Stiftung

Welche Erfahrungen machten minderjährige KZ-Häftlinge?

Neues pädagogisches Material zur Online-Ausstellung Jugend im KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora

Studierende der Friedrich-Schiller-Universität Jena entwickelten 2021 unter der Leitung von Jens-Christian Wagner und Daniel Schuch und in Zusammenarbeit mit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora eine Online-Ausstellung. Sie setzt sich mit Kindern und Jugendlichen als Häftlingen in den Konzentrationslagern Buchenwald und Mittelbau-Dora auseinander. Für die Arbeit mit der Ausstellung gibt es nun eine pädagogische Handreichung.

Einige Hundert Kinder sowie weit über Zehntausend Jugendliche unter 21 Jahren wurden bis 1945 in die Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora verschleppt, Tausende starben. Die Online-Ausstellung1 stellt ihre Deportationswege und Haftgründe vor und fragt nach Existenzbedingungen und Erfahrungen der minderjährigen Häftlinge.2 Welches Potenzial bietet die Ausstellung als Medium für Schüler:innen? Und wie kann die Online-Ausstellung als Vor- oder Nachbereitung eines Gedenkstättenbesuchs genutzt werden? Diese Fragen stellte ich mir als Mitwirkende an der Ausstellung und entwickelte ein Material, welches Lehrer:innen im Unterricht einsetzen können. Es ist für Schüler:innen ab Klassenstufe 9 (alle Schulformen) geeignet.3

Die Online-Ausstellung bietet die Möglichkeit, sich ortsunabhängig der Geschichte der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora am Beispiel von einer spezifischen Altersgruppe anzunähern. Darüber hinaus können sich Schüler:innen einen stärkeren Bezug zum übergeordneten Thema Konzentrationslager und Jugend im Nationalsozialismus erarbeiten, indem sie sich mit Schicksalen junger Menschen ganz verschiedener Lebensrealitäten in ihrem eigenen oder jüngeren Alter auseinandersetzen. Durch diese Beschäftigung wird einerseits die Verfolgung aller Altersgruppen und andererseits das rassistische Menschenbild der Nationalsozialist:innen anhand individueller Biografien deutlich. Diese individuellen Lebensgeschichten und Erfahrungen stehen in der Online-Ausstellung als auch in dem erarbeiteten Material im Mittelpunkt, womit ein multiperspektivischer Blick (im weiteren Sinne) auf die Lagergeschichten geworfen wird: Den Schüler:innen wird damit bewusst, dass es keine allgemeingültige Verfolgungsgeschichte gibt, sondern die minderjährigen Häftlinge trotz ihres ähnlichen Alters aus ganz verschiedenen Gründen verfolgt wurden und ihr Lageralltag durch unterschiedliche Erfahrungen und Wahrnehmungen geprägt war.

In diesem Zusammenhang ist ein weiteres Ziel, die historische Methodenkompetenz zu fördern. Hierbei spielt die Multiperspektivität (im engeren Sinne) eine wichtige Rolle, da die Schüler:innen in der Online-Ausstellung mit unterschiedlichen historischen Quellen und damit Perspektiven in Berührung kommen: Dazu zählen etwa Dokumente aus den Konzentrationslagern (sog. Täterquellen) sowie Berichte von Überlebenden. Erstere geben das rassistische Menschenbild und die Ideologie der Täter:innen wieder, letztere dagegen individuelle Erfahrungen der Opfer. Die Quellen müssen daher auf ihre Standortgebundenheit untersucht werden, um sie kritisch einordnen zu können. Diese kritische Beschäftigung kann die Teilkompetenz der Re-Konstruktion fördern, da die Schüler:innen mit Hilfe der Darstellungen in der Ausstellung eine eigene Narration entwickeln, die sie am Ende in einer eigenen Darstellung präsentieren sollen.4

Deckblatt des Materials mit Fotografie eines befreiten Kindes in Häftlingsanzug
Deckblatt des pädagogischen Materials. Der Fotoausschnitt zeigt ein befreites Kind in der Boelke-Kaserne in Nordhausen, Mitte April 1945.

Zwar können die Schüler:innen die Quellen nicht anfassen, aber mittels einer Lupenfunktion im Detail analysieren und sich damit intensiv beschäftigen – ein Potenzial im Vergleich zu analogen Ausstellungen, in denen die Quellen oft hinter dickem Glas verschlossen und damit meist kaum lesbar sind. Des Weiteren ist ein Ziel des Materials die Schüler:innen für die Nutzung von Online-Ausstellungen und sicheren Internetquellen zu sensibilisieren und damit ihre Medienkompetenz zu stärken. Hierbei steht die Bewertung der Online-Ausstellung als Medium im Vordergrund. Außerdem kann auf diese und andere Online-Ausstellungen als Wissensquelle hingewiesen werden. Es bietet sich ebenfalls an mit der Online-Ausstellung die Gegenwärtigkeit von Geschichte in der Öffentlichkeit zu thematisieren. Als ein Teil der Geschichtskultur prägt die Ausstellung das Geschichtsbewusstsein der Schüler:innen und sollte daher (kritisch) reflektiert werden: Wie wird Geschichte dargestellt und erzählt? – Eine mögliche Frage, die hierbei an die Ausstellung gestellt werden kann.

Das Material besteht aus drei aufeinander aufbauenden Modulen und eignet sich für mindestens ein bis zwei Einzelstunden (45 min.) oder eine Doppelstunde (90 min.). Die Module ergeben eine Einheit und können zusammenhängend aber auch aufgeteilt vor und nach dem Gedenkstättenbesuch erarbeitet werden. Sie setzen sich aus mehreren Aufgaben zusammen. Diese sowie die Vorgehensweise dienen als Anregung und können (bzw. sollen) an die individuellen Lernbedürfnisse der Schüler:innen angepasst werden.

Zunächst beschäftigen sich die Schüler:innen im Modul 1 mit den sozialgeschichtlichen Hintergründen von Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus. Mithilfe der ersten Kapitel der Online-Ausstellung arbeiten sie verschiedene Gründe heraus, warum bestimmte Gruppen von Kindern und Jugendlichen im NS ausgegrenzt, verfolgt und in KZs deportiert wurden, werfen aber auch einen Blick auf die Beeinflussung der Minderjährigen durch Propagandamittel und Organisationen im Nationalsozialsozialismus. Anschließend setzen sich die Schüler:innen im Modul 2 mit einer der 19 Biografien der Online-Ausstellung auseinander und sollen die für sie wichtigsten Informationen in einer selbstgewählten Darstellung präsentieren. Hier werden den Schüler:innen Leitfragen mitgegeben, an denen sie sich während der Erarbeitung orientieren können. Diese nehmen die Zeit vor, während und – wenn die Person überlebt hat5 – nach dem Lager in den Blick. In diesem Modul werden die in Modul 1 erarbeiteten Grundlagen aufgegriffen und an einer Biografie vertieft und erweitert. Im Modul 3 steht nun die Online-Ausstellung als Medium im Zentrum. Hier sollen die Schüler:innen Vor- und Nachteile von digitalen Ausstellungen im Allgemeinen erörtern und überlegen, wie andere Jugendliche dieses Medium benutzen können.

Webseiten-Ansicht auf dem Smartphone

Neben der Darstellung der drei Module mit möglichen Aufgabenstellungen beinhaltet das Material auch eine Vorstellung der Online-Ausstellung und den zentralen Inhalten der acht Hauptkapitel. Ebenso werden den Lehrer:innen didaktische Hinweise gegeben und eine mögliche Vorgehensweise erläutert. Um den Lehrer:innen die biografische Arbeit zu erleichtern, ist darüber hinaus eine Übersicht über die Biografien der Ausstellung mit den wichtigsten Informationen und thematischen Schwerpunkten enthalten. Zum Schluss findet sich ein exemplarisch-tabellarischer Stundenverlauf.

Mit einer Schulklasse aus Thüringen und Lehramts-Studierenden aus Frankfurt a. M. konnte ich die Arbeit mit der Online-Ausstellung bereits testen und Feedback erhalten. Von beiden Gruppen wurde die Ausstellung sehr gut angenommen: Sie lobten vor allem die gute Übersichtlichkeit, die einfache Menüführung und verständliche Sprache sowie die Vielzahl an Quellen und deren unterschiedliche Perspektiven. Hierbei erwies sich die Lupenfunktion als sehr hilfreich, die auch bei der Ansicht auf dem Smartphone funktioniert. Bewegt waren die Jugendlichen von den unterschiedlichen Lebensgeschichten und den Erfahrungen, aber auch von dem teilweise sehr jungen Alter der vorgestellten Personen. Es zeigt sich, dass die Auseinandersetzung mit Kindern und Jugendlichen als KZ-Häftlinge neue Perspektiven auf die Geschichte der KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora eröffnet.

Franziska Mendler ist Studentin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und hat die Online-Ausstellung 2021 als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit mit erarbeitet. Sie arbeitet seit 2017 als freie Mitarbeiterin an der Gedenkstätte Buchenwald.

 

[1] Über die Erarbeitung und den Inhalt der Online-Ausstellung siehe Jens-Christian Wagner (2022): Jugend im Konzentrationslager. Neue Online-Ausstellung zu minderjährigen Häftlingen in den Konzentrationslagern Buchenwald und Mittelbau-Dora, in: Reflexionen 2022. Jahresmagazin der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora 2, 2022, S. 10-11.

[2] Zur Online-Ausstellung: https://www.jugend-im-kz.de/

[3] Für die Mitwirkung an dem pädagogischen Material und den produktiven Austausch danke ich Lisa Rethmeier (Bildungsreferentin an der Gedenkstätte Buchenwald) und für die Gestaltung Katharina Brand (Koordinatorin Bildungsarbeit in der Gedenkstätte Buchenwald) sowie Daniel Schuch und Patrick Metzler für ihr Feedback.

[4] Zur historischen Methodenkompetenz siehe ausführlicher Schreiber, Waltraud (2007): Kompetenzbereich historische Methodenkompetenz, in: Andreas Körber/Waltraud Schreiber/Alexander Schöner (Hrsg.): Kompetenzen historischen Denkens. Ein Strukturmodell als Beitrag zur Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik, Neuried, S. 194-235.

[5] Ein großer Teil der minderjährigen Häftlinge hat die Lager nicht überlebt, wodurch die Quellenlage oft sehr schlecht ist: oftmals ist nur der Name bekannt und es gibt keine weiteren Informationen über eine Person. Ihnen ist ein eigenes Kapitel in der Ausstellung gewidmet.

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