Das FORUM „In Gesellschaft.“ widmet sich 2026 in zwei Ausgaben den Möglichkeiten von Widerstand im Kontext der NS-Zwangsarbeit und des Zweiten Weltkriegs.
„Widerstand“ – kaum ein Begriff ist erinnerungspolitisch wie inhaltlich so vieldeutig und umstritten. Taugt er doch zur Meistererzählung genauso wie zur persönlichen Legendenbildung. Über Widerstand zu sprechen kann opportun sein, manchmal unbequem, zuweilen unpassend, oft missverständlich. Zugleich eröffnet die Auseinandersetzung mit Widerstand wichtige Fragen: Wer leistete unter den Bedingungen nationalsozialistischer Gewalt Widerstand – und in welcher Form? Welche Geschichten sind heute bekannt, welche bleiben unsichtbar? Und wer erinnert sich eigentlich an wen?
In unserem FORUM am 25. Juni 2026 geht es um unterschiedliche Beispiele und Biografien des Widerstands, die uns verhelfen, den Blick zu weiten: wir schauen auf Europa unter deutscher Besatzung, auf Widerstandshandlungen von Zwangsarbeitenden im Deutschen Reich, auf Widerstand im kollektiven Gedächtnis.
Unsere Gäst:innen am 25. Juni 2026:
Matthias Brandt wurde 1961 in Berlin als jüngster Sohn von Rut und Willy Brandt geboren und ist einer der bekanntesten deutschen Theater- und Filmschauspieler, Hörbuchsprecher sowie Autor. Für seine Arbeit ist er vielfach ausgezeichnet worden, u.a. mit mehreren Grimme-Preisen, der Carl-Zuckmayer-Medaille und dem Deutschen Sprachpreis (2025).
Zum 20. Juli 2025, dem Tag, an dem sich das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler durch die Widerstandsgruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg zum 81. Mal jährte, hielt Matthias Brandt eine beeindruckende Rede in der Gedenkstätte Plötzensee. Seine jüngste Publikation (Erscheinungsdatum: 12.03.2026) trägt den Titel „Nein sagen. Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute“ – den Ausschlag, sich mit diesem Buch politisch zu äußern, gaben für Matthias Brandt die bedrohliche Wiederkehr des Rechtsextremismus und die Wahlerfolge der AfD.
Daria Yemtsova ist 2021 mit 23 Jahren aus Kyiv für ein ASF-Freiwilligenjahr nach Brandenburg an der Havel gekommen. Heute arbeitet die Historikerin für die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) als Projektkoordinatorin des Förderprogramms „YeMistechko – Dritte Orte in der Ukraine“.
Für die Wanderausstellung der Gedenkstätte Zuchthaus Brandenburg-Görden „Žadkěvič und andere / Arbeit, Zwang und Widerstand“ beschäftigt sie sich u.a. mit der Geschichte der jungen ukrainischen Medizinerin Galina Romanowa, die 1942 mit 23 Jahren nach Deutschland deportiert wurde und als Ärztin in Zwangsarbeitslagern arbeitete. Am 6. Oktober 1943 wurde Romanowa wegen ihrer Tätigkeit für die Widerstandgruppe „Europäische Union“ festgenommen, am 27. April 1944 zum Tode verurteilt und am 3. November 1944 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Tatjana Tönsmeyer ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal. Zuletzt hat sie mit der Publikation „Unter deutscher Besatzung. Europa 1939-1945“ (auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich) die erste Geschichte des deutsch besetzten Europas vorgelegt, die die Perspektive der Besetzten und nicht der Besatzer:innen einnimmt.
Die Historikerin geht den erniedrigenden Erfahrungen von Menschen in europäischen Ländern unter deutscher Herrschaft nach und interessiert sich vor allem für ihre Überlebensstrategien und kleine, in den Alltag eingebettete Widerstandsformen. Auf dem Höhepunkt der deutschen Machtentfaltung im Zweiten Weltkrieg lebten von Norwegen bis Griechenland und von Frankreich bis in die Sowjetunion 230 Millionen Menschen unter deutscher Herrschaft. Sie alle mussten sich mit den Besatzer:innen arrangieren und machten Erfahrungen, die bis heute nachwirken. In ihrem Alltagsleben, am Arbeitsplatz, im Umgang mit Behörden und der Wehrmacht. Und jeder Kontakt mit den Besatzer:innen konnte in Gewalt umschlagen.
Das Gespräch moderiert Nora Hespers. Sie ist (Sport-)Journalistin, Podcasterin und Autorin. Sie arbeitet unter anderem für WDR, ARD und Deutschlandfunk Nova. Mit ihrem Blog und der Podcastserie „Die Anachronistin“ erzählt sie seit 2014 die Geschichte ihres Großvaters, dem katholischen NS-Widerstandskämpfer Theo Hespers. 2021 veröffentlichte sie das Buch „Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich“.
Die Veranstaltung wird gefilmt und steht zukünftig innerhalb der Videoreihe „In Gesellschaft.“ in unserer Mediathek zur Verfügung.
EINTRITT FREI
Das nächste FORUM „In Gesellschaft.“ findet am 27. August 2026 und in Kooperation mit dem Kunstfest Weimar statt. Dann fokussieren wir uns auf Orte der NS-Verfolgung und Zwangsarbeit, die nicht nur die Möglichkeiten von Widerstand neu zur Diskussion stellen, sondern auch nach neuen gegenwärtigen Erzählweisen suchen. Welche Mittel braucht es, um Spuren sichtbar zu machen und historische Reflexion zu fördern? Welche Deutungen bieten uns Kunst, Theater und Gedenkstätten an? Mehr dazu in Kürze hier.