. Niemand regte sich, alles war vor Angst mäuschenstill. Da fiel in der dritten Reihe, auf der Seite, wo ich 'wohnte' ein Holzstückchen, wie viele vom Barackenbau noch umherlagen, herab. Einer der Kerle sprang in die Richtung, wo das Holz herabgefallen war, holte einen Kameraden (dessen Namen ich leider nicht erfahren konnte) herunter und hieb unter Schreien auf sein Opfer ein. Viele Worte konnte ich in der Aufregung nicht verstehen. Nur die Worte des Unglücklichen 'Ich lebe noch' waren zu hören. Wieder sausten die Gummiknüppel, der Hund schlug an. Keiner regte sich. Nachdem diese Prozedur einige Minuten gedauert hatte, packte der Hund mit seinen Zähnen den nur noch schwach Jammernden und zerrte ihn hinaus. Bald war draußen alles ruhig. Wir haben von dem unglücklichen Opfer nichts wieder gehört.“[81] Auch Max Moses Polke, der zusammen mit anderen versuchte, in der Baracke den Beginn des Sabbats durch ein Gebet zu begehen, berichtet, wie dies durch einen Gewaltexzess in der Baracke unterbrochen wurde.[82]

Am 12. November gab die Lagerleitung nur mittags Essen aus, das ohne Löffel aus Näpfen gegessen werden musste, wobei die Geschirre so knapp waren, dass man sie ungereinigt sofort weiter benutzte. „Auch die frömmsten Rabbiner unter uns erklärten, dass wir die Vorschriften über den Sabbat und die Speisegesetze nicht nur verletzen dürften, sondern es sogar mussten. Dies ist bekanntlich nur bei größter Lebensgefahr geboten“, erinnert sich Max Moses Polke.[83] Die am 12. nachmittags ins Lager gebrachten Gefangenen erhielten nichts. Erst nach Mitternacht wies man die letzten in die Notbaracken ein. Die fünfte Baracke war zu diesem Zeitpunkt noch ohne Schlafstätten. Es blieb nur der feuchte Lehmboden. „Erst sucht ein jeder nach einem irgendwie trockenen Plätzchen“, erinnert sich Leopold Herzberg, „aber wie immer mehr kommen, versucht man sich irgendwo zwischenzuquetschen, und schließlich kniet, hockt, liegt alles durcheinander und übereinander. Ruhe zu finden, ist unmöglich, ab und zu wird man vom Schlaf überwältigt, aber wenn man mit dem Kreuz auf dem Körper eines anderen liegt, so dass der Kopf ohne Stütze hinten überhängt, und es legt sich dann ein anderer Kamerad, der gut seine 2 Zentner wiegt einem quer über die Füße, dann ist es bald mit dem Schlaf vorbei. So quälen wir uns ein paar Stunden und um 5 Uhr ist alles wieder auf den Füßen. Und wieder stehen wir und warten, worauf? Dass es endlich einmal wieder Kaffee gibt, dass wir eingeteilt werden, dass wir eingekleidet werden, dass endlich einmal der vielleicht harte, aber geregelte Lagerbetrieb beginnt.“[84]

Am frühen Nachmittag des 13. November gab es nach zwei Tagen das erste Getränk, Stunden später eine warme Mahlzeit für die nunmehr über 9.000 Insassen der Sonderzone. Diese Mahlzeit, ein aus gepökeltem Walfleisch zubereitetes Gulasch, zog bei Tausenden eine akute Durchfallerkrankung nach sich, die in der Nacht zum 14. November wie eine Epidemie ausbrach und mehrere Tage anhielt. Nachts unterband die SS gewaltsam das Aufsuchen der Latrinen und sperrte die fünf Notbaracken ab. Ein Frankfurter erinnert sich: „Die Leute bekamen furchtbaren Durchfall und haben sich alle beschmutzt, haben in die Hosen gemacht, sie standen auf dem Appellplatz und konnten sich nicht helfen. Man musste den ganzen Tag auf dem Appellplatz stehen, dann musste man dort sitzen oder liegen. Viele konnten das nicht durchhalten und liefen zur Latrine. Man hat den ganzen Tag zugesehen, wie diese Leute auf den Bock gespannt und ausgepeitscht wurden.“[85]

In vielen Berichten ist von Nervenzusammenbrüchen die Rede, die als Folge von Durst, Hunger und mehrtägigem Schlafentzug deutlich zunahmen. „Hätten die Menschen mal wieder schlafen können“, schreibt Leopold Herzberg, „dann hätten sie wohl die Schrecknisse der vergangenen Tage vergessen können, dann wären sie wohl über den Hunger, oder was ja viel schlimmer war, den Durst weggekommen. So aber wurden die Nerven der Menschen auf eine Zerreißprobe gestellt, denen viele unter uns nicht gewachsen waren, und es kam, was kommen musste, nein, was von den Bestien in Uniform planmäßig durch Entzug von Schlaf, durch Hunger und Durst und durch ständige Bedrohung herbeigeführt wurde, die Menschen wurden wahnsinnig und bekamen Tobsuchtsanfälle. Mit einem fing es an, das hysterische Schreien dieses Mannes ruft ein paar Kapo-Leute in die Baracke, die nach ein paar Versuchen, den Mann zu beruhigen, ihn nach draußen in die Nacht schleifen(...)“[86] Nach dieser Nacht gab es die ersten Selbstmorde am elektrischen Zaun und in der Latrine. Die SS unterdrückte die Ansätze von Panik, die sich in der Nacht vom 13. zum 14. November zeigten, grausam. Eine Anzahl der von Nervenzusammenbrüchen Heimgesuchten wurde in die alte Waschküche innerhalb der Sonderzone geschleppt und dort aneinander gefesselt. Über zwanzig von ihnen führte die SS zwischen dem 14. und 17. November in die Arrestzellen ab, wo sie von Arrestaufseher Sommer ermordet wurden.

Die offensichtliche Furcht der SS vor dem vollständigen Kollaps der Verhältnisse, vielleicht auch die Angst vor einer wirklichen Epidemie, führte am 14. November zu einer leichten Verbesserung der Bedingungen. Nachdem am 13. November nochmals über 1.000 Juden eingeliefert worden waren hörten die Masseneinlieferungen mit diesem Tag auf. Am Nachmittag des 14. gab es Brot und Suppe. Am Appellplatz ließ die SS als Ausweichklosetts Tonnen aufstellen. Während des in den folgenden Tagen erneut einsetzenden Regens fingen viele Insassen der Notbaracken Regenwasser auf, das sie tranken. „Wasser war immer sehr knapp“, erinnert sich Hermann Neustadt. „Als es eines Tages regnete, stand ich wie viele andere auch an der Seite der Baracke und fing auf, was vom Dach herunterlief, um endlich mal ordentlich die Zähne putzen zu können. Denn im Gegensatz zu den meisten meiner Mithäftlinge war ich gut ausgerüstet und besaß eine Zahnbürste.“[87]

Am 15. November nahm die SS etwa zehn Prozent der in Buchenwald nach dem Pogrom inhaftierten Juden aus der Sonderzone heraus. Zu ihnen gehörte Hans Berger aus Wiesbaden, der mit einem der letzten Transporte aus Frankfurt am 13.11. nach Buchenwald gebracht worden war. Er schreibt: „An diesem zweiten Morgen kam der Befehl zum Antreten nur für die Frankfurter. Der Lagerleiter, ein Mann mit dem Blutorden, hielt uns folgende Rede: 'Es will das Gerücht nicht schweigen, dass ihr hier schlecht untergebracht seid. Ich will euch besser unterbringen.' Und nun wurden ca. 1.000 Mann unserer Gruppe, darunter auch ich, abgesondert und eingekleidet. Es war eine Wohltat, die verschmutzten Zivilkleider ausziehen zu dürfen, die uns abgenommen wurden. Wir bekamen Militärstiefel, Strümpfe, leinene Unterwäsche und einen gestreiften Häftlingsanzug mit Mütze und wurden aus den Notbaracken herausgeholt und in ordnungsgemäßen Lagerbaracken untergebracht. Aber nur etwa tausend Mann, die vielen anderen tausend blieben in den Notbaracken, blieben in ihren verschmutzten Zivilkleidern, und wenn auch, wie mir erzählt wurde, etwas mehr Ordnung in ihr Leben kam, so blieben sie doch die ganze Zeit ohne Waschwasser und ohne die Möglichkeit, auch nur die dringendsten Reinlichkeitsbedürfnisse zu befriedigen. Wir Eingekleideten konnten nicht mehr mit ihnen sprechen, ein Drahtzaun trennte uns von ihnen. Wir sahen sie nur täglich am Drahtzaun stehen, von Tag zu Tag mehr verwahrlost, mit wachsenden Bärten, ein furchtbares Bild, und die Wut über diese Gemeinheit, die aus Menschen Tiere machte, ließ uns die Faust in der Tasche ballen. Unser Los, das der Eingekleideten, hatte sich gewandelt. Wir bekamen jeder einen Strohsack oder auch zu dritt zwei Strohsäcke, jeder zwei Decken, und unser Leben spielte sich von nun an in mehr militärischen Formen ab. Wenn auch mit vielen Schikanen und Roheiten von Seiten unserer direkten Vorgesetzten [...]. Lasst mich schweigen von den beleidigenden Reden, die man für uns übrig hatte, von den Strafen, die für geringe Vergehen verhängt wurden, für die geringste Insubordination, für ein paar Worte. [...] Wenn wir unsere Leidensgenossen aus den Notbaracken sahen, wie sie langsam verkamen, ohne Kragen, ohne Hemd, bärtig, schmutzig herumstanden, dann schien uns unser Los noch das bessere, denn wir konnten uns wenigstens jetzt fast täglich einmal Gesicht und Hände waschen und hatten ein geregeltes Leben, wenn auch kein angenehmes. Morgens um fünf Uhr wurden wir geweckt. Anziehen, Bettenbauen, Kaffeefassen und gelegentlich Waschen, nämlich wenn Wasser da war, spielte sich innerhalb der Baracken ab, deren Tagesraum geheizt war. Dann um sechs Uhr auf dem Appellplatz antreten. In dem dünnen Zeug in Regen und Morgennebel eine Sache, an die man sich erst gewöhnen musste. Von sieben bis elf exerzieren, gelegentlich auch arbeiten, aber nicht schwer, dann Essen fassen vor der Baracke im Freien, dann eine Stunde Pause, in der man tat was man wollte, dann wieder drei Stunden exerzieren, Freiübungen etc. [...]“[88]

Die „Mordwoche“, das heißt der permanente tägliche und nächtliche Gewaltexzess, war beendet, nicht aber Gewalt, Überfüllung, Mangel und Schmutz, unter denen Tausende von zusammengepferchten Menschen litten. In der Sonderzone setzte ein Sterben ein, wie es in keinem Konzentrationslager bis dahin bekannt war. Glaubt man den Meldungen des Krankenbaus, so standen Lungen- und Darmentzündungen, Phlegmone, später auch die Folgen der Amputation erfrorener Glieder an der Spitze der Todesursachen. Im Monatsbericht des Häftlingskrankenbaus vom Dezember ist von "besonders starkem Anwachsen der Frostschäden" die Rede und von vermehrten Fällen der Amputation.[89] Gesundheitlich vorbelastete Menschen, besonders Diabetiker, starben unter diesen Bedingungen oft nach wenigen Tagen. Unter den Toten der ersten zwei Wochen waren acht schwer Zuckerkranke, denen jede Hilfe versagt blieb, darunter aus zwei aus Frankfurt am Main. In den folgenden Tagen mussten die Kranken die überfüllten Notbaracken verlassen. In der alten Waschküche entstand ein primitives Behelfsrevier. Die in der „Baracke des Todes“, wie man die Waschküche bald nannte, eingesetzten österreichischen Juden sahen sich mittellos und oft hilflos dem Elend gegenüber. Selbst die Beschaffung von Behältnissen für die Fäkalien war ein Problem. Trotz dieser Umstände leisteten sie Außergewöhnliches, um Leben zu retten oder den Sterbenden seelischen Beistand zu geben.[90]

Im Dezember 1938 stellte eine durch Paratyphusfälle in der SS-Totenkopfstandarte alarmierte Hygienekommission der SS nach Sichtung der Örtlichkeit fest: „In Buchenwald selbst waren die besten Bedingungen für die Ausbreitung der Epidemie gegeben. Es herrschte die größte Wassernot, so dass auf jeden SS-Mann täglich nur 1/2 Liter Wasser, auf jeden Häftling nur 1/4 Liter kam. An Waschen, Körperpflege und Reinlichkeit [...] konnte also überhaupt nicht gedacht werden. [...] Man muss sich wundern, dass die Epidemie unter Berücksichtigung dieser überprimitiven Umstände nicht noch größere Ausmaße angenommen hat.“[91] Zu diesem Zeitpunkt war eine Typhusepidemie, die erste in einem Konzentrationslager, bereits ausgebrochen, wurde aber von der SS noch über Wochen geheimgehalten. Auch Meningitis trat Anfang Dezember im Sonderlager auf. Einer der ersten, die daran starben, war am 12. Dezember der Frankfurter Buchhändler Fritz Baumann.[92] Danach ließ die SS im Block 2 unterhalb der isolierten Zone ein sogenanntes Judenrevier zu, dem offiziell vier Pfleger und vier bis sechs jüdische Häftlinge als Leichenträger zugeordnet wurden, in dem aber auch jüdische Ärzte aus Wien unter Gefahr für das eigene Leben und mit provisorischen Mitteln praktizierten.

Die Insassen des Sonderlagers durften am 18. November die erste Nachricht an ihre Angehörigen schreiben. "Der Wortlaut war", wie sich Siegfried Oppenheim erinnert, „an einer großen Wandtafel genau vorgeschrieben.“[93] Erwin Weinberg aus Fulda schickte am 18.11. folgenden Text: „Liebe Frau u. Kinder. Ich sitze hier ein, mir geht es gut. Schicke mir Unterzeug, Hemd, Hose, Hautjäckchen, Strümpfe. Nichts anderes, nichts schriftliches einlegen, es besteht Briefsperre.“[94] Unmittelbar darauf begannen die Angehörigen, Geldbeträge zu überweisen, die nach Abzug einer „freiwilligen Spende“, die beim Abheben in der Geldstelle erhoben wurde[95], den Inhaftierten begrenzte Möglichkeiten des Kantineneinkaufs eröffneten. Später kam das Geld außerdem in die „Reisekasse“, mit der auch für Mittellose die Rückfahrkarten gekauft wurden.

Nach den ersten Wochen ging zwar der blutige Terror der SS im Sonderlager zurück, aber die am Appellplatz untergebrachten jüdischen Gefangenen mussten regelmäßig zusehen, wie Häftlinge beim Appell öffentlich ausgepeitscht wurden. Am 21. Dezember 1938 erhängte die SS an einem auf dem Appellplatz errichteten Galgen vor allen zum Appell angetretenen Gefangenen den Sozialdemokraten Peter Forster, der im Mai 1938 mit einem anderen Häftling aus dem Lager geflohen war und dabei einen SS-Mann getötet hatte.

Nach den Vorgaben der zuständigen Gestapo(leit)stellen begann etwa zehn Tage nach dem Pogrom die Entlassung der Inhaftierten aus Buchenwald. Im Chaos der ersten zwei Wochen griffen die entsprechenden Befehle dabei anfangs nur langsam, weshalb zum Beispiel viele ältere Gefangene starben, bevor sie nach den bereits am 14. und 16. November verfügten ersten Anweisungen[96] entlassen werden konnten. Weitere diesbezügliche Verfügungen gab es am 28. November (Entlassung der Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges), am 12. Dezember (Entlassung der Häftlinge im Alter von über 50 Jahren) und am 21. Januar 1939 (Entlassung jüdischer Jugendlicher unter 18 Jahren).[97]

Im Mittelpunkt stand aber die Erpressung zur Auswanderung und zur Aufgabe des Besitzes. Den Erinnerungen Ernst Cramers zufolge hatte die SS bereits in den ersten Tagen ganz offen die Bedingungen dafür über Lautsprecher ausrufen lassen. Es kam die Ansage: „Alle Judenvögel herhören! Erstens: Ihr bleibt solange hier, bis ihr eure Geschäfte, Fabriken und Häuser verkauft habt und beweisen könnt, dass ihr schleunigst auswandern werdet. Zweitens: Durch eure Schuld ist dem deutschen Volk großer Schaden entstanden. Ihr seid verantwortlich für die Zerstörungen in den deutschen Städten. Deshalb wird angeordnet: Die Versicherungsbeiträge für eure Wohnungen und Geschäfte erhaltet nicht ihr, sondern das deutsche Volk. Drittens: Eure Frechheit muss bestraft werden. Deshalb wird den Juden in Deutschland eine Konventionalbuße auferlegt. Sie beträgt eine Milliarde Reichsmark.“[98]

Fast alle Entlassung waren an Bedingungen gebunden. Friedrich Adler, Mitinhaber einer Frankfurter Leder- und Schuhfirma, erklärte 1945 an Eides statt: „Am 9. November 1938 verhaftete man mich und brachte mich in das berüchtigte Lager Buchenwald. Dort erhielt ich offiziell Nachricht von einem Vertreter der oben erwähnten Handelsabteilung der Frankfurter NSDAP, dass ich nicht damit rechnen könnte, jemals aus Buchenwald entlassen zu werden, wenn mein Bruder und ich nicht die Vorschläge des beiliegenden Vertrages akzeptierten. Ich nahm also an und wurde am 23. November 1938 entlassen und der beigefügte Vertrag trat endgültig am 17. Dezember 1938 in Kraft.“[99] Viele hatten nach den in Buchenwald erlebten Torturen keine andere Wahl, als alles aufzugeben, um Deutschland zu verlassen. Bis Mitte Dezember verließen täglich durchschnittlich 250 Männer das Lager, zumeist notdürftig wiederhergerichtet. Zuvor mussten sie sich verpflichten, über das im Lager Erlebte zu schweigen. Ephraim Franz Wagner aus Frankfurt am Main, der eine Einwanderungserlaubnis nach Palästina erhalten hatte, erinnert sich: „Die Entlassungsprozedur aus dem KZ verlief folgendermaßen: Mir wurde der Kopf kahlgeschoren, Formulare mussten unterschrieben werden, in denen ich eidesstattlich zu erklären hatte, dass man mich gut behandelt hätte; zudem wurde mir unzweideutig erklärt, dass ich erneut ins KZ käme, falls ich Deutschland nicht bis Ende Februar verlassen hätte. Mein Vater wurde ebenfalls um diese Zeit als 'Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges' aus dem KZ entlassen.“[100] In manchen Fällen reichten andere Bescheinigungen. Avraham Avisar (Alfred Revisorski) aus Frankfurt am Main zum Beispiel wurde aufgrund eines Schreibens des Konsulats der Dominikanischen Republik, dass sie beabsichtigen ihm ein Visum zu erteilen, entlassen.[101] Am 1. Januar 1939 waren noch 1.605 Juden im Sonderlager. Auf Drängen politischer Häftlinge im Häftlingskrankenbau gab die SS beim Ausbruch der Typhusepidemie im Februar 1939 den Befehl, die Notbaracken I A bis V A und die alte Häftlingsküche abzureißen.

Innerhalb der ersten sechs Wochen starben bis zum Jahresende 1938 im Sonderlager 227 Menschen. Insgesamt konnten 250 Opfer der Sonderzone namentlich ermittelt werden.[102] Der Älteste von ihnen war 79, der Jüngste wurde 20 Jahre alt. Infolge der nur provisorisch vollzogenen Aufnahmeformalitäten der ersten Tage gab es am 18. und 19. November vier Tote, deren Namen zunächst unbekannt blieben.

Alle Toten wurden im Krematorium auf dem Weimarer Hauptfriedhof eingeäschert. Meist erfuhren die Angehörigen erst danach von dem Tod und mussten sich bei der Stadt Weimar um die Urne bemühen. So schrieb die Mutter des Pianisten Max Firnberg aus Frankfurt am Main, Schwindstraße 12, am 10. Januar 1939 an die Krematoriumsverwaltung:

„Gestern erhielt ich von der hiesigen Polizeibehörde die Mitteilung, dass mein Sohn Max Israel Firnberg, geboren am 13.5.96 in Frankfurt/Main im Lager Buchenwald verstorben ist und dort eingeäschert wird. Ich bitte, die sterblichen Überreste an die Verwaltung des Hauptfriedhofs, Frankfurt/Main Eckenheimerlandstraße 193 übermitteln zu wollen.“[103]

Die Stadt benutzte für die am 14. Januar 1939 erteilte Antwort bereits einen entsprechenden Vordruck, mit dem sie zur sofortigen Überweisung von 3.- RM aufforderte.

Die Gesamtzahl der in den Konzentrationslagern nach dem Novemberpogrom ermordeten Juden lässt sich bislang nur schätzen, da die Quellenlage und der erreichte Arbeitsstand über die drei Lager sehr unterschiedlich ist. Nicht nur hinsichtlich der allgemeinen Umstände, sondern auch in bezug auf die Entlassung gab es Unterschiede. So erfolgte in Sachsenhausen offensichtlich eine wesentlich schnellere Entlassung der 6.000 eingelieferten Juden als in Buchenwald. Beim gegenwärtigen Kenntnisstand wird man insgesamt von mindestens 400 Todesopfern innerhalb der Lager sprechen müssen. Außerdem scheint die Annahme realistisch, dass ungefähr 1 Prozent der 26.000 eingelieferten Juden unmittelbar nach der Entlassung an den Folgen der erlittenen Haft starb oder Selbstmord beging. Wohl keiner der Inhaftierten kam ohne physische und psychische Spätfolgen davon. „In X. fand ich, dass nur 3 Männer zurückgekommen waren und alle lagen schwer krank im Bett. Einer konnte kaum sprechen“, heißt es im Bericht eines ausländischen Diplomaten.[104] Ephraim Franz Wagner aus Frankfurt am Main erinnert sich, dass seinem Klassenlehrer Dr. Ernst Marbach vom Frankfurter Philanthropin, mit dem er im Lager zusammen war, beide Beine erfroren, „die ihm bei seiner Rückkehr nach Frankfurt im Jüdischen Krankenhaus amputiert werden mussten. Ich konnte ihn noch dort besuchen, ehe er an den Folgen seines entsetzlichen Martyriums starb.“[105] Andere, wie Rabbiner Dr. Henry Philipp, Lehrer am Frankfurter Philanthropin, der 1940 starb, litten noch lange an den Haftfolgen und erholten sich nie wieder davon.[106]

In der Exilzeitung "Neuer Vorwärts" beschrieb eine Reisende die entstandene Atmosphäre der Angst: „Ein entfernter Verwandter von mir, Arzt in einer kleinen schlesischen Stadt, war ins Konzentrationslager Buchenwald gekommen und wurde dort derart misshandelt, dass er wenige Wochen nach seiner Entlassung starb. Immer wieder versuchte ich, Einzelheiten zu erfahren, aber ich erreichte nicht mehr als eine Schilderung der äußeren Umstände seines Todes.“[107] Nach den Erinnerungen Avraham Avisars (Alfred Revisorski) mussten sich die Entlassenen in Frankfurt zunächst täglich bei den Polizeibehörden melden, und begründen, warum sie noch nicht ausgewandert seien. Die Möglichkeiten zur Auswanderung hingegen waren nicht besser geworden, so dass die ständige Drohung, erneut in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden, immer gegenwärtig blieb, bis man Deutschland verlassen konnte.[108]

[1] Landesarchiv Thüringen–Hauptstaatsarchiv Weimar (im folgenden LATh-HStA Weimar), NS 4 Bu 104, Bl. 50.

[2] Ebd

[3] Ebd, Bl. 51.

[4] Die Kartei war lange vor der Verhaftungswelle entstanden. Sie bildete die Grundlage für die schnelle Inhaftierung und ermöglichte es in der Regel, Personen in kürzester Zeit zu finden. So erinnert sich Louise Friedmann, die Angehörige eines anderen nach den Pogromen in Frankfurt Inhaftierten, die mit einem Bittgesuch vorgelassen wurde, dass innerhalb von zwei Minuten die Karteikarte mit allen Daten gezogen wurde. Vgl. Yad Vashem Archives, 033/1335, Bericht Louise Friedmann.

[5] LATh-HStA Weimar, NS 4 Bu 104, Bl. 51.

[6] Ebd.

[7] Die Ehefrau von Moritz Eisemann aus Bernburg fragte Ende Dezember 1938 bei der Kommandantur nach dem Verbleib ihres Mannes. Aus einem Schreiben des Erfurter Rechtsanwaltes Felix Meyer Anfang Januar 1939 geht hervor, dass sie keine Antwort erhalten hat. Auf den Rand des Briefes von Felix Meyer notierte der Lagerkommandant das Wort „selbst“ - das heißt, der Gesuchte sollte selbst schreiben. Moritz Eisemann war aber bereits am 19. November 1938 in Buchenwald gestorben.

[8] Vgl. Wolfgang Benz, "Der Rückfall in die Barbarei", in: Walter H. Pehle (Hg.), Der Judenpogrom 1938: Von der 'Reichskristallnacht' zum Völkermord. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 1988, S. 13 - 51. Über den Pogrom vom 9. und 10. November gibt es zahlreiche Abhandlungen, die hier nicht referiert werden können. Unter den neuen Titeln ist das Buch von Wolf-Arno Kropat hervorzuheben, das auch einen ausführlichen Literaturüberblick enthält. Vgl. Wolf-Arno Kropat, "Reichskristallnacht": Der Judenpogrom vom 7. bis 10. November 1938 - Urheber, Täter, Hintergründe. Wiesbaden: Kommission für Geschichte der Juden in Hessen, 1997.

[9] Klaus Behnken (Hg.), Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade). Sechster Jahrgang 1939. Frankfurt am Main: Nettelbeck/Zweitausendeins, 1980, S. 924.

[10] Vgl. Günther Bernd Ginzel, Jüdischer Alltag in Deutschland 1933 - 1945. Düsseldorf: Droste 1993, S. 234.

[11] Benz, Rückfall, S. 40

[12] Vgl. Kropat, "Kristallnacht", S. 138 - 141. Rita Thalmann, Emmanuel Feinermann, Die Kristallnacht. Frankfurt am Main: Athenäum 1988, S. 163 - 187. Mit Schwerpunkt auf die Geschichte des KZ Sachsenhausen vgl. Heiko Pollmeier, Die Inhaftierung deutscher Juden im November 1938. Magisterarbeit: Technische Universität Berlin, 1995 (ungedruckt). Für die Geschichte des KZ Buchenwald vgl. Harry Stein, Juden in Buchenwald 1937 - 1942. Weimar: Gedenkstätte Buchenwald 1992. Über die Rolle, die diese Exzesse bei der Ausbildung der SS-Totenkopfverbände spielten, die 1938 in einer Stärke von 9.172 Mann (Dezember) bei den Lagern stationiert waren, liegen keine Untersuchungen vor.

[13] Vgl. Michael Wild, "Gewalt gegen Juden in Deutschland 1933 bis 1939", in: Werkstattgeschichte, Jg. 6, H. 18 (1997), S. 60.

[14] Harry Naujoks, Mein Leben im KZ Sachsenhausen 1936 - -1942: Erinnerungen des ehemaligen Lagerältesten. Berlin: Dietz, 1989, S. 100.

[15] Vgl. Harry Stein, „Juden im Konzentrationslager Buchenwald 1938 – 1942“, in: Thomas Hofmann, Hanno Loewy, Harry Stein (Hg.), Pogromnacht und Holocaust: Frankfurt, Weimar, Buchenwald... Die schwierige Erinnerung an die Stationen der Vernichtung. Weimar, Köln, Wien: Böhlau, 1994, S. 88.

[16] Vgl. Harry Stein, „Juden im Konzentrationslager Buchenwald 1938 – 1942“, in: Thomas Hofmann, Hanno Loewy, Harry Stein (Hg.), Pogromnacht und Holocaust: Frankfurt, Weimar, Buchenwald... Die schwierige Erinnerung an die Stationen der Vernichtung. Weimar, Köln, Wien: Böhlau, 1994, S. 88.

[17] Bruno Heilig, Menschen am Kreuz. Berlin: Neues Leben, 1948, S. 145.

[18] Vgl. Julius Freund, O Buchenwald. Klagenfurt: Selbstverlag, 1945, S. 31 ff.

[19] LATh-HStA Weimar, NS 4 Bu 137.

[20] Heilig, Menschen, S. 149.

[21] LATh-HStA Weimar, NS 4 Bu 46, Bl. 209.

[22] Thalmann, Feinermann, Kristallnacht, S. 174.

[23] Zit in: Wolf-Arno Kropat, Kristallnacht in Hessen: Der Judenpogrom vom November 1938. Eine Dokumentation. Wiesbaden: Kommission für Geschichte der Juden in Hessen, 1988, S. 76.

[24] Am 11.11.1938 teilte Heydrich in einem Schnellbrief an den preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring u. a. mit: "Festgenommen wurden rund 20.000 Juden, ferner 7 Arier und 3 Ausländer. Letztere wurden zur eigenen Sicherheit in Haft genommen." Zit in: Ebd., S. 139.

[25] Vgl. In einem Blitzfernschreiben am 16.11.1938 befahl Heydrich: "Die Festnahmeaktion gegen Juden ist ab sofort einzustellen." Zit. in: Kurt Pätzold (Hg.), Verfolgung - Vertreibung - Vernichtung: Dokumente des faschistischen Antisemitismus 1933 bis 1942. Leipzig: Reclam 1984, S. 183.

[26] Vgl Kropat, "Kristallnacht", S. 138

[27] Vgl. LATh-HStA Weimar, KZ Buchenwald, 4/11.

[28] Vgl. Dieter Schiefelbein, "'Reichskristallnacht' in Frankfurt am Main. Eine Skizze", in: Thomas Hofmann, Hanno Loewy, Harry Stein (Hg.), Pogromnacht, S. 48 f.

[29] Vgl. Bericht Erich Schlesinger. Yad Vashem Archives, Jerusalem, 033/71.

[30] Vgl. Bericht Kurt J. Herrmann, in: Manfred Schröter, Die Verfolgung der Nordhäuser Juden 1933 - 1945. Bad Lauterberg: Kohlmann, 1992, S. 73.

[31] Vgl. Kropat, Kristallnacht in Hessen, S. 171.

[32] Darauf deuten die Auswertung der für Leipzig vorhandenen Akte hin und in bezug auf Frankfurt die ersten Ergebnisse der Auswertung der im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar befindlichen Kartei der Geldstelle, der einzigen noch vorhandenen Quelle für Personendaten der nach den Pogromen eingewiesenen Juden außerhalb des Archivs des Internationalen Suchdienstes vom Roten Kreuz, Arolsen.

[33] Unter den 252 namentlich bekannten Toten des Pogromsonderlagers in Buchenwald waren 39 zwischen 60 und 70 sowie zehn zwischen 70 und 79 Jahre alt, darunter drei Neunundsiebzigjährige.

[34] Dazu hieß es im Blitzfernschreiben Heydrichs an die Gestapo(leit)stellen vom 16.11.1938: "In KZ-Lagern dürfen sich in kürzester Zeit nur noch gesunde und arbeitsfähige Juden befinden. Ausnahmen von diesen Grundsätzen müssen ebenfalls sofort dem GESTAPA Referat II D mitgeteilt werden unter Beantragung des Erlasses eines Schutzhaftbefehls und unter Angabe der vorliegenden besonderen Gründe. Die Entscheidung der Entlassung nach Ziff. 4 ist im Interesse der Bereinigung der KZ-Lager großzügig zu handhaben. Vgl. Pätzold, Verfolgung, S. 183.

[35] Einem von H G. Adler dokumentierten Beispiel (Hans Beer aus Würzburg) kann man entnehmen, dass in Würzburg offensichtlich eine amtsärztliche Untersuchung auf "Lager- und Arbeitsfähigkeit" stattfand. Vgl. H. G. Adler, Der verwaltete Mensch: Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland. Tübingen: Mohr, 1974, S. 773.

[36] Vgl. Freund, O Buchenwald, S. 36.

[37] Mit Ausnahme der Meldung vom 11.11.1938 sind die "Veränderungsmeldungen", d. h. die tägliche Veränderung der Lagerstärke von 0.00 Uhr bis 24.00 Uhr enthalten in: LATh-HStA Weimar, KZ Buchenwald, 4/4/1. Die in der Veränderungsmeldung vom 11.11.1938 genannten Transporte werden auf der Grundlage eines Dokuments aus dem Archiv des Internationalen Suchdienstes in Arolsen zitiert bei: Klaus Mlynek, "Die 'Reichskristallnacht'", in: "Reichskristallnacht" in Hannover: Eine Ausstellung zur 40. Wiederkehr des 9. November 1938. Hannover 1978, S. 71.

[38] LATh-HStA Weimar, KZ Buchenwald, 4/4/1, Bl. 770.

[39] Vermutlich Gelmeroda bei Weimar.

[40] Vgl. besonders Freund, O Buchenwald. Bericht Julius Feist, in: Schröter, Verfolgung, S. 80. Bericht Julius Katz, in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Sontra (Anhang zu Heft 7), Sontra 1984.

[41] Vgl. Mlynek, "Reichskristallnacht", 71.

[42] Vgl. dazu besonders: Bericht Siegfried Oppenheim (Rhina), Meine Erlebnisse im Konzentrationslager Buchenwald 1938, (Nachdruck aus: Peter O. Chotjewitz, Renate Chotjewitz-Häfner, Die mit Tränen säen: Israelisches Reisejournal. München 1980) Bad Hersfeld 1988, S. 10. Bericht Dr. Georg Wilde (Magdeburg), in: Thalmann, Feinermann, Kristallnacht, S. 175. Bericht Hermann Wiesenberg (Fulda), in: Gerhard Renner, Joachim Schulz, Rudolf Zibuschka (Hg.), „...werden in Kürze anderweit untergebracht...": Das Schicksal der Fuldaer Juden im Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. Fulda: Ulenspiegel, 1990, S. 113. Bericht Max Moses Polke, Der Hölle entkommen, in: Margarethe Limberg, Hubert Rübsaat (Hg.), Sie durften nicht mehr Deutsche sein: Jüdischer Alltag in Selbstzeugnissen 1933 - 1938. Frankfurt am Main, New York: Campus, 1990, S. 304 ff.

[43] LATh-HStA Weimar, KZ Buchenwald, 4/4/1, Bl. 769.

[44] Vgl. dazu besonders: Bericht Leopold Herzberg. Yad Vashem Archives, Jerusalem, 033/1457. Bericht Gustav Beutler (1968).Buchenwaldarchiv, Gedenkstätte Buchenwald, Weimar (im folgenden BwA), 32 IX-70.

[45] LATh-HStA Weimar, KZ Buchenwald, 4/4/1, Bl. 768.

[46] Bericht von Michael Maynard, "Der 9. November 1938", in: BwA ohne Signatur. D. V. verdankt dieses Dokument, das ihm vom Verfasser zugeschickt wurde, der freundlichen Vermittlung von Monica Kingreen.

[47] Ebd.

[48] Bericht Julius Feist, in: Schröter, Verfolgung, S. 80.

[49] Vgl. Freund, O Buchenwald, S. 29.

[50] Bericht Max Moses Polke, in: Limberg, Rübsaat, Jüdischer Alltag, S. 308.

[51] Aussage Heinrich Perlhefter, 1966. Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 461/30983/13. D. V. verdankt dieses Dokument der freundlichen Unterstützung von Monica Kingreen.

[52] Eine ausführliche Darstellung der Verhältnisse in Sachsenhausen vgl. Pollmeier, Inhaftierung.

[53] Vgl. ebd., S. 62, Anmerkung 275.

[54] Bericht Kurt J. Herrmann, in: Schröter, Verfolgung, S. 72 f.

[55] Ebd., S. 73 f.

[56] Bericht Julius Feist, in: Ebd., S. 80.

[57] Bericht Julius Katz, in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Sontra (Anhang zu Heft 7), Sontra 1984.

[58] Bericht eines unbekannten Frankfurters, in: Kropat, Reichskristallnacht in Hessen, S. 227.

[59] Aussage Alfred Servos. National Archives, Washington, Record Group 153, War Crimes Case N. 12-390 (The Buchenwald Case), Film 1 (BwA, Filmsammlung).

[60] Zit. in: Thalmann, Feinermann, Kristallnacht, S. 175.

[61] Bericht Ernst Cramer, in: Welt am Sonntag, 6.11.1988.

[62] Bericht eines unbekannten Frankfurters, in: Kropat, Kristallnacht in Hessen, S. 227 f.

[63] Bericht Leopold Herzberg. Yad Vashem Archives, Jerusalem, 033/1457.

[64] LATh-HStA Weimar, KZ Buchenwald Nr. 12, Bl. 111.

[65] Vgl. ebd., Bl. 116.

[66] Aussage Alfred Servos. National Archives, Washington, Record group 153, War Crimes Case N. 12-390 (The Buchenwald Case), Film 1 (BwA, Filmsammlung).

[67] Bericht Gustav Beutler (1968). BwA, 32 IX-70.

[68] Ebd.

[69] Tonbandinterview mit Karl Wack, Hans Neumeister und Max Mayr, 1968. BwA.

[70] Freund, O Buchenwald, S. 37.

[71] Bereits Ende September 1938 wurde für die in die Sonderzone als erste eingelieferten Österreicher eine eigene Kartei, beginnend mit der Häftlingsnummer 20.000, angelegt. Diese Häftlingsnummernfolge lag etwa 10.000 Nummern über dem damaligen Stand der Häftlingskartei. Nur einzelne der mehr als 10.000 Karten umfassende Kartei des Sonderlagers sind erhalten geblieben.

[72] Tonbandinterview mit Karl Wack, Hans Neumeister und Max Mayr, 1968. BwA.

[73] Bericht Leopold Herzberg. Yad Vashem Archives, Jerusalem, 033/1457.

[74] Vgl Schiefelbein, "Reichskristallnacht", S. 48.

[75] Bericht Hermann Wiesenberg (Fulda), in: Renner, Schulz, Zibuschka, Schicksal der Fuldaer Juden, S. 113.

[76] Ein größeres Fragment der Kartei befindet sich im ThHStW. Die Karten, unter denen zahlreiche von Gefangenen der Pogromaktion sind, ist über die Namen erschließbar und enthält meist folgende Angaben: Name, Vorname, mitunter Geburtsdatum, mitunter Geburtsort, Einzahlungsvermerke, Abbuchungen, Verbleibs- oder Sterbeinformationen. Die Geldkarten jüdischer Gefangener sind häufig mit einem Stempel versehen, der den Umriß eines Davidsterns hat.

[77] Bundesarchiv Koblenz, NS 7/1020.

[78] Vgl. Kropat, "Kristallnacht", S. 137.

[79] Vgl. Klaus Drobisch, Günther Wieland, System der NS-Konzentrationslager 1933 - 1939. Berlin: Akademie, 1993, S. 292 f.

[80] BwA 52 44-9.

[81] Bericht Siegfried Oppenheim(Rhina), Meine Erlebnisse im Konzentrationslager Buchenwald 1938, S. 10.

[82] Vgl. Polke Bericht, S. 308.

[83] Bericht Max Moses Polke, in: Limberg, Rübsaat, Jüdischer Alltag, S. 309.

[83] Bericht Leopold Herzberg. Yad Vashem Archives, Jerusalem, 033/1457.

[85] Bericht Avraham Avisar (Alfred Revisorski) "Ich habe dagegengehalten", in: Gottfried Kössler, Angelika Rieber, Feli Gürsching (Hg.) ...dass wir nicht erwünscht waren: Novemberpogrom 1938 in Frankfurt am Main. Berichte und Dokumente. Frankfurt am Main: dipa, 1993, S. 106.

[85] Ebenda.

[86] Bericht Dr. Harvey P. Newton (Hermann Neustadt), BwA, ohne Signatur.

[88] Bericht Hans Berger, in: Monika Richarz (Hg.), Bürger auf Widerruf: Lebenszeugnisse deutscher Juden 1780 - 1945. München: Beck, 1989, S. 491 f.

[89] LATh-HStA Weimar, NS 4 Bu 46.

[90] Über die Zustände in der alten Waschküche gibt es eine Vielzahl von Schilderungen, die hier nicht referiert werden können, darunter vor allem: Freund, O Buchenwald, S. 38 ff. Bericht Siegfried Oppenheim (Rhina), Meine Erlebnisse im Konzentrationslager Buchenwald 1938. Von Seiten des damaligen Lagerältesten: Karl Barthel, Die Welt ohne Erbarmen. Rudolstadt: Greifen, 1946, S. 40 f.

[91] LATh-HStA Weimar, Thür. Ministerium des Innern, E 1532 - 1533.

[92] LATh-HStA Weimar, KZ Buchenwald 5/2.

[93] Bericht Siegfried Oppenheim (Rhina), Meine Erlebnisse im Konzentrationslager Buchenwald 1938.

[94] Kopie im Besitz d. V.

[95] Vgl. Bericht Dr. Harvey P. Newton (Hermann Neustadt), BwA, ohne Signatur.

[96] Vgl. das bereits zitierte Blitzfernschreiben Heydrichs vom 16.11.1938. Anmerkung 35.

[97] Vgl. Kropat, "Kristallnacht", S. 141.

[98] Bericht Ernst Cramer, in: Welt am Sonntag, 6.11.1988.

[99] Zit. in: Kurt Pätzold, Irene Runge, Pogromnacht 1938, Berlin: Dietz, 1988, S. 194.

[100] Bericht Ephraim Franz Wagner, "Auch die Musik hat mir mein Leben gerettet", in: Kössler, Rieber, Gürsching, Novemberpogrom, S. 42 f.

[101] Bericht Avraham Avisar (Alfred Revisorski), "Ich habe dagegengehalten", in: Kössler, Rieber, Gürsching, Novemberpogrom, S. 106.

[102] Zum Vergleich: Im Konzentrationslager Dachau starben im gesamten Jahr 1938 276 Gefangene, im Konzentrationslager Sachsenhausen im gesamten Jahr 1938 229 Gefangene. Vgl. Drobisch, Wieland, System, S. 303.

[103] Stadtarchiv Weimar, 6-66-78/3. Zu Max Firnberg vgl. auch: Judith Freise, Joachim Martini, Jüdische Musikerinnen und Musiker in Frankfurt - 1933 - 1942. Musik als Form geistigen Widerstandes. Eine Ausstellung von Judith Freise und Joachim Martini in der Paulskirche zu Frankfurt am Main vom 7. bis zum 25. November 1990. Ausstellungsbegleitheft. Frankfurt am Main 1990.

[104] Klaus Behnken (Hg.), Deutschland-Berichte; S. 924.

[105] Bericht Ephraim Franz Wagner, "Auch die Musik hat mir mein Leben gerettet", in: Kössler, Rieber, Gürsching, Novemberpogrom, S. 41.

[106] Vgl. Joseph Walk, Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1928 - 1945. München, New York, London, Paris: Saur, 1988, S. 294.

[107] Klaus Behnken (Hg.), Deutschland-Berichte; S. 924. Der Bericht erschien zuerst im "Neuen Vorwärts", 26.11.1938.

[108] Bericht Avraham Avisar (Alfred Revisorski), "Ich habe dagegengehalten", in: Kössler, Rieber, Gürsching, Novemberpogrom, S. 107.

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