Weltweit ist seit einigen Jahren ein dramatischer Rechtsruck zu beobachten. Die Attraktivität der westlichen liberalen Demokratie hat erheblich abgenommen. Illiberale, autokratische und nationalistische Bewegungen gewinnen weltweit an Boden.
Stiftung
„Nie wieder“ ist längst kein gemeinsamer Nenner mehr. Zwischen Singularität, Universalisierung und politischer Instrumentalisierung wird um Deutungshoheit über die Geschichte des Nationalsozialismus gerungen. Die Debatte um den 80. Jahrestag der Befreiung der KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora zeigt, wie schwer es inzwischen ist, Gedenktage als Orte demokratischen Selbstverständigung zu gestalten.
In den Vereinigten Staaten zeigt sich seit dem Antritt von Präsident Trump zu seiner zweiten Amtszeit im Januar 2025 ein rasanter Wandel von der weltweit ältesten Demokratie zur nationalistischen Autokratie; in Viktor Orbáns Ungarn ist dies bereits vor Jahren geschehen; in Russland herrscht Putin mehr oder weniger als Diktator; in Italien regiert eine selbsterklärte „Postfaschistin“; in Schweden und Israel sind Rechtsextreme an der Regierung beteiligt; in Frankreich könnte Marine Le Pen die nächste Präsidentin werden; und in Teilen Deutschlands und Österreichs liegen die rechtsextremen Parteien AfD und FPÖ derzeit bei über 40 Prozent in den Umfragen.
Das Ergebnis dieser Entwicklung ist neben der Zunahme von Abschottung, Nationalismus und Rassismus sowie der Einschränkung von Freiheits- und Bürgerrechten auch ein globaler erinnerungspolitischer Klimawandel. Weltweit lässt sich der Trend beobachten, Geschichte für aktuelle politische Zwecke zu missbrauchen. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen: In den Vereinigten Staaten etwa unterzeichnete Präsident Trump im April 2025 ein Dekret, das Museen verpflichtet, den Nationalstolz zu fördern. Belastende Aspekte der Geschichte, wie beispielsweise die Sklaverei, sollen heruntergespielt werden. In Chile führte die politische Rechte im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Herbst 2025 Wahlkampf mit Positionen, die Pinochets Militärputsch vom September 1973 und die nachfolgende Diktatur wie auch die damit einhergehenden massiven Menschenrechtsverletzungen und politischen Morde rechtfertigten. Bei den Wähler:innen kam das offenbar an: Gewählt wurde mit fast 60 Prozent der Stimmen der rechtsextreme deutschstämmige Kandidat José Antonio Kast, Sohn eines Wehrmachtsoffiziers mit engen Kontakten zur AfD.
Die aggressivsten Verfechter dieses Trends sind derzeit Wladimir Putin und russische Ideologen wie Alexander Dugin, der neurechte Vordenker des russischen Imperialismus. Mit Schrecken erinnern sich viele an Putins Fernsehansprache vom 21. Februar 2022, drei Tage vor der Vollinvasion in die Ukraine, in der er sich als Russlands Chefhistoriker präsentierte und mit kruden Theorien und bewusster Geschichtsfälschung versuchte, die Zugehörigkeit der Ukraine zu Russland historisch zu legitimieren. Zugleich versucht die russische Propaganda, den Krieg gegen die fälschlich als „nazistisch“ bezeichnete Ukraine gewissermaßen als Fortsetzung des Zweiten Weltkrieges zu rechtfertigen.
In der Ukraine wiederum ehren zahlreiche Gemeinden und in einigen Fällen sogar der Staat selbst den nationalistischen Politiker Stepan Bandera mit Denkmälern und Gedenktafeln und ignorieren die Tatsache, dass er ein radikaler Antisemit und zeitweise auch ein NS-Kollaborateur war. Ähnliches zeigte sich im benachbarten Polen: Dort unternahm die nationalkonservative PiS-Regierung massive Anstrengungen, unter anderem durch gesetzliche Regelungen, um eine kritische Geschichtsschreibung über die polnische Kollaboration bei der deutschen Politik der Judenvernichtung und über polnischen Antisemitismus zu verhindern. Besonders massiv waren die Eingriffe der PiS-Kulturkämpfer:innen im Fall des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig, dessen liberaler Gründungsdirektor Paweł Machcewicz 2017 abgesetzt und durch den rechtsgerichteten und geschichtsrevisionistischen Historiker und Politiker Karol Nawrocki ersetzt wurde. Die PiS-Regierung wurde zwar Ende 2023 abgewählt, ihr Gedankengut ist aber nach wie vor präsent, wie sich an der Wahl Nawrockis zum Präsidenten im Sommer 2025 zeigt.
Auch im Konflikt zwischen Israel und Palästina beobachten wir den politischen Missbrauch der Geschichte. Nach dem terroristischen Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 stellten pro-israelische Stimmen wiederholt historisch unzutreffende Gleichsetzungen zur Shoah an. Und im Kampf gegen den Islamismus setzt die rechtsgerichtete Regierung Israels auf die Unterstützung der globalen Rechtsextremen. So lud sie etwa im März 2025 die Crème de la Crème der europäischen Rechtsextremen und Rechtspopulisten zu einer Antisemitismuskonferenz nach Jerusalem ein. Pro-palästinensische Aktivist:innen setzen die Shoah wiederum mit dem israelischen Vorgehen im Gaza-Streifen gleich. Wie die pro-israelischen Stimmen berufen sie sich auf ein „Nie wieder“. Meinen pro-israelische Gruppen damit jedoch die Forderung nach einem wehrhaften Judentum und damit nach einem wehrhaften Staat Israel, um eine Wiederholung des Massenmords an den Jüdinnen und Juden zu verhindern, berufen sich pro-palästinensische Gruppen mit dem Ruf nach dem „Nie wieder“ auf die Abwehr jeglicher Menschenrechtsverletzungen bis hin zu genozidaler Gewalt. „Nie wieder“ kann also genutzt werden, um sowohl für israelische Wehrhaftigkeit als auch gegen die israelische Siedlungspolitik und das militärische Vorgehen Israels im Gaza-Streifen zu Felde zu ziehen.
Die auf quellengestützte Reflexion und Differenzierung setzende kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kann dabei leicht unter die Räder geraten. Das zeigte der 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald im April 2025, der leider deutlich durch den Krieg in Nahost und damit einhergehende geschichtspolitische Deutungskämpfe überschattet wurde.
Die Liste der Redner:innen für die Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald war seitens der Organisator:innen (der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und der Thüringer Staatskanzlei) inhaltlich sorgsam austariert worden. Ziel sollte es sein, zum Nachdenken darüber anzuregen, was der Blick auf die in Buchenwald begangenen nationalsozialistischen Verbrechen für unsere heutige demokratische Selbstverständigung bedeutet.
Ex-Bundespräsident Christian Wulff sollte mit der kritischen Distanz des „Elder Statesman“ über heutige Gefährdungen der Demokratie sprechen (was er mit einem engagierten Appell gegen jegliche Zusammenarbeit mit der notorisch geschichtsrevisionistischen AfD machte), der Israeli Naftali Fürst sollte als Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos die Perspektiven der Überlebenden zur Sprache bringen. Die aus einer jüdischen Familie in der Ukraine stammende Publizistin Marina Weisband sollte über ihre Sicht auf Geschichte und Gegenwart sprechen und der deutsch-israelische Philosoph und Kant-Spezialist Omri Boehm Überlegungen zu den Wechselwirkungen von Geschichte und Erinnerung vortragen, die auch die Frage diskutieren sollte, was das Gedenken an die NS-Verbrechen mit der Forderung nach universell geltenden Menschenrechten zu tun hat.
Während die drei Erstgenannten ihre Reden auch tatsächlich hielten, konnte einer nicht sprechen. Der Auftritt von Omri Boehm beim Gedenkakt in der Weimarhalle musste aufgrund einer massiven geschichtspolitischen Intervention der israelischen Botschaft auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.
Omri Boehm, der sich zu einem „radikalen Universalismus“ bekennt, gilt als Kritiker der in Teilen rechtsextremen israelischen Regierung, und er hat sich auch kritisch zum militärischen Vorgehen Israels im Gaza-Streifen geäußert. Das machte ihn für die israelische Rechte zum Feindbild. International gilt er dagegen als Brückenbauer, gerade auch in Europa. Nicht umsonst erhielt er 2024 den renommierten Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung.
Drei Wochen vor der Gedenkveranstaltung, die für den 6. April 2025 vorgesehen war, erhielt die Stiftung den Hinweis aus der Thüringer Staatskanzlei, dass Israels Botschafter in Berlin, Ron Prosor, vorstellig geworden sei und mitgeteilt habe, er werde an der Gedenkveranstaltung nicht teilnehmen, wenn Omri Boehm spreche.
Begründet wurde das mit dem absurden Vorwurf, Boehm relativiere das Leid der Holocaustopfer und stelle das Existenzrecht Israels infrage.1 Daraufhin sandte die Stiftungsleitung einen sehr freundlich formulierten Brief an den Botschafter, in dem sie ihr Bedauern darüber ausdrückte, dass er wegen der Rede von Omri Boehm nicht am Gedenkakt in der Weimarhalle teilnehmen wolle. Zugleich bat sie ihn, auch im Namen von Naftali Fürst, am wichtigen zweiten Teil der Veranstaltung teilzunehmen: der Kranzniederlegung in der Gedenkstätte, bei der Boehm ja nicht sprechen sollte.
Auf diesen Kompromissvorschlag ging Botschafter Prosor leider nicht ein, im Gegenteil: Er sandte der Stiftung ein scharf formuliertes Schreiben, in dem er deutlich machte, dass er auch an der Kranzniederlegung in der Gedenkstätte nicht teilnehmen werde, wenn es bei Boehms Rede in der Weimarhalle bleibe.
Zugleich ging aus dem Schreiben wie auch aus anschließenden Gesprächen mit Überlebenden und ihren Angehörigen hervor, dass die Botschaft die israelischen Überlebenden in die Auseinandersetzung hineinzog. Ihnen drohte wegen dieser Kontroverse, die nichts mit ihnen zu tun hat, ein Loyalitätskonflikt zwischen der Gedenkstätten-Stiftung auf der einen und der Botschaft auf der anderen Seite – ein unwürdiges Gezerre an betagten Menschen mit teils traumatischen seelischen Verletzungen.
In dieser Situation blieb der Stiftung keine andere Wahl, als den Auftritt Boehms – in Absprache mit der Staatskanzlei – auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Das erfolgte nach Gesprächen mit Omri Boehm etwa zwei Wochen vor den Gedenkveranstaltungen.
Nach einem Spiegel-Artikel über die Verschiebung, der am 2. April 2025 erschien, also vier Tage vor der Veranstaltung 2, setzte ein mediales Rauschen mit teilweise heftigen Vorwürfen gegen die Stiftung ein. Die eine Seite kritisierte sie wegen des angeblichen Einknickens vor einer in Teilen rechtsextremen Regierung, die andere, weil sie mit Boehm einen angeblichen Antisemiten eingeladen habe.
Tatsächlich war es das erste Mal seit dem Ende der DDR, dass eine staatliche Institution derart massiv in die inhaltliche Ausgestaltung einer Gedenkveranstaltung in Buchenwald eingegriffen hat. Mehr noch: Nachdem die Stiftung öffentlich erklärt hatte, dass die Verschiebung der Boehm-Rede aufgrund des Drucks aus der Botschaft erfolgte, unterstellte die Botschaft in Trump-Manier auf X (vormals Twitter), der Stiftungsdirektor betreibe „Geschichtsklitterung und Geschichtsfälschung“ und wolle „ein Holocaust-Gedenken ohne Juden schaffen“, ein „Holocaust-Gedenken ohne Überlebende wie Naftali Fürst, der den Todesmarsch nach Buchenwald miterlebt hat“. Und Omri Boehm „als Redner zu einer Holocaust-Gedenkveranstaltung in Buchenwald einzuladen“, sei „so, als würde man Baschar al-Assad einladen, einen Vortrag über Menschenrechte zu halten“ 3. Schließlich hieß es in dem Post: „Wagner und seinesgleichen sind dabei, den Völkermord am jüdischen Volk in eine neue universelle Moralgeschichte zu verwandeln.“
Spätestens mit diesem Post erteilte die Botschaft jeglicher sachlichen Diskussion eine Absage. Geschichtspolitisch machte die Botschaft darüber hinaus eine klare Ansage: Die Shoah solle ausschließlich partikular gewertet werden, eine Forderung nach universell gültigen Menschenrechten lasse sich aus der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen nicht ableiten.
Nachdem Boehms Rede verschoben worden war, sah Botschafter Prosor keinen Anlass mehr, den Veranstaltungen in Weimar und Buchenwald fernzubleiben. Deshalb nahm er sowohl an der Gedenkveranstaltung in der Weimarhalle als auch an der Kranzniederlegung in der Gedenkstätte teil. Dabei ereignete sich am Ende der Kranzniederlegung auf dem ehemaligen Appellplatz in der Gedenkstätte Buchenwald noch ein Eklat, der ebenfalls mit dem Krieg in Israel und Palästina zu tun hat: Als Programmpunkt des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora verlasen Jugendliche eine vorab vorbereitete Erklärung zur Aktualität der Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen. Ihr Wortlaut war der Stiftung vorab mitgeteilt worden. Abweichend von diesem Text rief eine junge Spanierin am Ende ihres Redebeitrags: „People are dying in Palestine – in a genocide. No pasarán!“
Nun ist das Vorgehen des israelischen Militärs im Gaza-Streifen nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 sicherlich überzogen, und es wurden seitens israelischer Soldaten zweifellos auch Kriegsverbrechen begangen. Es ist deshalb – wie bei allen anderen mörderischen internationalen Konflikten – legitim, wissenschaftlich fundiert über einen möglichen Genozid zu diskutieren. Hier, im Kontext des Gedenkens an die Opfer des KZ Buchenwald, war der Verweis auf einen möglichen Genozid an den Palästinenser:innen aber geeignet, die Shoah und die in Buchenwald begangenen Verbrechen zu relativieren, und er konnte als israelbezogener Antisemitismus verstanden werden. Aus diesem Grund schritt der Stiftungsdirektor unmittelbar nach der Rede der jungen Spanierin spontan ans Mikrofon und verwies darauf, dass es legitim ist, um unschuldige Opfer im Gaza-Streifen zu trauern, dass es aber unangemessen sei, bei einer Gedenkveranstaltung für die in Buchenwald getöteten Häftlinge, von denen viele Juden waren, von einem von Israel begangenen Genozid zu sprechen.
Dieses Statement rief in der digitalen Welt nun die Fraktion der Palästina-Unterstützer:innen auf den Plan. Die Stiftung und ihr Direktor wurden auf Social Media als „Genozidleugner“ beschimpft, und in der Gedenkstätte Buchenwald gingen etliche empörte und beleidigende Mails ein – nicht wenige waren offen antisemitisch.
Das Manuskript der Rede, die Omri Boehm nach der Intervention der israelischen Botschaft in Buchenwald nicht halten konnte, wurde übrigens noch am Tag der Gedenkveranstaltung online von der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht 4 – eine wie zu erwarten auf einem hohen intellektuellen Niveau vorgetragene Auseinandersetzung mit der Tradition jüdischer Gedächtnisbildung und dem Wechselverhältnis von Erinnerung und Geschichte.
Das hinderte rechtskonservative und/oder der israelischen Regierung nahestehende Autoren in den folgenden Wochen nicht daran, die Rede und die Einladung Boehms durch die Gedenkstätten-Stiftung in Bausch und Bogen zu verdammen. Michael Wolffsohn bezeichnete die Einladung in der Neuen Zürcher Zeitung als „Provokation gegenüber den jüdischen Trauernden“ 5 , Alan Posener warf der Stiftungsleitung wegen der Kritik an der Intervention der israelischen Botschaft in der Welt mangelndes „Fingerspitzengefühl im Umgang mit jüdischen Befindlichkeiten und deutscher Staatsräson“ vor. 6
Die „jüdischen Trauernden“ selbst hat jedoch kaum jemand gefragt. Zweifellos haben etliche von ihnen einen anderen Blick auf Boehms Thesen als die israelische Regierung und ihr Botschafter in Deutschland. Inwieweit die Botschaft legitimiert ist, für alle jüdischen Überlebenden und ihre Angehörigen zu sprechen, muss doch sehr infrage gestellt werden. Sie vertritt den Staat Israel und seine Regierung. Wenn sie den angeblichen Schutz der Erinnerung an den Holocaust ins Feld führt, um die Rede von Omri Boehm, der im Übrigen selbst Enkel einer Holocaust-Überlebenden ist, zu verhindern, ist das nicht Schutz, sondern eher Missbrauch der Erinnerung an die Shoah und eine Instrumentalisierung der Opfer.
Nun könnte man in der Intervention der israelischen Botschaft gegen den Redner Omri Boehm einzig das Ziel sehen, einen Kritiker der israelischen Regierungspolitik mundtot zu machen. Eine solche Deutung ist sicherlich nicht falsch. Dahinter steht jedoch noch mehr, und es hat einiges mit dem sogenannten Historiker-Streit 2.0 zu tun, den vor einigen Jahren – bereits vor dem Hamas-Massa ker vom 7. Oktober 2023 – Antikolonialismus-Aktivist:innen und Vertreter:innen der postcolonial studies ausgelöst hat ten, die behaupteten, die Shoah-Erinnerung verhindere die Auseinandersetzung mit kolonialer Gewalt (historisch, aber auch aktuell, etwa durch israelische Siedler).
Literaturwissenschaftler wie Michael Rothberg7 oder Historiker wie Jürgen Zimmerer, die im März 2021 in der ZEIT einen Beitrag mit dem programmatischen Titel „Enttabuisiert den Vergleich!“ veröffentlichten8, argumentieren, die Fixierung auf die Shoah und ihre tatsächliche oder vermeintliche Singularität sei zu einem geschichtspolitischen und damit unwissenschaftlichen Glaubenssatz verkommen und verhindere eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Kolonialismus.
Zudem werde sie genutzt, um Kritik an israelischem Regierungshandeln, insbesondere an der Siedlungspolitik, als antisemitisch zu diskreditieren. Und schließlich: Die Fixierung auf die Shoah und den Antisemitismus trügen, so formulierte es der australische Historiker A. Dirk Moses in einer im Mai 2021 veröffentlichten polemischen Streitschrift9, sakrale Züge, sie sei ein Katechismus, und ihre Protagonist:innen seien „Glaubenswächter“, ja sogar „Hohepriester“.
Nun diskreditierte sich Moses mit den letztgenannten polemischen Vorwürfen selbst.10 Die Diagnose, dass die Erinnerung an die Shoah geschichtspolitisch missbraucht werde, um israelisches Regierungshandeln, z. B. die Siedlungspolitik, zu legitimieren, ist jedoch – siehe Prosors Angriffe gegen Boehm und die Gedenkstätte Buchenwald – nicht ganz falsch.
Als „Zivilisationsbruch“ in der deutschen Geschichte, wie Dan Diner die Shoah als das Morden um des Mordens willen bezeichnet hat11, ist der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden, so lässt sich die Singularitätsthese zusammenfassen, anders zu bewerten als andere Genozide, die pragmatische oder begrenzte Ziele gehabt haben. Wegen der Ungeheuerlichkeit der Shoah, die frühere und parallele Verbrechen in Mitteleuropa sowohl hinsichtlich der mörderischen Praxis als auch bezüglich der ideologischen Legitimation in den Schatten stellt (Auschwitz, Sobibor oder Treblinka waren historisch etwas grundlegend Neues), ist die Singularitätsthese sicherlich korrekt. Sie kann jedoch, wenn sie rein normativ verstanden und verabsolutiert wird, ideologisch derartig erstarren, dass sie Interdependenzen zwischen verschiedenen Regime- und Gesellschaftsverbrechen verwischt – insbesondere aber den Umstand, dass die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden trotz ihrer Monstrosität nicht losgelöst von den anderen NS-Verbrechen betrachtet werden kann.
Genau das versuchten aber Prosor, Wolffsohn und andere mit aktueller politischer Zielsetzung. Buchenwald gilt ihnen vor allem als ein Ort der Shoah. Die trauernden Angehörigen in Buchenwald bezeichnete Wolffsohn in der Neuen Zürcher Zeitung als „mehrheitlich jüdische Nachfahren, die an so einem Tag [gemeint ist der Jahrestag der Lagerbefreiung] unter sich bleiben und nicht belehrt werden wollen“12. Tatsächlich waren die Mehrheit der Häftlinge in Buchenwald aber keine Juden, sondern politische Häftlinge. Zusätzlich deportierte die SS Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, als homosexuell, „Berufsverbrecher“ oder „Asoziale“ Verfolgte und Zeugen Jehovas nach Buchenwald.13 Sie alle verschwinden hinter der Lesart, Buchenwald sei eine Holocaust-Gedenkstätte.
Noch weiter als Prosor und Wolffsohn ging Zelda Biller in der Süddeutschen Zeitung. „In einer Welt, in der es keinen Judenhass gäbe“, schrieb sie, „gäbe es nicht nur kein Buchenwald und keine Hamas, es gäbe auch keine russischen Straflager, keine chinesischen Umerziehungslager“14. Der Antisemitismus und die Shoah werden in dieser Lesart gewissermaßen zum Ur-Verbrechen, ohne die andere Regime- und Gesellschaftsverbrechen nicht zu erklären seien.
Ohne Zweifel war die Shoah präzedenzlos. Doch Sichtweisen wie die genannten entkoppeln sie von ihrem historischen Kontext. Tatsächlich waren die Interdependenzen zur politischen und rassistischen Verfolgung anderer Gruppen im Nationalsozialismus zu offenkundig, als dass die Shoah isoliert betrachtet und analysiert werden könnte. Und zu einer reflexiven Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wie auch zur Würdigung der Opfer gehört, dass alle Verfolgtengruppen gleichermaßen in den Blick genommen werden. Nicht zuletzt für die Gedenkstätten ist das eine Grundvoraussetzung für eine differenzierte (Bildungs-)Arbeit, die der Komplexität der Geschichte gerecht wird.
Sicherlich war die Shoah das monströseste Verbrechen der Nationalsozialisten, aber wie der Krankenmord, die Zwangsarbeit, der Mord an Sinti:zze und Rom:nja und sowjetischen Kriegsgefangenen sowie die Verfolgung von angeblich „Asozialen“ oder Homosexuellen wie auch politischen Gegner:innen und die mörderische deutsche Besatzungsherrschaft vor allem in Polen und in der Sowjetunion entwickelte sie sich aus einer radikal rassistischen Gesellschaft, die zwischen „Eigenen“ und „Fremden“ sowie zwischen „nützlichem“ und „unwertem“ Leben unterschied. Auf die enge Verbindung zwischen dem Krankenmord und der Shoah (das Ersticken von Kranken in Gaskammern und Gaswagen in den Jahren 1940/41 war gleichsam der Probelauf für den fabrikmäßigen Massenmord an Jüdinnen und Juden in den Vernichtungslagern) hat etwa Ernst Klee bereits vor fast 40 Jahren hingewiesen.15 Aus dem Gesamtgefüge der Ideologie- und Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus kann der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden daher nicht herausgelöst werden. Genau das geschieht aber in der verabsolutierenden Lesart Billers wie auch insgesamt vielfach im politischen Geschichtsdiskurs, der durch eine partikulare Shoah-Erinnerung geprägt ist, die gegen jegliche Universalisierung ins Feld geführt wird.
Analytisch zu kurz greift ebenso auf der anderen Seite die These (zumindest wenn sie monokausal vorgebracht wird), die NS-Verbrechen und damit auch die Shoah ließen sich als Teilgeschichte genozidaler kolonialer Gewalt erzählen, es führe sozusagen ein direkter Weg vom ersten deutschen Genozid in „Deutsch-Südwestafrika“ nach Auschwitz. Zwar trug im Zweiten Weltkrieg die deutsche Besatzungsherrschaft im Osten deutliche koloniale Züge, etwa hinsichtlich der Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung durch Zwangsarbeit oder auch angesichts der nationalsozialistischen Siedlungspläne. Deutlich wird das etwa beim „Generalplan Ost“, der die Versklavung, Umsiedlung und das Verhungernlassen von Millionen Menschen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion und zugleich die „Germanisierung“ und Ansiedlung deutscher „Wehrbauern“ vorsah. Solche Pläne und die mörderische Praxis in den besetzten Gebieten waren zweifellos auch durch das „koloniale Archiv“ bedingt, also das von den Kolonialmächten über Jahrhunderte gespeicherte Wissen über die Ausbeutung und Unterdrückung der als „minderwertig“ angesehenen Bevölkerung in den Kolonien. Doch hatte nur eine kleine Zahl von NS-Funktionären und Germanisierungsplanern persönliche koloniale Erfahrungen.
Überdies erklärt das koloniale Archiv nicht die neuartige rassistische Radikalität der Shoah. Überhaupt wäre es falsch, den Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden monokausal auf den Tabubruch des Genozids an den Herero und Nama zurückzuführen.16 Andere Faktoren, etwa die radikalisierende Gewalterfahrung des Ersten Weltkrieges und die vergiftete politische Atmosphäre in der Weimarer Republik, insbesondere aber die spezifische Herkunft und Radikalität des deutschen Antisemitismus und die Vision der Nationalsozialist:innen von den deutschen „Herrenmenschen“ als den Beherrschern Europas, werden durch monokausale Erklärungsversuche ausgeblendet.17 Hinzu kommt, dass der Antisemitismus als Verschwörungserzählung ein eigenständiges Phänomen und nicht nur eine Spielart des Rassismus ist.
Für solch differenzierende Argumente ist in der durch den Krieg in Nahost aufgeladenen und vollkommen entgleisten geschichtspolitischen Debatte aber kein Platz. Wer sich gegen die Gleichsetzung der in Buchenwald begangenen Verbrechen mit dem angeblichen oder tatsächlichen Genozid im Gaza-Streifen wehrt, wird als Genozidleugner verunglimpft, und wenn man den Philosophen Omri Boehm als Verfechter universeller Menschenrechte (die auch für Palästinenser:innen gelten müssen) als Redner zu einer Gedenkveranstaltung in Buchenwald einlädt, wird einem unterstellt, dem israelbezogenen Antisemitismus Vorschub zu leisten und die Erinnerung an den Judenmord aus Deutschland verbannen zu wollen.
Dass angesichts des Leidens der von der Hamas festgehaltenen israelischen Geiseln und ihrer Angehörigen, aber auch mit Blick auf die unschuldigen Opfer der israelischen Kriegsführung im Gaza-Streifen bei vielen Betroffenen die Nerven blank liegen, ist verständlich. Das ist aber keine Berechtigung, geschichtspolitisch wild um sich zu schlagen und die Shoah und ihre Opfer für aktuelle politische Zwecke zu missbrauchen. Dass sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird, ist aber wohl eine vergebliche Hoffnung. Im Gegenteil: Je weniger Überlebende des NS-Terrors es gibt, die sich gegen ihre Vereinnahmung und gegen Verfälschungen der Geschichte wehren können, desto leichter haben es autoritäre Regime und Ideologien sowie ihre Propagandist:innen, die Geschichte zu missbrauchen und zu verdrehen.
In Deutschland machen das Hardliner sowohl auf pro palästinensischer als auch auf pro-israelischer Seite, noch mehr aber – und das geriet in der Debatte um die verschobene Boehm-Rede in Buchenwald vollkom men aus dem Blick – extreme Rechte und Geschichts revisionist:innen um Höcke, Kubitschek, Elsässer und Co. Sie sind, neben den Islamist:innen, für die Jüdinnen und Juden in Deutschland die eigentliche Gefahr, auch wenn sich manche AfD-Politiker:innen wegen der ideologischen Nähezu Netanjahu und seinen rechtsextremen Regie rungspartner:innen als angebliche Freunde Israels insze nieren. Es sind falsche Freunde.
Prof. Dr. Jens-Christian Wagner Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
1 So Prosor auch gegenüber der Süddeutschen Zeitung, vgl. Streit über Ausladung von Omri Boehm geht weiter, in: Süddeutsche Zeitung, 4. 4. 2025, https://www.sueddeutsche.de/politik/omri-boehm-bundesregierung-kz-gedenkstaetten-weimar-jens-christian-wagner-li.3231483. Alle Weblinks in diesem Beitrag wurden zuletzt am 15.12.2025 abgerufen.
2 Vgl. Ulrike Knöfel, Omri Boehm darf bei Buchenwald-Gedenkfeier nicht sprechen, in: Der Spiegel, 2. 4. 2025, https://www.spiegel.de/kultur/philosoph-omri-boehm-darf-bei-buchenwald-gedenkfeier-nicht-sprechen-a-b764ce35cfee-488c-a7b2-e478d23c3f21.
3 X-Post der israelischen Botschaft in Berlin, 4. April 2025, https://x.com/IsraelinGermany/status/1908125958692893000. Illustriert war der Post mit einem Foto von Naftali Fürst.
4 Das ist die Rede, die Omri Boehm nicht halten durfte, in: Süddeutsche Zeitung, 6. 4. 2025, https://www.sueddeutsche.de/kultur/omri-boehm-kz-buchenwald-gedenken-rede-li.3231805, abgerufen am 28. 5. 2025. In der Printausgabe erschien die Rede am 7. 4. 2025.
5 Michael Wolffsohn, War es richtig, Omri Boehm einzuladen, die Gedenkrede im KZ Buchenwald zu halten? Nein! Es war eine Provokation gegenüber den jüdischen Trauernden, in: NZZ, 7. 4. 2025, https://www.nzz.ch/feuilleton/war-es-richtig-omri-boehm-einzuladen-die-gedenkrede-im-kz-buchenwald-zu-halten-nein-es-war-eine-provokation-gegenueber-den-juedischen-trauernden-ld.1879061.
6 Alan Posener, Auf der Gedenkfeier in Buchenwald hat der Zionismuskritiker als Redner nichts verloren, in: Die Welt, 8. 4. 2025, https://www.welt.de/debatte/article255871378/Omri-Boehm-Auf-der-Gedenkfeier-in-Buchenwald-hat-der-Zionismuskritiker-als-Redner-nichts-verloren.html.
7 Michael Rothberg, Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung, Berlin 2021. Seine Thesen ablehnend: Steffen Klävers, Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung, Berlin 2019, S. 133–177.
8 Vgl. Michael Rothberg/Jürgen Zimmerer, „Enttabuisiert den Vergleich!“, in: Die Zeit, Nr. 14/2021, 31. 3. 2021, aktualisiert am 4. 4. 2025, https://www.zeit.de/2021/14/erinnerungskultur-gedenken-pluralisieren-holocaust-vergleich-globalisierung-geschichte.
9 A. Dirk Moses, Der Katechismus der Deutschen, in: Geschichte der Gegenwart, 23. 5. 2021, https://geschichtedergegenwart.ch/der-katechismus-der-deutschen/.
10 Vgl. auch im Folgenden Jens-Christian Wagner, Historikerstreit 2.0? Zur Debatte um das Wechselverhältnis zwischen Shoah- und Kolonialismus-Erinnerung, in: Reflexionen. Jahresmagazin der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora (2022), S. 80–85, https://www.stiftung-gedenkstaetten.de/reflexionen/reflexionen-2022/historikerstreit-20-.
11 Vgl. etwa Dan Diner, Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt a. M. 1988. Vgl. auch ders., „Zivilisationsbruch“ – oder der Verfall ontologischer Gewissheit, in: Ulrich Bielefeld/Heinz Bude/Bernd Greiner (Hrsg.), Gesellschaft – Gewalt – Vertrauen: Jan Philipp Reemtsma zum 60. Geburtstag, Hamburg 2012, S. 458–470.
12 Michael Wolffsohn, War es richtig, Omri Boehm einzuladen, die Gedenkrede im KZ Buchenwald zu halten? Nein! Es war eine Provokation gegenüber den jüdischen Trauernden, in: NZZ, 7. 4. 2025, https://www.nzz.ch/feuilleton/war-es-richtig-omri-boehm-einzuladen-die-gedenkrede-im-kz-buchenwald-zu-halten-nein-es-war-eine-provokation-gegenueber-den-juedischen-trauernden-ld.1879061.
13 Der Anteil jüdischer Häftlinge schwankte während der Bestehenszeit des KZ Buchenwald stark. Nach den Novemberpogromen 1938 stellten sie 80 Prozent der Insassen. Diese Zahl nahm durch Entlassungen aber schnell wieder ab. 1943, als in den Vernichtungslagern im Osten der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden auf Hochtouren lief, waren in Buchenwald kaum noch jüdische Häftlinge inhaftiert. Erst im Mai 1944 wurden aus Auschwitz wieder Juden zur Zwangsarbeit nach Buchenwald überstellt. Ende 1944 stellten sie knapp ein Viertel aller Insassen. Nach der Räumung des KZ Auschwitz stieg ihr Anteil Anfang 1945 weiter an und erreichte im Februar 1945 um die 30 Prozent. Vgl. Michael Löffelsender, Das KZ Buchenwald 1937 bis 1945, Göttingen 2025.
14 Zelda Biller, Was „Nie wieder!“ meint, in: Süddeutsche Zeitung, 24. 4. 2025, https://www.sueddeutsche.de/kultur/gastbeitrag-zelda-biller-ns-gedenken-li.3241549.
15 Vgl. Ernst Klee, „Euthanasie“ im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens, Frankfurt a. M. 1983. Vgl. auch Henry Friedlander, The Origins of Nazi Genocide: From Euthanasia to the Final Solution, Capel Hill/London 1995 sowie Sara Berger, Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka, Hamburg 2013, sowie den Sammelband „Euthanasie“ und Holocaust. Kontinuitäten, Kausalitäten, Parallelitäten, hrsg. von Jörg Osterloh und Jan Erik Schulte, Paderborn 2021.
16 Vgl. hierzu kritisch: Birthe Kundrus, Von den Herero zum Holocaust? Einige Bemerkungen zur aktuellen Debatte, in: Mittelweg 36 14 (2005) 4, S. 82–92.
17 Vgl. Sybille Steinbacher, Sonderweg, Kolonialismus, Genozide: Der Holocaust im Spannungsfeld von Kontinuitäten und Diskontinuitäten der deutschen Geschichte, in: Frank Bajohr/Andrea Löw (Hrsg.), Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung, Frankfurt a. M. 2015, S. 83–101, hier S. 87 f. Vgl. auch – als Antwort auf die These von A. Dirk Moses vom Paradigma „permanenter Sicherheit“ als dem gemeinsamen Tatmotiv massenmörderischer Systeme (A. Dirk Moses, The Problems of Genocide: Permanent Security and the Language of Transgression, Cambridge 2021) – Michael Wildt, Permanente Paranoia, in: Journal of Modern European History 19 (2021) 4, S. 400–404.