Buchenwald Memorial Mittelbau-Dora Memorial Museum Zwangsarbeit im NS

Trauer um Albrecht Weinberg

Überlebender der KZ Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen

Wir trauern um den Überlebenden der Konzentrationslager Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen Albrecht Weinberg (1925 – 2026).

13.05.2026

Albrecht Weinberg sitzt auf einem Stuhl und stützt sicht auf einen Gestock.
Albrecht Weinberg, 2023. ©Kleine Freiheit, Nordhausen

Albrecht Weinberg wurde am 7. März 1925 im ostfriesischen Rhauderfehn in eine jüdische Familie geboren. Als Kind erlebte er die schrittweise Ausgrenzung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Als er und seine Geschwister in Rhauderfehn nicht mehr die Schule besuchen durften, zog die Familie nach Leer. Albrecht ging dort fortan auf die jüdische Schule. Bald nach den Novemberpogromen 1938 musste die Familie ihre ostfriesische Heimat endgültig verlassen. 1943 sahen sich Albrecht, seine Eltern Alfred und Flora sowie sein Bruder Dieter und seine Schwester Friedel in Berlin noch ein letztes Mal wieder. Bald darauf wurde die Familie Weinberg ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Alfred und Flora Weinberg wurden dort ermordet. Albrecht musste wie auch sein Bruder Dieter Zwangsarbeit im KZ Auschwitz-III-Monowitz leisten, wo eine Fabrik für den IG-Farben-Konzern entstehen sollte.

Albrecht überlebte Auschwitz auch dank der Hilfe seines Bruders. Als das Lager im Winter 1944/45 aufgelöst wurde, trieb die SS ihn auf einem Räumungstransport ins KZ Mittelbau, wo er im Februar 1945 eintraf. In der unterirdischen Rüstungsfabrik im Kohnstein musste er völlig ungeschützt ohne Handschuhe Glaswolle zur Isolierung der „V2“-Raketen bearbeiten. Über das KZ Mittelbau-Dora sagte Albrecht später: „Die letzten Monate in Dora waren schlimmer [als] zwei Jahre Auschwitz.“

Als auch das KZ Mittelbau vor den herannahenden Alliierten geräumt wurde, gelangte Albrecht ins KZ Bergen-Belsen. Als er dort ankam, bestand er nur noch aus Haut und Knochen. Am 15. April 1945 wurde Albrecht in Bergen-Belsen befreit. Bald darauf traf Albrecht seine Geschwister wieder. Nachdem ihr Bruder Dieter bei einem Unfall ums Leben gekommen war, hielt Albrecht und seine Schwester Friedel nichts mehr im „Land der Täter“. Sie entschlossen sich zur Auswanderung in die USA und wollten nie wieder einen Fuß nach Deutschland setzen.

In New York eröffnete Albrecht in den 1950er-Jahren ein Fleischereifachgeschäft. Über die Vergangenheit sprach er nicht – auch nicht mit seinem Geschäftspartner, der wie er die Shoah überlebt hatte. In den 1980er-Jahren besuchte er erstmals wieder die Stadt Leer. Als 2011 seine Schwester Friedel schwer erkrankte, kehrten Albrecht und Friedel endgültig nach Leer zurück, wo seine Schwester im Mai 2012 verstarb. Im Altersheim brachte ihn seine Pflegerin Gerda Dänekas dazu, über seine Geschichte und die seiner Familie zu sprechen. Gemeinsam besuchten sie die Gedenkstätten Bergen-Belsen, Auschwitz und Mittelbau-Dora. Seitdem trat Albrecht unzählige Male als Zeitzeuge in Schulen und Gedenkstätten auf – bis zuletzt auch in der Gedenkstätte in seiner ehemaligen Schule in Leer sowie im Gymnasium in Rhauderfehn, das seit 2020 seinen Namen trägt.

Albrecht hatte eine sehr besondere, geradezu entwaffnende Art. Mit seinem feinen Sinn für Humor, seiner Ehrlichkeit und Bodenständigkeit nahm er sein Gegenüber direkt für sich ein. Wer ihm einmal begegnet ist, der suchte unweigerlich immer wieder seine Nähe und die Herzenswärme, die er ausstrahlte. Viele aktuelle und ehemalige Mitarbeitende sowie Weggefährten der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora verband mit Albrecht eine besondere persönliche Beziehung. In Nordhausen und darüber hinaus hat er in den vergangenen Jahren viele Freundschaften geschlossen. Auch deshalb wurde ihm im vergangenen Jahr die Ehrenbürgerschaft der Stadt Nordhausen verliehen.

In seiner Heimatstad Leer und auch in Nordhausen war Albrecht ein „Star“ und er genoss diese Popularität sichtlich. Er war aber auch im besten Sinne unbequem. Im „Versöhnungstheater“ vieler Deutscher wollte er nicht mitspielen. Er engagierte sich unermüdlich gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus und warnte vor dem Erstarken der AfD. Mit wachem Geist verfolgte er das politische Geschehen – auch mithilfe eines Radios, das er nachts stundenlang hörte. Als im vergangenen Jahr CDU/CSU, FDP, BSW und AfD im Bundestag gemeinsam einem Entschließungsantrag zur Migrationspolitik zustimmten, gab er aus Protest sein Bundesverdienstkreuz zurück, das er 2017 erhalten hatte.

Seine ehemalige Pflegerin Gerda war für ihn inzwischen zu einer Seelenpartnerin geworden. Seit einigen Jahren lebten die beiden sogar gemeinsam in einer WG in Leer. Bis zuletzt war Gerda an seiner Seite und begleitete ihn auf seinen Reisen. Im April wollten die beiden noch einmal zum Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora nach Nordhausen reisen. Sein Gesundheitszustand ließ dies nicht mehr zu. Am gestrigen 12. Mai 2026 ist Albrecht Weinberg nun im Alter von 101 Jahren in Leer verstorben. Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei Gerda Dänekas, ihrer Familie und all den Menschen, die das Privileg hatten, Albrecht Weinberg gekannt zu haben.


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