Während des Zweiten Weltkriegs befanden sich 1,3 Millionen französische Kriegsgefangene auf dem Gebiet des Deutschen Reiches. Gwendoline Cicottini erforscht die wenig bekannte Geschichte der „verbotenen Beziehungen“ zwischen diesen Kriegsgefangenen und deutschen Frauen.
Bereits 1939 wurden solche Kontakte durch die Verordnung zum „Verbotenen Umgang mit Kriegsgefangenen“ aus Gründen der militärischen Sicherheit und im Namen der NS-Rassenideologie verboten. Anhand umfangreicher Gerichtsakten und zahlreicher Interviews untersucht Gwendoline Cicottini diese Beziehungen. Dabei widmet sie sich sowohl den unterschiedlichen Umständen, unter denen Beziehungen zustande kamen, als auch den aus diesen Verbindungen entstandenen „Kriegskindern“. Deutlich wird, wie sehr sich die nationalsozialistischen Vorschriften von der gelebten Praxis unterschieden, und dass es dem NS-Regime nicht umfassend gelang, die Bevölkerung zu kontrollieren.
Gwendoline Cicottini betrachtet den Krieg aus einer neuen Perspektive, indem sie die Geschichte der Intimität, der Gefühle und der Sexualität zwischen deutschen Frauen und französischen Kriegsgefangenen in den Mittelpunkt stellt.
Diese Forschungsergebnisse sind demnächst auch für ein deutschsprachiges Publikum zugänglich: voraussichtlich Ende 2026 erscheint „Verbotene Kontakte. Deutsche Frauen und französische Kriegsgefangene (1940-1945)“ im Wallstein Verlag. Das französische Original ist seit 2024 unter dem Titel „Relations interdites. Prisonniers de guerre français et femmes allemandes pendant la Seconde Guerre mondiale“ veröffentlicht.
Im Gespräch mit Michael Löffelsender, Kustos für die Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald an der Gedenkstätte Buchenwald, bietet Gwendoline Cicottini dem interessierten Publikum Einblicke in ihre Forschungsarbeit und gibt einen Ausblick auf die erwartete Publikation.
Gwendoline Cicottini, geb. 1992, promovierte 2020 im Rahmen einer binationalen Promotion an den Universitäten Tübingen und Aix-Marseille über die Beziehungen zwischen französischen Kriegsgefangenen und deutschen Frauen während des Zweiten Weltkriegs. 2021 erhielt sie den Dissertationspreis „Michael Werner” 2021 des CIERA (Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne). Von 2021 bis 2023 war sie wissenschaftliche Volontärin der Gedenkstätte Buchenwald, 2024 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Lager Sandbostel und Kuratorin der Wanderausstellung »trotzdem da!«. Seit 2025 ist sie als wissenschaftliche Dokumentarin im Projekt „Digitalisierung von Archiv-, Bibliotheks- und Sammlungsbeständen der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora“ tätig.